Die unterschiedlichen Ursachen und Erklärungen des "rage incendiare" der Jugendlichen aus den "banlieues"


Hausarbeit, 2011

9 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Expertenmeinungen
2.1 Finkielkraut: Kulturkonflikt
2.2 Andere Standpunkte im Vergleich zu Finkielkraut
2.3 Machtlosigkeit der Schule und der Familie und ihre Folgen auf die Jugendlichen
2.4 Isolierung und Diskriminierung

3 Eigener Standpunkt mit Begründung

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Am 27. Oktober 2005 löst ein Vorfall in Clichy-sous-Bois, bei dem zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei umkommen, die „émeutes de novembre“(Lagrange 2006:37) aus. Bei den Aufständen werden Autos, Bibliotheken und Schulen angezündet, was u.a. zu gewaltsamen Aufeinandertreffen mit der Polizei und den Kräften der CRS führt. Auf der Seite der Unruhestifter finden sich zum großen Teil Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren, die aus armen Vierteln der Vorstädte vo5n Paris stammen. Anfang November greifen die Unruhen auf die Gebiete außerhalb von Paris über und breiten sich nach und nach in ganz Frankreich aus. Erst am 16. November ist die Serie der Brandstiftungen und Sachbeschädigungen eingestellt.

Bald beginnt die Suche nach Gründen und Erklärungen für diese Unruhen. Was hat die Jugendlichen zu solchen Taten bewegt? Welches Ziel haben sie verfolgt? In der vorliegenden Arbeit soll diesen Fragen nachgegangen werden. Als Grundlage werden dazu verschiedene Expertenmeinungen herangezogen und verglichen. Anhand von Darstellungen der Situation der Jugendlichen in den benachteiligten Vororten werden die aufgestellten Positionen in einem späteren Schritt bewertet und abschließend gegeneinander abgewogen.

2 Expertenmeinungen

Der französische Philosoph und Autor Alain Finkielkraut ist besonders kritisch in seiner Bewertung der Aufstände. Er gibt ein scharfes Urteil über die Unruhen, die er mit dem Begriff „rage incendiaire“ (Finkielkraut 2006) beschreibt.

2.1 Finkielkraut: Kulturkonflikt

Alain Finkielkraut sieht als wesentliche Ursachen für die Unruhen: einerseits einen Kulturkonfikt „éthnico-religieux“ (Cypel 2005), andererseits materielle Beweggründe „Que veulent-ils? C’est simple: l’argent, les marques, et, parfois, les filles“ (ebd.).

Er beschreibt die aufständischen Jugendlichen als „enfants de la téchnique“(Finkielkraut 2006), als ungeduldig („le culte de l’immédiatement“) (ebd.) und als geldorientiert („Du fric où je fais des conneries!“) (ebd.). Diese Jugendlichen gehören nach Alain Finkielkraut zu der Technikgeneration, sie sind darauf aus, die neuste Technik zu erwerben, aber ohne dafür Mühe und Fleiß aufzuwenden. Doch ohne Arbeit oder elterliche finanzielle Hilfe, fällt es den Jugendlichen aus den Vorstädten schwer, bei der Schnelllebigkeit des Konsums mitzuhalten und veranlasst sie zu randalieren.

Die Konsumorientierung der Jugendlichen steht, Alain Finkielkrauts Meinung nach, nicht im Bruch mit der französischen Gesellschaft, sondern spiegelt vielmehr das heutige Bild des Franzosen wieder: „ils en sont la caricature“ (Finkielkraut 2006). Alain Finkielkraut erkennt also in dem Konsuminteresse der gewalttätigen Jugendlichen aus den Vorstädten durchaus die Kultur Frankreichs: „une sorte d’occidentalisme échevelé“ (Finkielkraut 2006) und sieht damit eine gemeinsame Kultur zwischen den randalierenden Jugendlichen und dem anderen Teil der Gesellschaft. Doch gleichzeitig erklärt Alain Finkielkraut, dass die Unruhen auf einen kulturellen Konflikt zurückzuführen sind und lehnt die soziale Deutung der Aufstände ab: „On voudrait réduire les émeutes des banlieues à leur dimension sociale, y voir une révolte des jeunes contre la discrimination et le chômage“ (Cypel 2005).

Bei den aufständischen Jugendlichen handelt es sich um keine europäischen Immigranten, sondern um „noirs ou arabes, avec une identité musulmane“ (Cypel 2005), die aus ehemaligen Kolonien Frankreichs stammen. Die Feindseligkeit der aufständischen Jugendlichen gegenüber Frankreich ist demnach auf die Geschichte und die „anciennes puissances coloniales“ (Finkielkraut 2006) zurückzuführen. Die Jugendlichen möchten sich mit ihren Aufständen von Frankreich abgrenzen, demnach sind die Unruhen als Zeichen des Fremden zu deuten.

Die Unruhen stellen für Alain Finkielkraut eine Gefahr des republikanischen Konsens dar und sind als Zeichen des Hasses der Jugend gegenüber der Republik zu deuten: „Il s’agit d’un progrom antirépublicain: il y a en France des gens qui haissent la République“ (Cypel 2005). Alain Finkielkraut ist ein Verfechter der Republik und tritt für ihre unhinterfragte Akzeptanz ein. Folglich hat er aus dieser Sicht die Unruhen in Frankreich 2005 gedeutet und sieht in den Aufständen nicht den Willen der Verbesserung der Misere in den Vorstädten, sondern nur das Interesse die Republik zu zerstören.

2.2 Andere Standpunkte im Vergleich zu Finkielkraut

Das Problem der Unruhen ist vielfach diskutiert worden. Dabei lassen sich Stimmen anführen, die einerseits den Ausführungen von Finkielkraut zustimmen, andererseits eine Gegenposition einnehmen. Der Politiker Didier Peyrat sieht, ebenfalls wie Finkielkraut, keine sozialen Beweggründe für die Unruhen. Bei den Aufständen handle es sich lediglich um ein „phénomène minoritaire“ (Peyrat 2005), das statt sich für die soziale Gerechtigkeit einzusetzen Ungerechtigkeit schaffe. „Il n’y a, là-dedans, pas l’ombre d’une perspective de justice“ (ebd.). Über die wirklichen Gründe bleibe es zu spekulieren, weil die Unruhestifter diese weder geäußert hätten, noch nach diesen befragt würden. Für ihn sind die Unruhen als „des actes qui compriment nos libertés, qui creusent les inégalités et qui affaiblissent la fraternité“ (ebd.) und somit als eine Gefahr für die Werte der Republik zu verstehen. So erfasst Peyrat die Unruhen, wie Finkielkraut auch, als ein gegen die Republik gerichtetes Vorgehen, welches es mit staatlicher Gewalt zu unterdrücken gilt (vgl. Peyrat 2005).

Anders als Finkielkraut und Peyrat sieht der Soziologe und Historiker Emmanuel Todd in dem Vorgehen der unruhestiftenden Jugendlichen nicht ein antirepublikanisches, sondern ein mit den republikanischen Werten übereinstimmendes Verhalten. In diesem Zusammenhang fordern die Aufständischen die Verwirklichung der Werte der Republik. Die Unruhen sind dabei als eine Absage an die Ausgrenzung und als Ausdruck einer „aspiration à l‘égalité“ (Todd 2005) zu bewerten. Demnach wenden sich die Proteste gegen die Lebenssituation und die soziale Misere der Vorstädte und reihen sich in die Tradition „de soulèvement social“ (ebd.) ein, der die französische Geschichte seit jeher prägt. Dieses Streben nach der Verwirklichung der Ideale der Republik, Gleichheit und Freiheit, zeugt von einer Verinnerlichung dieser bei den Immigranten und somit von einer vollzogenen Integration.

Der Anthropologe Marc Hatzfeld vertritt wie Todd die Ansicht, dass die Mehrheit der Vorstadtbewohner gleich welchen Ursprungs „fidèle à l’ordre dit républicain, fort éprise et fière de la France“ (Hatzfeld 2005) ist. Sie seien stolz auf die Republik, trotz des Bedauerns, dass dieses Land sie nicht berücksichtigt, sogar vergisst. Frankreich „ne sache pas leur parler et […] ne les considèrent pas“(ebd.). Der Stolz und die Liebe, die sie Frankreich entgegenbringen, erwarten sie im Gegenzug auch von Frankreich zurück, werden allerdings von der französischen Gesellschaft nicht als Franzosen angenommen. „A force de rejets, ils refusent en bloc le système qui ne leur laisse le choix qu’entre l’humiliation et la soumission“ (ebd.). Diese Ausgrenzung und damit verbunden die Diskriminierung lösen bei ihnen den Widerstand aus, der sich in solchen Unruhen zeigt.

Diesen Gedanken führt der französische Rassismus- und Gewaltforscher Michel Wieviorka weiter aus. So sieht er die Unruhen als ein Ergebnis der sozialen Ungerechtigkeit. Gewalt diene als Ausdrucksmittel für die Wut und die Hoffnungslosigkeit der Jugendlichen, die in einer vom Rassismus und Diskriminierung geprägten Gesellschaft leben müssen: „le racisme, la discrimination, le rejet ajoutés à l’exclusion sociale…comment tout ça fabrique de la rage, et peut-être, dans certains cas, de l’affirmation ethnique“ (Bégaudeau u.a. 2007:113). Nichtsdestoweniger, von einer ethnischen Dimension zu sprechen, weil die Beteiligten der Aufstände eine bestimmte ethnische Zugehörigkeit aufweisen, sei falsch. Die Aussage „ils sont portés par l’ethnicité“ stimme nicht. Es ist eher andersherum. Die ethnische Diskriminierung ziehe Gewalt als Antwort auf diese nach sich (vgl. ebd.).

Festzustellen ist, dass die soziale Situation der Jugendlichen für die einen Erklärungsansätze liefert, für andere wiederum eine untergeordnete Rolle spielt. Deswegen ist es wichtig diese anhand der Informationen zur Schulausbildung, zum Familienleben und zu der Lebenswelt der Banlieue zu betrachten. Mit Hilfe der Darstellung kann beurteilt werden, inwieweit die Expertenmeinungen die Realität wiedergeben.

2.3 Machtlosigkeit der Schule und der Familie und ihre Folgen auf die Jugendlichen

Wie in dem ersten Kapitel deutlich wurde, führt Alain Finkielkraut die Unzufriedenheit und die abwertende Haltung der Jugendlichen in den Banlieues vor allem auf ihren ethnisch-religiösen Hintergrund zurück. Jedoch führt er keine sozialen Gründe für die Wut der Jugendlichen heran (vgl. Cypel 2005). Demgegenüber betrachten einige Journalisten und Lehrer auch das soziale Umfeld der Jugendlichen in den Banlieues, was ihren rage incendiare erklären könnte: Das heißt die Situation der Jugendlichen wird als eine Angelegenheit der Gesellschaft und insbesondere der Schule und der Familie betrachtet: „C´est dans l´école, la famille, la société que l´on trouvera la solution“ (Bissuel 2005). Die Schule nimmt neben der Familie als Ort der republikanischen Wertevermittlung einen besonderen Stellenwert ein. Jedoch sind viele Lehrer mit dem Erziehungsauftrag in der Schule überfordert und beklagen, dass sich viele Eltern der Jugendlichen aus der pädagogischen Verantwortung ziehen: „Beaucoup de parents nous disent: C´est à vous d´éduquer nos enfants“ (ebd.). Die verzweifelte Haltung der Eltern bezüglich ihrer Erziehung wird auch deutlich, wenn sie beispielsweise äußern: „Je ne sais plus quoi en faire“ (ebd.). Dass viele der Jugendlichen aus sozialschwachen und bildungsfernen Familien stammen, zeigt folgendes Zitat: „La grande majorité écoliers sont issus de milieux défavorisés. Sur les registres de l´école, à la case profession des parents, on lit souvent femme ou homme de ménage, chômeur” (ebd.). Hinzu kommt, dass die Eltern, in den meisten Fällen der Vater, gewalttätig, alkoholabhängig oder einfach nur unausgeglichen ist (vgl. Bromberger 2006:180).

Diese prekäre Situation in den Familien erklärt warum es den Lehrern schwer fällt Unterrichtsinhalte zu vermitteln, welche weit entfernt von den Problemen der Jugendlichen aus den Banlieues sind: „Les valeurs, les connaissances et le savoir enseignés par l´école sont, dans l´ensemble, très éloignés des préoccupations quotidiennes des membres des groupes de pairs adolescents“ (Lepoutre 1997:72). Hinzu kommt, dass viele der Jugendlichen es im Unterricht ablehnen zu gehorchen und zu arbeiten: „[…] qui refusent totalement d´obéir, de travailler“ (Bissuel 2005). Die erläuterten Standpunkte der verschiedenen Personen stimmen mit der Position Finkielkrauts bezüglich der Abneigung der Wert- und Gesellschaftsordnung der Jugendlichen zum größten Teil überein. Jedoch führen sie die Wut der Jugendlichen im Gegensatz zu Finkielkraut nicht auf ihren ethnisch-religiösen Hintergrund, sondern auf ihre sozialen Umstände, wie beispielsweise ihre prekäre Situation in den Familien zurück.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die unterschiedlichen Ursachen und Erklärungen des "rage incendiare" der Jugendlichen aus den "banlieues"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
„Paris-Banlieue“
Autor
Jahr
2011
Seiten
9
Katalognummer
V183079
ISBN (eBook)
9783656072225
ISBN (Buch)
9783656072515
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ursachen, erklärungen, jugendlichen
Arbeit zitieren
Jacklin Pora-Leonowicz (Autor), 2011, Die unterschiedlichen Ursachen und Erklärungen des "rage incendiare" der Jugendlichen aus den "banlieues", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183079

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die unterschiedlichen Ursachen und Erklärungen des "rage incendiare" der Jugendlichen aus den "banlieues"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden