Das Phänomen der Nahtoderfahrungen - Klassifizierung, neurologische Aspekte und Antworten der Verhaltenspsychologie


Facharbeit (Schule), 2011
25 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

1) Jenseitsvorstellungen in der modernen Gesellschaft

2) Phänomen Nahtoderfahrungen
a) Definition
b) Wichtige Anmerkungen..
c) Klassifizierung: Ablauf einer typischen Nahtoderfahrung

3) Auswirkungen einer Nahtoderfahrung auf die Persönlichkeit eines Menschen
a) Verarbeitung der Erfahrung
b) Veränderungen durch eine Nahtoderfahrung.

4) Erklärungsversuche der Neurologie
a) Forschungsgrundlagen
b) Abgrenzung zum wirklichen Tod
c) Bewusstsein
d) Auswahl an Erklärungsversuchen
e) Dimethyltryptamin

5) Ausblick auf zukünftige Forschungen und die möglichen Folgen verschiedener Erkenntnisse

6) Quellenverzeichnis
a) Literatur
b) Internetquellen

7) Anhang

1) Jenseitsvorstellungen in der modernen Gesellschaft

„Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling“1 - dieses Zitat des chinesischen Philosophen Laozi beschreibt ganz gut, wie viele Religionen über den Tod denken: Der menschliche Körper stirbt ab, während die Seele in eine jenseitige Existenz aufsteigt, die meist schöner als das irdische Leben dargestellt wird.

Aber was ist es, das die Menschen zu solchen Vorstellungen bewegt? Eine Studie aus dem Jahr 20072 zeigt, dass nur etwa 10% der Menschheit keiner Religion angehören. Allein dem Christentum und dem Islam, welche beide an das Leben nach dem Tod glauben, gehören etwa die Hälfte der Weltbevölkerung an. Es sind also nicht gerade wenige Menschen, die sich dem Jenseitsglauben anschließen. Die Gründe dafür sind wohl vielseitig: Viele Menschen haben schon einen liebgewonnenen Menschen durch den Tod verloren. Der Glaube gibt ihnen Kraft, das Ereignis zu überwinden. Sie sind sich sicher, dass es dem Verstorbenen gut geht und dass sie ihn eines Tages vielleicht wiedersehen.

Beweisen kann man das Leben nach dem Tod natürlich nicht. 1977 jedoch veröffentlichte der amerikanische Psychologe Raymond A. Moody sein Werk Leben nach dem Tod und löste damit den Startschuss für eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen über ein Phänomen aus, welches eindeutige Indizien über ein Leben nach dem Tod lieferte: die Nahtoderfahrungen.

Könnte es sein, dass einige Menschen schon vor Jahrtausenden solche Erfahrungen machen konnten und somit den Grundstein für die heutigen Jenseitsvorstellungen legten? Zweifelsfrei ähneln heutige Berichte immer wieder den üblichen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod - was wiederum ein Indiz dafür sein könnte, dass es genau andersherum abläuft: Nahtoderfahrungen sind nichts Weiteres als ein Hirngespinst, welches die persönlichen Gedanken zum Tod widerspiegelt.

In der folgenden Arbeit soll geklärt werden, was Nahtoderfahrungen sind, wie ein solches Erlebnis in der Regel abläuft, auf welche Art und Weise man es untersucht, bzw. erklären kann und wie sich die Persönlichkeit eines Menschen nach einer Nahtoderfahrung verändert.

2) Phänomen ahtoderfahrungen

a) Definition

Eine einheitliche Definition für Nahtoderfahrungen gibt es leider nicht. Einerseits liegt das daran, dass sich die verschiedenen Erfahrungen in ihren wesentlichen Elementen unterscheiden. Andererseits sind geschilderte Erfahrungen zwangsläufig subjektiv beeinflusst, was das für Wissenschaftler unerlässliche empirische Arbeiten stark erschwert. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei Nahtoderfahrungen nicht gerade um seltene Randerscheinungen handelt (Forschungen sprechen von Werten, die von etwa 4 bis 15% der Bevölkerung reichen3 ), kann man eine Definition an immer wiederkehrende Elemente, die in verschiedenen Berichten vorkommen, anlehnen.

Medizinisch gesehen kann man Nahtoderfahrungen als eine Art außergewöhnlichen Bewusstseinszustand klassifizieren. In Abgrenzung zu den anderen bekannten Bewusstseinszuständen, also beispielsweise Träume, Koma oder Trance4, werden Nahtoderfahrungen von den Betroffenen meist als real empfunden.5

Eine umfangreichere Definition, die auch das Erlebte mit einbezieht, liefert Bruce Greyson:

„ ahtoderfahrungen sind tief gehende psychische Ereignisse mit transzendenten und mystischen Elementen, die vor allem bei Menschen auftreten, die dem Tode nahe sind oder sich in einer Situation ernster körperlicher oder emotionaler Gefährdung befinden.“6

In Greyon’s Zitat wird von transzendenten und mystischen Elementen gesprochen, auf die ich in späteren Kapiteln zwar noch genauer eingehen, aber hier des Verständnisses wegen kurz erläutern möchte. Gemeint sind damit die Erlebnisse, welche die Betroffenen während einer Nahtoderfahrung haben. Das Kernelement ist dabei das „Erwachen“ des Bewusstseins, während der Mensch eigentlich klinisch tot7 ist. Viele haben ein Gefühl von Frieden und nehmen alle möglichen Sinneseindrücke wahr. Oft gehen die Erlebnisse so weit, dass Betroffene das Gefühl haben, ihren Körper zu verlassen und ihn von außen gesehen betrachten können. In seltenen Fällen können sie sogar frei „herum schweben“ oder eine Art Jenseits betreten.8

Dem Zitat kann ebenfalls entnommen werden, welche Personen eine Nahtoderfahrung erleben. Während die meisten Nahtoderfahrungen auftreten, wenn die Person klinisch tot ist, gibt es ohne Zweifel auch andere, nicht lebensgefährliche Situationen, in welchen ähnliche Erlebnisse auftreten können, zum Beispiel „bei Ruhe und Entspannung […], aber auch in Träumen, bei Meditationen, bei Stress, Übermüdung oder unter Drogeneinwirkung“9. Dennoch treten 90% aller Nahtoderfahrungen in lebensbedrohlichen Situationen auf.10

Diese Tatsache legt nahe, dass die Ursachen für Todesnähe-Erlebnisse neurologisch erklärbar sein könnten, gehen oben genannte Zustände doch auch mit einer Veränderung der Gehirnaktivität einher. Dass bei der Aufstellung von möglichen Ursachen jedoch Probleme auftreten, werde ich später noch genauer erläutern.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass das Auftreten einer Nahtoderfahrung nicht davon abhängig ist, ob man gläubig ist, oder nicht. Auch andere Faktoren, wie Dauer der Bewusstlosigkeit oder Vorkenntnisse über Nahtoderfahrungen, scheinen keinen Einfluss zu haben.11 Allein schon die Tatsache, dass Kinder unter 10 Jahren ähnliche Erlebnisse wie Erwachsene schildern12, spricht gegen mögliche Voraussetzungen für eine Nahtoderfahrung, da diese lange nicht so von der Gesellschaft beeinflusst sind, bzw. nur selten einen so stark ausgeprägten Glauben entwickelt haben wie ältere Personen.

Die einzige Auffälligkeit bei der Untersuchung des Phänomens ist die Tatsache, dass Nahtoderfahrungen mit zunehmendem Alter seltener auftreten.13

b) Wichtige Anmerkungen

Bei der Erforschung von Nahtoderfahrungen muss man vorsichtig im Umgang mit Ergebnissen verschiedener Forscher sein, denn nicht jeder definiert eine Nahtoderfahrung gleich. Der Soziologe Hubert Knoblauch klassifiziert eine

Nahtoderfahrung beispielsweise als ein Erlebnis, bei dem der Betroffene lediglich glaubt, zu sterben oder dem Tod nahe zu sein.14 So wird bei Wikipedia angegeben, dass 4,3% der Bevölkerung eine Nahtoderfahrung hatten.15 Dieser Prozentsatz resultiert jedoch aus den Ergebnissen der Studie von Knoblauch, welcher eine Nahtoderfahrung nicht so stark eingrenzt, wie es andere Forscher tun. Erstaunlicherweise gibt es jedoch Studien, die eine Nahtoderfahrung stärker eingegrenzt haben, aber dabei auf weitaus höhere Werte (bis zu 15%) gekommen sind.16 Es ist also wichtig, soweit wie möglich auch die Umstände von Studien zu hinterfragen.17

c) Klassifizierung: Ablauf einer typischen ahtoderfahrung

Viele Forscher haben schon versucht, ein Schema für Nahtoderfahrungen aufzustellen. Dies erweist sich verständlicherweise als relativ schwierig, da jedes Todesnähe-Erlebnis anders abläuft. Oft werden die Erfahrungen in verschiedene Phasen eingeteilt, welche nacheinander durchlaufen werden. Meines Erachtens ist eine zeitlich unabhängige Aufzählung von verschiedenen Elementen, die auftreten können, sinnvoller.

Diese Art der Klassifizierung hat unter anderem der Psychologe und Mediziner Raymond A. Moody gewählt. Im Folgenden möchte ich die zehn Elemente18, die er aufzählt, erläutern, um somit die Grundlage für die Ursachensuche zu legen.

1. Das Gefühl, tot zu sein: Der Betroffene nimmt bewusst wahr, dass er tot ist.
2. Friede und Schmerzlosigkeit: Die extremen Schmerzen im eigenen Körper verschwinden und werden oft durch ein Gefühl der Freude ersetzt.
3. Das Verlassen des Körpers: Der Patient hat den Eindruck, er verlasse seinen Körper und könne diesen und den kompletten Raum von außen betrachten. Er selbst nimmt sich dabei unter Umständen als eine Art „Lichtwesen“ wahr.
4. Das Tunnelerlebnis: Vor dem Sterbenden erscheint ein dunkler Tunnel, in den er regelrecht hineingezogen wird. An dessen Ende befindet sich ein sehr helles Licht.
5. Lichtgestalten: Nach dem Verlassen des Tunnels treffen die Betroffenen auf Lichtwesen, welche oft als bereits verstorbene Freunde oder Verwandte wahrgenommen werden. Das von ihnen ausgestrahlte Licht wird als „wesentlich heller als alles, was wir auf der Erde kennen“ beschrieben. „Trotz seiner gewaltigen Leuchtkraft blendet dieses Licht jedoch nicht die Augen, sondern ist warm, kraftvoll und lebenssprühend“19. Auch eine Landschaft ist meist zu erkennen.
6. Das Lichtwesen: Neben den „kleineren“ Lichtgestalten wird in manchen Fällen auch von einer Begegnung mit einem „höheren“ Lichtwesen gesprochen, das je nach religiöser Überzeugung als Gott, Allah oder aber auch einfach nur als etwas „Hochheiliges“20 bezeichnet wird. Es „strahlt grenzenlose Liebe und Verständnis aus“20, sagt dem Betroffenen jedoch, dass er zu seinem „irdischen Körper zurückkehren“20 müsse.
7. Der Lebensrückblick: Vor der Rückkehr in ihren Körper wird der Person ein Lebensrückblick gezeigt. Man nimmt in einem zeitlosen Panorama all seine Handlungen und deren positive, wie auch negative Auswirkungen auf andere Menschen wahr. Durch diese Erfahrung kommen die Betroffenen zu der Erkenntnis, dass die Liebe und der Erwerb von Wissen das Wichtigste in ihrem Leben sind.
8. Rascher Aufstieg zum Himmel: Statt dem Tunnelerlebnis wird manchmal wahrgenommen, wie man gen Himmel schwebt und die Welt aus einer Perspektive sieht, wie sie sonst nur Astronauten wahrnehmen. Im Anschluss daran kann dennoch die Begegnung mit den Lichtwesen stattfinden.
9. Widerwillige Rückkehr: Nicht selten sind Menschen mit einer Nahtoderfahrung enttäuscht, nachdem sie wiederbelebt wurden, doch meistens legt sich die Enttäuschung mit der Zeit.
10. Verändertes Zeit- und Raumempfinden: Sowohl räumliche, als auch zeitliche Grenzen sind während einer Nahtoderfahrung aufgehoben. Betroffene können sich einfach an einen anderen Ort „wünschen“ und sind dann sofort dort. Außerdem ist das Zeitgefühl oft komplett aufgehoben. Eine Patientin beschrieb es in „Das Licht von drüben“ folgendermaßen: „Man könnte sagen, es hat eine Sekunde gedauert - oder zehntausend Jahre. Beides wäre gleich wahr“21

Es ist wichtig zu wissen, dass Nahtoderfahrungen nach Moody’s Definition (inklusive der Persönlichkeitsveränderungen nach dem Erlebnis) nationen- und kulturübergreifend vorkommen, denn auch bei Untersuchungen in China, Japan und in islamischen Ländern wurden Nahtoderfahrungen mit den von ihm aufgestellten Elementen beobachtet.22

Damit kann auch die in der Einleitung geschilderte Problematik, ob Jenseitsvorstellungen auf Nahtoderfahrungen basieren, oder umgekehrt, geklärt werden: Der Inhalt einer Nahtoderfahrung ist unabhängig von der religiösen Überzeugung, und somit könnte nur erstere Annahme, dass unsere Vorstellungen vom Jenseits ihren Ursprung in Nahtoderfahrungsberichten haben, stimmen. Ob dies tatsächlich so ist, soll in dieser Arbeit jedoch nicht weiter untersucht werden.

3) Auswirkungen einer ahtoderfahrung auf die Persönlichkeit eines Menschen

a) Verarbeitung der Erfahrung

Eine Nahtoderfahrung hinterlässt immer Spuren bei der Person, die sie erlebt hat - nach der Definition von Moody gehören diese Veränderungen sogar zu einer klassischen Nahtoderfahrung dazu.23

Diese langhaltigen Auswirkungen verlaufen sowohl inhaltlich, als auch von der Geschwindigkeit her unterschiedlich, sind jedoch nicht von demographischen Faktoren (z.B. Alter, Geschlecht, Bildung) abhängig.24 Lediglich persönliche Merkmale, „etwa wie ein eher offener oder eher verschlossener Charakter, eine optimistische oder pessimistische Lebenseinstellung, haben Einfluss auf den Verarbeitungsprozess“24. Aber auch die Umstände der Erfahrung spielen eine wichtige Rolle: Es ist notwendig, auch etwaige Langzeitfolgen wie Lähmungserscheinungen nach einer Gehirnblutung zu akzeptieren, was verständlicherweise schwieriger ist, als wenn solche Folgen nicht auftreten.25

[...]


1 Gefunden auf: Internetquelle 1 (www.zitate-online.de)

2 Internetquelle 2 (Wikipedia)

3 Internetquelle 3 (Wikipedia); Anm.: vgl. „b) Wichtige Anmerkungen“

4 Internetquelle 4 (Wikipedia)

5 Endloses Bewusstsein, S. 142

6 Endloses Bewusstsein, S. 33

7 Anmerkung: Nahtoderfahrungen treten nicht nur auf, wenn der Mensch klinisch tot ist. Allerdings stammen nur wenige Berichte von Menschen, die eine Nahtoderfahrung in einer anderen Situation erlebt haben. Zum einfacheren Verständnis wurde diese Tatsache an dieser Stelle nicht erwähnt.

8 Die Quellen für den Inhalt der einzelnen Phasen sind im Abschnitt „Klassifizierung: Ablauf einer typischen Nahtoderfahrung“ gekennzeichnet.

9 Internetquelle 5 (Wikipedia)

10 Neurobiologie der Nahtoderfahrung, S. 43

11 Vgl. Anlage 1

12 Endloses Bewusstsein, S. 101

13 Vgl. Anlage 2

14 Nahtoderfahrung en im Vergleich der Kulturen; S. 76

15 Internetquelle 6 (Wikipedia)

16 Internetquelle 3 (Wikipedia)

17 Auf den folgenden Seiten werden alle 10 Phasen frei nach „Das Licht von drüben“ zusammengefasst. Dabei werden aus Gründen der Übersichtlichkeit keine genaueren Quellenangaben gegeben. Auf den Seiten 20-31 in genanntem Werk von Moody finden sich alle 10 Phasen in selbiger Reihenfolge in einer ausführlicheren Version. Direkte Zitate werden selbstverständlich getrennt gekennzeichnet.

18 Anm.: Während Pim van Lommel davon spricht, Moody teile Nahtoderfahrungen in 12 Elemente ein, ist in seiner eigenen Literatur („Das Licht von drüben“) die Rede von 10 Elementen.

19 Das Licht von drüben, S. 24

20 Das Licht von drüben, S. 25

21 Zitat wörtlich übernommen aus „Das Licht von drüben“, S. 29

22 Nahtoderfahrungen im Vergleich der Kulturen, S. 81

23 Das Licht von drüben, S. 41

24 Endloses Bewusstsein, S. 77

25 Endloses Bewusstsein, S. 78

25 von 25 Seiten

Details

Titel
Das Phänomen der Nahtoderfahrungen - Klassifizierung, neurologische Aspekte und Antworten der Verhaltenspsychologie
Hochschule
Willibald-Gluck-Gymnasium Neumarkt
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V181824
ISBN (Buch)
9783656162582
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
phänomen, nahtoderfahrungen, klassifizierung, aspekte, antworten, verhaltenspsychologie
Arbeit zitieren
Alexander Seipel (Autor), 2011, Das Phänomen der Nahtoderfahrungen - Klassifizierung, neurologische Aspekte und Antworten der Verhaltenspsychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181824

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