Demenz - Pflegetheorien: Eine pflegewissenschaftliche Betrachtung der Konzepte von Feil und Böhm


Wissenschaftliche Studie, 2011
83 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1 Grundlagen der Konzeptevaluation
1.1 Entwicklung und Begründung des Untersuchungs­instrumentes

2 Konzeptauswahl und Begründung

3 Validation nach Feil
3.1 UrsprungundtheoretischerHintergrund
3.2 Zentrale Aussagen
3.2.1 Zusammenfassung der zentralen Aussagen
3.3 Menschenbild und das Verständnis von Gesundheit und Krankheit
3.3.1 Quellenkritik
3.3.2 Inhaltliche Kritik
3.4 Philosophische Ausrichtung und ethische Positionen
3.5 Anforderungsprofil
3.6 Zusammenfassung

4 Das psychobiographische Pflegemodell nach Böhm
4.1 UrsprungundtheoretischerHintergrund
4.2 Zentrale Aussagen
4.2.1 Zusammenfassung der zentralen Aussagen
4.2.2 Kritik
4.3 Menschenbild und das Verständnis von Gesundheit und Krankheit
4.4 Philosophische Ausrichtung und ethische Positionen
4.5 Anforderungsprofil
4.6 Zusammenfassung

5 Diskussion und Vergleich
5.1 Theoretische Haltbarkeit
5.2 Praktische Brauchbarkeit

6 Zusammenfassung

Fazit

Literaturverzeichnis

Vorwort

„Demente Menschen, für die das Leben der Emotionen oft intensiv und ohne die üblichen Hemmungen verläuft, haben dem Rest der Menschheit unter Umständen etwas Wichtiges zu lehren. Sie bitten uns sozusagen, den Riß im Erleben, den die westliche Kultur hervorgerufen hat, zu heilen und laden uns ein, zu Aspekten unseres Seins zurückzukehren, die in evolutionärem Sinne viel älter sind, stärker mit dem Körper und seinen Funktionen im Einklang stehen und dem Leben aus dem Instinkt heraus näher sind..“ (Kitwood, 2005: 23)

Dieser Aussage von Tom Kitwood schließe ich mich an. Die Begleitung von Menschen mit Demenz, ihren Angehörigen und Professionellen war und ist für mich eine Bereicherung. Sie lässt keinen Stillstand zu und eröffnet ständig neue Perspektiven des Mensch - Seins, die in einer normierten Welt zu kurz kommen. Das Leben im Augenblick lässt keine Verstellung, keine Konzessionen an implizite Regeln und Erwartungen zu. Es ist ganz einfach ehrlich, kongruent und emotional. Wenn wir die Chance wahrnehmen, situativ daran teilzunehmen, uns darauf einlassen und den ein oder anderen Schritt mitgehen, eröffnen sich auch Perspektiven für die eigene Reflektion. Voraussetzung dafür ist eine professionelle Gelassenheit mit der Bereitschaft, das eigene Verhalten, die eigene Haltung immer wieder in Frage zu stellen.

Vorliegende Arbeit entstand auf vielfachen Wunsch von Studierenden, Auszubildenden und Weiterbildungsteilnehmerinnen, die sich mit pflegetheoretischen Ansätzen in der Begleitung von Menschen mit Demenz beschäftigen (mussten/müssen).

Sie ist ein Ausschnitt aus meiner Masterthesis im Fach Pflegewissen­schaften an der evangelischen Fachhochschule Darmstadt, die unter dem Titel: „Philosophische Grundlagen in Konzepten zur Begleitung demenziell erkrankter Menschen in der stationären und ambulanten Altenhilfe“ 2008 im Grin - Verlag veröffentlicht wurde.

In der Masterthesis, die im Studienschwerpunkt Ethik verfasst wurde, stand die philosophische Auseinandersetzung mit Konzepten zur Begleitung von Menschen mit Demenz im Vordergrund. Das Augenmerk lag auf dem, den Theorien zugrunde liegenden Menschenbild und den daraus ableitbaren ethischen Anforderungen an professionell Handelnde.

Als „Nebenprodukt“ ergab es sich, dass die theoretischen Ansätze auch auf ihre wissenschaftliche und inhaltliche Haltbarkeit und ihre praktische Brauchbarkeit untersucht wurden.

Die Ergebnisse waren mehr als ernüchternd und führten, mit einiger Verzögerung und „Druck“ (s. o.) zu dieser Arbeit Im Fokus stehen hier ausschließlich die theoretischen Ansätze der Validation nach Naomie Feil und das Psychobiographische Pflegemodell von Erwin Böhm, die unter wissenschaftlichen Kriterien, in Anlehnung an Fawcett, betrachtet und evaluiert werden.

Einleitung

Der demographische Wandel unserer Gesellschaft geht einher mit einem deutlich ansteigenden Anteil alter und hochalter Menschen Mit dieser Entwicklung steigt auch das Risiko an einer dement und pflegebedürftig zu werden (vgl. DZA Gerostat, 20.04.2008) überproportional.

Bereits 1983 bezeichnet Thomas die Demenz als „Jahrhundertkrankheit“ (Thomas, zit. von Wetzstein, 2005: 11), Bergmann (2002) bezeichnet sie als „Alterserkrankung der Zukunft“ (ebd.) und Förstl (2008) spricht von einer „modernen Volkskrankheit.“ Andere sprechen von einer „häufigen Daseinsform“ (Tackenberger, Abt - Zegelin, 2004: 293), einem „Merkmal der industrialisierten Gesellschaften“ (Kitwood, 2005: 17), einer „Zivilisation zweiter Ordnung“ (Klie, 2004: 61) oder bezeichnen sie als „soziale Schwellenkrankheit“ (Grond, 2004: 44).

Die öffentliche Diskussion zum Thema Demenz wird „nahezu ausschließlich von medizinischen Aussagen und Forschungsergebnissen“ (Wetzstein, 2005: 12) geprägt. Der Medizin wird die „Deutungskompetenz“ (ebd.: 14) zugeschrieben und ein „durch naturwissenschaftliche Charakteristika bestimmtes Demenz - Konzept“ (ebd.: 15) zugrunde gelegt. Da die meisten demenziellen Erkrankungen einer kausalen, medizinischen Therapie nicht zugänglich sind (vgl. u.a. Großjohann, 2004: 11; Schröder, 2004: 26; Wojnar, 2007: 42, Synofzik/Maetzler, 2007: 270), ergibt sich daraus die Gefahr, dass andere Betrachtungsweisen unterrepräsentiert sind, kaum wahrgenommen werden und selbst in professionellen Kreisen nicht ausreichend zur Geltung kommen (vgl. Wetzstein: 16).

Zuerst zaghaft (u.a. Grond, 1984, Feil, 1990, Böhm, 1990), in den letzten Jahren zunehmend (u.a. Bosch, 1998, Gutensohn, 2000, Kitwood, 2000, Tackenberg, Abt - Zegelin 2000, van der Kooij, 2004, Wojnar, 1999, 2001/1, 2001/2 2007), werden die Stimmen lauter, die ein anderes „ganzheitliches Verständnis von Demenz, das Demenz nicht als Defizit, sondern als Lebensform begreift“ (Klie, 2004: 270) fordern.

Mit dem sich abzeichnenden Paradigmenwechsel im Verständnis von demenziellen Erkrankungen wird „ein interdisziplinärer gesellschaftlicher Diskurs“ (Wetzstein, 2005: 12) gefordert. Hier kommt der Pflege als Praxis- und Wissenschaftsdisziplin zentrale Bedeutung zu, um „fundierte und übertragbare Erkenntnisse für die Arbeit mit dementierenden Menschen zu entwickeln“ (Tackenberg/Abt - Zegelin, 2004: 293) und „Fragen der Pflege, der ertragbarmachenden Bedingungen und Ansätze“ (ebd.) zu beforschen.

Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit, bestehende und verbreitete Konzepte nach wissenschaftlichen Kriterien zu evaluieren. Den Anfang dabei machen die beiden in Deutschland bekanntesten Ansätze: die Validation nach Feil und das Psychobiographische Pflegemodell nach Böhm (s. a. Kap.3)

Im Folgenden wird zuerst kurz erklärt und begründet, nach welchen Kriterien die Konzepte untersucht werden. Danach werden sie inhaltlich vorgestellt und kritisch reflektiert, verglichen und bewertet.

1. Grundlagen der Konzeptevaluation

ln pflegewissenschaftlichen Literatur finden sich unterschiedliche Ansätze, die für die Evaluation von Pflegemodellen/-theorien/-konzepten, die in Tab. 1 kurz zusammengefasst werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch wenn nicht explizit erwähnt kommt dem vorherrschenden Menschenbild, den damit verbundenen Vorstellungen über Gesundheit, Wohlbefinden und Krankheit sowie die sich daraus ergebende Wertehaltung (vgl. Großklaus - Seidel, 2002: 19) eine zentrale Bedeutung zu.

Sie bestimmen das praktische Handeln und sind abhängig von vielfältigen Faktoren. Dazu gehören fachliches Wissen verbunden mit der Fähigkeit zur Reflektion, um Handeln verantwortlich argumentieren und gestalten zu können und die Bereitschaft einer partnerschaftlichen Beziehungsgestaltung. Sie tragen wesentlich dazu bei, ein Milieu zu schaffen, das die Lebensqualität von Menschen mit Demenz fördert.

Monika Krohwinkel (1993) beschreibt vier Schlüsselkonzepte einer „ganzheitlichen, gesundheitsfördernden Prozeßpflege“ in der sich diese Anforderungen wieder finden:

1. Person „Das zentrale Interesse der Pflege ist die Person. Person meint hier in erster Linie den pflegebedürftigen Menschen, schließt aber die pflegende Person mit ein.“ (Krohwinkel, 1993: 19)

„Person“ ist definiert als „einheitliches integrales Ganzes, das mehr und anders ist als die Summe seiner Teile, mit einer eigenen Identität und Integrität“ (Rogers 1970, zit. von Krohwinkel, 1993, ebd.)

Diese Aussage orientiert sich an der humanistisch-psychologischen Sicht (vgl. ebd.) von Maslow (1980). Nach ihr hat jeder Mensch das Potential zur Entwicklung, zum Wachstum und zur Selbstverwirklichung.

2. Umgebung

„Umgebung wird ganzheitlich betrachtet und als wichtigste externe Komponente für Leben, Gesundheit und Wohlbefinden des Menschen angesehen. Mensch und Umgebung werden als offene, interagierende Systeme verstanden. Als Teil der Umgebung werden andere Menschen, aber auch andere Lebewesen betrachtet. Darüber hinaus gehören zum Konzept „Umgebung“ aber auch ökologische, physikalische, materielle und gesellschaftliche Faktoren, welche Leben, Gesundheit und Lebensqualität des Menschen beeinflussen“ (Krohwinkel, 1993: 19)

Neben der Interaktion Patient - Pflege bekommt das Beziehungsumfeld der Patient - Pflege -Beziehung zentralen Stellenwert zugewiesen. Von großer pflegerisch - therapeutischer Bedeutung ist die Gestaltung des Lebensumfeldes, das Schaffen einer gesundheitsfördernden Atmosphäre, die Gestaltung des Milieus.

3. Gesundheit „Aus einem ganzheitlichen Verständnis heraus werden Gesundheit und Krankheit nicht als Zustand, sondern als dynamischer Prozess definiert. Diese Sichtweise ermöglicht es, sich nicht nur auf pathologische Abweichungen (Defizite) zu konzentrieren, sondern insbesondere auch die konstruktiven Attribute (Fähigkeiten) des Menschen (Person) herauszufinden.“ (Krohwinkel, 1993: 21)

4. Der pflegerische Handlunqsprozess

Ausgangspunkt des pflegerischen Handlungsprozesses sind die Bedürfnisse/ Probleme und Fähigkeiten des pflegebedürftigen Menschen und ihre Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden. Diese Bedürfnisse und Fähigkeiten werden ganzheitlich gesehen. Dies bedeutet, sie können nicht fragmentiert werden in physisch - funktional, willentlich - emotional, kulturell oder sozial, sondern jedes Bedürfnis physiologischen, psychologischen, sozialen und ähnlichen Kategorien differenziert, sondern jedes Bedürfnis auch wenn es primär physisch - funktional, willentlich - emotional, kulturell oder sozial ist, in allen anderen Komponenten mit enthalten. (Krohwinkel, 1993: 21)

Diese vier Schlüsselkonzepte bieten sich, nicht zuletzt, weil die Mehrzahl der deutschen ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen (s. Anlage 1) sich auf den theoretischen Ansatz von Krohwinkel beruft, als ein Orientierungsinstrument für die Auseinandersetzung mit Konzepten in der Begleitung von Menschen mit Demenz an.

Eine der ersten Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Pflegetheorien im deutschen Sprachraum findet sich bei Aggleton/Chalmers (1989). In ihrem siebenschrittigen Analyseansatz steht das, in den Modellen zugrunde liegende, Menschenbild an erster Stelle.

Fawcett schlägt, im ersten umfassenden Werk, dass im deutschen Sprachraum veröffentlicht wurde, für die „Analyse und Evaluation konzeptioneller Modelle“ (vgl. 1996: 57 ff) fünf Betrachtungsebenen s. o. vor:

Die Darlegung des Ursprungs

Darunter versteht sie die wissenschaftliche Orientierung und die zugrunde liegenden Überzeugungen und Wertvorstellungen der Urheberinnen.

Die inhaltliche Reichweite

Betrachtet wird die inhaltliche Tiefe, unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Haltbarkeit und der ethischen Ausrichtung, sowie die inhaltlich Breite, die den Verwendungszweck des Modells betrachtet.

Die logische Kongruenz

Sie dient der Überprüfung der logischen Übereinstimmung in der Gedankenführung der Autorinnen in Bezug auf die wissenschaftlichen Ausführungen,

Die Ableitung von Theorien

Hier stellt sie die Frage, inwieweit das Modell dazu geeignet ist, Theorien für das pflegerische Handeln daraus abzuleiten und dieses Handeln wissenschaftlich zu evaluieren.

Die Glaubwürdigkeit

Aus der Perspektive der Glaubwürdigkeit muss sich eine Theorie in konkreten pflegerischen Situationen und unter Beteiligung der Berufstätigen bewähren. Als Messgrößen nennt sie praktische Nützlichkeit, kulturelle Kongruenz und soziale Signifikanz (ebd.: 64).

1.1 Entwicklung und Begründung des Untersuchungs­instrumentes

Für die Auseinandersetzung mit den Konzepten zur die Begleitung von Menschen mit Demenz wird folgendes Vorgehen (s. a. Tabelle 2) gewählt:

- Im ersten Schritt werden die Ursprünge des Konzeptes, der theoretische Hintergrund und, soweit möglich, biographische Aspekte der Verfasserin („Darlegung des Ursprungs“) dargestellt.
- Es folgt eine Zusammenfassung der zentralen Aussagen („inhaltliche Reichweite und logische Kongruenz“)
- Anschließend wird das, dem Konzept zugrunde liegende, Menschenbild („Person“) und das sich abbildende Verständnis von Gesundheit und Krankheit („Gesundheit“) diskutiert.
- Die philosophischen Ausrichtung des Konzeptes und die vertretenen ethischen Positionen werden im vierten Schritt betrachtet.
- Abweichend von dem, in der Literatur erwähnten, Evaluationsvorschlägen, wird im fünften Schritt untersucht, welche Kompetenzen bzw. welches Anforderungsprofil für die Umsetzung des Konzeptes notwendig sind. In Anlehnung an Krohwinkel (1993) lässt sich dieser Schritt unter den Begriffen „Umwelt“ und „pflegerischer Handlungsprozess“ subsumieren.
- Abschließend werden die unterschiedlichen Ansätze kritisch bewertet („Glaubwürdigkeit“) und vergleichend diskutiert

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Konzeptauswahl und Begründung

Eine Auseinandersetzung mit allen, alleine in Deutschland, diskutierten und bestehenden Ansätzen zur Begleitung von Menschen mit Demenz, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, so dass eine Begrenzung notwendig ist.

Für diese bietet sich, als erstes Auswahlkriterium, die von Wetzstein (2005) vorgeschlagene Aufteilung in „medizinisch - naturwissenschaftlich orientierte“ und „personenorientierte“ Konzepte an.

Eine vertiefende und umfassendere Auseinandersetzung mit Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit findet sich bei Franke (2006). Wetzstein setzt sich intensiv in Bezug auf die Diagnose Alzheimer aus ethischer Perspektive damit auseinander, so dass hier auf diese beiden verwiesen werden kann.

In den pflegetheoretischen Ansätzen zur Begleitung von Menschen mit Demenz werden in Deutschland weitgehend personenorientierte Ansätze favorisiert. Eine Ausnahme bildet hier Sven Lind (2003/2007), der diese konsequent ablehnt und eine ausschließliche Orientierung an der Neurologie als Leitwissenschaft fordert.

Bei der Auswahl der Konzepte wurden deren Verbreitung und ihre Bekanntheit in der Praxis zugrunde gelegt. Als Maß für die Verbreitung wurden die publizierten Auflagen der Autorinnen gewertet. Die Bekanntheit wurde ermittelt, indem (randomisiert) 21 Altenpflegeschulen von 335 im Internet (vgl. http://www.altenpfleqeschueler.de/altenpfleqeschulen/index. php) aufgeführten und fünf gerontopsychiatrische Weiterbildungsstätten telefonisch danach befragt wurden, welche Konzepte unterrichtet werden. Weiterhin wurden insgesamt 187 Praktikerinnen aus der stationären und ambulanten Altenhilfe bei Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen befragt, welche Konzepte ihnen (namentlich) bekannt sind. Die beiden Konzepte mit der höchsten Verbreitung und Bekanntheit wurden für diese Arbeit ausgewählt und werden in dieser Reihenfolge dargestellt.

Am häufigsten genannt wurde die „Validation nach Feil“, in 19 Altenpflegeschulen und an vier Weiterbildungsinstituten wird Validation nach Feil unterrichtet. Alle befragten Pflegekräfte hatten davon gehört, nach eigenen Angaben, hatten 142 der Befragten auch eine konkrete Vorstellung
von dem Konzept. 93 Teilnehmerinnen hatten, selber bereits an einer Fortbildung, in der Regel 2 - tägiges Grundlagenseminar, nach Feil teilgenommen. Nach Angaben des Verlages orientieren sich über 30 000 Einrichtungen weltweit an diesem Konzept und mehr als 100 000 Pflegende und Angehörige wurden darin geschult (vgl. 2005: 164).

An zweiter Stelle folgt das „Psychobiographische Pflegemodell nach Böhm“. In 15 Altenpflegeschulen und in den fünf Weiterbildungsstätten wird es unterrichtet und 136 befragte Pflegekräfte kannten es namentlich. 104 gaben an, damit ganz konkrete Vorstellungen zu verbinden.

Nachfolgend werden die beiden Konzepte nach den in Kapitel fünf vorgestellten Kriterien untersucht.

3 Validation nach Feil

Das Konzept der Validation nach Feil („Validation, The Feil Method“) wurde 1982 erstmalig veröffentlicht, Ihr Buch: „Validation. Ein neuer Weg zum Verständnis alter Menschen“, erschien 1990 in deutscher Sprache und liegt inzwischen (seit 2005) in der 8. Auflage, die sie zusammen mit ihrer Tochter Vicki de Klerk - Rubin, schrieb vor.

Der Begriff „Validation“ ist urheberrechtlich geschützt und die Ausbildung in der Validation über autorisierte Institute geregelt. Die Qualifikation der Anwender findet in vier aufeinander aufbauenden Stufen, Anwender, Gruppenleiter, Lehrer und Master/Experte statt. In der Auseinandersetzung mit Feil's Konzept werden die Versionen von 1993 und die von 2005 betrachtet.

3.1 Ursprung und theoretischer Hintergrund

Naomie Feil (vgl. Feil, 1993; socialnet, 2008; EVA, 2008), wurde 1932 in München geboren, musste als Jüdin, 1936 mit ihren Eltern nach Amerika fliehen. Sie wuchs im Montefiore - Altenheim in Cleveland, Ohio, in dem ihre Eltern in der Arbeit mit verwirrten alten Menschen tätig waren, auf. Ihr Studium der Sozialarbeit an der New York School of Social Work schloss sie 1956 mit einem Masters Degree ab.

Bis 1963 war sie als Abteilungsleitung für Gruppenarbeit im Bird S. Coler - Spital auf Welfare Island und im Hodson Community Center tätig. Danach kehrte sie in das Montefiore - Altenheim zurück und war dort als Gruppenleiterin und an der Case Western Reserve University, in Cleveland, Ohio, als Assistenzprofessorin tätig. Von 1963 - 1980 entwickelte sie, auch aus Unzufriedenheit mit dem vorherrschenden Realitätsorientierungstraining (ROT), die Methode der Validation, die sie 1982 veröffentlichte.

Naomie Feil war auch einige Jahre als Off - Broadway Schauspielerin tätig, nähere Angaben dazu werden aber nicht gemacht.

Feil gibt an ihr Konzept insbesondere auf die analytische und die humanistische Psychologie und Psychotherapie zu stützen. Für ihre theoretischen Annahmen (vgl. 1993: 12) beruft sich auf einzelne (zentrale?) Aussagen von Rogers, Freud, Maslow, Jung, Zuckermann, Penfield, Schettler/Boyd, Verwoerd und Wells sowie auf behavioristische Ansätze in der Verhaltenserklärung. Eine zentrale Stellung nimmt Eriksons (1966) „Theorie der Lebensstadien und Aufgaben“ ein, deren sechs Stadien und die dazugehörenden Aufgaben, bzw. die Folgen des Misslingens dieser, ausführlich (1993: 13ff) dargestellt werden. Sie erweitert diese Stadien um eine siebte*, die sie als „Hohes Alter“ (1993: 20) bezeichnet. Die dazu gehörende Aufgabe ist es, die Vergangenheit zu verarbeiten (vgl. ebd.).

„Sehr alte Menschen, die mit ihren tiefen, ungelösten Gefühlen aus früheren Stadien festsitzen, kehren oft in die Vergangenheit zurück, um diese Gefühle zu lösen. Sie bereiten sich auf die letzte Reise vor. Sie mustern die schmutzige Wäsche aus, die sich im Lagerhaus der Vergangenheit angesammelt hat.“ (ebd.: 20f). Wenn dies nicht gelingt, oder entsprechende Hilfe zum Gelingen nicht (durch die Validation) geleistet wird, „ziehen sie sich in das Vegetieren zurück“ und werden zu „lebenden Toten in unseren Pflegeheimen“ (ebd.: 21).

Ein Leugnen der mit zunehmendem Alter zwangsläufig auftretenden körperlichen und sozialen Verluste führt zu Desorientierung (vgl. ebd. S.25), als Schutz vor den Anforderungen der Gegenwart (vgl. ebd.: 26ff).

In der aktuellen Ausgabe (vgl. 2005: 19ff) wird die Bedürfnispyramide von Maslow (1908 - 1970) zum besseren Verständnis von alten Menschen (vgl. ebd.: 19) herangezogen.

Vicki de Klerk - Rubin, Krankenschwester, Bachelor of Fine Arts und Master für Business Administration, ist Europa - Managerin des Validations­Trainings - Institutes (vgl. 2005: 164)

3.2 Zentrale Aussagen

Für Feil haben desorientierte sehr alte Menschen ein produktives Leben geführt und normal funktioniert (vgl. ebd.: 29) bevor die Summe der Verluste sie in die Vergangenheit flüchten lässt. Dabei sind hirnorganische Veränderungen kein kausal ausreichendes Kriterium (vgl. ebd.: 30). Desorientierte sehr alte Menschen (ebd.: 28f)

- besitzen kein flexibles Verhaltensrepertoire
- halten an überholten Rollen fest
- müssen mit unbewältigten Gefühlen ringen
- ziehen sich aus der Gegenwart zurück, um überleben zu können
- weisen signifikante kognitive Leistungseinbußen auf und sind nicht mehr zu intellektueller Einsicht fähig.

Validation hat die Aufgabe, „dem sehr alten, desorientierten Menschen bei der Erfüllung seiner Lebensaufgaben zu helfen“ (ebd.: 36). Dies geschieht durch empathisches Zuhören, der Wertschätzung und dem Bestätigen der Gefühle damit verdrängte Emotionen befreit werden (vgl. ebd.).

Der Validationsanwender „ist ein Super - Erwachsener“ der „spontane, tiefe Gefühle der sehr alten Menschen akzeptieren und mit Empathie spiegeln.“ (ebd.: 37) kann, aber er soll „kein Analytiker“ (ebd.; 38) sein. Er „ist ein „Übermensch“ (für 3 bis 10 Minuten, 2005: 51), denn er bringt für sehr alte, desorientierte Menschen Empathie auf und achtet ihre Gefühle als echte, ohne zu wissen, warum der alte Mensch sich so verhält.“ (ebd.: 38)

Validation basiert auf drei Prinzipien (vgl. ebd.: 47f):

- den sog. Verhaltensprinzipien, sie erklären das Verhalten von demenziell erkrankten Menschen aus behavioristischer Sicht,
- Entwicklungsprinzipien, sie erklärten das Erleben aus entwicklungs-psychologischer Sicht und
- Psychologische Prinzipien, die Gefühle aus psychoanalytischer Sicht erklären.

Desorientierung (vgl. ebd.: 49) wird in vier Stadien, die in der aktuellen Version (vgl. 2005: 64ff) Phasen genannt werden, eingeteilt. Die einzelnen Stadien folgen aufeinander (falls nicht durch die Validation verhindert) und für jedes Stadium werden eindeutige körperliche und psychologische Charakteristika beschrieben.

Phase (Stadium) I: Manqelhafte/unqlückliche Orientierung (orientiert, aber unglücklich)

Gekennzeichnet durch bestimmte Symbole, definiert als „ein Gegenstand oder eine Person der Gegenwart, die einen wichtigen Gegenstand oder eine wichtige Person der Vergangenheit repräsentiert.“ So steht der Schuh (vgl. 1993: 51) als universelles Symbol für einen Behälter, aber auch für männliches oder weibliches Geschlecht, (2005 wird der Schuh zum Symbol für das Kind, ein Kind anziehen und Sexualorgan, vgl. ebd.: 67) Nasenbohren für sexuelles Vergnügen und die Tasche für die Vagina.

Diese Phase wird durch dreizehn körperliche und fünfzehn psychologische Charakteristika (1993: 54f; 2005: 71f) beschrieben.

Personen in diesem Stadium brauchen fürsorgliche, respektvolle Autorität, die ihnen nicht widerspricht, die sie versteht und nicht beurteilt (vgl. 1993: 53; 2005: 68).

Phase (Stadium) II: Zeitverwirrtheit

Gehirnschäden beeinträchtigen die Kontrollzentren, „ein Ding oder eine Person der Gegenwart ist das Symbol - die Fahrkarte in die Vergangenheit“ (1993: 55; 2005: 70), universelle Gefühle, Liebe, Angst, Hass übernehmen die Steuerung des Erlebens und Verhaltens und werden gefühlsmäßig inkontinent (vgl. ebd.).

Diese Phase wird durch acht körperliche und zwanzig psychologische Charakteristika (vgl. 1993: 56 f; 2005: 71f) gekennzeichnet.

Aufgabe der Validationsanwenderinnen ist es „die ohnmächtige Wut der Dornröschen“ (1993: 55; 2005: 70) nachzuempfinden.

Phase (Stadium) III: Sich wiederholende Bewegungen

„Menschen, die in der ii. Phase (im ii. Stadium, 1993: 57) ihre Gefühle nicht verarbeiten können, indem sie diese jemandem mitteilen, der sie validiert, ziehen sich häufig in vorsprachliche Bewegungen und Klänge zurück, um unbewältigte Konflikte der Vergangenheit zu lösen.“ (1993: 57; 2005: 72) Durch eine fürsorgliche Beziehung, im Sinne der Validation, hätte ein Abgleiten (vgl. 1993: 59; 2005: 74) aus Phase ii in Phase ii verhindert werden können

Auch diese Phase wird durch körperliche (sechzehn) und psychologische (fünfzehn) Charakteristika (vgl. 1993: 59f; 2005: 74 f) gekennzeichnet.

Phase (Stadium) IV: Vegetieren

„in dieser Phase verschließt sich der Mensch völlig von der Außenwelt und gibt das Streben, sein Leben zu verarbeiten auf. Der eigene Antrieb ist

minimal, gerade genug, um zu überleben.“ (1993: 61; 2005: 75). Dieses Stadium hätte durch die Validation verhindert werden können (vgl. ebd.). Gekennzeichnet wird die Phase des Vegetierens durch fünf körperliche und vier psychologische Merkmale (vgl. ebd.; 2005: 76).

Für die Anwendung der Validation werden drei Schritte (vgl. 1993: 62; 2005: 77) vorgeschlagen. Im ersten Schritt erfolgt eine, über zwei Wochen gehende, Informationssammlung, die den lebensgeschichtlichen Hintergrund möglichst umfassend in Erfahrung bringen soll. So genannte „Hier und Jetzt“ - Fragen (vgl. ebd.: 63; bzw.: 78), „Damals und Dort“ - Fragen (vgl. ebd.: 64; bzw.:79), die Beobachtung des Aussehens und des Verhaltens, hier wird auf das Neurolinguistische Programmieren (NLP, nach Bandler/Grinder, 1979) und dessen Bedeutungszuschreibung (vgl. ebd.: 66f; bzw.: 81f) verwiesen, erlauben eine Bestimmung der Aufarbeitungsphase.

„Stimmen Sie ihre Beobachtungen der körperlichen Charakteristika und die aus der verbalen Geschichte gewonnenen Informationen mit den in Teil II angeführten typischen körperlichen und psychologischen Merkmalen der vier Phasen ab. (...) Das Bestimmen der Phase hilft Ihnen, die richtige Validationstechnik auszuwählen.“ (2005: 82)

Im dritten Schritt erfolgt dann die konkrete Anwendung der gewählten Technik. Für die jeweilige Dauer der Anwendung werden konkrete Zeitvorschläge, 5-15 Minuten in Phase I, 2 - 10 Minuten in Phase II und zwischen einer und zehn Minuten in Phase III und IV angegeben. Wobei in Phase IV, unabhängig vom Ergebnis, nach drei Minuten die Anwendung abgebrochen werden sollte (vgl. 1993: 68; 2005: 83).

Ziele der Validationsanwendung sind erreicht, wenn das Verhalten des Klienten (vgl. ebd.) „positive“ Veränderungen, für die einige phasentypische Beispiele (ebd.) genannt werden, zeigt.

Jede Phase erfordert bestimmte, sich unterscheidende, Techniken (vgl. 1993: 69ff; 2005: 84ff), die eine Gemeinsamkeit, das „Sich Zentrieren“ voraussetzt. Für das Zentrieren werden (vgl. 1993: 39f; 2005: 60), in Anlehnung an Hendriks und Wills (1975) sieben Regeln aufgestellt. Ausführlich werden typische „Fehler und Reaktionen“ (vgl. 1993: 82ff; 2005: 97ff) dargestellt und, „alte Menschen sind weise, sie werden Fehler verzeihen“ (ebd.: 82; bzw.: 97) Korrekturmöglichkeiten aufgezeigt.

Im vierten Kapitel werden die Anforderungen und Voraussetzungen für Validationsgruppen (1993: 86ff; 2005: 102ff) in sieben Schritten,

checklistenartig beschrieben, was aber für die hier zugrunde gelegte Fragestellung keine weiteren Erkenntnisse bringt. Während 1993 abschließend zahlreiche Tabellen, Arbeitblätter und Tests (vgl.: 106ff) folgten, wird in der aktuellen Version davor (Kapitel V) noch darauf hingewiesen, dass Validation nicht alle Menschen mit Demenz erreicht und andere Methoden beherrscht und angewandt werden können (vgl. 2005: 119ff).

Kurz vorgestellt werden:

- die Erinnerungsarbeit, der manchmal ein gewisser Erfolg bei mangelhaft orientierten Menschen zugebilligt wird (vgl. ebd.: 120)
- ROT, hier gilt das Gleiche, allerdings wird auf die, damit verbundene, Gefahr des Rückzuges und der feinseligen Abwehr (vgl. ebd.: 121) hingewiesen.
- Re - Motivation, die nicht auf Gefühle eingeht und daher nur für Menschen in der Phase 1 sinnvoll sein kann (vgl. ebd.: 121).
- Verhaltensmodifizierung, sie kann keinen Langzeiterfolg bringen, „da der tiefe Grund für das Verhalten nicht berührt wird“ (ebd.:122).
- Sensorische Stimulation, die richtig angewandt „bei Menschen in der Phase des Vegetierens sehr erfolgreich sein“ (ebd.) kann.
- Ablenkung und Umlenkunq, „einfach für den Pfleger und manchmal kurzfristig auch erfolgreich, aber da sie nicht auf die wahren Bedürfnisse des Klienten eingehen, wird das alte Verhalten immer wiederkehren.“ (ebd.:123).

3.2.1 Zusammenfassung der zentralen Aussagen

Bei dem misslingenden Versuch alter Menschen unbewältigte Lebenser­eignisse zu verarbeiten, flüchten sie desorientiert in die Vergangenheit. Ohne validierende Unterstützung durchlaufen sie vier, durch körperliche und psychologische Charakteristika klar umrissene, Stadien bzw. Phasen bis hin zum Vegetieren. Validationsanwenderinnen müssen diese Phasen, unter Berücksichtigung der typischen Charakteristika, sicher bestimmen. Für jede Phase gibt es klare zeitliche und inhaltlich festgelegte Handlungsvorgaben. Voraussetzung jeder validierenden Begegnung ist das „Zentrieren“.

3.3 Menschenbild und das Verständnis von Gesundheit und Krankheit

In Feil's theoretischen Annahmen (2005: 16f) sind sehr breit angelegt. Genannt werden unterschiedliche, aus der behavioristischen, analytischen und humanistischen Psychologie stammende Aussagen.. Unerwähnt bleibt dabei, welche psychologische Denkrichtung für ihre Arbeit leitend ist, zumal deutliche Unterschiede innerhalb der genannten, auch hinsichtlich des sich darin abbildenden Menschenbildes und dem Verständnisses von Gesundheit/Krankheit, bestehen. Bevor daher konkrete Aussagen dazu in Feils Konzept getroffen werden können, ist eine Betrachtung der zugrunde gelegten Theorien erforderlich.

[...]


* Anmerkung: während in der Literatur einheitlich von acht Entwicklungsphasen nach Erikson gesprochen wird und in der Ausgabe von 2005 (vgl.: 22f) auch Feil diese darstellt, geht sie in der Ausgabe von 1993 (vgl.: 13) von sechs Stadien aus und beschreibt ihre Erweiterung als siebtes.

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Details

Titel
Demenz - Pflegetheorien: Eine pflegewissenschaftliche Betrachtung der Konzepte von Feil und Böhm
Autor
Jahr
2011
Seiten
83
Katalognummer
V183575
ISBN (eBook)
9783656081920
ISBN (Buch)
9783656081692
Dateigröße
706 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bei der Auseinandersetzung mit den theoretischen Ansätzen von Feil und Böhm stellte ich mir des öfteren die Frage, warum sie eine solche Verbreitung gefunden haben. Aber Bekanntheitsgrad und Qualität sind ja nicht immer voneinander abhängig.
Schlagworte
demenz, pflegetheorien, eine, betrachtung, konzepte, feil, böhm
Arbeit zitieren
Dipl. Pflegewirt, M.A. Bernd Meyer (Autor), 2011, Demenz - Pflegetheorien: Eine pflegewissenschaftliche Betrachtung der Konzepte von Feil und Böhm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183575

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