Friedenstheoretische Kernfragen aus der Perspektive der Internationalen Beziehungen


Hausarbeit, 2008

13 Seiten, Note: 2,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. (K)eine Definition von Frieden

3. Frieden - ein undendlicher Prozess?

4. „War does not pay“

5. Die UN-Teilbarkeit des Friedens

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Friedenstheoretische Kernfragen aus der Perspektive der Internationalen Beziehungen

1. Einleitung

Kaum ein Tag vergeht, an dem in den Nachrichten nicht über Gewalt berichtet wird. Über neue Kriege, alte Spannungen, über schwelende Konflikte und verlustreiche Gefechte wird wortreich und bildhaft informiert: das Ausmaß menschlichen Versagens im Umgang miteinander ist immer eine Meldung wert. Dadurch sind die Assoziationen zum Begriff „Krieg“ relativ leicht aufzudecken: Bilder von Toten, Verletzten, zerbombten Städten, verheerten Landstrichen.

Doch wie lässt sich Frieden definieren?

In der vorliegenden Hausarbeit soll untersucht werden, ob eine Bestimmung des Friedensbegriffes außerhalb der Negativ-Definition als Gegenteil vom Krieg überhaupt möglich ist. Darüber hinaus soll erläutert werden, was der Begriff „Frieden“ beinhaltet. Des weiteren wird die Frage geklärt ob, global gesehen, Frieden herrschen kann während andernorts Kämpfe stattfinden, ob es also legitim ist, von einer Teilbarkeit des Friedens zu sprechen.

2. (K)eine Definition von Frieden

Eine endgültige Auslegung des Friedensbegriffs zu finden ist schwierig. „Dies ist insofern nicht verwunderlich, als er einerseits zur Abgrenzung und Begründung des Gegenstandes der Friedens- und Konfliktforschung genutzt wird und andererseits unverkennbar einen stärkeren Bezug zur Tagespolitik hat als viele andere sozialwissenschaftliche Grundbegriffe.“1 Darüber hinaus, so konstatiert Peter Imbusch, sei der Friedensbegriff eine öffentlich debattierte Frage, die aufgrund der „lebendigen fachlichen und offenen Diskussion“2 zu keiner abschließenden Antwort komme.

Um der Definition von Frieden über die Aussage, Frieden sei die Abwesenheit von Krieg, zu entkommen, hat man sich auf eine Unterscheidung innerhalb des Friedensbegriffs geeinigt. Es wird differenziert zwischen positivem und negativem Frieden. Darüber hinaus unterscheidet man zwischen einem engen und einem weiten Friedensbegriff. Dabei ist der positive Frieden in seiner Beschaffenheit hierarchisch über dem negativen Frieden einzuordnen. Er geht über das Fehlen kriegerischer Auseinandersetzungen, über den so genannten OECD-Frieden, hinaus. Mit ihm geht laut Imbusch ein „starker Begriff von Gerechtigkeit […], ohne die es keinen stabilen Frieden gibt“3 einher.

Lothar Brock vertritt die Auslegung des Friedensbegriffes, welche den Frieden „als eine ins Unendliche fortschreitende Annäherung“ definiert4. Er nennt drei Anforderungen, die an die Definition gestellt werden müssen: „Unser Begriff vom Frieden sollte nicht selbst eine ideologische Fährte zu neuen Kriegen (als Kriege gegen den Krieg) legen; er sollte sich der Instrumentalisierbarkeit für die Legitimation bestehender Herrschaft (als Verwirklichung von Frieden) entziehen und doch reale Entwicklungen in Geschichte und Gegenwart in sich aufnehmen, um nicht bei bloßem Wunschdenken zu verharren.“ Diese Forderungen entsprechen einem Friedensbegriff, der in Abhebung zum positiven, weiten Begriff „an der Transformation gewaltsamer Konfliktaustragung und nicht an den tieferliegenden Ursachen für Gewalt ansetzt“.5

Brock fordert demzufolge einen Friedensbegriff, welcher völlig frei von Keimen ist, die einen neuerlichen Krieg hervorbringen könnten. Gewalt könne nicht als Legitimation von Gegengewalt dienen. Er führt dieses Dilemma weiterhin aus: „Wenn Friede und Gerechtigkeit eins sind, kann derjenige, der im Namen der Gerechtigkeit Gewalt anwendet, sich auch noch darauf berufen […] Friedenspolitik zu betreiben.“ 6 Er kritisiert die Herabsetzung des Friedens auf eine legitimatorische Floskel, zu welcher der Begriff seiner Meinung nach in dieser Theorie verkäme.

Der weite, positive Friedensbegriff sieht die Aufgabe in der strukturellen gesellschaftlichen Veränderung. Der Weg zum Frieden wird durch gesellschaftliche Widerstände gestört. Zu solchen Hindernissen wird vor allem die Ungerechtigkeit gezählt, welche nach der Meinung einiger Forscher ein elementares Problem für die Durchsetzung ihres Friedensbegriffes darstellt.

Die Gerechtigkeit spielt in diesem weiten Friedensbegriff, der von einigen namhaften Wissenschaftlern wie Johan Galtung vertreten wird, eine außergewöhnliche Rolle. Ihrem Verständnis nach ist Frieden ein ebenso universaler wie unteilbarer Begriff, der erst dann verwirklicht ist, wenn jegliche Gründe zur kollektiven Gewaltanwendung verschwunden sind.7 Dabei sieht Galtung den Gewaltbegriff äußerst umfassend, was teilweise auf starke Ablehnung stößt: „Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potenzielle Verwirklichung.“8 Diese Definition wurde dahingehend kritisiert, dass der Friedensbegriff durch diese Wertekategorie zu einer „allumfassenden Worthülse“ degradiert wird.9

Das Credo dieser Friedensdefinition ist also, nach Galtung, die Durchsetzung der Chancengleichheit, unabhängig von möglichen äußeren Faktoren. Die Realisierung dieser Gleichberechtigung bringt jedoch weitere Probleme mit sich. Es ergibt sich fast unumgänglich die Notwendigkeit, Gewalt anzuwenden, um die Umsetzung des Friedens zu erzwingen.

„An dieser Stelle begäbe sich die Friedens- und Konfliktforschung auf das dünne Eis der Unterscheidung zwischen einer gerechtfertigten und einer illegitimen Gewalt“10. Hier wird das Dilemma deutlich, in dem sich die Friedensforschung befindet. Um diesem aus dem Weg zu gehen, wird vorgeschlagen, das Streben nach Gerechtigkeit und das Streben nach Frieden im Sinne von John Rawls in Einklang zu bringen und „die Gerechtigkeit selbst als Verfahrensnorm zu definieren“.11 Damit wäre die Gerechtigkeit nicht mehr das Ziel, wie im positiven Friedensbegriff proklamiert, sondern der Weg zum Ziel, welches Frieden heißt.

Die Schwierigkeit, Frieden zu definieren, lässt sich durch diese Theorie nicht überwinden, aber sie umgeht die Problematik, die man bei der konkreten Auslegung des Begriffes hat, recht wirkungsvoll.

3. Frieden – ein unendlicher Prozess?

Diese Überlegungen führen zu dem Schluss, dass Frieden nicht als manifestierte Begebenheit gesehen werden kann, sondern als andauernden Prozess. Die inhaltliche Komponente des Friedensbegriffes könne nicht abschließend dargelegt werden, da die Definition des Begriffes immer wieder an die sich verändernden gesellschaftlichen Umstände angepasst werden müsse.12 Das Ziel sei eine Weltgesellschaft, die zwar nicht ohne Konflikte auskäme, diese jedoch „unter Verzicht auf die Anwendung oder Androhung kollektiver Gewaltanwendung geregelt würden.“13 Diese Form der Definition des Friedensbegriffs kommt den Überlegungen Ernst-Otto Czempiels nach. Er „definiert Frieden als ‚Prozessmuster des internationalen Systems, das gekennzeichnet ist durch abnehmende Gewalt und zunehmende Verteilungsgerechtigkeit‘.“14

Weiterhin führt er aus: „Wie sich das Verhältnis zwischen den beiden gestaltet, muß der historischen Entwicklung überlassen bleiben. Friede kann daher auch nicht als Zustand verstanden werden, der an einem bestimmten geschichtlichen Punkt eintritt und dann andauert.“ Das Verhältnis von beidem sei einem ständigen Wandel unterworfen, der den Frieden als Tendenz eines unendlich andauernden, geschichtlichen Prozesses erscheinen lasse.15

Czempiel hat ein „Kontinuum des Friedensprozesses“ entwickelt. In diesem unterteilt er den Friedensprozess in mehrere Phasen. Phase 1 bildet die Grenze zum Krieg und umfasst „Gewaltandrohung, Boykotte, Sanktionen, Rüstungswettläufe, Aufrüstung“. Zu den markanten Begriffen dieser Phase zählen Kalter Krieg und Kanonenbootdiplomatie. Darauf aufbauend konzipiert er Phase 2 als Koexistenz von Staaten und deren Rüstungskontrolle. Zur dritten Friedensphase gehören Verhandlungen, Entspannung und Abrüstung, was zur vierten Phase, der Kooperation und der Funktionalen Integration überleitet. Diese vierte Phase bildet jedoch nicht das Ende des Prozesses, sondern ist richtungweisend für den Friedenstrend. 16

Die dem Frieden immanente Prozesshaftigkeit findet seine Basis in Immanuel Kants „Präliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten […]: Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.“ 17 Es sei also ein Prozess, der von einem vollkommenen Kriegsabschluss ausgeht. Auch in dieser Sichtweise spiegelt sich die Konzeption von einem „gerechten Frieden“ wider. Zur Verdeutlichung dessen soll hier von Versailler Vertrag angeführt werden, der das Ende des Ersten Weltkriegs markierte.

Aus der historischen Perspektive gesehen legte der Versailler Vertrag bereits die ersten ideologischen Grundsteine für einen weiteren, noch verheerenderen Krieg: den Zweiten Weltkrieg. Von den Siegermächten konzipiert wurde der Vertrag jedoch zunächst als „gerechter und fairer“ Frieden. Die Alliierten waren der Ansicht, dass nur „wenn man Gerechtigkeit walten lasse und die Regeln des „Fair Play“ einhalte, bestünde die Aussicht dass der Frieden von Dauer sein werde“.18

Die Problematik, die sich heute wie damals aus diesem Vorhaben ergibt, sind die unterschie dlichen Standpunkte und Ansichten von dem, was nach Meinung der Sieger und Verlierer gerecht ist. Kriterien, die noch während des Krieges als bestimmend für mögliche Friedensverhandlungen gelten sollten - „Gewaltverzicht, Selbstbestimmung, Integration“19 wurden nach dem Krieg in dieser Form nicht mehr beachtet. „Es war […] nicht der Wunsch nach einer alsbaldigen Integration eines geläuterten Feindes, sondern es war der unerschütterliche Wille der Sieger, Deutschland vorerst aus dem ‚Reich des Guten‘ auszuschließen. Die Unterscheidung, die [der US-amerikanische Präsident] Wilson während des Krieges zwischen dem demokratisierungswilligen deutschen Volk und seiner kriegstreiberischen Eliten gemacht hatte, galt nicht mehr: Er machte jetzt das ganze deutsche Volk verantwortlich für die Schuld, die das deutsche Reich auf sich geladen habe.“20

Der von Kant angesprochene Keim für einen neuen Krieg war in dieser Sichtweise, den immensen Reparationszahlungen des Deutschen Reiches und deren ideologischer Ausschlachtung in der Folgezeit gelegt. Daher ist es fraglich, ob man die Jahre 1918 bis 1939 als Zeit des Friedens, als Zwischenkriegszeit oder bloßen Waffenstillstand deklarieren sollte. Gemessen an den Ansprüchen, die die Friedensforschung an einen Friedensschluss erhebt, ist die Bezeichnung „Zwischenkriegszeit“ angemessen.

Dieses Beispiel zeigt: Um die Grundlage für einen langen, dauerhaften Frieden zu legen, muss zunächst ein möglichst vollkommener, gerechter Friedensschluss getroffen werden. Darauf aufbauend stellt sich die Frage nach der weiteren Bekämpfung von Krieg, der Möglichkeit kriegerischen Handelns sowie dessen ideologischer Basis.

4. „War does not pay“

Die Ansicht, Krieg lohne sich nicht, ist bereits mehrere Jahrhunderte alt. Das Motto „war does not pay“ geriet in diesen vielen Jahren allerdings allzu oft in Vergessenheit. Schon im Jahre 1800 formulierte Friedrich Gentz über die Zeit vor der französischen Revolution:

„Eine aufgeklärte, liberale, wohltätige Ansicht der wahren Bedürfnisse und der wahren Interessen der Nationen verdrängte das falsche System, das die Größe oder Wohlfahrt der Staaten auf Kriege und Eroberungen gründete. Die Regenten lernten nach und nach, daß die eigentliche Quelle ihrer Macht, die sie weit von ihrer Heimat gesucht hatten, zu ihren Füßen lag, (…) daß die besten Eroberungen im Innern ihrer Länder gemacht werden müssen. Zur gleichen Zeit erschien die wechselseitige Verbindung der Völker in einem neuen, bisher kaum geahnten Licht. Man wurde inne, daß Industrie und Handel und Reichtum eigentlich gemeinschaftliche Güter sind, die wenngleich in diesem oder jenem Staate ihr Mittelpunkt zu finden ist, doch mehr oder weniger die Wohlfahrt aller befördern, daß selbst die reichste Nation aus der Wohlhabenheit ihrer Nachbarn und aller anderen Nationen weit größere Vorteile als aus ihrer Armut zieht und daß die Verheerungen des Krieges, wo auch immer ihr unmittelbarer Schauplatz sein mag, im letzten Resultat auf die ganze Gesellschaft zurückfallen.“ 21

[...]


1 Torsten Bonacker/ Peter Imbusch: Zentrale Begriffe der Friedens- und Konfliktforschung in: Bonacker/Imbusch: Friedens- und Konfliktforschung, Wiesbaden, 2006,

2 Bonacker / Imbusch:

3 Bonacker / Imbusch:

4 Lothar Brock: Frieden, Überlegungen zur Theoriebildung, in: Dieter Senghaas: Friedendenken, Frankfurt 1995,

5 Bonacker / Imbusch:

6 Brock:

7 Bonacker / Imbusch:

8 Simone Wisotzki: Gender und Frieden, in: Jahn / Fischer / Sahm: Die Zukunft des Friedens: Die Friedens- und Konfliktforschung aus der Perspektive der jüngeren Generation, Wiesbaden, 2005

9 Wisotzki:

10 Bonacker / Imbusch:

11 Brock:

12 Brock:

13 Brock:

14 Brock:

15 Ernst- Otto Czempiel: Friedensstrategien, Wiesbaden, 1998,

16 Czempiel:

17 Brock:

18 Thomas Wittek: Auf ewig Feind? München, 2005

19 Wittek:

20 Wittek:

21 Berthold Meyer: Formen der Konfliktregelung, Wiesbaden, 1997,

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Friedenstheoretische Kernfragen aus der Perspektive der Internationalen Beziehungen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Friedens- und Konfliktforschung
Note
2,2
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V182407
ISBN (eBook)
9783656064596
ISBN (Buch)
9783656064886
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
friedenstheoretische, kernfragen, perspektive, internationalen, beziehungen
Arbeit zitieren
Joachim Wulkop (Autor:in), 2008, Friedenstheoretische Kernfragen aus der Perspektive der Internationalen Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182407

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