„Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum“ von Pierre Bourdieu


Exzerpt, 2009

4 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Es lassen sich fünf Hauptthesen aus dem Text entnehmen, die inhaltlich aufeinander aufbauen: Erstens unterscheidet er zwischen physischem und sozialem Raum; Zweitens wird durch den angeeigneten Raum und seiner Struktur Macht bestätigt; Drittens wird dieser Raum nicht nur von seinen Akteuren konstruiert, sondern auch von den jeweiligen Kapitalen; Viertens bestimmt der Habitus des Akteurs den angeeigneten Raum und umgekehrt und fünftens benötigen exklusive Räume ein spezifisches Kapital.

Der physische Raum ist nur ein abstrakter Punkt, der aus einer physischen Geografie besteht. „Der physische Raum (wird) durch die wechselseitige Äußerlichkeit der Teile bestimmt“ (S. 24). Der soziale Raum hingegen entsteht durch die Aneignung der Akteure oder Gruppen in ihr und die Verteilung von Dienstleistungen oder Gütern. Der Akteur wird durch den angeeigneten Raum charakterisiert an dem er sich dauerhaft niederlässt und durch die Lokalisation (Sitzordnung) im Verhältnis zu den Positionen der anderen Akteure. Der Wert eines Ortes ist nicht nur in seiner Physis erkennbar, zudem ist er auch abhängig von den Gütern, die er beinhaltet und dessen Akteuren in ihm (Bsp. Fifth Avenue und Ghetto). Der soziale Raum wird durch diese Akkumulation der homogenen Gruppe (in Form von Vierteln oder Stadtteilen) durch ihre gleichen Besonderheiten auch physisch erkennbar (Bsp. Künstlerviertel, bestimmte Namen von Geschäften etc.) und dessen Machtausübung auf sämtliche Akteure und Beobachter wird naturalisiert, also als natürlich angesehen.

Durch diese Anordnung von eingenommenen Räumen wird Macht bestätigt. Der Raum vollzieht Macht durch ihren Ausschluss (Bsp. Kirche oder Uni), durch ihre innere Struktur, die ebenso im physischen Raum eingelagert ist und wird durch räumliche Gegensätze erkennbar (oben/unten, links/rechts, vorne/hinten). Hier bringt er die Begriffe der symbolischen Macht und symbolischen Gewalt ein. Architektur weist diese Macht auf, da sie stumme Gebote beinhalten, Akteure einlädt oder ausschließt, allein durch ihre Anordnung der Objekte in und um ihr. „Der soziale Raum ist somit zugleich in die Objektivität der räumlichen Strukturen eingeschrieben und in die subjektiven Strukturen, die zum Teil aus der Inkorporation dieser objektivierten Strukturen hervorgehen“ (S. 26) So wird der Raum nicht nur von seinen Akteuren wahrgenommen, sondern gleichzeitig auch durch Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien ihrer Außenstehenden, nicht-teilnehmenden Akteure.

Die Spezifikation und die Qualität des jeweiligen angeeigneten Raums wird nicht nur von seinen Akteuren konstruiert, sondern zudem vom jeweiligen Kapital in Form von Gütern und Dienstleistungen. An dem Punkt führt er die „doppelte räumliche Verteilung“ ein, da die Stellung des Akteurs durch die Chance der Aneignung des Kapital im sozialen Raum bestimmt wird, zugleich jedoch das individuelle Kapital desselben die Möglichkeit dieser Aneignung erst möglich macht. Bourdieu unterscheidet hierbei verschiedene Formen des Kapitals: der materielle Reichtum wird als ökonomisches Kapital bezeichnet (z.B. der Besitz von Geld, Produktionsmitteln, Aktien und Eigentum welcher durch Eigentumsrechte institutionalisiert ist). Das kulturelle Kapital ist für ihn jenes Kapital, über welches ein Mensch aufgrund seiner schulischen Bildung verfügt und wird auch in Form von Tradition, Bräuchen von Familie etc. inkorporiert. Das soziale Kapital spiegelt die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit der Teilhabe an dem Netz sozialer Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind. Das Kapital eines Raumes ist somit die Akkumulation einzelner Kapitale der Akteure in ihr, was zur Folge hat, dass es Beobachter oder Akteure fern hält oder sich nähern lässt. Diese Anhäufung von spezifischen Akteuren kann durch ihre räumliche Verbundenheit die soziale Laufbahn jedes Akteurs beeinflussen. Dieser Fakt führt zu Auseinandersetzungen auf politischer Ebene, wenn es z.B. um den Bau von Sozialwohnungen geht. „Faktisch geht es in ihnen um die Konstruktion von auf räumlicher Basis homogenen Gruppen, das heißt um eine soziale Segregation, die zugleich Ursache und Wirkung des exklusiven Gebrauchs eines Raumes und der für die Gruppe, die ihn besetzt hält, und deren Reproduktion notwendigen Einrichtungen darstellt.“ (S. 28) Durch diese Auseinander-setzungen um Raum und ihre Manipulationsformen bringt er verschiedene Profite ein, die er in drei Klassen unterteilt: Erstens spielt die Situationsrendite eine Rolle, die sich aus der Ferne oder Nähe zu Dingen oder Personen ergibt; Zweitens die Positions- und Rangprofite, die sich durch den örtlichen Zugriff und die Möglichkeit des Zugangs zu dem Raum ergeben und die Okkupations- und Raumprofite, die sich aus dem Besitz am physischen Raum und der Möglichkeit des Nichteindringens von Anderen ergibt.

Weiterführend geht er auf den Habitus des Akteurs ein. Er fügt hinzu, dass nicht jeder Akteur in einem spezifischen Raum den passenden Habitus besitzen muss, solange die Aufenthalt in ihm nur temporär ist (Bsp. Putzfrau in einer Residenz). „Kurzum, es ist der Habitus, der das Habitat macht, in dem Sinne, dass er bestimmte Präferenzen für einen mehr oder weniger adäquaten Gebrauch des Habitats ausbildet.“ (S. 30) Der Habitus wird durch die oben genannten Kapitale bestimmt. In exklusiven Räumen wird nicht nur ein exklusives ökonomisches und kulturelles Kapital gefordert, sondern auch ein hohes soziales. Es schließt die große Masse aus und verschafft den Wenigen wiederum soziales und symbolisches Kapital (Klub-Effekt). Gegenteilig hierzu ist der Ghetto-Effekt, welcher seine Akteure symbolisch degradiert und stigmatisiert. Durch den längeren Aufenthalt eines Akteurs in ihm wird sein kulturelles und sprachliches Kapital, wie Körperhaltung und Aussprache, spezifiziert und kann zum Ausschluss in anderen sozialen Räumen führen.

Als möglichen Lösungsansatz nennt er: „Einmal die Gesamtheit der Phänomene identifiziert und beurteilt, die scheinbar an den physischen Raum gebunden sind, tatsächlich aber ökonomische und soziale Unterschiede widerspiegeln, müsste abschließend versucht werden, jenen irrreduziblen Rest zu isolieren, der auf die genuine Wirkung von Nähe und Ferne im rein physischen Raum zurückgeführt werden muss.“ (S.31)

Bourdieus Gedankengang ist teilweise sehr schwer nachzuvollziehen durch seine hohe Abstraktion. Durch mehrmaliges Lesen, Markieren und Zusammenfassen lässt sich das theoretische Konstrukt einfacher verstehen. Gut aufgeführt sind praktische Beispiele, um dem Leser seine These besser verständlich zu machen. Seine Theorie bzw. seine Gedanken haben die Milieuforschung in jedem Fall ein Stück weitergebracht, vor allem wenn es um soziale Ungleichheiten in Verbindung durch soziale Räume geht. Der Machtfaktor wird einem auch erst durch ihn wirklich bewusst. Schade finde ich, dass er Begriffe einführt, die er nicht weiter definiert, sondern nur oberflächlich erklärt, wie z.B. die Kapitale bzw. die Profite.

[...]

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
„Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum“ von Pierre Bourdieu
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Souiologie)
Veranstaltung
Theorien des Raums
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
4
Katalognummer
V184813
ISBN (eBook)
9783656097358
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
physischer, raum, pierre, bourdieu
Arbeit zitieren
Joana Lissmann (Autor), 2009, „Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum“ von Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184813

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