Die Umerziehung der Deutschen: US–Kulturpolitik 1945 – 1949

Neuorientierung von Wirtschaft und Gesellschaft während der Besatzungszeit


Seminararbeit, 2006

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Amerikanische Besatzungspolititk, Grundlage eines neuen Deutschlands

3. Der Marshall-Plan und die deutsche Wirtschaft

4. Reeducation, die Umerziehungsversuche der Amerikaner
4.1 Besatzungsbehörden der Reeducation
4.2 Das deutsche Bildungswesen
4.3 Presse und Rundfunk

5. Zusammenfassung

6. Literatur

1. Einleitung

Im Mai 1945 endete mit der Kapitulation des Deutschen Reiches der Zweite Weltkrieg in Europa. Dieser stellte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alles bis dahin Gesehene in den Schatten. Die Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten der Welt hatten Millionen Todesopfer, zerstörte Städte und Landschaften sowie katastrophale Lebensbedingungen zur Folge. Europa lag am Ende dieses Krieges in Trümmern und hatte 1945 seinen kulturellen Tiefpunkt erreicht.[1] Durch die Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands und der damit verbundenen Nachkriegsordnung verschlechterte sich die Versorgung und somit die Situation der Menschen im Land. Aufgrund der verlorenen Gebiete im Osten und der schlechten Ernten von 1946 und 1947 waren Lebensmittel knapp geworden. Die zerstörten Industrieanlagen und die vom Krieg beeinträchtigte Infrastruktur machten die Versorgung des Landes fast unmöglich. Angesichts dieser Lage wurden durch die Alliierten Maßnahmen zum Wiederaufbau Deutschlands umgesetzt. Darüber hinaus wurde eine Umerziehungs- und Neuorientierungspolitik von den Besatzungsmächten, welche sämtliche staatliche Gewalt in Deutschland innehatten, verfolgt. Des Weiteren beabsichtigte man die Entmilitarisierung und die Zerschlagung der nationalsozialistischen Partei und deren Begleiterscheinungen. Durch die Entnazifizierung sollten ehemalige Nationalsozialisten aus öffentlichen Ämtern und wichtigen Positionen entfernt werden.[2] Damit sollte die Grundlage für die Reorganisation eines demokratischen Staatsgebildes gelegt werden.

Somit stehen die Jahre 1945 – 1949 für eine Zeit der großen Umstrukturierung in Europa. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand besonders Deutschland vor der Aufgabe die Kriegsjahre und die damit verbundenen Folgen aufzuarbeiten. Jedoch wurde diese, wie schon erwähnt, zu weiten Teilen nicht von den Deutschen selbst sondern von ihren Besatzern, den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, Großbritannien, Frankreich, USA und der Sowjetunion, ausgeübt.

Vor allem die Politik der USA und die amerikanischen Einflüsse sollten das zukünftige Bild Deutschlands prägen. Inwieweit dies geschah wird sich im Verlauf dieser Arbeit herausstellen. Hierbei soll die Umerziehung der Deutschen durch die Amerikaner und deren Kulturpolitik im Zeitraum von 1945 bis 1949 näher betrachtet werden. Da die amerikanische Kulturpolitik auf der Besatzungspolitik und deren Begleiterscheinungen beruhte, ist es zunächst notwendig ein genaueres Bild dieser amerikanischen Politik, die im besagten Zeitraum durch das Militär durchgesetzt wurde, wieder zu geben. Darüber hinaus soll an weiteren Punkten der amerikanische Einfluss auf die deutsche Bevölkerung dargelegt werden. Ein Blick auf die Entwicklung der deutschen Wirtschaft und der Kultur und Presse soll weiteren Aufschluss zur Problematik geben. Im Abschluss wird mit Hilfe der gewonnen Erkenntnisse die Umerziehung- und Neuorientierungspolitik von 1945 bis 1949 nochmals zusammengefasst dargestellt und gezeigt welches Ausmaß die Reeducation im Betrachtungszeitraum auf die deutsche Gesellschaft hatte.

2. Amerikanische Besatzungspolititk, Grundlage eines neuen Deutschlands

Nachdem die Kriegshandlungen in Europa beendet waren, übernahmen die Siegermächte am 5. Juni 1945 mit der Berliner Deklaration offiziell die Regierungsgewalt in Deutschland und legten die vier Besatzungszonen bzw. für Berlin die vier Sektoren fest.

Im Juli 1945 trafen die Siegermächte auf Schloß Cecilienhof in Potsdam zusammen. Großbritannien, die USA und die Sowjetunion verständigten sich in 13 Vollsitzungen auf bestimmte Maßnahmen zur Regelung der Nachkriegsordnung und zur Zukunft der deutschen Gebiete. Die vier Hauptpunkte, die vier D’s, auf die man sich einigte, waren die Demilitarisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung und Demokratisierung Deutschlands.[3] Am 2. August 1945 endete die Konferenz mit der Unterzeichnung eines Abschlussprotokolls, welches am 7. August 1945 durch Frankreich anerkannt wurde.

Die höchste Regierungsgewalt innerhalb der Besatzungszonen und auch in Deutschland als Ganzes sollte durch die Oberbefehlshaber der vier Mächte ausgeübt werden. Angelegenheiten die ganz Deutschland betrafen, wurden im Alliierten Kontrollrat, in dem alle vier Oberbefehlshaber der jeweiligen Besatzungszonen zusammen trafen, entschieden. Zunächst wurde ein Rat der Außenminister zusammengestellt. Dessen Aufgabe war die Ausarbeitung von Friedensverträgen mit den früheren Verbündeten Deutschlands. Des Weiteren einigten sich die Alliierten auf eine Vielzahl von politischen und wirtschaftlichen Grundsätzen. Darunter fiel die Abrüstung und Entmilitarisierung Deutschlands, die Dezentralisierung der deutschen Politik und Wirtschaft und die Einigung über die territorialen Grenzen im Osten. Damit gingen endgültig die Gebiete jenseits von Oder und Neiße verloren. Diese Entscheidung akzeptierten die westlichen Alliierten nur unter Vorbehalte, da die Abtrennung der deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße den Verlust von einem Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands bedeutete. Darüber hinaus sahen sie in der zusätzlichen Versorgung von Millionen Flüchtlingen aus dem Osten eine ernorme Belastung. Im Gegenzug zur Annerkennung der Westverschiebung der polnischen Grenze erklärte sich die Sowjetunion dazu bereit auf die Zahlung einer festen Reparationssumme durch Deutschland zu verzichten.[4]

Aus einer weiteren Entscheidung des Potsdamer Abkommens gingen die deutschen Zentralverwaltungen hervor. Dieser deutsche Verwaltungsapparat mit Zentralstellen für Finanz-, Transport- und Verkehrswesen, Industrie und Außenhandel sollte den Alliierten Kontrollrat unterstützen. Jedoch war man sich auch darüber einig, dass es zunächst keine deutsche Zentralregierung geben sollte. Trotz dieser politischen Teilung wurde Deutschland weiterhin als wirtschaftliche Einheit betrachtet. Die Reparationsansprüche hingegen wurden durch jede Besatzungsmacht in der jeweiligen Besatzungszone durch Demontage von Industrieanlagen oder Lieferungen aus der laufenden Produktion befriedigt. Diese Maßnahmen hielten sich allerdings in der amerikanischen Zone in Grenzen. Die USA sahen in einem zu starken Abbau der Industrie eine Gefährdung der deutschen Selbstständigkeit.[5]

Die Umsetzung der Beschlüsse des Potsdamer Abkommens sowie des Alliierten Kontrollrats erfolgten somit in jeder Zone auf verschiedener Art und Weise und waren demnach nur Leitlinien für eine einheitliche Behandlung Deutschlands. Dabei wurden jeweils unterschiedliche Prioritäten verfolgt. So wurde vor allem in der amerikanischen Besatzungszone eine konsequente Durchführung der Entnazifizierung angestrebt. Mit Hilfe eines Fragebogens, der von jedem Erwachsenen ausgefüllt werden musste, ermittelten die Amerikaner welche Rolle die Befragten im NS-Regime gespielt haben. Dabei wurden die Menschen in die folgenden fünf Gruppen eingeteilt: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete. Durch dieses Verfahren sollte eine Säuberung der deutschen Gesellschaft, Kultur, Presse, Wirtschaft und Politik von nationalsozialistischen Bestrebungen und damit die Grundsteinlegung für die Umerziehung der Deutschen erfolgen. Grundlage dieses Systems war das Gesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus von 1946.[6] Die Durchführung des Verfahrens wurde nach kurzer Zeit an deutsche Behörden übertragen, was gleichzeitig für mildere Urteile sorgte.[7] Jedoch wurden viele Fachkräfte denen eine Nazivergangenheit nachgewiesen wurde dringend benötigt. Somit wurden teils schwer Belastete aufgrund ihrer Kenntnisse und Erfahrungen nicht verurteilt, was den Prozess der Entnazifizierung stark einschränkte.[8]

Seit 1946 vollzog sich ein Wandel in der amerikanischen Deutschlandpolitik. Sah man sich zu Anfang noch als Besatzungsmacht und Sieger, der jegliche Verbrüderung mit dem Besiegten ablehnte und die Bestrafung der Kriegsverbrecher als oberstes Ziel hatte, wurde man nun zum Freund, der Deutschland beim Wiederaufbau helfen wollte. Die neue Gesinnung der Amerikaner kam auch in der Stuttgarter Rede von Außenminister James F. Byrnes im September 1946 zur Sprache. Dort hieß es: „Das amerikanische Volk wolle dem deutschen helfen, seinen Weg zurückzufinden zu einem ehrenvollen Platz unter den freien und friedlichen Nationen der Welt“.[9] Damit machten die Amerikaner klar, dass sie sich maßgeblich für die Wiedereingliederung Deutschlands in das weltpolitische und wirtschaftliche System engagieren wollten. Ihr Ziel war die Regierungsbildung und eine deutsche Verfassung, damit Deutschland wieder eine wirtschaftliche und politische Zukunft erhält.

Innerhalb der amerikanischen Besatzungszone wurde nach und nach eine deutsche Verwaltungsstruktur aufgebaut. Sowohl in Gemeinden als auch auf Landesebene wurden Volksvertreter gewählt, denen eine gewisse Mitsprache zugestanden wurde. Schon im Oktober 1945 entstand in Stuttgart ein Länderrat, dessen Aufgabe die Wahrung der einheitlichen Rechts- und Verwaltungsstrukturen in der amerikanischen Besatzungszone war. Gleichzeitig garantierte er eine föderalistische Struktur und damit die Umsetzung der geforderten Dezentralisierung Deutschlands.

Neben der Schaffung eines föderativen Verwaltungssystems wurden Maßnahmen zur Demokratisierung Deutschlands nach amerikanischem Vorbild durchgeführt. Diese umfassten die Neugründung von Parteien, Gewerkschaften, Vereinen und Verbände und die Neustrukturierung des Bildungswesens.[10]

Aufgrund der unterschiedlichen Ansichten und Grundauffassungen zu den Beschlüssen des Kontrollrates in den einzelnen Zonen kam es zwischen den Besatzungsmächten zu immer stärkeren Differenzen. Besonders das Verhältnis zwischen den USA und der Sowjetunion verschlechterte sich zunehmend. Eine Einigung zwischen Ost und West rückte in weiter Ferne. Diese Entwicklung nahmen die USA als Anlass zu einer neuen Initiative, welche die Zusammenlegung der britischen und amerikanischen Gebiete zu der so genannten Bi-Zone vorsah. Bereits am 1. Januar 1947 trat das Fusionsabkommen zwischen beiden Zonen in Kraft. Damit war der Grundstein für die Herausbildung neuer staatlicher und wirtschaftlicher Strukturen gelegt. In der neu geschaffenen Zone entstand ein umfangreicher Verwaltungsapparat der den britischen und amerikanischen Militärregierungen unterstellt war. Durch die Londoner Sechsmächtekonferenz von Februar bis Juli 1948 konnten die Amerikaner auch Frankreich für ihr Vorhaben gewinnen und den Anschluss der französischen Zone an die Bi-Zone durchsetzen. Neben Großbritannien, Frankreich und den USA waren auch Belgien, Luxemburg und die Niederlande anwesend. Schwerpunkt der Verhandlungen war die Bildung einer überstaatlichen und internationalen Organisation, die das Ruhrgebiet kontrollieren und Deutschland in das westliche Staatensystem integrieren sollte. Dieses Vorhaben sollte durch eine Integrationspolitik, welche die westdeutsche Wirtschaft mit Westeuropa verbindet, erreicht werden. Oberstes Ziel der Amerikaner war demnach die Weststaatsbildung und dessen Bindung an die USA und die westliche Staatenwelt, um einer sowjetischen Dominanz in Europa entgegen zu wirken. Des Weiteren wurden Konzepte bzw. Empfehlungen eines Verfassungsentwurfs für einen zukünftigen deutschen Staat entwickelt und an deutsche Behörden weitergeleitet.[11]

[...]


[1] Vgl. Altrichter, Helmut/ Bernecker Walther: Geschichte Europas im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2005, S. 8.

[3] Vgl. Lehmann, Axel: Der Marshall-Plan und das neue Deutschland: Die Folgen amerikanischer Besatzungspolitik in den Westzonen, Münster 2000, S.84.

[4] Vgl. Esser Brigitte/ Venhoff Michael: Die Chronik des Zweiten Weltkriegs, Augsburg 1997, S.442.

[5] Vgl. Altrichter, Helmut/ Bernecker Walther, S. 211.

[6] Vgl. Rossmeissl, Dieter (Hg.): Demokratie von außen: Amerikanische Militärregierung in Nürnberg 1945- 1949, München 1988, S.104-170.

[7] Vgl. Altrichter, Helmut/ Bernecker Walther, S. 213.

[8] Vgl. Lehmann, Axel, S.85.

[9] Altrichter, Helmut/ Bernecker Walther, S. 213.

[10] Vgl. Lehmann, Axel, S.86-87.

[11] Vgl. Altrichter, Helmut/ Bernecker Walther, S. 213-214.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Umerziehung der Deutschen: US–Kulturpolitik 1945 – 1949
Untertitel
Neuorientierung von Wirtschaft und Gesellschaft während der Besatzungszeit
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V183695
ISBN (eBook)
9783656080541
ISBN (Buch)
9783656080657
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
umerziehung, deutschen, us–kulturpolitik, neuorientierung, wirtschaft, gesellschaft, besatzungszeit
Arbeit zitieren
M.A. Thomas Hallmann (Autor), 2006, Die Umerziehung der Deutschen: US–Kulturpolitik 1945 – 1949, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/183695

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