Sozioökonomische Verwundbarkeit durch Globalisierung: Beispiele aus Lateinamerika


Bachelorarbeit, 2007
46 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Globalisierung
2.1.Begriffsbestimmung: Globalisierung
2.2. Scheingewinner undÜberflüssige
2.3. Der informelle Sektor
2.4. Globalisierung in Lateinamerika

3.Sozioökonomische Verwundbarkeit
3.1. Definition„Verwundbarkeit“
3.2. Das Sustainable Livelihoods Konzept
3.2.1. Livelihood Aktivitäten und Strategien
3.2.2. Livelihood Ressourcen
3.2.3. Institutionen, Organisationen und Makroökonomie
3.2.4. Verwundbarkeitszusammenhänge
3.2.5. Ergebnisse der Lebenssicherung

4. Sozioökonomische Verwundbarkeit in Lateinamerika
4.1. Verwundbarkeit durch Liberalisierung der Finanzmärkte
4.2. Verwundbarkeit durch internationale Arbeitsteilung
4.3. Verwundbarkeit durch Liberalisierung des Welthandels
4.4. Verwundbarkeit durch Privatisierung

5. Beispiele sozioökonomischer Verwundbarkeit aus Lateinamerika
5.1. Weshalb Chile und Brasilien?
5.2. Bergbau in Chile
5.3. Anbau von Tafeltrauben in Chile
5.4. Fragmentierung und Segregation in lateinamerikanischen Städten
5.4.1. Segregation
5.4.2. Ursachen der multifragmentierten Stadt
5.4.3. Resultat der Segregation
5.4.4. Condominios
- Dimensionen und Entwicklung
- Aneignungöffentlichen Raums
- Ursachen für die massenhafte Herausbildung
5.4.5 Zusammenfassende Beurteilung der stadträumlichen Entwicklung

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

„Es ist alles sehr kompliziert“ (Fred Sinowatz - ehemaliger österreichischer Bundeskanzler). Ich stelle diesen Satz an den Anfang, weil er die Verflechtungen von Ursachen und Wirkungen sozioökonomischer Verwundbarkeit und Globalisierung treffend ausdrückt. Welche Auswirkungen global ablaufende Prozesse auf die Menschen in Lateinamerika und andere Entwicklungsländer haben, ist nicht eindeutig empirisch belegbar. Bevölkerungsgruppen oder Regionen in Gewinner und Verlierer einzuteilen wird der Komplexität der ablaufenden Prozesse jedoch nicht gerecht. Während die Globalisierungsfolgen auf Volkswirtschaften noch relativ gut statistisch erfasst werden können, erfordert die Untersuchung der Auswirkungen auf Individuen (mikroökonomische Ebene) extrem langwierige und interdisziplinär angelegte Forschungen.

Der quantitative Zugang zu Verwundbarkeit und sozialer Ausgrenzung erweist sich als sehr schwierig, Verwundbarkeit ist ein mehrdimensionaler und dynamischer Prozess (Dittrich 2004). Zur Beurteilung von Verwundbarkeit ist die Verknüpfung von externen Verursachungsfaktoren und internen Reproduktionsbedingungen der verwundbaren Gruppen notwendig (Neuburger 2003). Aber auch die Reproduktionsverhältnisse von ausgegrenzten Menschen sind komplex und wandeln sich permanent. Die neuen Formen der Armut lassen sich auch deshalb nur schwer erfassen, weil sie sich wie der Begriff Exklusion schon vermuten lässt im informellen Sektor, in der Subsistenzproduktion oder in der Illegalität abspielen.

Um ein wenig Licht ins Dunkel der komplexen globalen Zusammenhänge zu bringen, schränkte ich im ersten Teil den Begriff Globalisierung pragmatisch auf eine für mich „handhabbare“ und im weiteren Verlauf relevante Dimension ein.

Im zweiten Teil konzentrierte ich mich auf die möglichst umfassende Darstellung von Verwundbarkeit. Spätestens hier wird klar, weshalb Globalisierung und Verwundbarkeit immer wieder als multidimensionale Prozesse umschrieben werden. So versuchte ich mich den Auswirkungen der Globalisierung im lateinamerikanischen Kontext von zwei Seiten zu nähern. Ich wählte einige Teilbereiche der wirtschaftlichen Globalisierung (Liberalisierung des Handels und der Finanzmärkte, Privatisierung, internationale Arbeitsteilung) aus, und suchte nach deren sozioökonomischen Auswirkungen in Lateinamerika. Im vierten Teil werden Globalisierungszusammenhänge anhand von Beispielen an bestimmten lateinamerikanischen Orten durch konkrete Akteure vorgestellt. Diese Vorgangsweise ermöglichte mir Zusammenhänge zu erahnen und einen „weitreichenden“ Einblick.

2. Globalisierung

2.1. Begriffsbestimmung: Globalisierung

Globalisierung ist ein so genannter Beobachtungsbegriff der viele Dimensionen umfasst: Ökologie, Kultur, Wirtschaft, Politik, Angleichung von Lebensweisen und Konsumverhalten, sogar von Wahrnehmung und Bewusstsein. Ich werde mich in dieser Arbeit ausschließlich mit den Folgen der ökonomischen Globalisierung auseinandersetzen, genauer gesagt mit den nachteiligen Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung auf Menschen in Lateinamerika, dessen Länder allesamt zu den so genannten Entwicklungs- oder Schwellenländern (emerging markets) gerechnet werden. Globalisierung beschreibt den Prozess, durch den Ereignisse, Entscheidungen, Aktivitäten in einem Teil der Welt, bedeutende Folgen für Individuen und Gemeinschaften in weit entfernt liegenden Teilen der Welt haben (Gruppe von Lissabon, in: Müller-Mahn 2002, S. 5).

Globalisierung, bezieht sich auf ein Bündel miteinander verbundener Maßnahmen und Prozesse: Deregulierung, Handelsliberalisierung, freier Wettbewerb, Rückzug des Nationalstaates, Privatisierung, Abbau von Zöllen und Regulierungsmechanismen, Finanzmobilität (Lockern der Bestimmungen für ADI), Öffnung der Märkte und Marktsysteme. Prozesse, die mit Neoliberalismus assoziiert werden. Den Begriff will zwar niemand für sich beanspruchen, es hat sich aber als hilfreich erwiesen diese Bezeichnung zu verwenden, da sie Strukturen umfasst, welche die derzeitige Form der Globalisierung erst ermöglichen. Insofern ist sozioökonomische Verwundbarkeit Resultat der Strukturen, die der Globalisierung zugrunde liegen.

Globalisierung verläuft nicht wirklich global, weil sich nur Teile der Welt an globalen Prozessen beteiligen, während der größte Teil der Menschheit ausgeschlossen bleibt. Scholz (2000) spricht von einer „Restwelt“ mit Globalisierungsverlierern, denn Regionen und Bevölkerungsgruppen haben aufgrund ihrer Strukturen und Potentiale unterschiedlichen Anteil an der Globalisierung und unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten. Die Realität der Globalisierung zeigt, dass nicht zunehmende Verflechtung und breitenwirksame Teilhabe bestimmend sind, sondern ökonomische, gesellschaftliche und räumliche Fragmentierung. Globalisierung ist mit wirtschafts- und sozialräumlichen Ausgrenzungen (Fragmentierung) auf unterschiedlichen Maßstabsebenen zwischen Gewinnern und Verlierern verbunden (Scholz 2003).

Globalisierung ist für Coy (2001) in jedem Fall in höchstem Maße raumwirksam. Veränderungen im Raum, Exklusion und Inklusion treten besonders in Lateinamerika deutlich zum Vorschein, inwieweit diese Prozesse Globalisierungsfolgen sind, ist für mich nicht immer nachvollziehbar.

Unumstritten ist, dass sich globale Veränderungen auch in lokalen Entwicklungen niederschlagen. Weltumspannende Handelsbeziehungen sind zwar nicht neu, die aktuelle Dynamik des Welthandels und die zunehmende Abhängigkeit von lokalen und globalen Entwicklungen sind aber aktuelle Erscheinungen. Konzerne organisieren die Wertschöpfungskette global, neue Produktions- und Verteilungsmuster entstehen, Kapital bewegt sich frei dorthin, wo maximale Profite erwartet werden. Durch die gestiegene Flexibilität der Produktion und Kapitalmobilität verlieren Nationalregierungen immer mehr die Kontrolle über Schlüsselsektoren oder verzichten bewusst darauf. Aufbauend auf den Washington Konsensus wurden verschuldete Entwicklungsländer zusätzlich zur Durchsetzung von Strukturanpassungsprogrammen verpflichtet. Die Umsetzung neoliberaler Maßnahmen zur Belebung der festgefahrenen Volkswirtschaften erfolgte zumindest im Falle der Entwicklungsländer nicht ganz freiwillig. Obwohl das das neoliberale Konzept schon eher der Vergangenheit angehört, rücken dessen negative Auswirkungen (finanzielle Instabilität, jobless growth, Umweltdegradierung, Spannungen zwischen Demokratie und Markt) zunehmend ins Bewusstsein.

Die neue politische Ökonomie hat soziale Ungleichheiten hervorgebracht, mehr als geographische, daher ist die Einteilung der Welt in erste, zweite und dritte obsolet, man spricht von sozialer Exklusion, Marginalisierung und einer 4. Welt, welche die ersten drei mit einschließt. Auch Scholz (2003) sieht in der Marginalisierung nicht mehr allein ein Problem des Südens, sondern durch Globalisierung hat sie eine neue Dimension angenommen. Große Segmente der Gesellschaft erfüllen im neuen Wirtschaftssystem keine nützliche Funktion mehr, weder als Produzenten noch als Konsumenten (Post und Baud, 2002). Sie erleiden aber die Konsequenzen, zunehmend sind auch Gesellschaftsgruppen in den reichen Industrieländern betroffen. Aus dieser „Logik der Globalisierung“ heraus entstehen nach Scholz (2003) neue Erscheinungsformen und Gruppen von verwundbaren Bevölkerungsschichten.

2.2. Scheingewinner und Überflüssige

Scheingewinner nehmen am globalen Markt teil und profitieren davon. Doch im Gegenzug müssen sie häufig ihre solidarischen und selbst mitgestalteten Netzwerke sowie ihr vertrautes Lebensumfeld aufgeben. Durch Migration geben sie ihre bescheidene Existenzsicherung auf. Diese Gruppe ist besonders verwundbar, denn bei Verlust des Arbeitsplatzes fallen sie meist in die absolute Armut zurück, weil nur selten die ehemals tragenden sozialen Netzwerke zur Verfügung stehen. Zu ihnen zählen vor allem Weltmarktorientierte bäuerliche Produzenten (Neuburger 2003), Informelle Kleinproduzenten, Handwerker und Händler, Subsistenzbauern und Nomaden, Landlose und Teilpächter, Tagelöhner, strukturell Arbeitslose und Kinderarbeiter, Prostituierte, Organspender, Schausteller, Bettler und Kranke (Scholz 2003, S.8), Ströbele Gregor (2001) zählt auch die große Zahl der meist weiblichen Billiglohnarbeitskräfte in transnational agierenden Unternehmen dazu.

Die Überflüssigen werden in der globalisierten Wirtschaft weder als Arbeitskräfte noch als Konsumenten gebraucht, deshalb werden sie auch als „Population redundant“ bezeichnet, doppelt überflüssig. Ihre Erzeugnisse werden überlokal nicht gebraucht und lokal von Second Hand- und Massenimportwaren verdrängt (Scholz 2003). In der globalen Konkurrenz der Orte, Waren, Arbeitskräfte und Informationen haben sie keine Chance, ihr Leistungsvermögen oder andere eigene Ressourcen einzubringen und an den restrukturierenden globalen Verflechtungen teilzuhaben (Neuburger 2003).

Die meisten ausgeschlossenen Menschen suchen ihre Existenz als Beschäftigte im Informellen Sektor zu sichern. Dieser umfasst mittlerweile bis zu 70% der gesamten städtischen und nicht in der Landwirtschaft Beschäftigten Lateinamerikas (Escher 1999, S. 659).

Dort entwickeln Menschen vielfältige Überlebensstrategien, um die Verwundbarkeit zu minimieren: Revitalisierung der Subsistenzwirtschaft, indigenem Wissen und lokalen Produktionsweisen, Tauschringe, zivilgesellschaftliche Netzwerke, informelle Institutionen, sowie Organisation und Produktion im Informellen Sektor (Scholz 2002).

2.3. Der informelle Sektor

Die Ausweitung des informellen Sektors steht im engen Zusammenhang mit fortschreitenden Globalisierung und der damit verbundenen Exklusion der Überflüssigen. Vor allem die 90er Jahre verschlechterten die Rahmenbedingungen der sozioökonomischen Entwicklung in Lateinamerika und führten zu einem eklatanten Anwachsen des informellen Sektors. Im informellen Sektor Lateinamerikas entstanden mehr Arbeitsplätze als im formellen, ca. 50% der Bevölkerung sind darin beschäftigt (Parnreiter 1999, S.89).

„Informeller Sektor“ ist ein Sammelbegriff für alle (wirtschaftlichen) Aktivitäten, die sich der staatlichen Kontrolle und Regulierung entziehen, aber auch über keinen Schutz und keine Unterstützung seitens des Staats erwarten dürfen. Menschen schaffen unter eingeschränkten politischen und ökonomischen Bedingungen diverse Einkommensquellen. In der Regel handelt es sich nicht um nachhaltige Aktivitäten (Kapitalakkumulation), sondern um Überlebenssichernde Maßnahmen. Für neoliberale Ökonomen sind die Akteure im informellen Sektor die Pioniere der Marktwirtschaft, die sich gegen hinderliche Gesetze und bürokratische Regulierungen durchsetzen, rasch und flexibel reagieren. Zur vollen Entfaltung werden daher weitere Deregulierungen vorgeschlagen (Schneider 1999).

Die Aktivitäten beziehen sich überwiegend auf die Bereiche Dienstleistung, Handel und Transport, degeneriertes traditionelles Handwerk und innovative handwerkliche Kleinstbetriebe. Drei Teilsektoren werden unterschieden: 1. Kleinbetriebe mit weniger als 10 Beschäftigten und Kleinstbetriebe, die häufig eng mit dem formellen Sektor verknüpft sind. 2. Familienunternehmen, die regelmäßig unbezahlte Familienmitglieder beschäftigen 3. unabhängige Dienstleister, sie sind die Verwundbarsten der Armen (Hilfe im Haushalt, Straßenhandel, Schuhe putzen, Gelegenheitsarbeit, Prostitution).

Im informellen Sektor sind vor allem wegen der zyklischen Arbeitskraftnachfrage auch Alte, Kranke und Kinder integriert, denn jede Arbeitskraft muss in Wert gesetzt werden. Für Individuen, Haushalte und chronisch unterkapitalisierte Kleinstunternehmen stellt die ungehemmte Wirkung der Marktmechanismen eine ständige Bedrohung dar (Neuburger 2003). Die neuen Beschäftigungsmöglichkeiten sind sehr stark vom Weltmarkt und den internationalen politischen Beziehungen abhängig.

Um die destruktiven Marktrisiken zu minimieren und mehr Sicherheit zu gewinnen, entstehen parallel zur Ausbreitung selbstregulierender Märkte soziale Netzwerke (Schneider 1999). Die sozialen Strukturen sichern den marginalisierten Gruppen kooperative Effekte wie Durchsetzungskraft, innovative Impulse, sozialen Beistand, Vergrößerung des Kundenstamms, erweiterte Kapitalausstattung, verbesserte Produkte und eine Absicherung des Marktes (Escher 1999). Dadurch wird Verwundbarkeit reduziert und Vertrauen zwischen den Akteuren geschaffen, aber auch Abgrenzung gegen jene, die nicht dazugehören. Für letztere wird ein Netzwerk zum unüberwindlichen Zugangshindernis. So wird die Absicherung von Marktsegmenten und Einkommensquellen selbst zu einem Element der Konkurrenz (Schneider 1999).

Der informelle Sektor ist somit kein eigener selbständiger Wirtschaftskreislauf, sondern integraler Bestandteil und billige Ergänzung des formalen Sektors, mit dem er eng vernetzt ist. Er ist der formalen wirtschaftlichen Organisation sehr ähnlich, es fehlen aber die Rechte. Die fehlenden Handlungs- und Nutzungsrechte (entitlements) bedingen und vergrößern ihre Verwundbarkeit und schränken wiederum ihre Bewältigungsmöglichkeiten drastisch ein (Escher 1999).

Die vom Staat hinterlassene Lücke ruft kriminelle Organisationen auf den Plan, denen die Bevölkerungsgruppen ausgeliefert sind. Dadurch entstehen neue Macht- und Herrschaftsstrukturen. Diese „informale Institutionalisierung“ sorgt aber auch für Recht und Ordnung, daher werden diese undemokratischen Machtstrukturen auch von der Bevölkerung großteils dem rechts- und schutzlosen Zustand vorgezogen.

2.3. Globalisierung in Lateinamerika

Mit einer konsequenten Importsubstituierenden Industrialisierung erreichten einige lateinamerikanische Länder schon in den 70er Jahren den Status eines Schwellenlandes. Doch waren viele Staaten zu Beginn der 80er Jahre hoch verschuldet (Schuldenkrise), und wiesen erdrückende makroökonomische Daten auf. Inflationsraten über 1000% waren nicht auszuschließen (Boekh 2002). Umschuldungen und Neukredite machte die Wirtschaftspolitik der Staaten von Weltbank, Interamerican Development Bank und IWF und Geberländern abhängig. Denn im Gegenzug forderten die Geberinstitutionen Strukturanpassungsprogramme. Die Öffnung der nationalen Kapital- und Gütermärkte für die internationale Konkurrenz bedeutete das Ende der Industrialisierungspolitik, die nachholende Entwicklung ermöglichen sollte. Stattdessen sollte der institutionelle Ausbau Privatinvestitionen (vor allem für ADI) fördern. Um für die Schuldenrückzahlung Devisen zu verdienen, wurde empfohlen die Exporte zu fördern, die ihrem komparativen Vorteil entsprechen. Dies führte oft zur Weiterentwicklung der ehemals kolonialen Produktlinien im Agrarsektor, Bergbau oder dem Holzschlag (Niggli 2005). Die bis dahin positive sozioökonomische Entwicklung wurde gestoppt, während sich die makroökonomischen Parameter zumindest zeitweise deutlich verbesserten. In einigen wenigen Ländern gelang die Reduzierung der Armutsrate (z.B. in Chile), doch insgesamt war im Jahr 2000 das Armutsniveau relativ höher als in den 80er Jahren (Ströbele- Gregor 2001). Globalisierung sollte Wohlstand für alle und Beseitigung der Armut ermöglichen. Die Ergebnisse der steigenden Wertschöpfung sollten auch zu den Armen durchsickern („trickle-down- Effekt“). Besonders den Entwicklungsländern sollten es dadurch gelingen ihre wirtschaftlichen, infrastrukturellen Schwächen und sozialen Probleme zu bewältigen. Nicht nur WTO, Weltbank, IWF, WHO begeisterte das Konzept der Globalisierung, auch die Wissenschaften, die UNO und Organisationen der EZA hofften dass alle zu Gewinnern werden. Heute ist klar, dass Wirtschaftswachstum und Globalisierungsmaßnahmen alleine nicht reichen. Trotz zeitweise spektakulärer Zuwachsraten des BIP, wie in Brasilien oder Chile entfielen die Einkommenszuwächse fast ausschließlich den oberen 20% der Einkommenspyramide zu (Sangmeister 2001). Mittlerweile zählt die Weltbank die Armutsgruppen in den Entwicklungsländern zu den eindeutigen Verlierern der Globalisierung (Neuburger 2003). Vergleiche auch Abbildung 1 im Anhang.

Nach Weltbankschätzungen lebten Ende der neunziger Jahre etwa 12% der lateinamerikanischen Bevölkerung in extremer Armut (weniger als 1US$/Tag), obwohl Lateinamerika im internationalen Vergleich eine Region mit mittleren Einkommen ist (Sangmeister 2001, S.149). Denn nicht Länder sind arm und verwundbar, sondern Menschen. (Von den Staaten Lateinamerikas gehört nur Haiti zu den LDCs - Least developed countries). Es gibt keine Region, in der Wohlstand so ungleich verteilt ist. Die ärmsten 20% verfügen über 4,5% des Einkommens (Ströbele- Gregor, 2001, S.160).

Brasilien, Kolumbien und Chile weisen die größten Unterschiede auf (Vergleiche Abb.2). 10% der Bevölkerung verfügen über die Hälfte des gesamten Einkommens. Der krasse Unterschied von Arm und Reich, sowie der weltweite Trend auseinanderklaffender Einkommen werden auch als „Brasilianisierung“ der Gesellschaft bezeichnet (Scholz 2000, S.15). Obwohl auch in Lateinamerika die relativen und absoluten Zahlen der extrem armen Bevölkerung im Verlauf der 90er Jahre rückläufig waren, beschleunigt sich die Entwicklung der Ungleichheit. Während sich in den 70er Jahren die Einkommensunterschiede verringert haben, hat sich die Ungleichheit in den 80er und 90er Jahren wieder verschärft (Sangmeister 2001).

3. Sozioökonomische Verwundbarkeit

3.1. Definition „Verwundbarkeit“

Das Konzept der gesellschaftlichen Verwundbarkeit basiert auf der Einsicht, dass die Gefährdung der Lebensgrundlagen alleine mit der wirtschaftlichen Situation nicht erklärt werden können. Auch Naturkatastrophen sind nicht allein für die für Überlebenskrisen verantwortlich. Während Armut das Ausmaß eines Zustandes beschreibt, beinhaltet Vulnerabilität auch eine vorhersagbare Qualität. Die Frage „Was passiert mit bestimmten Menschengruppen unter dem Einfluss verschiedener Risiken und Katastrophen?“ wurde in ein Konzept gefasst.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger von 1998 Amartya K. Sen bemerkte durch die Analyse der indischen Hungersnot 1993, dass Hunger nicht durch die Verringerung des tatsächlichen Nahrungsmittelangebotes entsteht, sondern wenn Menschen keine Möglichkeit haben, die vorhandenen Nahrungsmittel zu erwerben. Er stellte fest, dass Verfügungsrechte (entitlements), die den Zugang zu Ressourcen ermöglichen, sehr unterschiedlich sein können: Landbesitz und der eigene Anbau von Nahrungsmitteln fallen ebenso darunter, wie die Möglichkeit, subventionierte Nahrungsmittel zu kaufen. Dazu kommt ausreichend entlohnte Beschäftigung, die Menschen in die Lage versetzt ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, und ein soziales Sicherungssystem.

Ressourcen, die ein Individuum tatsächlich besitzt, werden als Kapitalien/ Aktiva oder endowments/assets bezeichnet, Darunter fallen materielle Güter wie Land, Vieh, Produktionsmittel, ebenso wie etwa Wissen und Fähigkeiten, Arbeitskraft und die Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken. Krisen treten nach Sen dann auf, wenn sich das Verhältnis zwischen endowment set (Ressourcenausstattung) und dem entitlement set (Bündel an Verfügungsrechten) verschlechtert, d.h.: wenn sich die Möglichkeit der Menschen verringert ihre Ressourcen in Waren und Dienstleistungen umzuwandeln.

Wenn zum Beispiel die Nahrungsmittelpreise stärker ansteigen als der Lohn eines Landarbeiters. Allgemein formuliert: Der Verlust von Kaufkraft für einen Teil der Bevölkerung, infolge veränderter Einkommensverteilung oder veränderter Austauschverhältnisse. Sen fasste diese nicht neue Erkenntnis erstmals in ein Konzept (Vulnerabilitätskonzept), das ständig ergänzt und weiterentwickelt wurde (Watts 2002). Chambers stellte schon 1988 fest, dass Verwundbarkeit immer durch mehrere Ursachen entsteht und zwei Seiten hat: die externe, die von Stressfaktoren und Risiken gekennzeichnet ist, denen Individuen oder gesellschaftliche Gruppen ausgesetzt sind und eine interne, welche die Möglichkeit dieser Gruppen beschreibt, mit diesen Bedrohungen umgehen zu können. Watts und Bohle erweiterten das Vulnerabilitätskonzept durch eine zeitliche Komponente: Verwundbarkeit ist demnach kein statischer Zustand, sondern wandelt sich in seinem Ausmaß, ist ein Langandauernder Prozess der vom Stadium der Grundanfälligkeit bis zur existentiellen Katastrophe reichen kann (http://www.geographie.unifreiburg.de/ikg/popup_index.php?id=2&level=bereich&index=3 &thema=definition).

Die Stadien müssen nicht kontinuierlich durchlaufen werden, können jederzeit durch die Krisen auslösenden Faktoren wegfallen oder wenn die Krisenabwehrenden Bewältigungsstrategien greifen, unterbrochen werden. Im Stadium der Stabilisierung verbessern sich die Lebensbedingungen. Oft finden sich aber Menschen auf einer höheren Stufe der Grundanfälligkeit wieder, weil die materielle und immaterielle Ressourcenbasis angegriffen wurde (Dittrich 2004). Sie sind damit gegenüber zukünftigen Krisen anfälliger.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich Vulnerabilität über das „Ausgesetztsein“ gegenüber Risiken und den Zugang zu verschiedenen Aktiva (access to assets) definiert. Verwundbarkeit wird von unterschiedlichen miteinander teilweise verknüpften Faktoren verursacht, die sich ständig in ihrer Zusammensetzung und Wirksamkeit ändern. „Vielfältige ökologische, politisch-ökonomische und soziokulturelle Ursachen bestimmen in regionalspezifischer Form und in immer neuen Konstellationen über den Grad der Verwundbarkeit“ (Dittrich 2004, S. 94).

Globalisierung kann demnach nur eine der vielen Ursachen sein.

Der Fortschritt dieses Erklärungsmodells liegt darin, dass unmissverständlich auf die Ursachen von Verwundbarkeit hingewiesen wird, es fokussiert aber in erster Linie die externen Verursachungsfaktoren der Existenzgefährdung.

3.2. Das Sustainable Livelihoods- Konzept

Das Konzept der nachhaltigen Lebensabsicherung ist die Weiterentwicklung des Verwundbarkeitskonzeptes, vor allem durch das „Department for International Development (DFID). Es versucht mit einem ganzheitlichen Ansatz die unterschiedlichen Dimensionen von Verwundbarkeit marginalisierter Gruppen zu begreifen (Siehe Abb.3). Die Handlungsorientierte Komponente rückt im Vergleich zum Vulnerabilitätskonzept in den Vordergrund. Die Einbeziehung der Reproduktionsfähigkeiten und Krisenbewältigungsstrategien bewirkt, dass Menschen nicht nur verwundbar und ausgesetzt sind, sondern durch Zielgerichtetes Handeln zu Akteuren werden, die ihre Verwundbarkeit beeinflussen können (livelihood strategies). Menschen handeln in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext um Risiken abzuwehren, dazu steht ihnen ein set von Aktiva zur Krisenbewältigung und Risikoabwehr zur Verfügung (livelihoods assets). Doch letztlich bestimmen die vorherrschenden politisch-ökonomischen und institutionellen Bedingungen über den Zugang zu den Kapitalien (access to assets), die Art und das Ausmaß der Verwundbarkeit und den Erfolg der Handlungsmuster (Dittrich, 2004). Existenzgefährdete Gruppen versuchen durch die Kombination mehrerer Ressourcen und Handlungsstrategien ihre Verwundbarkeit nachhaltig zu reduzieren (Post und Baud, 2002). Das Konzept der nachhaltigen Lebensabsicherung umfasst folgende Hauptkomponenten:

3.2.1. Livelihood Aktivitäten und Strategien

Menschen unternehmen vielfältige Aktivitäten um Nahrung, Unterkunft und monetäres Einkommen zu erlangen, und um Krisen zu bewältigen oder zumindest abzufedern. Kurzoder langfristige, individuelle oder gemeinschaftliche Aktivitäten (Dittrich 2004). Strategien sind ein Bündel von Aktivitäten, die zusammen Nahrung oder Einkommen für einen Haushalt oder ein Individuum hervorbringen.

Risikobehaftete Gruppen entwickeln vielfältige Handlungsstrategien: in ländlichen Gebieten landwirtschaftliche Intensivierung oder Extensivierung, Diversifikation der Produktpalette und Einkommensquellen, und temporäre Migration zur Arbeitssuche (Stevens, 2003). Die häufigsten Strategien um das Finanzkapital zu erhöhen sind die Produktion von Ernten und Viehbestand für den Verkauf, Bekleidung und Wohnen für den eigenen Konsum, Handwerk wie Körbe flechten, töpfern, Teppich knüpfen, saisonale oder dauernde Lohnarbeit (vgl. Informeller Sektor). Außerdem Überweisungen von emigrierten Verwandten (remittances), Ausleihen, Almosen, Geschenke und manchmal Korruption (Haan 2002). Existenzgefährdete Bevölkerungsgruppen bevorzugen eine Diversifizierung ihrer Einkommensquellen, um die Risiken zu streuen und ihre Ernährungssicherheit zu erhöhen, denn ihre Lebenssituation ist sehr unstabil.

3.2.2. Livelihood Ressourcen

Menschen verfügen über verschiedene Aktiva oder Kapitalien um ihren Lebensunterhalt zu stabilisieren oder zu erhöhen. Dazu zählen natürliche Ressourcen, Sachgüter assets, Humankapital, Finanzkapital, und soziales Kapital (Siehe auch Abb.3). Einige sind direkt für Individuen, Haushalte oder soziale Gruppen zugänglich, zu anderen wird der Zugang durch Institutionen beschränkt (Post, 2002). Die Zusammensetzung, der Zugang und die Verfügbarkeit der Ressourcen ändern sich ständig.

Watts (2002) erwähnt auch noch sozial determinierte entitlements (eine moralische Wirtschaft, und indigenous security institutions), sowie illegale Verfügungsrechte (Lebensmittelraub, Demonstrationen, Diebstahl, und so genannte Transfers von NichtVerfügungsrechten (Almosen).

3.2.3. Institutionen, Organisationen und Makroökonomie

Sowohl formale als auch informale Institutionen vermitteln oder verhindern Zugang zu den Lebensunterhaltsressourcen. Gesellschaftliche Koordinationsmechanismen, Organisationsformen und Regelwerke (Politiken, Rechtsordnung, Gesetze, Normen, Machtverhältnisse) und die makroökonomischen Muster (Produktionsmodelle mit Investitionsstrategien und Technologien, Konsummodelle) beeinflussen dadurch die Verwundbarkeit in hohem Maß (Dittrich 2004, S. 101).

So können beispielsweise soziokulturelle Normen, Frauen den Zugang zu bestimmten wirtschaftlichen Aktivitäten verbieten. Landbesitzsysteme, die Rechte von bestimmten Gruppen bevorzugen oder Gesetze, die bestimmte Landnutzungen vorschreiben und andere verbieten regulieren Verwundbarkeit. Auch die örtliche und internationale Regierungspolitik beeinflussen den Zugang zu und die Verfügbarkeit der Ressourcen. Strukturreformen und Privatisierung der sozialen Dienste haben in den Entwicklungsländern das minimale Bündel staatlicher Verfügungsrechte, und den Rahmen der menschlichen Hilfe radikal umgeformt (Watts, 2002).

Strukturanpassungsprogramme schließen oft einseitige Handelsliberalisierungen mit ein, aber auch andere politisch-ökonomische Maßnahmen, die ebenfalls die Preisgestaltung von Produkten nachteilig beeinflussen. Typische Handelsbezogene den heimischen Markt regulierende Maßnahmen sind Preiskontrollen oder halböffentliche Politiken. Nicht- Handelsbezogene Politiken sind Wechselkurs und Auslandswährungskurse, aber auch der Auf- bzw. Abbau von institutionaler Infrastruktur (Stevens 2003, S.13). Zusätzlich beeinflusst Regierungspolitik natürlich die Verfügbarkeit von technischer Infrastruktur und das Transportangebot. Globalisierungseffekte können Menschen auf der institutionellen, politisch-ökonomischen Ebene verwunden, deshalb werden sie im vierten Kapitel noch detaillierter untersucht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Sozioökonomische Verwundbarkeit durch Globalisierung: Beispiele aus Lateinamerika
Hochschule
Universität Salzburg
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
46
Katalognummer
V186595
ISBN (eBook)
9783656996880
ISBN (Buch)
9783656996989
Dateigröße
17944 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sozioökonomische, verwundbarkeit, globalisierung, beispiele, lateinamerika
Arbeit zitieren
Alex Glas (Autor), 2007, Sozioökonomische Verwundbarkeit durch Globalisierung: Beispiele aus Lateinamerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186595

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