Interpassivität - Das Kunstwerk betrachtet sich selbst

Kann ein Kunstwerk sich selbst betrachten?


Ausarbeitung, 2011

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Interpassivität nach Robert Pfaller

3. Das Kunstwerk betrachtet sich selbst

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Bücher/ Zeitschriften
5.2 Internet
5.2 weitere Quellen

1. Einleitung

Zu Beginn der neunziger Jahre galt Interaktivität als „State of the Art“, also das Maß aller Dinge. Sämtliche Bereiche, wie die Kunst, die Populärkultur und auch die kulturwissenschaftliche Theorie, wurden zu diesem Zeitpunkt von interaktiven Vorgängen bestimmt. Schon seit den siebziger Jahren war dieser Trend in den Arbeiten einiger Künstler zu erkennen (vgl. Referat: Kleinke, Manuela zu Dieter Daniels, „Strategien der Interaktivität“). So ebnete beispielsweise Myron Krueger mit Arbeiten, wie seinem „Lebenswerk“ Videoplace (1972 - 1985) den Weg in eine interaktive Hochzeit der Neunziger (vgl. Referat: Reusner, Tina Therese zu Myron Krueger). Es galt weg zu kommen von den eingestaubten Vorstellungen eines Sender - Empfänger Modells, was von einem linearen Ablauf zwischen Produzent und Rezipient ausging. Künstlerische - und kulturelle Vorgänge sollten ihre alten Strukturen aufbrechen und die Grenzen zwischen Akteur und Zuschauer verschwimmen lassen. So entwickelte sich eine Art „Mitmach-Kultur“, die plötzlich eine neue Demokratisierung der Gesellschaft entstehen ließ, in der die Rezipienten zu Produzenten wurden und so viele verschiedene Einflüsse speziell in die künstlerische Produktion einfließen konnten. Das interaktive Kunstwerk war weitgehend unbestimmt, dass heißt die Zuschauer sollten in der Lage sein es vor Ort, zur jeweiligen Zeit, direkt mit zu gestalten. Um diese Interaktion zu erreichen, war der Künstler gefordert, sich weitgehend im Hintergrund zu halten und so seine individuelle Autorschaft zu Gunsten der unbestimmten und offenen Handlung zu opfern. Auch der Anspruch auf Dauerhaftigkeit und langfristige Bedeutung eines Kunstwerkes rückte so in den Hintergrund. Durch diese Entwicklung wurde speziell für die Kunst angenommen, dass der eigentliche Rezipient eines Kunstwerkes, der jetzt zu einem Teil davon werden konnte, einen noch nie dagewesenen, ästhetischen Genuss empfinden würde, welcher den Blick auf die Kunst und das Verständnis von Kunst, nachhaltig verändern sollte (vgl. Pfaller, 2008, S. 288-289).

Doch bereits Mitte der neunziger Jahre riefen diese Annahmen erste Kritiker, wie den slowenischen Philosophen, Kulturkritiker und nicht praktizierenden lacanianischen Psychoanalytiker, Slavoj Zizek auf den Plan. Zizek, der sich hauptsächlich mit der Weiterentwicklung und Anwendung, der psychoanalytischen Theorien nach Jacques Lacan, auf die Populärkultur und Kulturkritik befasste, analysierte im Rahmen seiner Arbeit das „Dosengelächter“ (canned laughter) von so genannten Sitcoms, also komödiantischen Serien. Er behauptete, dass dieses vorgegebene Lachen, welches dem Bild an scheinbar amüsanten Stellen unterlegt wurde, das Lachen der Zuschauer ersetze und diese so, ohne der Handlung zu folgen oder selbst lachen zu müssen, unterhalten würden. Zizek folgerte daraus, dass unsere Gefühle und Überzeugungen nichts Inneres sind, sondern eine außen angesiedelte, objektive Existenz führen können (vgl. Zizek, 1991, S. 50 ff.).

Diese Theorie nach Zizek, greift Robert Pfaller, ein österreichischer Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft, erneut auf und entwickelt sie in seinem Buch „Interpassivität. Studien über delegiertes Genießen“ (2000) weiter. Pfaller ist der Erste, der den heute viel diskutierten Begriff der „Interpassivität“ (vgl. Pfaller, 1996) in den Mund nimmt, obwohl an dieser Stelle zu erwähnen ist, dass die Begrifflichkeit zwar eine neue ist, die Annahmen allerdings sehr stark mit denen nach Zizek und Lacan korrelieren.

Im Folgenden möchte ich den Begriff der Interpassivität näher beleuchten und ihn speziell auf seine Anwendbarkeit in der Kunst überprüfen. Hierzu werde ich zunächst versuchen, eine Begriffsdefinition vorzunehmen und Interpassivität zu erklären. Im nächsten Schritt werde ich mich dann speziell auf Interpassivität in der Kunst konzentrieren und versuchen der Aussage: „Das Kunstwerk betrachtet sich selbst“ auf den Grund zu gehen. Hierzu werde ich unter anderem eine Arbeit heranziehen, die wir im Seminar „Interaktiv, Interpassiv. Medien/ Kunst und das Gegenüber“ kennengelernt haben und diese auf interaktive - bzw. interpassive Anteile überprüfen. Im Fazit werde ich versuchen meine Erkenntnisse zusammen zu fassen und mich kritisch mit dem Begriff der Interpassivität auseinander zu setzen, um so zu einer Beantwortung meiner kleinen Forschungsfrage, „kann ein Kunstwerk sich selbst betrachten“, zu gelangen.

2. Interpassivität nach Robert Pfaller

Interpassivität ist nach Pfaller delegiertes Genießen (vgl. Pfaller, 2008, S. 293).

Seine These beruht auf der Annahme nach Freud und Lacan, dass die menschliche Persönlichkeit aus drei wesentlichen Teilen besteht: dem „ES“ - dem „ICH“ und dem „ÜBER-ICH“. Jeder dieser Bereiche ist demnach für verschiedene Empfindungen zuständig. So steht das „ES“ für das Lustprinzip, welches die Triebe, das Verlangen und die Instinkte steuert und für das Genießen zuständig ist, das „ICH“ für das Realitätsprinzip, also die Wahrnehmung im hier und jetzt und das „ÜBER-ICH“ für die moralische Instanz, welche mit dem Gewissen gleichzusetzen ist (vgl. Freud in: Psychologie des Unbewussten, 1982, S. 273- 325).

„Interpassive Subjekte“ (Pfaller, 2008, S. 294), wie Pfaller Menschen die interpassiv handeln bezeichnet, flüchten demnach vor ihrem eigenen Genießen, welches vom Lustprinzip des „ES“ bestimmt wird. Sie delegieren innere Gefühle und Emotionen an eine außenstehende Instanz, die nach Zizek als äußerer Agent bezeichnet wird (vgl. Zizek, 1991, S. 50 ff.). Diese Instanz können Gegenstände, Menschen, Tiere oder ähnliches sein, welche für die interpassiven Subjekte ihren Genuss übernehmen (vgl. Pfaller, 2008, S. 293). Freud und Lacan stellten fest, dass oftmals eine Verunsicherung von der Konfrontation mit starken Gefühlsregungen ausgeht, welche die interpassiven Subjekte dazu veranlasst ihre Emotionen an andere zu delegieren und sich so vor echter Anteilnahme zu schützen. Pfaller fügt dieser Furcht vor echten Gefühlen hinzu, dass die interpassiven Subjekte auf diese Weise auch der Konfrontation mit ihrem „ÜBER- ICH“, also ihrem Gewissen entgingen. So könne z.B. eine Person die sich einen Pornofilm ansehe, ihre geheimen Fantasien und Lüste (Lustprinzip) ausleben, indem sie diese auf die Darsteller im Film bzw. den Film als Produkt verlagere. Ihr Lustempfinden würde so befriedigt, allerdings ohne sich vor dem „ÜBER- ICH“ dafür rechtfertigen zu müssen. Durch diese Auslagerung, so Pfaller, könne man sein Lustempfinden ausleben, ohne dafür „bestraft“ zu werden. Ohne diese Auslagerung allerdings gäbe es nur zwei Möglichkeiten, entweder man müsse realen Ehebruch begehen und so dem Lustprinzip entsprechen oder man füge sich seinem „ÜBER-ICH“ und hätte zwar ein reines Gewissen, aber ein unbefriedigtes Lustempfinden. Also findet nach Pfaller an dieser Stelle keineswegs eine Art Askese (Lustverzicht) statt, sondern die interpassiven Subjekte empfinden ihre Lust im Akt des Delegierens selbst (vgl. Zizek, 1991, S. 50 ff. zit. nach Pfaller, 2008, S. 303-305).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Interpassivität - Das Kunstwerk betrachtet sich selbst
Untertitel
Kann ein Kunstwerk sich selbst betrachten?
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V183416
ISBN (eBook)
9783656076513
ISBN (Buch)
9783656076353
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interpassivität, kunstwerk, kann
Arbeit zitieren
Benjamin Müller (Autor), 2011, Interpassivität - Das Kunstwerk betrachtet sich selbst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183416

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