„Der Mensch als homo viator, dessen ganzes irdisches Leben als Weg in der Fremde gedacht wurde.“ heißt es in der Monografie „Erfahrung des Fremden“ von Marina Münkler.
Der Ausspruch macht deutlich, dass das Phänomen des Fernwehs nicht als neuzeitlich oder modern eingestuft werden kann, sondern bereits in der Antike sowie im Mittelalter präsent war. Waren es im Altertum besonders militärische Unternehmungen, die sich aus ökonomischen und politischen Gründen ableiteten, zogen im Mittelalter unter anderem konfessionelle sowie individuelle Motive den Menschen in die Ferne.
Eine Möglichkeit die abenteuerlichen, dennoch gefährlichen Erlebnisse der Reise den Daheimgebliebenen zu vermitteln, stellt die Quellengattung der Reiseliteratur dar. In dieser Seminararbeit soll sich dem mittelalterlichen Reisebericht des Odorico da Pordenone gewidmet werden. Der im 14. Jahrhundert entstandene Reisebericht des Franziskaners Odorico da Pordenone stellt einen der meist übersetzten, gelesenen und zitierten Berichte eines Orientreisenden im Mittelalter dar. Er überzeugte die Zeitgenossen und nachfolgenden Generationen nicht nur durch seine einfache Sprache, sondern ebenfalls aufgrund seines Informationsgehaltes. Indem Odorico erstmalig von Phänomen wie der Witwenverbrennung in Zentralasien, dem Füßebinden als ästhetische Maßnahme bei Frauen und der Benutzung von Papiergeld berichtet, enthält der Reisebericht Auskünfte, die bis dato nicht thematisiert wurden und dem europäischen Publikum gänzlich unbekannt waren. In Anbetracht jener Besonderheit ergeben sich viele interessante Untersuchungsgegenstände, die sich in diesem Rahmen leider nicht erörtern lassen.
Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit soll die kritische Reflexion der „Erfahrung und Beschreibung des Unglaublichen im Reisbericht des Odorico“ bilden. Die vorliegende Abhandlung soll aufzeigen, welche Unglaublichkeiten Odorico auf seiner Reise erfährt und wie er versucht jene wundersamen Erfahrungen für das europäische Publikum plausibel und authentisch zu gestalten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Eine wissenschaftliche Analyse der Reiseliteratur
3 Die kritische Untersuchung des Reiseberichtes des Odoricos da Pordenone
3.1 Über den Franziskanermönch Odorico da Pordenone und seine Reise nach Asien
3.2 Erfahrung des Fremden im Reisebericht des Odoricos da Pordenone
3.3 Die Methodik der Überlieferung im Reisebericht des Odorico da Pordenone
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Reisebericht des Odorico da Pordenone aus dem 14. Jahrhundert mit dem Ziel, die Methoden der Wahrnehmung und Darstellung des „Unglaublichen“ und „Fremden“ kritisch zu reflektieren und aufzuzeigen, wie Odorico diese Erlebnisse für ein europäisches Publikum plausibel und authentisch gestaltete.
- Kritische Analyse der Quellengattung Reisebericht im historischen Kontext
- Biografische Untersuchung und Reisemotive des Franziskanermönchs Odorico da Pordenone
- Unterscheidung und Kategorisierung von Wunderberichten (Mirabilia vs. Miracula)
- Analyse der rhetorischen und methodischen Strategien zur Glaubhaftmachung des Erlebten
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Methodik der Überlieferung im Reisebericht des Odorico da Pordenone
Odorico bedient sich vieler unterschiedlicher Strategien, dem europäischen Leser seine teils unglaublichen Erlebnisse glaubhaft zu machen. Diese Strategien sollen nun an jener Stelle dieser Seminararbeit dezidiert erörtert werden.
Eine erste Methode, die Odoricos angewendet um den Leser von der Authentizität seiner Erlebnisse zu überzeugen und die sich dem Leser bei der Beschäftigung mit dem Reisebericht des Öfteren erschließt, ist die Informationstilgung. Odorico ließ in seinen Ausführungen über die örtlichen Begebenheiten viele ergänzende Informationen bei Seite oder strich „unbeschreibliche“ Phänomene vollständig aus seiner Erzählung heraus. Diesbezüglich schließt Odorico seine Beschreibungen häufig mit folgenden Worten ab: „Vieles andere gibt es in dieser Stadt, was zu berichten nicht viel nützt.“
Eine ähnliche Formulierung, die sich dem europäischen Publikum beim Lesen des Reiseberichtes offenbart ist die Folgende: „Noch viele andere unerhörte Dinge gibt es dort, von denen zu hören sehr reizvoll wäre.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des mittelalterlichen Reiseberichts von Odorico da Pordenone ein und formuliert die zentrale Fragestellung hinsichtlich der kritischen Reflexion der „Erfahrung und Beschreibung des Unglaublichen“.
2 Eine wissenschaftliche Analyse der Reiseliteratur: Dieses Kapitel erörtert den Bedeutungswandel der Reisebeschreibung in der historischen Forschung sowie die gattungsspezifischen Probleme hinsichtlich Zuverlässigkeit und Subjektivität.
3 Die kritische Untersuchung des Reiseberichtes des Odoricos da Pordenone: Hier wird der Bericht spezifisch analysiert, wobei Persönlichkeit, Reisemotive, die Einordnung von Wundern sowie die rhetorischen Methoden zur Authentizitätssteigerung beleuchtet werden.
4 Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass Odoricos Reisebericht trotz hagiographischer Ausschmückungen als wertvolles historisches Dokument für den Kulturkontakt und die Mentalitätsgeschichte dient.
Schlüsselwörter
Reiseliteratur, Odorico da Pordenone, Mittelalter, Mirabilia, Miracula, Kulturkontakt, Authentizität, Franziskaner, Reisebericht, Wahrnehmung, Asienreise, Mentalitätsgeschichte, Quellenkritik, Exotik, Wissensvermittlung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den mittelalterlichen Reisebericht von Odorico da Pordenone hinsichtlich seiner Glaubwürdigkeit und der narrativen Strategien des Autors.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die kritische Quellenanalyse von Reiseberichten, die Wahrnehmung des Fremden und die Konstruktion von Authentizität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu verstehen, wie Odorico seine teils wundersamen oder unglaublichen Erlebnisse so aufbereitet hat, dass sie von einem skeptischen europäischen Publikum akzeptiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche und historische Analyse, um den Text als kulturelles Dokument und Zeugnis der damaligen Weltsicht zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Biografie Odoricos, die Unterscheidung zwischen „Mirabilia“ und „Miracula“ sowie konkrete Überlieferungsstrategien wie Informationstilgung und Bezugnahme auf Autoritäten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Reiseliteratur, Odorico da Pordenone, Mirabilia, Miracula, Kulturkontakt und Authentizität.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Mirabilia und Miracula eine Rolle?
Diese Differenzierung hilft zu erklären, wie der Autor zwischen natürlichen, aber unerklärlichen Phänomenen und explizit göttlichen Wundern zur Missionslegitimierung unterscheidet.
Welche Rolle spielt die „Informationstilgung“ in Odoricos Bericht?
Die bewusste Auslassung von Informationen diente als Methode, um die Glaubwürdigkeit des Textes zu wahren und sich nicht dem Vorwurf der Lüge auszusetzen.
- Arbeit zitieren
- Tobias Knecht (Autor:in), 2011, Die Erfahrung und Beschreibung des Unglaublichen im Reisebericht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187557