Du kannst das nicht - du bist behindert


Fachbuch, 2012

220 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort des Verfassers

2. Einleitung
2.1 Zum Inhalt des Buches, verbunden mit hochschuldidaktischen Überlegungen
2.1a Der Professor bezeichnet mich als Seismograph
2.2 Jürgen Spiker, Dortmund: Wie ich Dirk Bergen kennenlernte
2.3 Vorwort Reiner Stegie, Freiburg

3. Leben als Behinderter: Kommentar
3.1 Die Behinderung als Begabung eingebracht - Jost Wejwer
3.2 Anlässlich der Verabschiedung von Jost Wejwer
3.2a Eine biblische Geschichte, die keine ist!
3.3 Im Glauben traurig sein
3.4 Im Gedenken an meinen Freund, den Journalisten
3.5 Menschenrechte und Pyramide - oder als ich sie zum ersten Mal in meiner Heimzeit Ende der 60-er las
3.6 An den Hartmann-Bund e.V.
3.7 Meine Ansicht zum Thema Präimplantationsdiagnostik
3.7a Ich bin 1943 geboren! Somit knapp der Euthanasie entkommen!
3.8 Rundbrief - AN DIE PARTEIEN DES BUNDESTAGES
3.9 Warum Deutschland nicht mehr mein Heimatland ist!
3.10 Mein Leben mit Martin Luther King
3.11 Was hat die Diakonie von drinnen und draußen mit Martin-Luther Kings’ Marsch auf Washington zu tun?
3.12 Meine Biographie
3.12a Widersprüche innerhalb einer Einrichtung
3.12b Orthopädische Anstalten V., Haus B.
3.12c Zwei Briefe von Pfarrer B.
3.12d Das Jahr des Behinderten - 1981
3.12e Einschub: Bolero von Ravel
3.12f Die Schöpfung
3.13 Die Hautfarbe war nicht alles
3.14 Aufgrund der Zuschriften nach der Sendung des WDR-Films war es nach fünf Jahren wichtig, einen Erfahrungsbericht zu schreiben unter dem Titel: Neue Wohn- und Lebensform
3.15 Das Lied „Sag mir, wo die Blumen sind“ habe ich umgeschrieben in „Sag mir, wo die 68-er Studenten sind“
3.16 An zwei Fachhochschulen
3.17 Brief an ein Heilpädagogik-Institut

4.0 Zum Thema Pflegeversicherung
4.1 Die einen sagen „satt und sauber“, die anderen nennen es „Pflegeversicherung“
4.2 Fragenkatalog der Pflegekassen
4.3 Module
4.4 An die Sonne

5.0 Der Behinderte muss auf den Nicht-Behinderten zugehen – so hab ich es gemacht
5.1 Meine Ausflüge in die Pädagogik
5.2 Die Anderen – ein Schauspielstück, was ich für Jugendliche einst konzipiert habe
5.3 Auswertung des Besuchs in einer 6. Klasse
5.4 Stoffverteilungsplan für Klasse 9, Hauptschule, ev. Religion
5.5 Gespräch der Kl. 9 ev. Religion der X-schule mit Dirk Bergen am 21.1.1999
5.6 Auszug: Anfrage zum Thema Pisa OECD Berlin
5.6a Aus der Antwort geht hervor
5.7 Bildungssystem

6.Gedanken eines Nichttheologen
6.1 Einleitung
6.2 Gedanken zum Einführungsgottesdienstes von Joost W.: Die Augen, die eine fremde Kirche sahen - 9. März 2003 - Friesenheim
6.3 Predigt: 1. Korinther 12, Vers 12 bis 31a
6.4 Predigt: Römer 8, 18 - 26
6.5 Predigt: 1. Mose, 18
6.6 Ein ökumenisches Dankeschön
6.7 Bemerkung zur Theologie 2011
6.8 Im Glauben traurig sein

7. Menschen und Orte
7.1 Rubi, mein Weihnachtsdorf
7.2 Die Verdonschlucht
7.3 Campingplatz: Reich und doch arm. Im Wohlstand leben, und doch Bescheidenheit lernen
7.4. Sehende Menschen besuchen ein ungewöhnliches Restaurant Eine Anfrage an Horst Z.
7.5. Von Rosi B.
7.6 Eine Zusammenfassung von Briefen an Sabine Christiansen (Fernsehjournalistin)
7.7 Bundesverdienstkreuz für Frau Christiansen
7.7a Brief von Frau Christiansen
7.8 Reaktionen auf ein Radiointerview vom 01. April 1998 im SWF
7.8a Aus der Antwort ging u.a. hervor
7.9 Ein Briefwechsel in Folge einer Podiumsdiskussion zur Schwarzarbeit
7.10 Ein Brief an Bundestagspräsident Thierse
7.10a Aus der Antwort ging hervor
7.11 Braunfreie Stadt

8. Ich frage öffentlich und bekomme viele/keine Antworten - Überblick
8.1 Glückwünsche zum 80. Geburtstag an den größten Politiker der Nachkriegsgeschichte
8.1a Aus der Antwort geht hervor
8.2 Anfrage an den Verfassungsrichter Benda
8.2a Aus der Antwort ging u.a. hervor
8.3 Die einzelne Verantwortung
8.4 Mein Leserbrief an den „Stern“ zum Artikel von Herrn P.: „Sklaven zum Nulltarif“
8.4a Aus der Antwort ging u.a. hervor
8.5 Meine ganz persönliche Agenda 2004
8.6 Unterlaufen der DIN-Vorschriften durch Firma B.
8.7 Ich bin nun mal.

9. Schlusswort

Aus dem GRUNDGESETZ (GG) für die Bundesrepublik Deutschland Artikel 3 [Gleichheit vor dem Gesetz; Gleichberechtigung von Männern und Frauen; Diskriminierungsverbote]

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Artikel 5

[Meinungs-, Informations-, Pressefreiheit; Kunst und Wissenschaft]

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

1. Vorwort des Verfassers

Liebe Leserin, lieber Leser,

In jüngster Zeit ist, wie in vielen Bereichen der Wissensgesellschaft, vieles zur Problematik mit Behinderten im Alltag veröffentlicht worden.

Dabei wurde allzu oft, vor allem aus Sicht eines Behinderten, die alltäglichen Auseinandersetzungen mit Staat, Gesellschaft, Kirche und deren weiteren Einrichtungen ignoriert.

Ziel des Verfassers ist es, diese Problemfelder aufzuzeigen und so auf die individuelle Sichtweisen Behinderter aufmerksam zu machen. Zentrales Anliegen soll es sein, Brücken zu bauen. Mehr Verständnis zu schaffen für die doch so unterschiedlichen Lebenswelten behinderter Personen und der Experten, denen eine zentrale Erfahrung fehlt: Wie es ist von anderen Personen abhängig zu sein.

Schon jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, bemerke ich den Fehler, ganz im Stil der Gesellschaft den Begriff „Behinderter“ zu benutzen. Jeder Mensch, so ist es im Grundgesetz verankert, ist ein Individuum, weshalb ich auch keinesfalls meine persönlichen Erfahrungen vollumfänglich auf andere behinderte Menschen übertragen möchte oder kann. Dennoch ist es erwiesen, dass behinderte Menschen größtenteils ähnliche Erfahrungen in Bezug auf Fremdbestimmung in verschiedenen Variationen machen.

Sollten Sie von diesem Buch eine Gute-Nacht-Lektüre erwarten, haben Sie Ihr Geld falsch angelegt: Meine Mühen, die Gedanken in Schrift zu fassen, wären vergebens.

Diese Lektüre soll Menschen zu einer neuen Art des Denkens motivieren. Weiter erhoffe ich mir davon einen Prozess anzustoßen, der zur Überprüfung der jeweiligen Haltungen in diversen Einrichtungen führt:

Schulen, Hochschulen, Sozialverbände, Kirchen und alle Institutionen in Deutschland, die sich weitestgehend mit Behinderung auseinandersetzen, möchte ich dazu anregen, ihre Positionen zu überdenken und möglicherweise zu revidieren.

Der Verfasser erhebt keinen Anspruch auf orthographische oder stilistische Perfektion, sondern möchte es Ihnen ermöglichen, Ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und darüber hinaus unserer Gesellschaft einen Weg aufzeigen, um besser miteinander umzugehen.

Sie werden einiges an Korrespondenz vorfinden, die ich über Jahre hinweg mit Menschen des öffentlichen Lebens geführt habe. Hier werden Sie erkennen, dass meine Briefe teilweise nicht einmal beantwortet wurden – eine Tatsache, die ich Ihrer Beurteilung anheimstelle.

Nach jeder einzelnen Textüberschrift folgt normalerweise ein Datum. Die Intention dabei ist, dass die Leser sofort erkennen können, in welchem Zeitrahmen der Artikel oder Brief entstanden ist. Sie werden sich auch wundern, dass ich die alte Schreibweise gewählt habe. Die neue Rechtschreibreform ist ein Kind des Zeitgeistes: Ich jedoch möchte nicht jede angesagte, intellektuelle Kapriole mit machen müssen. Aufgrund meines Geburtsjahrgangs bin ich nicht gewillt, das „ß“ zu verwenden. Für den Leser wird es irritierend sein, selbst bei Wörtern wie „Eßen“ ein „ß“ zu lesen, doch möchte ich ein damit auffälliges Zeichen des Widerstandes gegen das Dritte Reich setzen. [Anm. d. Red.: Damit der Lesefluss nicht gehemmt wird, haben wir uns gegen die vom Verfasser oben angekündigte Schreibweise entschieden. Wir bitten hierfür um Verständnis.]

Als der erste Entwurf des Buches vorlag, sah sich kein Verlag befähigt, mir bei meiner Veröffentlichung behilflich zu sein. Aus diesem Grund möchte ich dem GRIN Verlag danken, der es mir ermöglicht, meine Stimme zu erheben und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

2. Einleitung

2.1 Zum Inhalt des Buches, verbunden mit hochschuldidaktischen Überlegungen

Hier repräsentiert sich die Fülle eines Lebens im Welt gerichteten Radius eines Rollstuhls, einer Diktierfähigkeit und eines Stirnstabes. Der Autodidakt sucht Adressaten, für seine Autobiographie sowie für seine sozialpolitischen Intentionen. Er fand sie über Jahre unter Seminarteilnehmern sowie in der Gemeinschaft des CeBeF (Clubs Behinderter und ihrer Freunde), aber auch im kirchlichen Umfeld. Die Straffungen der Gesundheits- und Sozialsysteme erfuhr er am eigenen Leibe, oft psychisch und physisch schmerzlich, und, auf die Allgemeinheit bezogen, zukunftsgerichtet ahnungsvoll. Unter dem ständigen Rechtfertigungszwang seiner Bedürfnisse und seiner Angst um Mitbetroffene ballte sich in ihm sozialpolitischer Groll wegen nicht eingelöster Ansprüche auf soziale Gerechtigkeit. Er sucht nach Projektionsflächen, diese zu verdeutlichen und Solidarität einzufordern. Dabei war und ist er angewiesen auf Assistenz in den täglichen Lebensvollzügen. Das Loslassen von den Projektionsflächen fällt ihm schwer, vor allem dann, wenn Antworten ausbleiben oder seiner Kritik nicht standhalten. Einen breiten Raum nimmt die 1998 eingeführte Pflegeversicherung ein. Aber auch aktuelle Besorgnisse wie z.B. die Bio-Ethikdiskussion und z.B. die Kontroverse um fremdbestimmte Heimunterbringung treiben den Verfasser an, Politiker, Künstler, Medienberühmtheiten, gefragt und ungefragt mit der Perspektive eines der betroffenen Menschen mit der Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit zu konfrontieren.

Manche Leser werden Hinweise auf aktuelle und internationale Einlösung seiner über ein Jahrzehnt zurückliegenden Forderungen vermissen, wie z.B. die Charta für behinderte Menschen der Vereinten Nationen, ebenso eine Kooperation mit anderen Organisationen. Wenn die sozialpolitisch initiierten Texte inhaltsanalytisch verglichen werden, lassen sich Bewältigungsstrukturen erkennen, die regional wie überregional, theoriebereichernd und praxisbezogen zu einem Mehr an Solidarität und Vernetzung mahnen. Sie sind Aufruf einer sich darin erfüllenden Lebensaufgabe. Demnach kommt eine Schriftsprache in den Blick, die unmittelbarer, existentieller wirkt als eine stilistisch geschliffene, eben die eines Autodidakten. Die Texte ergänzen sich im Sinne der „hermeneutischen Spirale“, stehen aber auch kapitelweise wie einzeln dem Vergleich qualitativer Inhaltsanalysen ebenso offen wie einem meta-analytischen Vorgehen.

Dieser Band enthält aus Platzgründen eine nicht vollständige Textsammlung. So wurde z.B. bei fortwährender Korrespondenz mit einem Adressaten jeweils das erste Anschreiben und ggfs. die erste Antwort ausgewählt. Die Komplettierung, auch mit nahezu inhaltsgleichen Texten, erfolgt (auf der erhältlichen Materialien- CD). Die Kapitelüberschriften verstehen sich als redigierte inhaltliche Schnittmengen des umfangreichen Quellenmaterials.

Die Texte wurden vom Autor weitgehend diktierend erstellt. Geeignete Spracherkennungssysteme, die dem Sprechvermögen gerecht wurden, fanden sich nicht. Die darüber hinausgehende Korrespondenz wurde mit dem Stirnstab geleistet, jeweils abhängig von persönlicher Assistenz, denn die Kopfhalterung des Stirnstabes musste auf- und abgesetzt und das Computerequipment betriebsbereit hergerichtet werden. Die redaktionelle Unterstützung Dirk Bergens bei der Auswahl seiner Texte durch Jürgen Spiker und Ulrich Oskamp will nicht den Hintersinn der Titelformulierung konterkarieren, das wäre mit diesem Autor ohnehin nicht möglich.

Ein jeweiliger Einführungstext bereitet kapitelweise auf die inhaltlichen Schwerpunkte vor. Ulrich Oskamp

2.1a Der Professor bezeichnet mich als Seismograph

Wenn ich mich nicht irre, ist der Seismograph ein Gerät, das Erdbeben anzeigt. Ich kann mir vorstellen, dass der Professor meinte, dass ich nicht nur über mich, sondern über alles, was in dieser Zeit geschieht, versuche zu reflektieren. Bei mir handelt es sich um die Durchführung von zwei Arten von Reflexionen. Einmal reflektiere ich schon instinktiv meine persönliche Situation, auf der anderen Seite denke ich über die von Politik, die Konzeption der Fachhochschulen oder Unis nach. Hierbei reibe ich mich besonders an der Tatsache, dass man über behinderte Menschen spricht und nicht mit ihnen.

Ich möchte das so verdeutlichen: Ich weiß, dass ich niemals Autofahren können werde. Ich weiß theoretisch, wie man ein Auto fährt – praktisch aber nicht. Also ist es eine Frage der Kompetenz. Was an den Universitäten gelehrt wird, ist Stoff, der von nichtbehinderten Wissenschaftlern ausgearbeitet wurde, somit von Nichtkompetenten. Die „Krüppelbewegung“ machte dies deutlich und ich bringe ihr ein gewisses Verständnis entgegen. Zwar lehne ich die Krüppelbewegung ab, muss ihr aber insofern Recht geben, als es nicht angehen kann, dass man bis heute über uns bestimmt. Dies gilt nicht nur für die Behinderten. Gerade im Krankenhaus wird diese Missachtung deutlich. Wie oft hört man von Ärzten oder Professoren: „Wie geht´s uns denn?“ Beispiel: Der Professor kam zur Visite und fragte mich: „Wie geht´s uns denn heute?“ Ich antwortete ihm: „Herr Professor, ich sehe mich außerstande, Ihr Wohlbefinden zu analysieren, ich weiß nur, wie es mir geht.“ „Wieso, wie meinen Sie das?“ „Sie haben gefragt, wie es uns geht“. Die Assistenten und Studenten standen im Raum und durften nicht lachen.

Eine Stunde später musste mir ein Assistent Blut abnehmen, er sagte: „Sagen Sie mal, spinnen Sie eigentlich? Wir durften doch nicht lachen.“ Der Professor hätte sich auf dem Flur noch einmal umgedreht und gefragt: „Wie hat er das gemeint?“ – wurde ihm bewusst, wie herablassend sein Sprachgebrauch ist?

Ich denke, es ist eine wichtige Aufgabe, die Theoretiker auf die Ebene der Praxis zu holen.

Übrigens habe ich den Begriff „Autodidakt“ erst später in seiner ganzen Tragweite verstanden.

2.2 Jürgen Spiker, Dortmund: Wie ich Dirk Bergen kennenlernte

Ich lernte Dirk Bergen im Winter 1974/75 während eines Wochenendseminars kennen, welches die Volkshochschule Dortmund im Rahmen der politischen Bildung durchführte. Es ging damals – das genaue Thema ist mir nicht mehr in Erinnerung – um den restriktiven Umgang der Gesellschaft mit behinderten Menschen. Ich war dabei, weil ich als neuer hauptamtlich Pädagogischer Mitarbeiter einen Fachbereich mit Programmangeboten für sozial benachteiligte Zielgruppen aufbauen sollte.

In Haus Ahlenberg kamen einige behinderte Menschen, Studenten der Sonderpädagogik, Hauptberufliche aus der Behindertenarbeit und ein paar VHS-Leute zusammen. Das war Mitte der 70er Jahre ein völlig ungewöhnlicher Ansatz. Denn Ziel des Seminars war es, gemeinsam, also maßgeblich beeinflusst von Menschen, die persönlich mit Beeinträchtigungen leben mussten, ein Veranstaltungsprogramm für Behinderte und ihre Partner/Angehörigen zu entwickeln. Unter den Teilnehmern fiel mir schon bald ein junger Mann besonders auf. Hager und zusammengesunken saß er in einem Rollstuhl. Ein Spastiker, dem der Gebrauch der eigenen Beine verwehrt war und der auch seine Hände nur sehr eingeschränkt einsetzen konnte. Und seiner Stimme merkte man an, dass ihm das Artikulieren Anstrengung bedeutete. Aber was er zu sagen hatte, das ließ mich aufhorchen. Leise, oft mit Ironie und Sarkasmus gewürzt, schilderte er seine Lebensumstände – Verhältnisse, die mir als heftig übertrieben vorgekommen wären, wenn dieser Mann sie nicht so überzeugend beschrieben hätte. Und er machte uns deutlich, dass er diese Verhältnisse als unerträglich empfand und nicht willens war, sie auf Dauer hinzunehmen. Sein großes Ziel war, dieses Ghetto aus Betreuung und Bevormundung, in das man ihn verfrachtet hatte, so schnell wie möglich zu verlassen, eine eigenverantwortliche Existenz wie jeder andere Erwachsene zu führen, selbstverständlich auch mit einer Partnerin. Und er wollte dafür kämpfen, dass Mitbetroffene ebenfalls Wege aus diesen ‚Heimgefängnissen’ finden konnten.

Als wichtige Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, sah er, der nie eine Schule besuchen durfte, Aufklärung und Bildungsarbeit an. Sie sollten das gesellschaftliche Denken über Behinderte verändern und Menschen mit Behinderungen selbst zu mehr Selbstvertrauen verhelfen.

Was Dirk Bergen während dieses Wochenendes beschrieben hatte, lernte ich bald darauf aus eigener Anschauung kennen, als ich ihn besuchte. Man hatte ihn unweit von Hagen in einem Pflegeheim untergebracht, hoch oben auf einem Berg gelegen. Kein Rollstuhlfahrer konnte den Ort wegen der steilen Straßenabgänge allein ohne Gefahr verlassen, um etwa im tiefer gelegenen Hagen einzukaufen. Zu dritt hausten sie als erwachsene Männer in Zimmern mit 15 Quadratmetern Grundfläche; über jedem Bett ein Fernsehgerät, der Schrank mit den persönlichen Dingen aus Platzgründen auf den Flur verbannt.

Um hier herauszukommen, etwa um öffentliche Veranstaltungen in Hagen oder gar Dortmund zu besuchen, bedurfte es langer organisatorischer Vorbereitung. Oft mussten solche Absichten gegen die Dienstpläne der Betreuer durchgesetzt werden. Und ob Dirk immer pünktlich dort ankam, wo er hinwollte, war wegen seines Hilfebedarfs, der umständlichen Reisewege und der vielen Barrieren, die Rollstuhlfahrern damals den Zugang zu öffentlichen Orten erschwerten, immer wieder in Frage gestellt. Ich erinnere mich noch genau: Er bat mich einmal, ihn am Dortmunder Hauptbahnhof vom Zug abzuholen, weil er keine Begleitperson gefunden hatte. Mitsamt seinem Rollstuhl musste er von zwei Männern des Bahnpersonals aus einem sonst leeren Güterwaggon, den man an den Personenzug angehängt hatte, gehoben werden. Normale Personenwagen waren damals für schwer Gehbehinderte nicht nutzbar, auch über Rampen oder Hebelifte verfügte die Bundesbahn seinerzeit noch nicht. Und da es auch noch keine Personenaufzüge zwischen Bahnsteig und Ausgangsebene gab, führte der weitere Weg über den Gepäckwagenaufzug in einen stinkenden Transporttunnel, durch den sonst Paketwagen oder lebendes Kleinvieh bewegt wurden. Dem Wochenendseminar damals folgten weitere. Ein Programm mit Informationsveranstaltungen zur Situation der behinderten Bürger in Dortmund nahm mit Seminaren, Gesprächskreisen und Kursen unter dem Schlagwort „Mit der Behinderung leben“ Gestalt an. Nichts lag näher, als dessen Initiatoren auch mit der Durchführung zu beauftragen. Sie wussten am besten, was thematisch gefragt war. Und sie hatten auch Zugang zu potentiellen Teilnehmern. In der Regel wurde ihnen noch eine Partnerin oder ein Partner an die Seite gegeben, die mit der Didaktik in der Erwachsenenbildung vertraut waren. So „traf“ es auch Dirk. Er, dem jede Bildung und Ausbildung verwehrt worden war, wurde nun VHS-Dozent und musste einen Gesprächskreis leiten, in dem sich wöchentlich Angehörige von behinderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen gemeinsam mit diesen selbst trafen. Seine Verwunderung, dass ich ihn, den Ungebildeten, beauftragt hatte, legte sich bald. Mit Feuereifer machte er sich an die Arbeit, um die Bereitschaft der Eltern zu wecken, das Erwachsenwerden ihrer Kinder zu akzeptieren und diese selbst zu ermuntern, an ein eigenständiges Leben als Perspektive zu denken. Das alles war in den 70ern höchst ungewöhnlich.

Auch persönlich setzte Dirk für sich den Ablösungsprozess aus Betreuung und Bevormundung fort. Er schaffte es, aus dem Heim in eine eigene barrierefreie Wohnung in Hagen umzuziehen. Er konnte durchsetzen, dass ihm die Begleitung durch Zivildienstleistende finanziert wurde. Und er fand schließlich auch eine Lebenspartnerin. Das hört sich heute einfach an, war in Wirklichkeit aber ein zäher Kampf gegen Unwissen, Ignoranz, oft auch Unwillen, die ihm in Sozialbehörden, Wohlfahrtseinrichtungen und oft auch von Seiten seiner Mitmenschen entgegenschlugen. Es gab Rückschläge. Immer wieder war der Fortbestand seines Projekts „Eigener Haushalt“ gefährdet, weil plötzlich keine Zivis mehr zur Verfügung standen oder die weitere Finanzierung in Frage gestellt war. Doch Dirk hielt durch – und wurde damit zum Vorbild für andere Behinderte, die sich wie er einer Ghettoisierung erwehrten.

Das Dicke-Bretter-Bohren setzte er in der Bildungsarbeit fort. So lange er in Hagen wohnte, blieb er nebenberuflicher Dozent an der VHS Dortmund. Darüber hinaus bekam er in den folgenden Jahren zahlreiche Kontakte zu Schulen und Hochschulen. Sie eröffneten ihm die Möglichkeit, jungen Menschen, insbesondere aber Studenten der Sozial- oder Sonderpädagogik aus seiner Realexistenz als erwachsener Behinderter zu berichten und ihnen seine Vorstellungen von einem partnerschaftlichen und barrierefreien Leben inmitten der Gesellschaft nahezubringen. Immer deutlicher sah er seine Aufgabe in späteren Jahren gerade darin, die künftigen Fachleute in den Sozialberufen von der traditionellen Haltung abzubringen, behinderte Menschen als reine Objekte ihres Handelns zu betrachten. Vielmehr sollten sie lernen, diese als mündige Partner zu respektieren und mit ihnen in dialogischen Prozessen umzugehen. Diesem großen Ziel ist auch dieses Buch gewidmet.

Um nicht ausschließlich in Fachkreisen Wirkung zu erzielen, wagte sich Dirk Bergen darüber hinaus mutig auf das weite Feld der öffentlichen Auseinandersetzung. Er wusste Journalisten für seine Themen zu interessieren. Er, dem jede Niederschrift wegen seiner körperlichen Handicaps enorme Kraft abverlangt, schrieb an Inhaber höchster Staatsämter, um sie auf für Behinderte unhaltbare Zustände aufmerksam zu machen oder um Widersprüche im öffentlichen Handeln provokant aufs Korn zu nehmen und zum Umdenken herauszufordern. Er mischte sich leidenschaftlich in den gesellschaftlichen Diskurs zu Themen wie Pflegeversicherung und Sterbehilfe ein. Oft erzielte er nur Schweigen, immer wieder holte er sich eine Abfuhr, aber er fand auch Interesse und Anerkennung für seine Kritik. Und manche seiner Anregungen wurden inzwischen dankbar aufgenommen. Aus all diesen Aktivitäten ist eine Fülle von Texten hervorgegangen: Autobiographische Schilderungen, Ereignisberichte, Curriculum-Entwürfe, Briefwechsel, Zeitungsartikel. Sie spiegeln höchst anschaulich ein Leben in Aktion – aus widrigen Umständen erzwungen, immer im Kampf mit den eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten, geprägt von enormem Lebenswillen und der tiefen Hoffnung, einen Beitrag dazu zu leisten, dass unsere Gesellschaft ein Stück gerechter würde. Es ist ein Lesebuch entstanden. Man muss es nicht wie einen Roman von vorn bis hinten lesen. Man kann darin blättern, sich an Schwerpunkten festbeißen. Man wird dabei einen Menschen entdecken, der sich dessen, was er für sich erreicht hat, bis heute nicht hundertprozentig sicher sein kann; der aber weiß, dass sich dieser Kampf um Lebensqualität lohnt, und der möglichst vielen seine Botschaft weitergeben möchte, dass Menschenwürde, menschliche Nähe und gesellschaftlicher Respekt unendlich wertvolle Güter sind.

Dr. Jürgen Spiker, Dortmund

2.3 Vorwort Reiner Stegie, Freiburg

Was den Anstoß für unsere Zusammenarbeit gegeben hat, kann ich nicht mehr benennen, bin aber sicher, dass er von Dirk Bergen ausging. Das Seminar „Praxisfelder der Klinischen und Rehabilitationspsychologie“ haben wir jedenfalls gemeinsam im Sommersemester 1986 eröffnet. Anliegen des Seminars ist es, angehenden Psychologinnen und Psychologen Gelegenheit zu geben, ihre eigene emotionale Beziehung zu chronisch kranken und behinderten Menschen zu erleben und vielleicht auch zu hinterfragen; affektiv-soziale Lernziele stehen im Vordergrund. Daher gehören Besuche in Einrichtungen mit klinisch-psychologischer Versorgung, z.B. in Rehabilitationskliniken, zum Programm. Für die Studierenden geht es darum, Eindrücke von möglichen zukünftigen Tätigkeitsfeldern zu gewinnen und zu reflektieren.

Das Praxisfelder-Seminar im Sommer 1986 war für Dirk Bergen und mich der Start zu einer bis heute andauernden intensiven Seminarzusammenarbeit, die im Sommersemester 2011 zum 51. und damit zum letzten Mal stattfand. Manche Studierende des Seminars sind anfangs überrascht, einen „Rollstuhl-Dozenten“ vor sich zu haben, doch dank des didaktischen Geschicks von Dirk Bergen („wir können über alles sprechen“) dauert es niemals lange, bis es zu einem Gespräch über sein Leben als sogenannter Behinderter unter sogenannten Nichtbehinderten kommt. Die Studierenden stellen persönliche Fragen („welche Musik gefällt dir?“), sie wollen wissen, wie er seinen Alltag mit Pflegediensten und Pflegeassistenten erlebt und fragen nach der Rolle, die Behörden und Bürokratie in seinem Leben spielen, und sind überrascht, wenn sie erfahren, welche Inhalte auf dem Formblatt des „Leistungsnachweises zur Grund- und Behandlungspflege“ enthalten sind. In einem Rollenspiel nachvollzogen, fühlen sie sich in ihrer Intimsphäre angegriffen.

Dirk Bergen kämpft gegen gesetzgeberische und behördliche Hindernisse, die ihn behindern. Seine Biographie legt dafür Zeugnis ab. Die Beispiele in seinem Buch kommen aus dem Alltag, sie demonstrieren das Ausgeliefertsein, die lebenslange Abhängigkeit und auch die Nichtachtung der Würde behinderter Menschen, denen sie direkt und indirekt ausgesetzt sind. Die Seminarteilnehmer erleben den Rollstuhlfahrer Bergen als engagierten Sozialpolitiker.

Für Dirk Bergen war es ein langer Weg zu diesem Buch. Er hat es für behinderte und nicht behinderte Menschen geschrieben, und nicht zuletzt auch für Menschen, die professionell zum Wohle behinderter Menschen tätig sind. Es ist sein Vermächtnis an die Gesellschaft für ein besseres Miteinander behinderter und nicht behinderter Menschen.

Freiburg/Br., im Frühjahr 2009

Dr. Reiner Stegie (seit Sommer 2011 im Ruhestand)

3. Leben als Behinderter: Kommentar

Im Mittelpunkt steht die Autobiographie. Der kritisch lesende Nachvollzug fordert zu Vergleichen auf mit den hier geschilderten deprivierenden Bedingungen von Medizin, Pädagogik, Diakonie und Recht. Als lebenssichernd werden vom Autor tragfähig Beziehungen zu Mitmenschen und Kontakte zu Hoffnungsträgern herausgestellt. Dazu zählt auch der Beistand gegen als ungerecht empfundene Entscheidungen und des Sich- Wehrens. Das gilt auch für die reflexiven Fragen zu den Menschenrechten. Die sie auslösenden Empfindungen spiegeln sich in dem Abdruck der sarkastisch anmutenden abschließenden Wiedergabe der Pyramiden – Hierarchie, die sich unschwer an Vor-Bilder anlehnt. Das Ablehnen von Fremdbestimmung ist auch die Motivation zu den Einlassungen gegenüber den vor einem Jahrzehnt anstehenden Wahlen. Im Mittelpunkt des Interesses stand dabei die Pflegeversicherung.

3.1 Die Behinderung als Begabung eingebracht - Jost Wejwer

28. März 2006

Wie ich als Gemeindediakon Dirk Bergen als Mitarbeiter in der Gemeinde erlebt habe Selbstverständlich gehörte die Mitarbeit im Familiengottesdienstkreis zu meinen Aufgaben als Diakon in der Gemeinde, in der ich 1995 meinen Dienst antrat. Und dort arbeitete – ebenso selbstverständlich – Dirk Bergen mit.

Dieser Familiengottesdienstkreis traf sich regelmäßig zur Vorbereitung des monatlichen Familiengottesdienstes. Meistens waren wir 6-8 Personen bei den Vorbereitungstreffen. Dirk kam fast immer. Wir saßen um einen großen Tisch, an dem auch Dirk im Rollstuhl gut sitzen konnte. Zur Vorbereitung dieser Familiengottesdienste gehörte es, zunächst den anstehenden Bibeltext reihum zu lesen. Hier wird mir die dicke Bibel von Dirk wohl in Erinnerung bleiben. Wer diese Bibel sah, wusste, dass darin regelmäßig gelesen wurde. Das Nachschlagen der Bibelstellen machte Dirk nämlich mit dem Mund.

Nach dem Lesen des Bibeltextes ging es dann an die theologische und kreative Arbeit. Was bedeutet uns der Text? Wie können wir ihn familiengerecht „übersetzen“ und kreativ umsetzen? Dirk diskutierte mit und brachte oft ungewöhnliche Perspektiven und Gedanken ein. Häufig griffen wir seine Vorschläge auf. So trug mancher Familiengottesdienst seine Handschrift.

Vor allem durch diese Treffen lernte ich Dirk Bergen als treues, engagiertes und kreatives Gemeindemitglied kennen. Mühelos fielen uns beiden bald weitere Felder der Zusammenarbeit ein.

Im Konfirmandenunterricht staunten die Jugendlichen über die vielfältigen Fähigkeiten von Dirk, den sie ja vom Gottesdienst her schon kannten. Mit großem Geschick brachte er den Jugendlichen nicht nur das Leben mit Behinderung und als Behinderter nahe, sondern „nebenbei“ auch noch das Thema „Diakonie“ und seine Blickweise auf biblische Texte.

Was im Konfirmandenunterricht möglich war, ließ sich natürlich auch mit Schulklassen erleben. Gerne lud ich Dirk als Referenten ein. Diese Stunden waren für die Jugendlichen immer in besonderer Weise beeindruckend, zumal viele Dirk vom Sehen her aus dem Stadtteil kannten, aber meist doch zu scheu waren, um ihn anzusprechen. Das änderte sich durch unsere gemeinsamen Aktionen.

Auch zum Diakonenkonvent lud ich Dirk als Referenten ein. Immer wieder gelang es ihm, Menschen für seine Themen zu interessieren, (politische) Entwicklungen im Zusammenhang mit Pflegeversicherung, pränataler Diagnostik etc. aufzuzeigen. Dabei schöpfte er aus seinem vollen Erfahrungsschatz.

Eine ganz besondere Erfahrung machten wir bei einer gemeinsamen Aktion auf einem Campingplatz im Schwarzwald. Dort leitete ich häufig die Sommereinsätze der „Kirche unterwegs“, eine Maßnahme, bei der für Urlauber auf Campingplätzen ein kirchliches Programm für Jung und Alt angeboten wird. Dirk übernahm zwei Angebote. Ein Nachmittags-Angebot zum Thema „Mit dem Rolli im Wohnmobil“. Hierzu waren vor allem Kinder eingeladen, die dann auch interessiert kamen. Was hatte der Mann da im Rollstuhl wohl zu erzählen? Er erzählte über ein Leben voller Hindernisse, aber auch über ein Leben voller Lösungen und Möglichkeiten, voller Tatkraft und Unternehmungslust.

Das spürten in gleicher Weise auch die Erwachsenen im Abendprogramm „Nachtgedanken“, das Dirk ebenfalls übernommen hatte.

„Wo ist der Mensch an den Rollstuhl gefesselt?“

Vermutlich ist es das, was mir an der Zusammenarbeit mit Dirk so gut gefallen hat:

An den Rolli gebunden – aber in besonderer Weise frei.

Auf die Hilfe anderer angewiesen – und dabei selbst unterstützend.

Eingeschränkt handlungsfähig - und doch stark engagiert.

Ein Behinderter, der in seinen Einschränkungen Fähigkeiten entdeckte und sie als Gaben in die Gemeinde und die Gemeinschaft einbrachte. Und das in einer ungezwungenen Weise, wie man sie woanders nachmachen könnte. Ohne viel Aufhebens, ohne Umbaumaßnahmen, eben einfach und ganz – selbstverständlich!

Herzlichen Dank dafür – Dirk!

Als ich dann 2003 die Gemeinde verließ, um eine andere Aufgabe in der Landeskirche zu übernehmen, verabschiedete sich Dirk von mir mit einem besonderen Text.

Joost Wejwer, Gemeindediakon

3.2 Anlässlich der Verabschiedung von Jost Wejwer

3.2a Eine biblische Geschichte, die keine ist!

15. Februar 2003

Es war ein kleiner Junge der kam zu seinem Vater und sprach: „Vater, was soll ich tun, wenn ich groß bin?”

Der Vater lachte und antwortete: „Mach Du erst mal dein Abi, dann sehen wir weiter.” Und so ging er in sein Zimmer voller Wut aber auch voller Ehrgeiz und dachte, dem Alten werde ich es zeigen!

Ein paar Jahre später, trat er vor Vater und Mutter und sagte: „Hier schaut, ich habe das Abi in der Tasche. Ich werde jetzt in die Welt hinausziehen und werde mir weise Männer suchen, die mir das lehren, was ich wissen muss.“

Und er nahm sein Bündel, verließ Vater und Mutter und ging in eine große Stadt die da heißt „Freiburg”.

Er ging in ein gelehrtes Haus, welches man Fachhochschule nennt. Dort saßen weise Männer an den Tischen, die man Doktoren und Professoren nennt.

Und er sprach zu ihnen: „Ich bin auf Jesus Christus getauft, ich bin konfirmiert und habe schon sehr viel Jugendarbeit hinter mir, doch eines habe ich nicht gelernt: Wie man dienen kann. Wollt ihr mich das lehren?”

Sie sprachen: „Setz dich zu den anderen und höre zu.”

Nach einigen Jahren sprachen die Weisen zu ihnen: „Nun geht hinaus in die Welt und verkündigt das, was ihr hier gelernt habt, und dient den Menschen, und tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.”

Doch als sie draußen waren, sah unser fertiger Diakon auf der anderen Seite des Weges viele Hochhäuser und zwischen den Häusern saßen alte Menschen und Kinder die allein gelassen waren, und er dachte bei sich: Warum soll ich in die weite Welt ziehen? Ich will zu ihnen hinübergehen und hier arbeiten.

Doch da erschien ihm ein Engel, der sprach: „Nein!” Und er drehte ihn in eine andere Richtung. „Gehe diesen Weg ein kleines Stück und du wirst ein Gotteshaus finden, und wenn du an die Tür klopfst wird man dir öffnen und ein Pfarrer-Ehepaar wird dich fragen: „Fremder was willst du hier?” Und wenn du sagst, du möchtest bei ihnen arbeiten, dann werden sie dir sagen was deine Aufgaben sind.”

Nachdem er eine Weile gegangen war, sah er schon von weitem ein steinernes Kreuz, und je näher er kam erkannte er, dass es ein Gotteshaus war. Der Glockenturm stand alleine. „An welche Tür soll ich denn klopfen”, dachte er sich. Er entschied sich für die rechte Tür.

Und alsbald geschah es wie der Engel ihm verheißen hatte, und die zwei Menschen sprachen: „Wenn du glaubst deine ganze Arbeit besteht aus dem halten von Kindergottesdiensten, dann bist du hier falsch. Hier sind verschiede Konfirmandengruppen, Jugendgruppen, junge Erwachsene und Altenkreise, eine Altenbegegnungsstätte und ein paar Schritte von hier ist eine Schule und ein Jugendzentrum, willst du all diese Arbeit tun? Und er sprach: „Ja, das will ich.”

Da riefen sie die Ältesten zu sich und sprachen: „Dieser Fremde will hier arbeiten.” Und sie sprachen: „Geh eine Weile hinaus, wir wollen Rat halten. Und wenn wir fertig sind, dann rufen wir dich hinein.” Als er draußen war, ging er um die anderen zwei Gebäude und setzte sich auf eine Bank und dachte: „Kann ich hier bleiben oder werde ich weiterziehen müssen?”

Und zum zweiten Mal kam der Engel zu ihm und sprach: „Du Kleingläubiger. Hab ich dir nicht hierhin den Weg gewiesen? Und nun bist du nicht folgsam?”

Und siehe da die Tür ging auf und man stellte ihn in die Mitte des Rates und sprach: „Ab jetzt sollst du kein Fremder mehr sein, sondern du wirst unser Diakon sein.” Und so arbeitete er von morgens bis abends, sogar bis in die tiefe Nacht.

Doch seine Arbeitszeit war noch nicht ausgefüllt, da sprach er zu seinen jungen Mitarbeitern: „Kommt wir wollen auf einen hohen Berg gehen. Dort werden Menschen sein, sie schlafen in Wagen und Zelten. Ihnen wollen wir Gottes Wort verkünden”. Als sie ankamen, jammerte es ihm sehr und er sprach: „Last uns hier ein großes Zelt aufbauen, darin wollen wir den Kindern am Tage von Jesus erzählen, und am Abend den Erwachsenen. So war das Zelt immer mit Menschen gefüllt. Nicht nur vom Campingplatz nebenan, sondern sogar von einem weiteren, etwas weiter des Weges, kamen die Menschen. Ja, sogar von der Jugendherberge, und auch Leute, die da in festen Häusern wohnten, kamen um zu sehen und zu hören was da wäre. So nannten sie es Campingkirche und als die Zeit vergangen war, und sie vom Berge wieder herunter kamen, da sprachen die jungen Mitarbeiter: „Lasst uns nächstes Jahr wieder hinaufziehen” und ein anderer schrie: „Nein nicht nur im nächsten, sondern den kommenden Jahren”; Sodass es für ihn eine weitere Arbeit bedeutete.

Einmal als er vom Berge kam und ins Pfarrhaus trat, waren die Ältesten sowie das Pfarrer-Ehepaar und die Vikarin versammelt. Sie schauten traurig drein und sprachen: „Gott der Herr hat Wohlgefallen an uns getan und sendet uns an einen anderen Ort. Aber fürchtet euch nicht denn siehe der Herr wird euch eine Frau oder einen Mann Gottes schicken in einer kleinen Zeit.“ Da sprach die Vikarin: „Ich habe doch noch ein Jahr zu lernen und ihr wollt gehen?” und auch die Ältesten fragten: „Wie soll das gehen?” Und der Diakon sprach: „Wie soll Ich zugleich Gottesdienst und Kindergottesdienst halten? Wie Taufen, Trauen und zur letzten Ruhe begleiten?” Doch Sie antworteten: „Siehe da ist euer Diakon und da sind eure Ältesten und nun kommt, wir wollen vor die Gemeinde treten um ihnen die Botschaft zu verkünden.“

Doch die Gemeinde fand das gar nicht gut und nachdem der Gottesdienst zu Ende war, fuhr ein Mann auf den Diakon zu und sprach: „Willst Du auch von uns gehen?” Dieser schaute ihn an und antwortete: „Warum sollte ich, hier ist gut sein.”

Doch aus einer kleinen Zeit wurde ein ganzes Jahr und unser Diakon hatte sehr viel Arbeit, Sonntag für Sonntag die gleichen Fragen: „Sag du uns doch, wann wir einen neuen Hirten bekommen?” Und es dauerte über ein Jahr bis zwei Lastwagen mit Anhänger und einem Kleinbus mit Eltern und Kindern heranfuhren. Da waren sowohl unser Diakon sowie auch die Gemeinde sehr fröhlich. Denn das Warten hatte ein Ende. Und schon wiederum hatte unser Diakon viel Arbeitszeit frei.

Eines Tages ging unser Diakon durch diese große Stadt und er kam auch in dem Westteil vorbei.

Da sah er viele Jugendliche und er fragte: „Warum sitzt ihr hier herum? Habt ihr niemand, der mit euch was unternimmt?“ Da antworteten sie: „Wer will mit uns schon was zu tun haben?” Und als sie noch so sprachen, sah der Diakon zwei Gotteshäuser. Als er hineintrat, saßen in beiden Häusern Diakone beim Gebet. Da sprach er: „Liebe Brüder, steht nicht in der Schrift geschrieben: betet und arbeitet?” Und sie antworteten: „Wir sitzen hier schon lange herum, aber niemand kommt in die Kirche.” Da erzürnte unser Diakon und sprach: „Steht nicht auch in der Schrift geschrieben: „Holet Sie von Zäunen und Hecken“, ihr aber sitzt hinter verschlossenen Kirchentüren und seht darum nicht, wie da draußen die Jugendlichen herumsitzen.” So entstand eine gute Jugendarbeit in der Weststadt.

Nach einer kurzen Zeit kamen alle Mitarbeiter und sprachen: „Seht unser Geldtopf ist leer. Soll alle Arbeit umsonst gewesen sein?“ Da setzte sich der Diakon an den Tisch des hohen Rates der Stadt, und sprach: „Ihr Männer, alle vier Jahre sagt ihr, die Menschen seien euch wichtig. Doch sehet, vier Gemeinden haben die jungen Menschen von der Straße geholt. Wo, so frage ich euch, ist nun euer Wort?”

Doch es war immer noch viel Arbeitszeit vorhanden, und da die jungen Mitarbeiter zahlreicher geworden waren, sprach unser Diakon zu ihnen: „So wie Jesus in ein Boot trat und aufs Meer hinausfuhr, um den Menschen die Botschaft zu verkünden, so wollen wir in ein fernes Land fahren, da werden wir einen Bootsmann finden, der uns für zwei Wochen auf den See hinausfahren wird.

Und siehe, da lag ein Segelboot am Ufer. Sie fragten den Bootsmann, ob er sie hinausfahren würde und er erwiderte: „Könnt ihr das bezahlen?“

„Ja“, antworteten sie, „wir haben Autos geputzt, Kalender verkauft, beim Basar bedient und in der letzten Zeit haben die Gemeinden noch an uns gedacht.“ Und als sie den Geldbeutel öffneten, sagte der Bootsmann: „Willkommen an Bord!” So fuhren sie täglich auf See, lasen die Bibel und erfuhren somit mehr über Jesus und auch über sich selbst. Einmal abends hörte unser Diakon sie miteinander diskutieren, ob Jesus preiswerter über den See gefahren wäre. Da sprach er: „Ja, sein Preis war ja sein Leben.” So nannten sie es Segelfreizeit.

Da im Herbst der Wind ihnen nicht erlaubte in das Boot zu steigen, machten sie in einem anderen Land eine Fahrrad - Tour.

Wie er sich auch bemühte, seine Arbeitszeit wurde und wurde einfach nicht mehr. So sah unser Diakon keinen anderen Ausweg mehr, als sich aufzumachen um den Hohen Rat der Kirchen zu fragen: „Ihr hohen Herren, ihr wisst was ich bis jetzt getan habe. Nun sagt was ich noch weiter tun soll!”, und ohne aufzusehen sprachen jene: „Weißt du nicht, dass die meisten deiner Amtsbrüder schon lange aus der Stadt gegangen sind, und du kommst und fragst nach mehr Arbeit? Sei mit dem zufrieden, was du hast. Und nun geh, wir haben zu arbeiten.”

Als er nun auf der Straße stand, war er sehr traurig: „Wie soll ich zufrieden sein, denn ich lebe doch nur einmal auf dieser Welt und habe dem Herrn versprochen, ihm zu dienen.” Als er nun so dachte, siehe da kam der Engel wieder zu ihm und sprach: „Fürchte dich nicht, du wirst in eine kleine Stadt gehen; dort wirst du Arbeit in Fülle haben. Doch nimm nun dein Bündel und eile, denn die Zeit ist kostbar. Da sprach unser Diakon: „Herr, woher weiß ich, wo ich hingehen soll? Seit ich aus meinem Vaterhaus gegangen bin, hab‘ ich nur bei den Weisen gesessen und im Gotteshaus gearbeitet und das Land, in dem ich all die Jahre gewesen bin, hab‘ ich nicht erkundet.” Da sprach der Engel: „Siehe, am Tag wird eine Staubwolke und des Nachts eine Feuersäule vor dir herziehen. Sie werden dir den Weg weisen. Doch ehe du gehst, nimm‘ dieses Tuch und putz dir den Staub der Stadt von deinen Füssen.

Und als er ein wenig aus der Stadt ging, drehte er sich noch einmal um und sah‘ das steinerne Kreuz auf dem Turm der Kirche. Doch die Staubwolke verwehrte ihm den Blick. Und eine Stimme sagte: „Weißt du nicht, dass in der Schrift geschrieben steht: ´Wer die Hand an den Pflug legt ...´

Und als er eine Weile gegangen war und es Nacht wurde, leuchtete die Feuersäule an einem Fels. Dort wurde er sehr müde und setzte sich. Und alsbald schlief er ein. Als er eine Zeit geschlafen hatte, berührte ihn der Engel, er öffnete seine Augen und vor ihm standen Brot und Wein. Da sprach der Engel: „Esst und trinkt, denn das ist der Leib, der dich stärken soll. Und das ist das Blut, das für dich vergossen wurde. Und nun mach‘ dich endlich auf, denn die Zeit drängt.“

Als er ein Stück des Weges gegangen war, hielt ein großer alter dreckiger Lastwagen. Und der Fahrer sprach in gebrochenem Deutsch: „Hey man, let‘s go. Spring hinten auf und dort du warten und wo du wollen raus du klopfen an Wand und ich werden dich lassen raus.” Und als der Diakon hinter sich die Tür zumachte, sahen seine Augen nichts, denn es war finster. Nur durch verrostete Löcher schien ein wenig Licht. Es roch dort nach Urin, Kot und Schweiß. Und als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er sehr viele Menschen. Frauen, Kinder, Männer in zerlumpten Kleidern. Doch in einer Ecke saß ein Mann, der hatte einen besseren Stoff an. Der Diakon stieg vorsichtig über die Menschen hinweg, setzte sich neben diesen Mann und fragte: „Wo kommt ihr her?” Doch er bekam die Antwort: „Fremder, was geht’s dich an!? Da fragte der Diakon: „Was liest du da für ein Buch?” Und er bekam die Antwort: „Ich weiß es nicht. Kurz bevor wir auf diesen Wagen stiegen, lag es herum und ich dachte ich könnte mir damit die Zeit vertreiben.“ Und als der Diakon das Buch zur Hand nahm, erkannte er, dass es die Bibel war. So fing er an daraus vorzulesen. Alsbald schauten alle Menschen zu ihm hin. Doch nach einer Weile schrie einer: „Hier ist Wasser.“ Und so rissen sie ihn aus dem Wagen und zerrten ihn zum Wasser: „Wenn du ein Mann Gottes bist, was hindert‘ s uns, dass du uns taufst?“ Doch er erkannte, dass es der Rhein war, und er wusste, dass da viele Industrieabwässer hineingeleitet werden. Doch es fiel ihm auch ein, dass Jesus gesagt hatte: „Wenn dieser Kelch...“

So stieg er mit ihnen allen ins Wasser und taufte einen nach dem andern. Und als der Letzte das Zeichen des Kreuzes empfangen hatte, waren die Ersten wieder auf dem Wagen. Und bevor er aus dem Wasser stieg, war der Wagen weg. Sein Bündel allerdings hatten sie hinausgeworfen.

Und als es helllichter Tag war, gingen beide Säulen mit ihm mit. Die Feuersäule wärmte ihn, sodass seine Kleidung trocknete und eine kleine Weile blieben sie vor einem kleinen Haus stehen, welches nun seine Arbeitsstelle werden sollte. Und die Arbeit war so groß, dass er manchmal vergaß, dass es schon Mitternacht war, bis er aus dem Büro kam.

Und eines Tages, er hatte schon lange gearbeitet, ging die Tür auf. Da stand ein Blinder, ein Tauber, einer mit Krücken und einer der nicht bis in sein Büro hineinkam, denn die Tür war für seinen Rollstuhl viel zu schmal. Und sie sprachen: „Wir haben gehört, dass du ein Diakon bist und dass du viele Programme für junge Leute machst. Aber was tust du denn für uns?” Unserem „armen” Diakon fiel so schnell keine Antwort ein, daher sprach er zu ihnen: „Lasst mir ein wenig Zeit, ich werde für euch ein Programm erarbeiten.” „Nein” schrien sie, „wir wollen kein eigenes Programm, lass uns an dem teilhaben, was du tust.” Als sie gegangen waren, dachte er, wie dies denn gehen könnte. Doch alsbald erschien ihm sein Engel zum letzten Mal und sagte: „Fürchte dich nicht, denn siehe, als Moses vom Berg kam hatte er zwei Tafeln, die voller Wörter Gottes waren. Meine Tafeln sind kleiner und obwohl ich ein Engel bin, bringe ich dir nur Gedanken, mit denen du ein gemeinsames Programm gestalten kannst. Darauf sagte unser Diakon: „Ja, wenn du jetzt nicht von meinem Gott kommst, wo kommst du dann her?!” „Aus der Stadt, in der man dir nicht genügend Arbeit geben wollte, da sitzt ein Mann, der sich weigert dich zu vergessen.”

Eine biblische Geschichte wird immer mit einem Wort beendet, das auf Deutsch heißt: „Ja, das ist so. Ja, das wird so sein. Ja, wenn Gott will.” Doch im Hebräischen wird dieses in ein Wort gegossen: Amen.

3.3 Im Glauben traurig sein

Juni 2005

Gott sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei. Ich will ihm eine Gehilfin geben.

Einmal abgesehen von dem Wort „Gehilfin“, stellt sich mir die Frage, ob Gott nicht vielmehr gesagt hat, er wolle ihm ein Gegenüber geben (eine gleichberechtigte Partnerin).

Paulus war viel später auf dieser Welt als alle Propheten. Es ist festzustellen, dass viele Propheten im Unterschied zu ihm nicht ehelos waren, und man kann doch sicherlich nicht behaupten, dass sie Gott nicht recht dienten, weil sie verheiratet waren.

Paulus geht im Neuen Testament so weit zu sagen, er fände es besser, ehelos zu bleiben, um dem Herrn besser zu dienen, doch er fügt zugleich hinzu, dies träfe auf ihn zu, jeder solle diese Entscheidung für sich selbst treffen.

Ich nehme mir heraus, meine Gefühle zu äußern. Jeder Mensch ist ein biologisches Wesen. Die Biologie ist doch ein Bestandteil in der Schöpfung. Wenn also der zweite Teil des Paulus-Satzes von der katholischen Kirche ignoriert wird bzw. der Satz Gottes, dass es nicht gut ist..., dann überkommt mich eine gewisse Traurigkeit – Betroffenheit.

Stellt man die katholische der evangelischen Theologie gegenüber, so wäre es doch unfair, wenn man evangelische Theologen/innen nicht als vollwertige Gottesdiener anerkennt. Es mag durchaus richtig sein, dass die Ökumene den Traum bzw. das Ziel vor Augen hat, gemeinsam an den Tisch des Herrn zu treten. Aber man sollte auch daran arbeiten, dass das Zölibats-Gebot aufgehoben wird. Wie kann ich etwas verkünden, was ich nicht selber erfahren darf: Nämlich die Liebe. Nicht die Kirche, sondern Paulus sprach: „Glaube, Hoffnung, Liebe. Doch die größte unter den dreien ist die Liebe.“

Paulus meint damit nicht die körperliche Liebe!

3.4 Im Gedenken an meinen Freund, den Journalisten

Am 26. August 1993 stand ein Artikel in der Zeitung mit der Überschrift „Oskar G. ist 70 Jahre alt.“ Darin heißt es: Die meisten werden ihn wohl vor allem an seiner Stimme erkennen. Schließlich war er viele Jahre lang alle 14 Tage im Südwestfunk zu hören – mit „Kontakt“, seiner Sendung für behinderte und nichtbehinderte Menschen. Heute wird der Journalist, der in Fr. lebt, 70 Jahre alt. Er war der erste, der Behinderten schon vor mehr als zwanzig Jahren die Gelegenheit gab, sich selbst an die Rundfunkhörer zu wenden. „Als ich angefangen habe“, erinnert sich Oskar G., „war der Begriff Behinderter noch gar nicht bekannt.“

Mein Leserbrief, der leider nie veröffentlicht wurde!!

29. August 1993

Zitat aus diesem Artikel: „Dass sich dies inzwischen geändert hat und auch das Selbstbewusstsein behinderter Menschen grösser geworden ist als je zuvor, daran hat der nun Siebzigjährige keinen geringen Anteil.“

Ich möchte mich nur auf die Passage „daran hat der nun Siebzigjährige keinen geringen Anteil“ beschränken. Ich halte diesen Satz für weit untertrieben. Da ich Herrn G. seit Ende der 60 er Jahre näher kenne, muss ich als Betroffener sagen, dass er sich sein ganzes Leben lang für das „Recht“ eingesetzt hat bzw. auch schon als Journalist Fachleuten ihre theoretischen Behauptungen in Glossen widerlegt hat.

Ganz persönlich ist mein Leben seit 1977 wesentlich von seiner Arbeit geprägt worden, denn er war es, der neben verschiedenen anderen Leuten dafür gesorgt hat, dass ich nicht weiter in einem menschenunwürdigen Heim als schwerstbehinderter Mensch „leben“ musste. Ein Journalist, der kein Sensationshascher war, sondern der nackte, reelle Tatsachen beschrieb. Seine Sendungen „Eine Sendung für Behinderte und Nichtbehinderte“ gaben uns Betroffenen die Chance, die Wahrheit nach außen zu schreien. Ich bedaure aufrichtig, dass der Südwestfunk die Sendung nach dem Ausscheiden von Herrn G. eingestellt hat, da in dieser Zeit die Belange der Behinderten schon wieder einen Rückschritt erlebten. Hier muss gesagt werden, dass Herr G. die Situation von behinderten Menschen in der Öffentlichkeit zum Überdenken gebracht hat und insofern auch eine große Bereicherung war und das Leben von behinderten Menschen geprägt hat. „War“ ist bei ihm nicht relevant, da seine Natur ihm nicht erlaubt, als Rentner zu schweigen. Solche Leute müsste es viel mehr in unserem Land geben, nicht nur im Behindertenbereich, sondern allgemein. Er hat zwar sein Rentnerdasein verdient, dennoch ist es für uns ein großer Verlust. Ich möchte ihm danken für den Weg, den wir zusammen gegangen sind.

Nachtrag:

Sein Rentnerdasein hat er nie erlebt, denn 2 Monate nach diesem Brief ist er, leider viel zu früh, verstorben. Von daher bin ich im Nachhinein sehr froh, dass seine Frau ihm diesen Brief auf seinem Sterbebett noch vorlesen konnte. Sie berichtete mir später, dass er gemeint hätte: „So eine Auszeichnung hätte ich mir gerne von meinen Vorgesetzten gewünscht.“

3.5 Menschenrechte und Pyramide - oder als ich sie zum ersten Mal in meiner Heimzeit Ende der 60-er las

Überarbeitet 2003

Am 10. Dezember 1948 verkündete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die „Allgemeinen Menschenrechte.“ Im Anschluss an diesen historischen Vorgang ersuchte die Versammlung den Generalsekretär der Vereinten Nationen um „denkbar weiteste Verbreitung der Erklärung und zu diesem Zwecke um ihre Veröffentlichung und Verteilung nicht nur in den Amtssprachen, sondern auch, unter Anwendung aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel, in möglichst allen anderen Sprachen.“ Den offiziellen Wortlaut findet man in den Texten der fünf Amtssprachen der Vereinten Nationen: Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch.

Sinngemäß ließe sich auch ein Vergleich zwischen dem folgenden Plakat der „Aktion Dritte Welt Freiburg“ und des „Sozialistischen Büros Offenbach“ und dem nicht emanzipierten behinderten Menschen ziehen:

3.6 An den Hartmann-Bund e.V.

13. Dezember 1987

Am 16. April 1977 attestierte ein Facharzt für Orthopädie, dass ich als Schwerstbehinderter aus fachärztlicher Sicht nicht in einer eigenen Wohnung leben könnte (aus Gründen des Datenschutzes möchte ich den Namen des Arztes nicht nennen). Nun lebe ich aber seit ca. 10 Jahren doch in einer eigenen Wohnung, und zwei Zivildienstleistende assistieren mir. Da dieses Beispiel zeigt, dass ein Attest nicht immer den Tatsachen entspricht, möchte ich Ihnen als Organisation der Ärzte ein paar Fragen stellen:

Was für eine Möglichkeit sehen Sie, Ihren Mitgliedern zu verdeutlichen, wie vorschnell ein solches Attest ausgestellt werden kann (wie das in der Praxis geschehen ist und wieder geschehen kann)?

Teilen Sie meine Auffassung, dass ein Chefarzt nicht gleichzeitig in Funktion eines Amtsarztes tätig sein dürfte?

Für ihre Bemühungen bedanke ich mich im Voraus.

Vom Hartmann-Bund kam keine Antwort!

Kommentar: nach 18 Jahren meine ich, wenn im Schulgesetz klar definiert ist, dass bei Abiturprüfungen Lehrkräfte aus anderen Schulen als Beisitzer fungieren müssen, so kann es doch wohl nicht sein, dass im medizinischen Bereich eine andere Regelung gilt. Es ist ja wohl bekannt, dass bei einem strittigen Unfall das Gericht einen unabhängigen Gutachter zu Rate zieht. Da ist es machbar, nur bei Menschen zweiter Klasse lässt man mehr oder weniger die Gesetzgebung außen vor.

Fairerweise muss man aber sagen, dass heute der Medizinische Dienst in Deutschland eine wesentlich unabhängigere Rolle innehat.

3.7 Meine Ansicht zum Thema Präimplantationsdiagnostik

Haben die Abgeordneten vergessen, was im Dritten Reich passiert ist? Das im Zuge der Euthanasie bereits Föten, die als nicht lebenswert betrachtet wurden, vernichtet worden sind? Sind wird heute wieder so weit, dass nicht behinderte Menschen (so genannte Fachleute), über behinderte Menschen entscheiden dürfen? GG § 1, mehr gibt es dazu nicht mehr zu sagen.

Im Juli 2011 verabschiedete der Bundestag ein neues Gesetz zur Präimplantationsdiagnostik. Aus dem Internet entnahm ich folgende Informationen:

„Die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) ist in Deutschland künftig eingeschränkt erlaubt. Im Bundestag stimmten am Donnerstag in der dritten Lesung 326 Abgeordnete in namentlicher Abstimmung für den Gesetzentwurf (17/5451) einer Parlamentariergruppe um Peter Hintze (CDU/CSU) und Ulrike Flach (FDP), der den Gentest an Embryonen zulassen will, wenn Paare eine Veranlagung für eine schwerwiegende Erbkrankheit in sich tragen oder bei ihnen mit einer Tot- oder Fehlgeburt zu rechnen ist. 260 Abgeordnete stimmten gegen den Entwurf, acht enthielten sich der Stimme. Vor der Entscheidung über eine Neuregelung der PID warben Befürworter und Gegner ohne Fraktionsdisziplin noch einmal nachdrücklich für ihre Positionen. Vor der Abstimmung galten noch rund 170 Abgeordnete unentschlossen.“

Ein gewisses Verständnis für Paare, die keine Kinder bekommen können, muss ich zwangsläufig aufbringen, aber nur mit drei Einschränkungen: 1. Ist es nicht überlegenswert das Thema Adoption in Betracht zu ziehen? 2. Macht man hier nicht alle Türen für weitere medizinische Versuche auf? 3. Da in unserem Land sowieso die Segregation teilweise vorhanden ist, sehe ich die Gefahr, dass Ärzte den Paaren alles erzählen, was zu ihrem Vorteil dient. Es wäre ein großer Vorteil gewesen, wenn in diesem Beschluss die Politiker aller Parteien eine Klausel eingesetzt hätten, dass bei der ersten Diagnostik behinderte Menschen (im wesentlichen behinderte Frauen) auch zu Rate gezogen werden würden, um den betroffenen Paaren eine andere Perspektive als die der Mediziner zu geben.

„Auswirkungen auf das Wertgefüge der Gesellschaft“:

Die Befürworter eines PID- Verbotes nahmen vor allem die Auswirkungen einer PID- Zulassung auf das Wertegefüge der Gesellschaft in den Blick. Bundestagsvizepräsident Dr. Wolfgang Thierse (SPD) sagte, es gehe nicht um eine „Ethik der Strafe, sondern eine Ethik der Menschenwürde.“ Eine PID- Zulassung stelle einen „fundamentalen Paradigmenwechsel“ dar, werde mit der Methode doch „Selektion“ und eine „Qualitätsüberprüfung menschlichen Lebens“ ermöglicht. Die PID könne vielleicht in Einzelfällen Leid verhindern, „aber sie verhindert in jedem Fall das Lebensrecht von gezeugtem menschlichen Leben“, betonte Thierse. Als Betroffener habe ich dem Wortlaut von Herrn Thierse nichts weiter hinzuzufügen.

3.7a Ich bin 1943 geboren! Somit knapp der Euthanasie entkommen!

In diesem Abschnitt des Buches möchte ich auch betonen, dass ich als Mann nicht das Recht habe eine Frau nach dem §218 zu verurteilen, aber auch bei diesem Thema möchte ich in Zukunft folgendes fordern: Frauen mit oder ohne Behinderung sollten Schwangeren eine beratende Stütze sein, da ihnen eine objektivere Sichtweise als einem Mediziner zuzutrauen ist.

Meine Befürchtung zu diesem Thema liegt auch darin begründet, dass ich Angst habe, dass die Körper von Föten, die abgetrieben werden, zur Organentnahme genutzt werden.

Auch möchte ich hier meine Empörung darüber ausdrücken, als vor ein paar Jahren die Wissenschaft der Medizin den „Durchbruch“ in der Stamm- und DNA-Forschung verkündete. Es überfiel mich eine Angst, wie weit Mediziner ihre Patienten noch als Menschen sehen oder sich nach ihrem Profit ausrichten.

3.8 Rundbrief - AN DIE PARTEIEN DES BUNDESTAGES

CDU - Parteizentrale

SPD – Fraktion

Bundesgeschäftsstelle Bündnis 90 / Die Grünen

Bundesgeschäftsstelle der FDP

Wahlen 1998

20. Januar 1998

Sehr geehrte Damen und Herren!

Seit ich wahlberechtigt bin, habe ich immer wahrgenommen, dass die Aussagen freitags vor der Wahl mit denen sonntagabends nach der Wahl nicht mehr identisch sind. So bin ich nicht mehr bereit, dieses nochmals in diesem Jahr von Politikern zu hören.

Was sind eigentlich Politiker?

Antwort: Staatsdiener.

Was sind Diener?

Antwort: Hilfskräfte.

Jeder Politiker wird bei der Einstellung vereidigt.

Jeder Verstoß gegen den Eid ist strafbar.

Warum schreibe ich dieses und wer bin ich? Warum müssen die Leser dieser Zeilen mich als aggressiv und arrogant bezeichnen?

Weil diese Gesellschaftsvorstellung und die Auffassung von den Aufgaben eines Politikers nicht mit der Meinung der Allgemeinheit übereinstimmen.

Da ich von meiner Geburt an körperbehindert bin, mag es durchaus bequem sein, mich als Person nicht ernst zu nehmen. Dennoch möchte ich den Versuch unternehmen, vor der Wahl 1998 von meiner Seite aus den „Wahlkampf “ mit einer ernstzunehmenden Frage zu eröffnen, nämlich: Welche Partei ist bereit, die Pflegeversicherung vor der Wahl zu reformieren bzw. sie in ein neues differenzierteres Gesetz umzuwandeln? Vor der Konzeption der Pflegeversicherung stand schon im Grundgesetz, dass kein Mensch nach Rasse und Geschlecht benachteiligt werden darf bzw. dass jeder vor dem Gesetz gleich ist. Dieses hat zur Folge, dass Abgeordnete sämtlicher Parteien, des Bundes und des Landes sich gegen den transparenten Abgeordneten gewehrt haben. Dieselben Personen haben es aber im Pflegegesetz zugelassen, dass durch den medizinischen Dienst die intimsten Daten eines Menschen erhoben werden. Hierzu möchte ich eine Arbeit vorstellen, die ich mit Studenten der Uni Fr. durchgeführt habe. Im Rahmen eines Psychologieseminars führte ich mit Studenten am 10. Dezember 1995 ein Rollenspiel durch (siehe 3.7.5 Module).

Vor einiger Zeit bekam ich von einem lateinamerikanischen Studenten Assistenz. Da ich nicht der englischen Sprache mächtig bin und er nicht der deutschen, war unsere Kommunikation so stark beeinträchtigt, dass ich ihm nicht deutlich machen konnte, wo er mit der Zahnbürste überall hingehen sollte. Dieses hat mich zu der Erkenntnis geführt, dass die Kommunikation zwischen Gesetzgeber und Gesetzempfänger auch stark beeinträchtigt ist. Ich halte es für dringend erforderlich, die Universitäten bzw. die politischen Gremien dahin zu motivieren, dass wirklich der Ursinn der Staatsdiener im Vordergrund steht. Den Ursinn sehe ich in der Wahrung der Interessen des Volkes und der Individualität jedes Einzelnen. Dies kann eine langfristige Lösung sein. Bis September ´98 wird das nicht zu erreichen sein. Daher sehe ich nur eine Möglichkeit – es ist mir klar, dass dieses im Deutschen Bundestag und in den Länderparlamenten noch nicht praktiziert worden ist – , dass sich die Angehörigen des Deutschen Bundestages bzw. der Länderparlamente gegenseitig die Zähne putzen, um ein praxisbezogenes Gefühl des von ihnen verabschiedeten Pflegegesetzes vermittelt zu bekommen.

Ich höre im Geiste, wie die SPD sowie die Grünen sagen:

„Wir sind ja nur in der Opposition.” Was aber heißt Opposition? Nämlich opponieren. Dies ist von den oben genannten Parteien in keinster Weise geschehen.

Die regierenden Parteien, insbesondere Herr Minister Blüm, waren und sind von seinem „Jahrhundertwerk” sehr überzeugt, obwohl schon auf einer Demonstration in Bonn der Staatssekretär Herr Dr. Jung ganz klar gegenüber den Behinderten die Aussage machte: „Wir haben euch im Gesetz vergessen.“

Auch sind inzwischen sehr viele Verbände sowie auch die Regierung der Überzeugung, dass nach dem 01.06.1995 in Deutschland die Kosten im ambulanten Bereich höher sind als vorher.

Aus diesen oben genannten Gründen bin ich nicht mehr in der Lage, mein Gewissen dahingehend zu belasten, dass ich einer Partei meine Stimme gebe, weil mir meine Würde durch inkompetente Gesetzgeber genommen worden ist. Das Argument, welches von politischer Seite mir entgegengebracht werden wird: „Was wollen Sie denn, wir haben doch eine Anhörung durchgeführt”, ist nur zum Teil richtig. Die Anhörung ist erfolgt, aber es waren nur Menschen zugegen, die dadurch ihren Arbeitsplatz erhalten wollten, sprich Funktionäre. Diese Situation haben behinderte Menschen schon einmal erlebt, nämlich bei der Konzeption des Heimgesetzes. Auch damals (in den 70ern) haben Funktionäre die Politiker beraten. Der wahre Vertreter von Behinderten damals, ein Rollstuhlfahrer, kam nicht zu Wort, da sich der Sitzungsraum unzugänglich für ihn im ersten Stock befand. Es drängt sich die Frage auf, ob Politiker Menschen ohne Lernfähigkeit sind.

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit einer hypothetischen Frage: Was wäre, wenn Herr Nelson Mandela nach Bonn käme und die politische Praxis der Pflegeversicherung sähe? Könnte er es noch verstehen, dass seine Arbeit in seinem Land, nämlich die Apartheid abzubauen, in Deutschland ignoriert wird, wo die Apartheid verstärkt und per Gesetz aufgebaut wird?

Dr. Geißler sprach am 18.07.1997: „Behinderte Menschen sind keine kranken Menschen.” Wenn dieser Satz von allen Parteien vor dem 01.04.1995 in seiner Tragweite verstanden worden wäre, wäre die Pflegeversicherung bestimmt differenzierter konzipiert worden.

Ich will dies an nur sechs Beispielen deutlich machen:

1. Im Fragebogen des medizinischen Dienstes ist nach der Haushaltsführung gefragt. Ein nicht behindertes Kind wird niemals Hausarbeiten durchführen, also ist die Frage bei einem behinderten Kind nicht relevant. Sie erzeugt nur falsche Hoffnungen bei den Eltern.
2. Im Pflegegesetz ist die Härtefallregelung konzipiert. Sie ist vom Gesetzgeber für sehr aufwendige medizinische Betreuung gedacht. Man hat festgestellt, dass Kommunen behinderte Menschen dazu zwingen, den Härtefall zu beantragen, was in vielen Fällen gar nicht vonnöten ist.
3. Wir wissen, dass sehr viele Mitarbeiter von Kommunen sich noch um die Frage streiten, welcher Kostenträger für medizinische Hilfsmittel zuständig ist. Der Gesetzgeber hat ganz klar definiert, was die Pflegeversicherung ist. Am 17.06.1997 hat Herr Erler MDB(SPD) vor behinderten Menschen erklärt, dass aus politischen Erfahrungswerten ein Gesetz mindestens eine Lauf-/Reifezeit von 6 Jahren benötige.
4. Es kann nicht weiter angehen, dass der Preisunterschied in den Stundensätzen der ambulanten Pflege zwischen Hamburg und München mehr als dreißig DM pro Stunde beträgt.
5. Erhält ein Sozialhilfeempfänger (nicht nur Behinderte) eine Überzahlung seines monatlichen Betrages, so hat er diesen Mehrbetrag an das Sozialamt zurückzuzahlen, was ich persönlich auch für richtig halte. Wenn Deutschland eine Demokratie darstellt, verstehe ich nicht, dass sich die FDP in Person des Herrn Solms über die Rückzahlung der überbezahlten Leistungen, die von der Bundestagspräsidentin veranlasst wurden, aufregt.
6. Es gibt meines Wissens nach in keinem weiteren Land des europäischen Raumes ein Gesetz, wonach Menschen wie Agrarprodukte behandelt werden. Herr Geißler hat Recht, Behinderte sind nicht krank, aber Behinderte sind auch nicht in Güteklassen wie Eier zu vermarkten.

Nein, sehr geehrte Damen und Herren Volksvertreter, die Pflegeversicherung darf nicht dahin gehen, dass betroffene Menschen leiden und andere sich eine goldene Nase daran verdienen. Sie wollen alle die europäische Gemeinschaft, ja dann bitte lernen Sie von Ihren Nachbarn, lernen sie von Dänemark, Schweden, Holland, Großbritannien, wo behinderte Menschen als Arbeitgeber nicht erst seit diesem Jahrzehnt leben.

Nein, sehr geehrte Damen und Herren Volksvertreter, wer im Deutschen Bundestag dem Bioethik-Gesetz zustimmt, kann von uns behinderten Menschen nicht eine Stimme bekommen.

Wir behinderten Menschen, davon bin ich fest überzeugt, können nur zu den nächsten Bundestagswahlen gehen, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

1. Ein flächendeckender Tarif für Assistenzstunden
2. Eine ständige Überwachung (vierteljährlich) der Anbieter von ambulanten Dienstleistungen
3. Abschaffung des Paragraphen 3a vor September ´98
4. Einsatzstellen für Zivildienstleistende dürfen nur noch existieren, wenn Leitungen durch ein Team von behinderten und nichtbehinderten Menschen paritätisch besetzt sind.

Man weiß, dass in der Bundesrepublik sehr viele Arbeitsplätze verlorengegangen sind. Ich stelle hier die Frage, wann die politische und geistige Kreativität da ist, die erkennt, dass Behinderte jede Menge Arbeitsplätze ermöglichen.

Sollte ich bis 01.04.1998 von Ihnen keine Antwort erhalten haben, möchte ich Ihnen heute schon mitteilen, dass ich diesen Brief an sämtliche Behindertenverbände veröffentliche, mit der Bitte um Weitergabe an die Wähler. Wie sich auch in Hamburg dieses Jahr gezeigt hat, fehlten einer Partei 600 Stimmen. Ich weise darauf hin, dass mehr als 600 Behinderte in der Bundesrepublik wahlberechtigt sind. Ich sehe in diesem Schritt keinen Tatbestand der Volksverhetzung, vielmehr die Notwendigkeit der Gegenwehr, damit uns unsere deutsche Geschichte nicht wieder einholt. 36 Jahre mussten wir ein geteiltes Deutschland hinnehmen. Ich möchte nicht in ein neues Jahrhundert hineingehen, in dem eine neue unsichtbare Mauer uns trennt.

3.9 Warum Deutschland nicht mehr mein Heimatland ist!

15. Oktober 2000

Seit 1993 habe ich mich immer dagegen ausgesprochen, dass der Gesetzgeber eine Pflegeversicherung einführt. Nun ist sie seit dem 1.4.95 in Kraft. Von diesem Zeitpunkt an habe ich mich innerlich dagegen ausgesprochen und für mich als Schwerstbehinderter, der ich noch im 3. Reich geboren wurde, wird von Jahr zu Jahr die Situation der Pflegeversicherung immer bedrohlicher. Das heißt, ich fühle mich in meinem eigenen Land unwohl. Leider spielt bei dem Begriff „sozial“ für die meisten Menschen der materielle Gesichtspunkt eine große, ja die entscheidende Rolle. Doch darf man nicht nur sozial denken, sondern muss vielmehr humanistisch denken. Wir haben im Grundgesetz die Würde des Menschen verankert. Wenn dieses fundamentale menschliche Recht in unserem Land tatsächlich realistisch sein soll, dann muss die Würde über der materiellen, sozialen Komponente stehen.

Auch ist es eine Tatsache, dass unser Land in einen europäischen Verbund integriert ist. Daher möchte ich gerne fragen: Wieso macht unser Land einen Alleingang in der europäischen Gemeinschaft? Wir sind Menschen ausgeliefert, die über uns entscheiden dürfen. Sind wir wirklich fünfzig Jahre zurückgefallen? Damals wurde schon über Menschen ein Urteil gefällt. Soll das heute wieder in der deutschen Geschichte so sein?

Für mich ist es schlimm, dass eine Partei mit einem christlichen Anspruch die Unwürde von behinderten Menschen in ein Gesetz gegossen hat. Andere Gesetze hat die neue Regierung nicht übernommen, aber das Pflegegesetz haben sie übernommen. Ja es stimmt, dass Menschen mit einer Behinderung oder auch andere Menschen, die keine Arbeit haben, vom Staat leben müssen. Man könnte auch den allzu brutalen Satz formulieren: Wer Geld hat, hat die Macht. Aber wer nun eben vom Staat Geld kriegt, der sollte auch die gleichen Rechte bekommen. Das heißt für mich, wenn ich als Staatsempfänger eingestuft werde bzw. von Vertretern des Staates alle zwei Jahre mit Recht überprüft werde, dann muss unser Grundgesetz auch darin greifen, dass alle Staatsbediensteten auf ihre Fähigkeit überprüft werden. Sonst ist nach meinem Dafürhalten die Demokratie nicht wert, dass sie auf ein Papier geschrieben wird.

Die Naivität von Politikern und das Profitgebaren von Sozialeinrichtungen muss / sollte bald ein Ende haben. Behinderte Menschen haben den Anspruch auch zu rufen: „Wir sind das Volk!“ Ich bitte alle Leser, die diese Zeilen lesen, mir zu helfen, dass die deutsche unsichtbare Mauer verschwindet, denn die Menschen haben schon eine Mauer eingerissen. Wann, so möchte ich fragen, wird diese zweite Mauer endlich verschwinden? Wann wird man lernen, dass Nachbarländer die Würde des Menschen mehr achten als wir Deutschen?

Lieber dreihundert bis fünfhundert Mark weniger, als sich seiner Würde beraubt zu sehen. Daher ist Deutschland nicht mehr mein Heimatland, merci Frankreich, mille grazie Italien, Schweiz, Holland, Dänemark und euch anderen skandinavischen Ländern.

3.10 Mein Leben mit Martin Luther King

Als ich 23 Jahre alt war, habe ich das Buch „Mein Leben mit Martin Luther King“ von Coretta Scott King, seiner Frau, gelesen. Von dem Zeitpunkt an war mir klar, dass es Parallelen zwischen Schwarz-Weiß und zwischen nichtbehindert und behindert gibt. Natürlich würde ich nie den Anspruch erheben, so bedeutsam zu sein wie er, doch ich finde Parallelen zwischen seinem und meinem Leben und Denken!

Martin Luther King:

„Mit diesem Glauben werden wir gemeinsam arbeiten können, gemeinsam beten können, gemeinsam kämpfen können, gemeinsam ins Gefängnis gehen können, um gemeinsam aufzustehen für die Freiheit. Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern auf den roten Hügeln von Georgia am Tisch der Bruderschaft gemeinsam niedersetzen können.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und in der Unterdrückung schmort, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt wird.

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages unten in Alabama [...] kleine schwarze Jungen und schwarze Mädchen kleinen weißen Jungen und weißen Mädchen wie Brüdern und Schwestern die Hände reichen können.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg niedriger werden. Die unebenen Plätze werden gerade, und die Herrlichkeit dessen soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen.“

Bewusst setze ich den Text Martin Luther King und den Text „die Hautfarbe war nicht alles“ vor die Biographie, um Ihnen die Möglichkeit zu geben, eine gewisse Parallele zu erkennen.

3.11 Was hat die Diakonie von drinnen und draußen mit Martin-Luther Kings’ Marsch auf Washington zu tun?

Man darf auf keinen Fall die Diakonie vereinheitlichen. Wenn ich im Folgenden von der Diakonie „drinnen“ spreche, so meine ich die Heime, spreche ich von der Diakonie „draußen“ so meine ich ihre städtische Funktion.

Juni 2003

Ich erwähne dies, weil ich schon immer eine Parallele sah, zwischen schwarzen und weißen Menschen einerseits, und zwischen behinderten und nichtbehinderten andererseits. In diesem Zusammenhang möchte ich äußern, dass mir die Vorstellung Angst macht, dass die Menschen heutzutage überall in Heimen genauso behandelt werden wie früher, dass genauso wie früher die Vorstellung vorherrscht: „Wir tun doch alles für euch!“ Damit will ich sagen, dass Menschen aufgrund ihres Andersseins in Heimen leben müssen, die das Wort „Individualismus“ entweder nie gekannt haben, oder aber deren Resignation so weit fortgeschritten ist, dass sie sich nicht als Individuum fühlen können.

In den Zehn Geboten wird davon gesprochen, dass man kein falsches Zeugnis ablegen soll. – Andererseits, wenn man etwas schreibt, in dem Kritik zum Ausdruck kommt, erhält man oft negative Rückmeldungen, wie z.B.: „So etwas gehört nicht in eine Festschrift!“ Dieses ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich kann nicht nur Schmeicheleien schreiben, die die Realität insgesamt verfälschen würden.

Zu meiner Person: Ich bin scheintot geboren, spastisch gelähmt und somit völlig pflegeabhängig.

Am 08.05.1963 im Alter von 19 Jahren (auf eigenen Wunsch) bin ich in ein Pflegeheim gekommen, in dem ich bis zum 31.10.1977 lebte, also 15 Jahre. Das Wohnheim war für erwachsene, schwerstbehinderte Männer. Es war an eine Anstalt der Diakonie angeschlossen und wurde durch dieses seelsorgerisch mitversorgt. Die wichtigsten Ereignisse meiner 15-jährigen Aufenthaltsdauer dort lassen sich mit wenigen Worten wiedergeben: Zunächst die Loslösung vom Elternhaus, dann im Alter von 23 Jahren, meine „späte“ Taufe. Außerdem die Bekanntschaft mit einem Diakonieschüler, der später mein bester Freund werden sollte.

Seit 1977 lebe ich nun autonom, zunächst in einer Wohnung, die nur 7 Kilometer von dem Heim entfernt war, mit zwei Zivildienstleistenden für meine persönliche Assistenz, die mir so eine andere Welt boten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 220 Seiten

Details

Titel
Du kannst das nicht - du bist behindert
Autor
Jahr
2012
Seiten
220
Katalognummer
V184202
ISBN (eBook)
9783656112297
ISBN (Buch)
9783656112396
Dateigröße
4949 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Weitere Informationen unter: http://www.badische-zeitung.de/liebe-familie/dirk-bergens-kampf-fuer-ein-selbstbestimmtes-leben-mit-behinderung--70303954.html
Schlagworte
Pflegeversicherung, Behinderung, Sexualität, körperbehindert, Zerebralparese, Cerebralparese, Biographie, Drittes Reich, Schulbildung, Analphabetismus
Arbeit zitieren
Dirk Bergen (Autor), 2012, Du kannst das nicht - du bist behindert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184202

Kommentare

  • Gast am 4.5.2013

    Es scheint beinahe unglaublich, was der Autor in seinem bisherigen Leben mit Behinderung alles erleben durfte bzw. musste. Eine außergewöhnliche Biographie, die zugleich viel mehr ist als das, ein Spielge der Zeit vergangener Jahre.
    Mich hat neben den interessanten Korrespondenzen mit Politikern und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vor allem Herr Bergens scheinbar absoluter Wille die Gesellschaft für Belange von vermeintlich Benachteiligten zu sensibilisieren, sowie seine Energie und der Tatendrang, mit dem er dies anging und wohl immer noch angeht.
    Dieses Buch hat vielseitige Beachtung verdient und gibt auch Lesern, die nichts über den Alltag und das Leben eines Menschen mit Behinderung bzw. die damit verbundenen (verwehrten) Möglichkeiten und Chancen wissen, einen exemplarischen tiefen und persönlichen Einblick.

  • Dirk Bergen am 27.7.2015

    Im jahre 2015 habe ich durch Zufall bei einer Buchbestellung die unteren Zeilen gefunden. Das Buch hat von der ersten Idee bis zur Abgabe sieben Jahre gebraucht. Nicht weil ich nicht wusste was ich schreiben soll sondern weil ich Aufgrund meiner Behinderung nicht selber schreiben konnte. Wie auch jetzt immer auf fremde Hilfe angewiesen bin.

    Wie gesagt wo ich den Text gelesen hatte wurde mir klar das ich richtig gehandelt habe. Diese zeilen müssen zwangsläufig neutral bleiben, denoch wenn der Verfasser der unteren Zeilen mir die Chance gebe mit der Person in Kontakt zu treten wäre das ein wunderschönes dankeschön für meine Arbeit. Er kann hier gerne einen Kommentar abgeben wenn er das ließt und wir können dann irgendwie in Kontakt treten.

    Viele Grüße

    D.Bergen

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