Kaiser Tiberius und der römische Senat

Eine gescheiterte Beziehung


Hausarbeit, 2011
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1) Das Bemühen Tiberius´ um den Senat und die Frage des Scheiterns

2) Warum scheiterte die Beziehung zwischen Tiberius und dem Senat?
2.1) Die gescheiterten Handlungen Tiberius´ gegenüber dem Senat
2.1.1) Eine denkbar schlechte Ausgangssituation: Die recusatio imperii
2.1.2) Tiberius und die Senatssitzungen
2.1.3) Die Magistratenwahl durch Tiberius und den Senat
2.1.4) Tiberius Finanz- und Luxuspolitik in Bezug auf die Senatsaristokratie
2.1.5) Zwischenfazit zu Tiberius
2.2)Reaktionen und Handlungen des Senates
2.2.1) Die Ausgangsposition des Senats
2.2.2) Der fehlende senatorische Herrschaftswille
2.2.3) Beleidigungen des Senats gegenüber Tiberius
2.2.4) Die Majestätsprozesse
2.2.5) Zwischenfazit zum Senat

3) Schlussfazit und historische Einordnung: Eine Geschichte voller Missverständnisse?

4) Literaturverzeichnis

1) Das Bemühen Tiberius´ um den Senat und die Frage des Scheiterns

„[I]n Tiberius Wirken hat noch einmal Roms ältere Republik Gestalt angenommen und dadurch hat […] das Aristokratische, das Beste in der Geschichte dieses Volkes, eine kleine Nachblüte erlebt.“[1]

So urteilte der Historiker Kornemann über die Regierungszeit des römischen Kaisers Tiberius (14-37 n. Chr.). Jener aristokratische Euphemismus impliziert, dass der Prinzeps – obwohl Rom im Grunde im Prinzipat schon monarchisch regiert wurde – republikanische Züge gefördert hätte, wie die Macht des Senates wieder zu heben[2]. War Tiberius ein „Republikaner auf dem Cäsarenthron“[3] ? Tatsächlich sind sich sogar die antiken Historiker einig – obwohl die meisten versuchen, Tiberius als Tyrannen darzustellen -, dass Tiberius sich um den Senat bemühte, indem er ihn stärkte und ehrte. So wurden laut Tacitus im Senat alle staatlichen und die wichtigsten privaten Angelegenheiten behandelt; die Magistrate hätten ein hohes Ansehen und die volle Amtsgewalt gehabt, wobei Gesetze meist vernünftig gehandhabt worden wären. Bei der Senatorenwahl achtete er auf Herkunft und Eigenschaften[4]. Und nach Cassius Dio unternahm er „keinen Schritt, ohne ihn nicht […] den übrigen Senatoren zur Kenntnis zu bringen“, wobei er die Redefreiheit gewährte und sich teils den Gegenstimmen beugte[5].

Tiberius war zumindest immer darauf bedacht, republikanisch zu wirken. Dem entspricht schon seine angebliche Aussage, dass er als heilbringender und guter Kaiser mit gewaltigen und weitreichenden Vollmachten vom Senat ausgestattet, diesem und den Bürgern diene[6]. Er war nämlich trotz seiner Prinzepsposition ohnehin auf den Senat angewiesen, da dieser die nötigen Verwaltungskräfte besaß, er war mit der Aristokratie und der Republik durch seine claudische Dynastie verbunden[7] und suchte im Senat einen Mitverantwortlichen[8]. Daher handelte Tiberius mit dem Ziel, den Senat zu stärken und eine gute Kooperation zwischen Prinzeps und Senat zu ermöglichen[9]. Ergo gab es viele republikanisch scheinende Maßnahmen unter Tiberius[10]. Die meisten jedoch wurden nicht als solche anerkannt. Vielmehr empfanden die Senatoren diese wohl ähnlich wie die meisten antiken Historiker - als Heuchelei[11] und lehnten Tiberius ab! So stellt sich die Frage, wieso die Beziehung zwischen dem Senat und Tiberius scheiterte, obwohl der Prinzeps sich um ihn aktiv auf verschiedenen Ebenen bemüht hat. Der Antwort soll in dieser Arbeit anhand ausgewählter Beispiele nachgegangen werden. Daraus ergeben sich einige untergeordnete Fragen: Wie konnte es dazu kommen? Woher kommt das Misstrauen des Senats und wie reagiert er? Meinte Tiberius es republikanisch mit dem Senat oder versuchte er ihn scheinrepublikanisch zu instrumentalisieren? Die Forschung ist sich uneinig. Ergo möchte ich das Thema folgendermaßen untergliedern: erst wird erläutert, was Tiberius erfolglos versuchte, um den Senat für sich zu gewinnen, wobei Ursachen und Folgen kontrovers erläutert werden. Dasselbe folgt für den Anteil des Senats am Scheitern. Abschließend wird die Thematik zusammengefasst, beurteilt und seine historische Bedeutung verortet. So kann die Problematik auch als negatives Lehrbeispiel für den Versuch der Installation von teildualistischen Strukturen in autoritären Monarchien fungieren.

2) Warum scheiterte die Beziehung zwischen Tiberius und dem Senat?

2.1) Die gescheiterten Handlungen Tiberius´ gegenüber dem Senat

Nun sollen die Handlungen und Ereignisse analysiert werden, die von Tiberius ausgehend die Beziehung schädigten und zerrütteten. Dabei gehe ich auf die recusatio imerii, die Senatssitzungen unter Tiberius´ Leitung, die Magistratenwahl und seine Finanz- und Luxuspolitik ein und runde den Abschnitt durch ein Zwischenfazit ab.

2.1.1) Eine denkbar schlechte Ausgangssituation: Die recusatio imperii

Als Kaiser Augustus 14 n. Chr. starb, setzte er seinen Stiefsohn Tiberius als Erben ein und machte ihn und dessen Mutter Livia zum/r Augustus/a[12]. Dementsprechend empfahlen die Konsuln die Übertragung des Prinzipats auf Tiberius[13]. Der aber lehnte die Bitten ab, mit Ausflüchten, wie dass nur Augustus diese Aufgabe bewältigen könnte und der Staate sich auf alle hervorragenden Männer stützen sollte[14] oder wegen seinem Alter und der Kurzsichtigkeit[15]. Er schlug auch die Teilung der Aufgaben vor, wobei er einen Teil übernehmen wolle; Gaius Asinius Gallus nannte dabei noch einmal die großen Taten des Tiberius und erklärte schließlich, dass die Einheit des Staates sich nicht teilen lasse und bald nahm Tiberius nach den kniefälligen senatorischen Bitten das Prinzipat an[16]. Dabei zeigte laut Gollub der Senat aber nicht „die eigene Souveränität, sondern ihre Kriecherei und Willfährigkeit“[17].

Die mehrfache Zurückweisung kann verschiedenen Ursprungs sein[18]. Die Wirkung verfehlte sie aber. Anstatt etwa republikanisch zu wirken, galt dies als Zurückweisung des Senats und komödienhafte Inszenierung[19]. Zweideutig und ungewiss hätten Tiberius´ Worte gewirkt[20]. Laut Sueton hätte er klar die Alleinherrschaft erzielt und unverschämt geschauspielert[21]. So verwirrte er die Curie und galt seitdem als falsch und launisch, weshalb man auch die später hinzugewonnenen senatorischen Rechte als solches ansah[22]. Denn der Senat war bereits durch Augustus entmachtet und hatte fast nur noch eine Verwaltungs- und Symbolfunktion. Das dynastische Prinzip wurde sofort akzeptiert. So musste Tiberius´ Weigerung – die recusatio imperii - wie eine zynische und empörende Imitation Augustus´ wirken. Ergo stellte die Regierungsübernahme eine denkbar schlechte Ausgangssituation dar, die eine Kooperation extrem erschwerte und unheilbare Ressentiments[23] hervorrief.

2.1.2) Tiberius und die Senatssitzungen

Hier soll es um die Senatssitzungen generell unter Tiberius´ Leitung gehen. Zu Beginn des Prinzipats löste er den Senatsausschuss, bestehend aus 20 Senatoren, auf. Denn dieser beriet alle Vorschläge in einem kleinen, effizienten Gremium vor, was später im senatorischen Plenum besprochen werden sollte und degradierte so den Senat zu einem Zustimmungsforum. Mit der Auflösung übertrug Tiberius diese Rechte wieder an das Plenum, was republikanisch und transparent wirkte. Er selbst bildete einen neuen Rat aus engsten Vertrauten mit nur beratenden Funktionen.[24] Dadurch aber war der Senat schlechter vorbereitet, Sitzungen dauerten länger und hatten weniger Ordnung[25] – sie waren schlicht ineffizienter! So kann diese Auflösung entweder als unpraktisch, aber republikanisch oder als scheinrepublikanisches Alleinherrschertum gelten, das den Senat mit neuen Rechten schwächte.

Diese Folge zeigt sich dann deutlich bei den Senatssitzungen. Gerade weil alles im Senat behandelt wurde – „Und nicht eine öffentliche oder private Angelegenheit war so belanglos oder so bedeutend, daß darüber nicht im Senat berichtet wurde“[26] –, ermüdete dieser. Da Tiberius sich in den Sitzungen zurückhielt, parlamentarisch verhandeln ließ, die Redefreiheit gewährleistete und dem Senat wieder mehr an den Staatsgeschäften beteiligen wollte - wie etwa bei der Untersuchung der Wünsche aus den Städten der Ostprovinzen zum Überhandnehmen des Asylrechtes -, zeigte der Senat das „Bild eines Reichsparlaments“; da sich Tiberius aus dieser Angelegenheit heraushielt, übertrug der Senat die Beurteilung irgendwann den Magistraten[27]. Dies zeigt, dass selbst bei Tiberius´ republikanischen Tendenzen, der Senat nicht wirklich bereit war, viele Kompetenzen zu übernehmen.

In der Zurückhaltung gewährte Tiberius auch die Redefreiheit der Senatoren. Meist äußerte er sich mit der Wendung „Wenn ich meine Ansicht dargelegt hätte, hätte ich dies oder jenes vorgeschlagen“, um laut Dio den Schein zu wahren[28]. Tacitus meint sogar, dass Tiberius seine Macht sicherte, indem er dem Senat nur noch „einen Schatten der alten Freiheit“ ließ – denn die libertas beschränkte sich nun auf die Redefreiheit[29] -, Nebensächlichkeiten behandelte, sowie ewige Geduld bei unwichtig wirkenden Themen zeigte[30] und die Redefreiheit sei mit Furcht und Schrecken verbreitet worden[31]. Dadurch versuchten viele Senatoren mit Tiberius konform zu sein und wollten vorab seine Meinung wissen[32] - in nervender Kriecherei[33]. Denn schon Tiberius´ Anwesenheit soll den Senat geschreckt haben[34]. Die antiken Historiker werfen ihm Heuchelei vor, auch da er etwa dem Senat die Macht der Prätorianer demonstriert habe[35] etc. Zwar dürfte der Senat Tiberius widersprechen; stimmte er aber ohne Begründung ab, lehnte Tiberius dies mittels der tribunicia potestas ab[36]. Durch sein Votum konnten de facto Anträge verworfen werden und ihm nicht genehme Entschlüsse, die in der Abwesenheit seines Vorsitzes getroffen wurden, konnte er rückgängig machen[37]. Ebenso ernannte er mit der adlectio Ritter und andere Personen zu Senatoren und hielt Missliebige vom Senat fern, wodurch Senatoren in eine Abhängigkeit zum Prinzeps gerieten, die sie erst recht zu konformen Hüllen machten[38].

So zeigt sich, dass er erstens den ohnehin misstrauischen Senat überschätzte, da die Einbeziehung von diesem als Regierungsschwäche Tiberius´ interpretiert wurde und der Senat kein Verantwortungsbewusstsein mehr seit der augusteischen Monarchie besaß. Diese Diskrepanz zwischen Standesbewusstsein und Verantwortungslosigkeit war Tiberius unverständlich und führte zu gegenseitigem Misstrauen.[39] Zweitens schien er dennoch tatsächlich seine Macht zu sichern, mit inhaltlichen und personellen Kontrollen gegen den Senat, wie der Ablehnung von unsinnigen Entschlüssen etc., was unrepublikanisch und paradox wirkt. Das verstärkte seinen Ruf als launischen, verlogenen Herrscher. Sicher war ihm irgendwann klar, dass er mit den neuen Pflichten und seinen internen Vorschlägen den Senat überforderte und schwächte, weshalb Levick resultiert, er hätte sich als Erzieher des Senats gesehen[40], der im Zweifel diesen lenkt und kontrolliert. Das belegt auch seine Geduld und die stringente Themenbehandlung. Eine solche implizite und teils paradoxe Rolle erkannte der Senat nicht mehr.

Verstärkt wurde das Bild des Senats von Tiberius durch die Ablehnung von Ehrungen. So lehnte Tiberius die Titel Imperator und pater patriae [41] sowie die Benennung des September nach ihm[42], mit den Worten „Was macht ihr, wenn ihr einen dreizehnten Kaiser habt?“, ab und als er in Gallien bei einem Aufstand wieder Ordnung schuf, lehnte er einen kleinen Triumphzug ab, um als mäßig (moderatio) zu gelten, wobei dies vom Senat nicht als solche, sondern als Schwäche, Niederträchtigkeit und Ablehnung des Senats verstanden wurde[43], der diese Ehrungen anbot. Sueton spekulierte, dass Tiberius die Ehrungen zurückwies, damit die Schande nicht so groß sei, wenn sich zeige, wie unwürdig Tiberius tatsächlich gewesen sei[44]. So verfehlte Tiberius´ Moderatio ihr Ziel und trug eher zur Zerrüttung bei.

2.1.3) Die Magistratenwahl durch Tiberius und den Senat

Als teils problematisch stellte sich die Magistratenwahl da. Tiberius versuchte offiziell dem Senat die Wahlfreiheit zu lassen[45]. Zunächst stärkte er den Senat, indem er ihm die Beamtenwahl übertrug (vgl. 1.)). So stärkte er aber nicht nur den Senat politisch, sondern auch den Prinzeps, da nun dessen ohnehin hoher Einfluss bei der Wahl einen offiziellen Status bekam[46]. Gewählt wurde weiterhin in Centurien, die schon 5 n. Chr. die Volksversammlung entmachtet hatten[47] und ihre Zahl wurde bis 23 n. Chr. von zehn auf 20 Centurien erhöht[48]. Der Prinzeps hatte das Vorrecht bei der Beamtenwahl, aber Tiberius nahm diese verbindliche Nomination nur bei vier der 12 Prätorenposten wahr - also weniger als Augustus[49]. Ergo hätte diese aristokratische Wende Potential, die Beziehung zu verbessern.

De facto aber verschlechterte die Beziehung sich. Denn bei den Ämtern, die der Senat selbst besetzen konnte, richtete dieser sich automatisch nach Tiberius, indem kein Kandidat, der diesem nicht genehm gewesen wäre, gewählt wurde[50]. Bei der Konsulwahl als Prärogative des Kaisers schlug der Senat nicht einmal Gegenkandidaten vor. Tacitus sah dies als Betrug und folgerte, dass je mehr Tiberius sich den Schein der Redefreiheit gegeben hätte, desto mehr sei das System in eine Knechtschaft geglitten.[51] Da viele Senatoren generell Tiberius nach dem Mund redeten, kann man diese unrepublikanische Fehlleistung weder sicher noch allein Tiberius zuschreiben. Jedoch entstand ein Gefühl der Unfreiheit beim Senat und möglichweise eine Unzufriedenheit bei Tiberius, sofern sein Ziel republikanisch war.

Auch die Wahlgesetze wurden nach Tacitus nicht hinreichend befolgt. Im Jahr 17 etwa war eine Prätorenstelle zu besetzen und Tiberius´ Söhne bevorzugten Haterius Agrippa für den Posten, obwohl der nach der lex Papia Popaea zu wenig Söhne dafür hatte; Agrippa wurde Prätor, gegen den Willen vieler Senatoren[52]. Die Umgehung von Gesetzen zeigen die Machtstellung des Prinzeps, der absolut über den Senat hinweg regieren kann - und das nicht aus republikanischen Gründen. Ebenso ernannte er nicht immer nur Aristokraten, sondern band Leute wie den Gladiatorensohn Curtius Rufus an sich, als er ihn zum Prätor machte.[53] Dieser, so Tiberius nach Tacitus, sei nämlich aus sich selbst heraus geboren zu sein[54]. So machte er solche und die von ihm unterstützten homines novi[55] zwar von sich abhängig, aber düpierte die senatorische Aristokratie, da er hier auch wohl eher an die klientelistische Machtmehrung dachte. Auch indem er Beamte unrepublikanisch länger als ein Jahr im Amt hielt, machte er die von sich abhängig[56] und sorgte so dafür, dass weniger Senatoren Posten erhielten[57].

2.1.4) Tiberius Finanz- und Luxuspolitik in Bezug auf die Senatsaristokratie

Ähnlich wie bei den meisten Mehrungen der Senatsrechte, gereichte Tiberius´ Finanzpolitik zunächst der Senatsaristokratie zum Vorteil (vgl. 1)). In der Umsetzung war aber wieder für autoritäre oder diplomatische Patzer gesorgt. So konsolidierte er die Staatsfinanzen[58] und half verschuldeten Aristokraten mit Zuschüssen, damit diese etwa nicht unter den senatorischen Zensus fielen und damit keine Senatoren mehr sein dürften (vgl. 2. 2. 1))[59]. So unterstützte er etwa 15 n. Chr. den Senator Aurelius Pius, dessen Haus beschädigt worden war und der dies finanziell nicht mehr bestreiten konnte, obwohl dieser keine legale Grundlage hatte oder schenkte Propertius Celer eine Mio. Sesterzen[60] etc. Klar war, dass die Senatoren, die nun von Tiberius finanziell abhängig waren, nicht gegen ihn gehandelt hätten; als Formalist aber behandelte er jeden Fall einzeln und die aristokratische Verschwendungssucht missfiel ihm so sehr, dass er bei jedem Gesuch den Senator erst zur Sparsamkeit aufrief[61]. So gelang es ihm trotz Großzügigkeit nicht, die Senatoren für sich zu gewinnen, auch da er dabei oft ausfallend wurde. So tilgte er etwa Marius Nepos´ Schulden, aber wies ihn demütigend zu Recht und dem verschwenderischen Marcus Hortentius Hortalus gewährte er nur widerwillig 200000 Sesterzen[62].

Antiverschwenderisch wollte Tiberius ergo auch gegen übermäßigen Luxus vorgehen (was den meisten verschwenderischen Senatoren zuwider lief und empörte), laut Sueton nämlich folgendermaßen:

„Ferner verordnete er, den Luxus im Hausrat gesetzlich zu beschränken und den Marktpreis für Lebensmittel alljährlich durch Senatsverordnung zu regeln. Zugleich erhielten die Ädilen den Auftrag alle Garküchen und Schankwirtschaften in ihrem Betrieb soweit einzuschränken, daß nicht einmal feines Gebäck öffentlich zum Verkauf (über die Straße) ausgestellt werden durfte. Um auch durch sein eigenes Beispiel die Sparsamkeit unter dem Volk zu fördern, ließ er auf seiner eigenen Tafel selbst bei Festmahlzeiten häufig vom vorherigen Tage übriggebliebene Speisen und angebrochene Schüsseln auftragen, ja sogar einmal nur ein halbes Wildschwein, wobei er versicherte, es hätte ganz genau die gleichen Eigenschaften wie ein ganzes […] [und] der übliche Austausch von Neujahrsgeschenken [sollte] sich nicht über den ersten Januar erstrecken […].[63]

Immerhin sprach er sich nicht für ein Luxusgesetz, eine lex sumptuaria aus[64]. Denn laut Tacitus war Tiberius klar, dass zwar Beschränkungen gefordert werden, aber im Zweifel dies als einschränkend empfunden wird und er sich so die Anfeindungen verbietet, da dies zum Wohl des Staates sei[65].

[...]


[1] KORNEMANN 1947: 26.

[2] Ebd.: 3 f.

[3] LÖWENSTEIN 1980.

[4] Tac. Ann. 4, 6.

[5] Cass. Dio. 57, 7, 2 f.

[6] Suet. Tib. 29.

[7] ÍSLEIFSDÓTTIR 1985.

[8] KORNEMANN 1947: 4.

[9] SHOTTER 2004: 35.

[10] Einige erfolgreiche Beispiele: Politisch stärkte Tiberius den Senat, als er 22 n. Chr. seinen Sohn Drusus zum Mitregenten erhob und erst die Zustimmung des Senats einholte, wodurch er neues Recht zugunsten des Senats schuf (KORNEMANN 1947: 13) oder indem er die Wahl der Jahresbeamten von der Volksversammlung auf den Senat übertrug und ihm so das Recht zur Selbstergänzung gab (GOLLUB 1959: 207). Finanziell versuchte er im Sinne der Aristokratie zu handeln, indem er nie fremdes Eigentum ohne Verurteilung beschlagnahmen ließ (Cass. Dio, 57, 10, 5), sich nicht daran bereicherte und die Finanzkrise 33 n. Chr. im Sinne der Oberschicht bewältigte (LEVICK 1976: 102). Symbolisch stärkte er die Senatoren, indem bei seinem Eintritt und Abgang sie sich nicht erheben mussten, sondern er vielmehr Konsuln auf der Straße Platz machte (SHOTTER 2004: 28) und den Senat zum Divus Senatus erhob (KORNEMANN 1947: 14-17).

[11] BAAR 1990: 161.

[12] Tac. Ann. 1, 3, 5.

[13] KORNEMANN 1980: 58.

[14] Tac. Ann. 1, 3, 12.

[15] Cass. Dio 57, 4.

[16] KORNEMANN 1980: 59.

[17] GOLLUB 1959: 232.

[18] So ersetzte hier am 31.8.14 – anders als bei der sicher für Tiberius symbolisch wirkenden Amtsübernahme Augustus´ 27 v. Chr. – die testamentarische Verfügung die senatorische Akklamation, wodurch dem Senat die letzte Möglichkeit der Wahl und Kontrolle genommen war (HAEHLING 2010: 56). In der Suche nach einer Beteiligung des Senats, könnte er dies abgelehnt haben, um vom Senat aus Gründen der Leistung, nicht der monarchischen Dynastie ernannt zu werden und diesem eine Wahlfunktion zu überschreiben. Damit verbunden könnte der sonst abgelehnte Tiberius nach einer Bestätigung gesucht haben (MEISSNER 1968: 44). Oder es war die Angst vor den aufständischen Germanen (Suet. Tib 25). Oder er agierte mit der Staatsaufgabenteilung teilrepublikanisch, durch das „Gefühl der Insuffizienz für die gewaltige Stellung eines einzelnen im Staat“ (KORNEMANN 1980: 58), als „Bürger unter Bürgern“ (Vell. Pat. 2, 124, 2). u.v.m.

[19] Ebd.: 57.

[20] Tac. Ann. 1, 3, 11.

[21] Suet. Tib. 24.

[22] GOLLUB 1959: 231.

[23] MARANON 1952: 31.

[24] YAVETZ 2002: 70.

[25] LEVICK 1976: 93.

[26] Suet. Tib. 30.

[27] KORNEMANN 1947: 11-14.

[28] Cass. Dio 57, 7, 4.

[29] YAVETZ 2002: 70.

[30] Tac. Ann. 3, 60, 1.

[31] Ebd. 4, 7, 1.

[32] YAVETZ 2002: 71.

[33] Tac. Ann. 3, 65.

[34] YAVETZ 2002: 82.

[35] BAAR 1990: 160 f.

[36] KORNEMANN 1947: 11 f.

[37] YAVETZ 2002: 82.

[38] ÍSLEIFDÓTTIR 1985.

[39] HAEHLING 2010: 59 f.

[40] LEVICK 1976: 92 f.

[41] Cass. Dio 57, 8, 1.

[42] Suet. Tib. 26 f.

[43] YAVETZ 2002: 85 f.

[44] Suet. Tib. 67, 3.

[45] SHOTTER 2004: 31.

[46] LEVICK 1976: 96.

[47] SEAGER 1972: 124.

[48] YAVETZ 2002: 79 f.

[49] KORNEMANN 1980: 60.

[50] LEVICK 1979: 96.

[51] YAVETZ 2002: 79 f.

[52] Ebd.: 80.

[53] Ebd.: 80 f.

[54] Tac. Ann. 11, 21.

[55] YAVETZ 2002: 74 f.

[56] SEAGER 1972: 126.

[57] ÍSLEIFSDÓTTIR 1985.

[58] HAEHLING 2010: 59.

[59] KORNEMANN 1947: 15.

[60] SEAGER 1972: 134.

[61] YAVETZ 2002: 75.

[62] SEAGER 1972: 134-136; LEVICK 1976: 94.

[63] Suet. Tib. 34.

[64] YAVETZ 2002: 76.

[65] Tac. Ann. 3, 54, 1; 3.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Kaiser Tiberius und der römische Senat
Untertitel
Eine gescheiterte Beziehung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Alte Geschichte)
Veranstaltung
Tiberius: Der traurige Kaiser
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V182625
ISBN (eBook)
9783656064985
ISBN (Buch)
9783656064787
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prinzipat, Tiberius, römischer Senat, römische Kaiserzeit, Kaiser, Rom., Antike, Augustus, Prinzeps, Senat, Tacitus, Monarchie, Republik, Cassius Dio, Sueton, Livia
Arbeit zitieren
Philip J. Dingeldey (Autor), 2011, Kaiser Tiberius und der römische Senat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/182625

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