Biographisches Lernen im Religionsunterricht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Zur Bedeutung von Biographien..

2.Biographisches Lernen allgemein
2.1 Abriss der Geschichte biographischen Lernens...
2.2 Biographisches Lernen – an welcher Biographie?..
2.2.1 Autobiographisches Lernen als transitorisches Lernen...
2.2.2 Lernen an fremden Biographien – Vorbild- und Modelllernen...

3.Biographisches Lernen im Religionsunterricht...
3.1 Die Umsetzung biographischen Lernens im Religionsunterricht
3.2 Biographisch akzentuierte Zugänge zur Kirchengeschichte...
3.3 Biographisches Lernen an Vorbildern.

4.Chancen und Grenzen biographischen Lernens...

5.Literaturverzeichnis.

1 Zur Bedeutung von Biographien

Was bedeutet „Biographie“? Das Wort Biographie setzt sich zusammen aus den griechischen Wör­tern bios (dt. Leben) und graphein (dt. malen, schreiben, zeichnen). Es meint daher alles, was über das Leben eines Menschen Auskunft gibt. Dabei variiert diese Auskunft sowohl in der Ausführung – eine Biographie kann beispielsweise schriftlich, fotographisch, künstlerisch oder audiovisuell dargeboten werden – als auch im Umfang.[1] Während man mit dem Adjektiv „biographisch“ alles bezeichnet, was vom Leben eines Individuums doku­mentarisch belegt werden kann, bezeichnet das Substantiv „Biographie“ eine „künstlerisch-literarische und wissen­schaftliche Darstellung eines individuellen Lebensverlaufs.“[2] Eine besondere Form der Biographie stellt die Hagiographie dar, die sich dem Leben eines Heiligen widmet[3] und somit eine „genuin christliche Literaturgattung“ darstellt.[4] Die wissen­­schaft­liche Beschäftigung mit Biographien wird wiederum als „Biographik“ bezeichnet. Die Auseinandersetzung mit individuellen Lebensverläufen kann dabei von literatur-, geschichts- oder human­wissen­schaftlicher Natur sein.[5]

Biographien sind heutzutage aus der Literatur nicht wegzudenken. Es gibt „kaum eine Best­sellerliste, auf der sich keine Biographie findet.“[6] So zeigt ein Blick auf die Bestsellerliste 51/2008, die www.buchreport.de im Auftrag des Spiegel erhob, dass sich in der Kategorie Taschenbuch elf, in der Kategorie Hardcover sogar achtzehn Biographien unter den fünfzig bestverkauften Büchern der letzten Wochen befinden.[7] Biographien stehen „hoch im Kurs“.[8] Gerade für Jugendliche können Biographien von großer Bedeutung sein, denn Jugendliche eifern Vorbildern und Idolen nach, mit deren Biographie sie sich sowohl bewusst als auch unbewusst auseinandersetzen. Dies war im 20. Jahr­hundert jedoch nicht immer so. Studien zeigen auf, dass die Zahl der Jugendlichen, die sich an einem Vorbild orientieren, seit 1955 stetig abnahm. Erst in den letzten 12 Jahren stieg diese Zahl wieder an.[9]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

aus: Mendl (2005), 13

Aus Biographien kann man lernen. Im Folgenden will sich diese Arbeit mit der Frage auseinander­setzen, wie sich biographisches Lernen entwickelte, was es heute bedeutet und wie es im Religions­unterricht umgesetzt werden kann. Dazu sollen zwei Konzepte vorgestellt werden: Der biographisch akzentuierte Zugang zu einem kirchengeschichtlichen Religionsunterricht von Konstantin Lindner und das Lernen an (außer-)gewöhnlichen Biographien von Hans Mendl.

2 Biographisches Lernen allgemein

2.1 Abriss der Geschichte biographischen Lernens

Michael Linke und Reinhard Zabel nennen biographisches Lernen im Zusammenhang mit dem Religionsunterricht zum ersten Mal 1982, ohne dies weiter zu konkretisieren. 1987 stellt Peter Biehl den biographischen Ansatz in den Kontext der Religionspädagogik.[10] Das biographische Lernen außerhalb der Religionspädagogik ist jedoch älterer Natur.

Biographisches Lernen anhand von Vorbildern oder Modellen ist eine Lernform, die man bereits in der Antike zu schätzen wusste. Hierbei ist die Unterscheidung beider Begriffe zu beachten: Ein Vorbild ist „eine Person, die wegen ihrer besonderen Eigenschaften oder moralischen Handlungen zum persönlichen Leitbild erwählt wird.“[11] Der Begriff Modell grenzt sich „von der unreflektierten Nachahmung großer Vorbilder ab“, denn „die kritische Auseinandersetzung mit Lebensentscheidungen des Modells [...] soll zum reflektierten eigenen Handeln befähigen.“[12] Im Christentum wird vor allem Jesus Christus zum nach­ahmenswerten Vorbild, dem Christen ein Leben lang nachstreben. Mit der Aufklärung wendet sich das biographische Lernen zum ersten Mal von großen Vorbildern ab und richtet die Aufmerksamkeit auf das Vorbild­potenzial des Lehrenden. In der weiteren Ent­wicklung des biographischen Lernens werden jedoch auch andere Vorbilder für die Erzie­hung Lernender genutzt.[13]

Nach dem Dritten Reich wird das „‚Lernen an Vorbildern‘ [...] mit einem blinden Nach­ahmungslernen gleich­gesetzt und als solches selbstverständlich desavouiert.“[14] Leitbilder werden im Rückblick auf das Dritte Reich äußerst negativ be­wer­tet, zumal Vorbilder als „peinliche Überbautypen“[15] angesehen werden. Die „kritische Leitbild­debatte aus den 60er und 70er Jahren“[16] führt schließlich dazu, dass sowohl Vorbild-Thematik als auch das daraus resultierende Lernen immer weniger berücksichtigt werden. Noch „in neueren religions­pädagogischen Standardwerken wird das Thema höchstens randständig behan­delt.“[17] Doch wie bereits anhand der oben gezeigten Grafik dargestellt, gibt es heute eine Renaissance der Vorbilder.[18] Das Vorbild- beziehungsweise das Modelllernen erfährt eine neue Bedeutung, die im weiteren Verlauf der Arbeit näher beleuchtet werden wird.

Darüber hinaus interessiert sich die Pädagogik seit den 1980er Jahren im Bereich der Erwachsenenbildung für das biographische Lernen. Hierbei steht „die persönliche Lebens­geschichte im Zentrum des Lern­geschehens."[19] Es entwickeln sich zwei große Haupt­richtungen: „biogra­phisches Lernen als die Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte [...] und als Reflexions­prozesse, die sich durch das Beziehen von Sachinhalten auf das eigene Leben ergeben.“[20]

Seit dieser Zeit wächst auch das Bewusstsein für den zunehmenden Indivi­dua­li­sie­rungsprozess: Vorgegebene biographische Muster gelten nicht mehr.[21] „Die klassische Drei­teilung des Lebens in eine Lernphase der Jugend, eine Arbeitsphase im mittleren Lebens­abschnitt und eine Ruhephase im Alter“[22] ist nahezu aufgehoben. So ist zum Beispiel die Scholarisierung der Arbeitsphase im Erwachsenenalter ein Phänomen der heutigen Zeit.[23] Auch nach der Ausbildungsphase sind Erwachsene mehr als früher gezwungen, sich ständig zur Sicherung ihres Arbeitsplatzes weiterzubilden. Die individuelle Biographie wird durch die Pluralisierung zu einem „offenen Curriculum“.[24] Die Aufgabe des Einzelnen ist es daher, das Leben selbst zu gestalten und dadurch eine eigene Biographie zu formen, sich stets mit der eige­nen Vergan­genheit auseinander zu setzen und daraus Konsequenzen für zukünftiges Handeln zu ziehen. Problematisch kann die Lebensgestaltung dort werden, wo die Bedürfnisse des Indivi­duums mit denen der Gesellschaft in Berührung geraten, denn die eigene Biographie befindet sich immer zwischen den Kraftfeldern des Indi­vi­duums und denen der Gesellschaft. „Zwischen beiden ist ein Ausgleich zu finden (und zwar nicht einmalig, sondern immer wieder), sodass die indivi­duel­len Interessen zu ihrem Recht kommen und zugleich das Sozialgefüge in seinem Bestand gewahrt bleibt.“[25] Biographisches Lernen bietet hier die Chance, im Rahmen der Beschäfti­gung mit Biographien „Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und umzusetzen.“[26]

2.2 Biographisches Lernen – an welcher Biographie?

Mit welcher Biographie soll sich nun der Lernende auseinandersetzen? Es besteht zum einen die Möglichkeit der autobiographischen Reflexion, zum anderen die Möglichkeit des Lernens an fremden Biographien.

2.2.1 Autobiographisches Lernen als transitorisches Lernen

Das Lernen an der eigenen Biographie hat seine Bedeutung vor allem in der Erwachsenen­bildung. Hermann Buschmeyer bezeichnet mit dieser Form des biographischen Lernens „die Ausei­nandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte als produktive Verarbeitung des eige­nen Lebens und ihre bewußte Aneignung.“[27] Die Lernenden sollen in einer rück­blicken­den Reflexion die eigene Vergangenheit deuten und daraus Chancen und Hand­lungs­räume für den weiteren Lebensweg entwickeln. „Ziel derartig konzipierten Lernens ist es letztlich, Iden­ti­tätsentwicklung und Subjektwerden des Individuums zu fördern, indem dieses bei der so genannten ‚Biographisierungs-‘Aufgabe unterstützt wird.“[28]

Eine besondere Form des autobiographischen Lernens ist das transitorische Lernen, das unter anderem von Hans-Georg Ziebertz dargestellt wird. Er greift den bereits oben beschriebenen Gedanken auf, dass sich das Subjekt und seine Biographie immer mit den beiden Kraft­strömen „Individuum“ und „Gesellschaft“ auseinanderzusetzen hat. „Transitorisch-biographi­sches Lernen konzentriert sich auf die Interpendenz zwischen Subjekt und Struktur als Spannung zwischen Kontinuität und Diskontinuität.“[29] Ziel dieses Lernens ist es daher, nicht nur das Subjekt selbst, sondern auch die Strukturen seiner Lebenswelt in den Mittelpunkt zu stellen. Dabei soll der Lernende erkennen, welche Grenzen zwischen Subjekt und Struktur bestehen. Um den Handlungsspielraum auszuweiten, müssen Möglichkeiten gesucht werden, diese Grenzen zu verschieben und sie schließlich völlig zu überwinden.[30] Auf diese Weise wird es dem Lernenden möglich, seine Umwelt und deren Strukturen nicht als Bedro­hung, sondern als Möglichkeit für zukünftiges Handeln wahrzunehmen. Das transitorisch-biographi­sche Lernen ist im Gegensatz zu einem traditionellen Lernverständnis nicht durch reinen Wissenserwerb geprägt: „Neues Wissen wird nicht nur in das bestehende Wissensgebäude eingebaut, sondern das Wissensgebäude selbst wird verändert – die Veränderung [...] eröffnet wiederum neue Blickwinkel.“[31]

[...]


[1] vgl. Lindner (2007), 41.

[2] ebd., 42 f.

[3] Nahmer (1994), 3.

[4] Prinz (2002), 49.

[5] vgl. Lindner (2007), 47-55.

[6] ebd., 29.

[7] http://www.buchreport.de/bestseller.htm

[8] Lindner (2007), 30.

[9] Mendl (2005), 13.

[10] vgl. Lindner & Stögbauer (2005), 137.

[11] Mendl (2005), 39.

[12] ebd.

[13] vgl. Lindner (2007), 87f.

[14] Mendl (2002), 268.

[15] Lenz, (1973), 45.

[16] Mendl (2002), 268.

[17] ebd.

[18] ebd.

[19] Lindner & Stögbauer (2005), 136.

[20] ebd., 136f.

[21] vgl. Lindner (2007), 95.

[22] Ziebertz (2005), 351.

[23] Hopmann & Künzli (1995), 40.

[24] Ziebertz (2005), 351.

[25] Ziebertz (2005), 352.

[26] ebd.

[27] Buschmeyer (1990), 18.

[28] Lindner (2007), 97.

[29] Ziebertz (2005), 353.

[30] vgl. Ziebertz (2005), 353.

[31] ebd., 354.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Biographisches Lernen im Religionsunterricht
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V181156
ISBN (eBook)
9783656039488
ISBN (Buch)
9783656041221
Dateigröße
970 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
biographisches, lernen, religionsunterricht
Arbeit zitieren
Lisa Brand (Autor), 2008, Biographisches Lernen im Religionsunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181156

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