Mayröcker/Jandl - Eine gelungene Liebe in Passion?


Hausarbeit, 2010

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Zum Phänomen Liebe
1.1. Liebe im Wandel der Zeit

2. Luhmanns Liebe – Ein codiertes Medium
2.1. Die Entwicklung der Intimbeziehung
2.2. Konformität in Zeiten des Individualismus

3. Mayröcker / Jandl – 2 Texter / 1 Liebe
3.1. Mayröcker - Die Glorreiche
3.2. Jandl - Der Kleinkünstler
3.3. Getrennt-gemeinsam - über den Tod hinaus

4. Mayröcker / Jandl – Eine zeitgemäße Liebe?

5. Quellenverzeichnis

1. Zum Phänomen Liebe

Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was Liebe ist oder welchen Sinn sie hat, wird einem sehr schnell auffällig, dass es hierzu schier unendlich viel Literatur und mindestens genauso viele Meinungen gibt. Versucht man diese Meinungen ein wenig genauer zu differenzieren und sich dem Thema etwas sachlicher, sprich wissenschaftlich zu nähern, so wird einem auch klar, dass das Phänomen aus verschiedensten Perspektiven betrachtet werden kann. So ergibt die Frage nach dem Sinn nicht nur eine der jeweiligen Wissenschaft entsprechende Antwort, sondern logischer Weise auch eine dementsprechende Denkrichtung. In den folgenden Zeilen soll die Liebe deshalb ausschließlich aus soziologischer Sicht betrachtet werden. Als wissenschaftliche Grundlage wird die Liebestheorie von Niklas Luhmann dienen. Sie wird auf die besondere Beziehung der zwei österreichischen Künstler Friederike Mayröcker und dem im Jahre 2000 verstorbenen Dichter Ernst Jandl angewendet. Anhand ihrer Art zu lieben und zu leben, vor allem aber miteinander in ihrer Kunst zu kommunizieren, soll aufgeklärt werden, ob, und wenn ja, wie Luhmanns Theorie in der heutigen Zeit erfolgreich gelebt werden kann. Letzten Endes soll die These erörtert werden, ob ihre Liebe nach Luhmanns Ansatz eine gelungene Art der romantischen Intimität darstellt. Dazu wird es jedoch wichtig sein sich zunächst das Phänomen Liebe im Lauf der Zeit anzusehen.

1.1. Liebe im Wandel der Zeit

Um zu verstehen, wie Liebe aus heutiger soziologischer Sicht zu erklären ist, bleibt es unbedingt notwendig, sich das Verständnis von Liebe im Laufe der Jahrhunderte anzusehen. Denn das, was uns im Bezug auf Liebe in der Moderne als normal erscheinen mag, ist, wie später noch genauer erläutert werden wird, das Ergebnis einer langwierigen gesellschaftlichen Entwicklung. Dabei wird deutlich werden, wie Werte und Normen sowohl einflussnehmend sind als auch beeinflusst werden. Dies gilt in gleicher Weise für diskursive Ereignisse, wie beispielsweise literarische Erscheinungen. Wie Hartmann Tyrell beim Erörtern des Sinns von Liebe feststellt, ist eine Tatsache im Bezug auf sie unverändert erhalten geblieben.

Für die Besonderheit des Erlebens von Liebe ist einerseits konstitutiv eine Selektion unter Personen, genauer: die unbedingte Präferenz für eine bestimmte individuelle Person (für die allein man noch Augen hat). Und andererseits: die enthusiastische Besetzung genau dieses Sachverhalts mit höchster Relevanz, mit Höchstrelevanz. Wer liebt, dem geht der eine geliebte Mensch und seine Liebe zu diesem superlativisch »über alles « (Tyrell 1987: 570).

Er setzt dies als Voraussetzung für die Interaktion liebender Individuen, die in ihrem Bedürfnis nach Aktion und Reaktion unbedingt nur jene bestimmte präferierte Bezugsperson für sich in Anspruch nehmen. Damit wird nochmals deutlich, in welche Richtung und Disziplin das Denken in dieser Arbeit gelenkt wird. Um noch genauer verstehen zu können, welches Feld die Liebe in diesem Zusammenhang abdeckt, ist es notwendig, sich auf ein soziologisches Verständnis von Liebe in der Gesellschaft zu einigen. In diesem Fall soll Luhmanns Codetheorie der Liebe als Passion Ausgangspunkt sein.

2. Luhmanns Liebe – Ein codiertes Medium

Als Soziologe befasst sich Luhmann mit der Liebe als Mittel zur Herstellung von Intimität, „als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“ (Baraldi 1997: 110), welches die Erfolgschancen erhöht, wo Intimität eben unwahrscheinlich erscheint. Die Liebe ermöglicht demnach etwas, das ohne sie nahezu unmöglich wäre, sie ermöglicht dem Menschen über die Kommunikation das Zueinanderfinden und in letzter Konsequenz dadurch auch die Arterhaltung. Kommunikation wird hierbei gewagt, weil sie in hohem Maße Erfolg versprechen kann. Dies geschieht indem gerade jene Erwartungen, welche unter Umständen in denen keine Liebe vorhanden ist, eben nicht eingehalten werden. Das Erleben eines Individuums löst bei einem Zweiten, das Erste liebende, ein bestimmtes Handeln aus und dies zunächst ohne Eigenbezug zu sich selbst, sondern rein vom Wunsch motiviert, die geliebte Person im über sich selbst Reden und sich selbst Wahrnehmen zu erleben. Gerade darin liegt die außergewöhnliche Leistung von Liebe, „weil [normalerweise] mit der Zunahme der Idiosynkrasie und der Singularität des Gesichtspunkts des Sprechenden Interesse und Konsens der Zuhörer abnehmen“ (Ebd.: 110). In einem weiteren Schritt kommt es jedoch tatsächlich zum Eigenbezug des liebenden Individuums, nämlich dann, wenn dieses, dem Bedürfnis nach Gegenliebe nacheifernd, in einem Prozess der Assimilation die Einstellungen und Werte des geliebten übernimmt. Als Schaffer von Intimität ist die Liebe „also das Medium der Konstruktion der Welt mit den Augen des Anderen“ (Ebd.: 111).

Sie ist also nicht als Gefühl zu verstehen, sondern als bestimmten Regeln unterworfener Code, welcher bestimmte “Kommunikationsanweisungen“ (Luhmann 1982: 22) nach sich zieht und mit Symbolen, wie beispielsweise dem Leitsymbol „Passion“ (Ebd.: 30), beschrieben wird. Sie ist, um es näher an Luhmanns Systemtheorie zu formulieren, als soziales System zu verstehen, welches psychischen Systemen ermöglicht, sich mit dem Medium kurz zu schließen und im Rahmen der semantischen und attributiven Strukturen zu interagieren.

Bei diachronischer Betrachtung des Mediums Liebe lässt sich jedoch ein Wandel seiner semantischen Bedeutung feststellen, der unter anderem einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das heutige Verständnis von Liebe hat. Um Luhmanns Liebestheorie auf die Beziehung von Jandl und Mayröcker, welche in den letzten vierzig Jahren des 20. Jahrhundert stattgefunden hat, anwenden zu können, erfolgt nun eine Darstellung der zeitlichen Entwicklung vom Gegenstand dieser Arbeit ab.

2.1. Die Entwicklung der Intimbeziehung

Luhmann geht in seinem Text „Liebe als Passion“ davon aus,

daß literarische, idealisierende, mythisierende Darstellungen der Liebe ihre Themen und Leitgedanken nicht zufällig wählen, sondern daß sie damit auf ihre jeweilige Gesellschaft und auf deren Veränderungstrends reagieren; daß sie, auch wenn in deskriptiver Form gehalten, nicht unbedingt die Realsachverhalte des Liebens wiedergeben, wohl aber angebbare Probleme lösen, nämlich funktionale Notwendigkeiten des Gesellschaftssystems in eine tradierbare Form bringen. Die jeweilige Semantik der Liebe kann uns daher einen Zugang eröffnen zum Verständnis der Verhältnisses von Kommunikationsmedium und Gesellschaftsstruktur (Luhmann 1982: 24).

Seine These besagt demnach, dass sowohl ein Umgang mit dem Code als auch der Code selbst von der jeweiligen kulturellen Gegenwart der Liebenden abhängig ist. Somit ist klar, dass die Liebessemantik unserer heutigen Gegenwart eine Andere sein muss als etwa jene der mittelalterlichen Minnesänger. Kommunikation in der Liebe mag damit zu jener Zeit etwas für heutige Verhältnisse völlig Befremdendes bedeutet haben und mag auch wegen dem dadurch verbundenen abweichenden Verständnis von Intimität ein gänzlich divergierendes Ziel verfolgt haben. Auch wird hier deutlich, dass ein Code keine theoretische Erfindung der Moderne ist, welche im Nachhinein zur Beschreibung der Liebeskommunikation innerhalb einer jeweiligen Epoche eingesetzt wird, sondern vielmehr immer und in jeder Gesellschaft schon als Vorhanden betrachtet werden muss. Luhmanns Tätigkeit besteht hierbei in der Fixierung und Benennung des Gegenstandes innerhalb der Soziologie. Trotzdem bleibt das Problem des schon vorhanden sein Müssens des Mediums Liebe, um eine Evolutionstheorie aufstellen zu können, ohne die dabei unablässige Selbstreferenz zu vernachlässigen. Die Frage, die sich stellt ist also, wie Liebe überhaupt entstehen kann, wenn sie sich ja selbst bedingt? Luhmann löst das Problem mit der „Ausdifferenzierung jener Sinnbehandlungsebene, die wir »gepflegte Semantik« nennen“ (Luhmann 1982: 50).

Dadurch gelingt ihm sowohl die Aufklärung bestimmter geschichtlicher Phänomene bezüglich des Liebesverständnisses, als auch die Offenlegung der Bedingungen ihrer Entstehung. So weist er zum Beispiel darauf hin, dass Veränderungen von der Stabilität des gegenwärtigen Gedankenguts abhängig sind und erst durch ihre Etablierung neue Ströme möglich werden. Auch entstehen neue Gedanken nicht immer aus dem Nichts, sondern können durchaus auch Wiederkehrende Gedanken aus der Vergangenheit sein, die sich erst durch bestimmte Entwicklungen durchsetzen. Einige dieser Meilensteine der Liebessemantik werden nun dargestellt.

Bei der Suche nach „zentralen Momenten der Sinngebung,[…] lassen sich im Bereich der Liebessemantik deutliche Schwerpunktverschiebungen erkennen“ (Ebd.). Diese Verschiebungen verlaufen zugleich einher mit einer „Ausdifferenzierung der Intimbeziehungen“ (Ebd.), bedingt durch eine Veränderung der Gesellschaft von einer Schichtorientierten im Mittelalter, zu einer funktional Orientierten in der heutigen Moderne. Um die Zusammenhänge innerhalb dieser Entwicklung besser darstellen zu können unterscheidet Luhmann vier verschiedene Sinnbereiche:

(1) Die Form des Code
(2) Die Begründung der Liebe
(3) Das Problem, auf das die Veränderung reagiert, indem sie es einzubeziehen versucht
(4) Die Anthropologie, die sich dem Code zuordnen lässt

Für das Verständnis des Schwerpunktes dieser Arbeit, der in der Intimbeziehung von Mayröcker und Jandl liegt, erfolgt eine verkürzte Darstellung der Sinnbereiche.

(1) Die Form des Code ist zugleich Bedingung für die Evolution der Liebessemantik, weil sie festlegt, in welcher Einheit der Code jeweils formuliert wird und dadurch nicht nur ausdifferenzierend wirkt, sondern gleichzeitig immer auch sinnstiftend ist. Die Einheit des Codes entwickelt sich demnach vom mediävalen Ideal zum Paradoxon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert. Mit Paradoxen ist hierbei gemeint, dass „die Bedingungen der Möglichkeit einer Operation [Liebe] zugleich auch die Bedingungen ihrer Unmöglichkeit sind“ (Corsi 1997: 131). Im darauffolgenden Jahrhundert steht die Einheit als Funktion dar, die „Autonomie zur Reflexion zu bringen“ (Luhmann 1982: 51) hat. Schließlich kommt ihr in der Moderne die Funktion der Problemorientierung zur Bewältigung von Schwierigkeiten bezüglich Intimität im Alltag zu.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Mayröcker/Jandl - Eine gelungene Liebe in Passion?
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V184383
ISBN (eBook)
9783656091608
ISBN (Buch)
9783656091752
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mayröcker/jandl, eine, liebe, passion
Arbeit zitieren
Eric Mbarga (Autor), 2010, Mayröcker/Jandl - Eine gelungene Liebe in Passion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184383

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