Die Metamorphose einer Liebesbeziehung in den ersten drei Gedichten in Mörikes "Peregrina"


Seminararbeit, 2011

27 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Metamorphose einer Liebesbeziehung in Mörikes Peregrina
2.1 Das erste Gedicht – der Beginn vom Ende einer Liebe
2.2 Das zweite Gedicht – die Metamorphose einer zwielichtigen Beziehung
2.3 Das dritte Gedicht – Trennung und Verbundenheit

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Peregrina – Zyklus gehört zu einem der bedeutendsten in Eduard Mörikes lyrischem Gesamtwerk und wurde von ihm ein Leben lang immer wieder überarbeitet. Mörike hat hier fünf ursprünglich voneinander unabhängige Gedichte zu einem Zyklus zusammengefasst. Die Gedichte I und II entstanden bis zum Frühjahr 1828, Gedicht III im Juli 1824. Der Erstdruck erfolgte jeweils im Maler Nolten. Gedicht IV und V wurden im Jahr 1828 geschrieben und erschienen jeweils in den Jahren 1838 bzw. 1829. Gemeinsam gedruckt wurden alle erstmals 1938; hier erhielten die bisher titellosen Gedichte auch eine gemeinsame Überschrift: Peregrina. Ihre endgültige Fassung fanden sie jedoch erst im Jahr 1867.[1] Der Titel Peregrina ist lateinisch und bedeutet „die Wandernde, Fremde“. Damit benennt der Titel die zentrale Figur des Zyklus, um die sich das Geschehen und die Gedanken des lyrischen Ichs drehen, und die durch ihre Persönlichkeit auf den Verlauf der Beziehung als „Wandernde“ entscheidenden Einfluss nimmt. Inspiriert hat Mörike dabei die biographisch gesicherte Begegnung mit Maria Meyer, die den Menschen Mörike sichtlich verstört und verwirrt hat.[2] Mörikes Schwester beschreibt sie als „ein von Grund aus verwahrlostes, durch Selbsttäuschung und Eitelkeit verführtes, aber in ihrer Traurigkeit und dem kraftlosen Streben nach etwas Besserem unendlich rührendes Geschöpf“[3]. Aus der Figur der Peregrina wurde im Maler Nolten die Zigeunerin Elisabeth und ihre Mutter Loskine.[4] Im Peregrina – Zyklus erzählt er jedoch nicht die Geschichte der Maria Meyer; sie ist eine „poetische Gestalt, ein Geschöpf der Phantasie“[5] und die Gedichte sind „Poesie und nicht Protokoll“[6]. Er bewegt sich vielmehr zwischen rätselhaftem Geschehen und der zum Teil surrealen Gedankenwelt eines Liebenden, der dem Reiz des Eros völlig erlegen ist in der Epoche des Biedermeier, einer Zeit, in der äußere Ordnung und die Wiederherstellung alter Zustände von großer Bedeutung sind.

Entstanden ist letztendlich ein lyrischer Text bestehend aus fünf verschiedenen Textabschnitten unterschiedlicher Form, verschiedenen Aufbaus und sprachlicher Besonderheiten. Die Beziehung zwischen Peregrina und dem lyrischen Ich ist dabei von Beginn an mit Spannung aufgeladen und unterliegt von Vers zu Vers einem großen Wandel. Sowohl die äußere als auch die innere emotionale Beziehung des Paares verändert sich dabei ebenso wie sich die Figur der Peregrina selbst innerhalb ihrer bipolaren Rolle wandelt. In dieser Arbeit soll besonderes Augenmerk auf die ersten drei Gedichte gelegt werden, da diese die vielschichtige Metamorphose der Beziehung vom ersten Verlieben bis zur Trennung des Paares dokumentieren.

2. Die Metamorphose einer Liebesbeziehung in Mörikes Peregrina

2.1 Das erste Gedicht – der Beginn vom Ende einer Liebe

Der erste Textabschnitt wurde nach der Strophenform einer Stanze mit dem Reimschema zweier umarmender und eines Paarreimes (abababcc) verfasst, wobei es sich mit Ausnahme des unreinen Reimes in Z. 5[7] („tauchen“) um reine Reime handelt. Weibliche und männliche Kadenzen wechseln sich dabei im durchweg eingehaltenen Endecasillabo ab. Die ersten beiden Verse werden zwischen „Augen“ und „ist“ durch ein Enjambement getrennt.

Die Stanze handelt von der ersten Annäherung zwischen dem Ich und Peregrina[8]. Das Ich beschreibt und bewertet zu Beginn das Äußere einer dritten Person, hier die Augen der Frau, in deren Bann es sich gezogen fühlt. „Gold“, also Einzigartiges und Wertvolles, scheint aus dem tiefen Inneren dieses geheimnisvoll anmutenden Wesens durch den Spiegel dieser Augen; allerdings entsteht es in „heilgem Gram“. Später spricht das Ich die Figur der Peregrina mit den Worten „Unwissend Kind“ (Z. 6) direkt an und „artikuliert zugleich ein Phantasma von Unerfahrenheit […], Unschuld und Natürlichkeit“[9]. Somit erschließt sich die Rollenverteilung: „Aus der Figurenrede zwischen dem stummen „Kind“ und dem sprechenden lyrischen Ich geht hervor, dass dieses männlich ist und sich selbst als Erwachsener begreift.“[10]

Es lässt dabei jedoch auch anklingen, dass die starke Anziehung zu dem begehrten Wesen der Peregrina und ein Zulassen des „Entzündens“ gleichzeitig auch große Gefahr für es birgt (P, Z. 7 f.), da dieses ihm „lächelnd den Tod im Kelch der Sünden reicht“. Das erste Gedicht lässt daher aufgrund der Verfallenheit des Ichs unter die Macht eines zwielichtigen Wesens keinen weiteren glücklichen Verlauf dieser Beziehung vermuten. Insofern steht die strenge äußere Form der Stanze in starkem Kontrast zu ihrem Inhalt, der ein stark emotionales, spannungsgeladenes ungleiches und gefahrbringendes Verhältnis zwischen einem Mann und einer Frau beschreibt.[11]

Auch in sprachlicher Hinsicht wird die Vielschichtigkeit und Komplexität dieser Beziehung unterstrichen. Für die beiden komplexen Satzgefüge auf acht Verse verteilt bedient sich Mörike einer Vielzahl verschiedener Wortarten: Es finden sich Substantive wie „Spiegel“, „Augen“, „Gold“, „Widerschein“, „Busen“, „Gram“, „Nacht“, „Blick“, „Kind“, „Tod“, „Kelch“ und „Sünden“. Diese werden mit diversen Adjektiven attribuiert wie „braun“, „inneres“, „tief“, die der Anschaulichkeit dienen und mit Adjektiven mit moralischer Bedeutung und Wertung wie „treu“, „heilig“, „unwissend“ oder „kecklich“. Der Blick, in dem sich „das Seelengold“[12] widerspiegelt, wobei die Augen als Spiegel der Seele kein unbekanntes Motiv sind, wird zudem lautmalerisch umschrieben. Es finden sich in den ersten Zeilen viele gedehnte Laute und Diphtonge wie „ie“ und „eu“.

Durch das wiederholte Vorkommen dieser gedehnten „i“ - Laute wie in „Spiegel“ und „Widerschein“ zeichnet sich die Doppeldeutigkeit, also die in der Frauenfigur angelegte Bipolarität ab, die wiederum gemischte Gefühle des Ichs zur Folge haben. Auffallend sind auch die sich wiederholenden Vokalverbindungen von „au“ in „braunen Augen“, auf die sich wiederum in Z. 3 (P) „anzusaugen“ reimt. Dies unterstreicht auch die Verbindung zwischen den Augen und dem inneren Gold, das sich vom Busen in den Augen spiegelt. In den ersten Zeilen werden jedoch hauptsächlich „warme“ und weiche Laute verwendet, die die zu Beginn noch vorhandene Treue und das „Gold“ in der Seele der Frau, das sie mit ihren „großen braunen Augen“ vermittelt, untermalen. Überschattet wird die positive Beschreibung der Frauenfigur von der Bemerkung in Z. 4 (P), dass in der Tiefe ihres Busen „solches Gold in heilgem Gram gedeihn mag“. Zwar herrschen hier noch immer weiche „ei“ - Laute vor; auffallend ist hier jedoch die Alliteration von „Gold“, „Gram“ und „gedeihn“, die die Widersprüchlichkeit in dem Wesen der Geliebten betont. Denn wie ist es möglich, dass etwas so reines und wertvolles in heilgem Gram entsteht? Bemerkenswert dabei ist der wiederum in sich widersprüchlicher Ausdruck „heilger Gram“. „Heilig“ steht ebenfalls für religöse Reinheit und Unschuldigkeit und steht in keiner Verbindung zu „Gram“, also zu Kummer oder Ärger. Das vermeintliche Gold, das sich für den Betrachter also in den treuen Augen seiner Geliebten spiegelt, ist also keineswegs rein, sondern enthält gefahrenreiches Potential für Kummer und Ärger.

Dass dies das Ich durchaus ahnt, aber in dessen Verliebtheit bislang verdrängt und keine Konsequenzen daraus zieht, zeigt sich darin, dass die Information nicht im Indikativ, also als Tatsache, sondern im Konzessiv, also einer Einräumung („Dort mag solch Gold […] gedeihn.“) formuliert wird. Die von der Frau ausgehende Gefahr scheint dem Ich zudem noch kontrollierbar, da sie ihm bewusst ist: „In diese Nacht des Blickes mich zu tauchen, unwissend Kind, du selber lädst mich ein -“. Bemerkenswert ist, dass von dem geheimnisvollen Wesen bisher nur in der dritten Person die Rede war. Es wurde von den Augen ausgehend beschrieben, woraufhin ein Blick in sein Inneres geworfen werden konnte.

Nun setzt eine Handlung ein: Das Wesen spricht eine Einladung an das Ich aus, sich fallen zu lassen und dem Bann nachzugeben, indem es „in diese Nacht des Blickes taucht“. Mit dem Bild des „Tauchens in die Nacht“ wird ausgedrückt, dass die Einladung der Peregrina zum einen in den Gegenpol einer hellen, klaren Seite führt, da mit Nacht meist der dunkle Gegenteil zu „Tag“ assoziiert wird, die wiederum gemeinsam eine Einheit bilden. Außerdem kann mit dem „Eintauchen in die Nacht“ einerseits ein Reiz zum Geheimnisvollen enthalten sein, andererseits verbindet man mit der Dunkelheit der Nacht auch Orientierungslosigkeit, in weiterem Sinne sogar das Böse, so dass diese Einladung mit Vorsicht zu genießen sein dürfte. Paradoxerweise wird dies durch die Worte des Ichs mitgeteilt, das die Geliebte mit „Unwissend Kind“ anspricht. Mit dem Ausdruck „Unwissend Kind“ wird ein naives, schuldloses Bild der Peregrina geformt; der Geliebte scheint sie beinahe in Schutz nehmen zu wollen. Ihre Unwissenheit und Schuldlosigkeit liegt dabei darin, dass es dem Ich überlassen wird, sich darauf einzulassen.[13]

Der Übergang von der ruhigen, statischen Beschreibung der ersten Zeilen zu der Ansprache des Ichs spiegelt sich auch in der Sprache wieder. Z. 5 und 6 (P) sind durch die Verkehrung der Satzteile mit einer Inversion gekennzeichnet. Anstelle der sanften Töne der ersten Zeilen finden sich nun kurze Vokale und insbesondere Zisch- und „S“ - Laute wie in „unwissend“, „selber“ und „lädst“, die an das Entzünden einer Flamme denken lassen. Was als Einladung beginnt, wird in Z. 7 (P) zu einer willentlichen Forderung: „Willst, ich soll kecklich mich und dich entzünden“. Interessant ist die Wortwahl von „kecklich“, in der Bedeutung „ungestüm“ oder „ohne nachzudenken“. Die starke Verbundenheit des Ichs und der Frau werden dabei durch das wiederholte Vorkommen von „ch“ in „kecklich“, „mich“ und „dich“ hervorgehoben. Die Metapher des „Entzündens“ von Verliebten besteht bereits seit der Antike, in der das Bild des Brennens vor Liebe vielfach verwendet wurde. Auch hier deutet sich wiederum der mögliche Kontrollverlust über die Situation seitens des Ichs an, wenn das Feuer zwischen ihnen erst einmal entbrannt ist. Die Verantwortung für die beginnende Leidenschaft weist das Ich somit Peregrina zu und leitet daraus eine Legitimation für sein Handeln ab.[14]

Eine endgültige Steigerung findet sich im letzten Vers, in dem die Geliebte dem Ich „lächelnd […] den Tod im Kelch der Sünden“ reicht und dieser Vers mit einem bedeutungstragenden Ausrufezeichen versehen ist. Die enge Verbindung zwischen Z. 7 und 8 (P) wird außerdem durch das Reimschema „cc“ („entzünden“ - „Sünden“) unterstrichen. Dies betont die Unmittelbarkeit der Konsequenz aus der „Entzündung“ und der darauf folgenden Gefahr, die in der Übergabe des Todeskelches durch Peregrina besteht. Der Todeskelch wird historisch assoziiert mit dem Schierlingbecher von Sokrates oder der biblischen Szene, in der Jesus in Gethsemane darum bittet, der Kelch des Todes möge an ihm vorübergehen.[15] Der Kelch kann aber auch in erotischer Hinsicht interpretert werden, „als ein Bild für die zum Kuss geformten Lippen“[16]. Ins Auge fällt zudem, dass Peregrina „lächelnd“ den Todeskelch reicht. Mit diesem Partizip Präsens, das die Aktivität und Gleichzeitigkeit Handlung betont, zeigt sich wiederum das Nebeneinander von Gut und Böse in der Frauenfigur: Den Kelch der Sünden zu überreichen bedeutet das Todesurteil für das Ich; dies mit einem Lächeln zu tun steht hierzu in starkem Widerspruch, sofern es sich bei Peregrina nicht um einen Erzfeind, sondern um die Geliebte handelt. Die Verbunden- und Verworrenheit dieser Polaritäten finden sich auch in der Wiederholung der Konsonantenverbindungen „ch“ in „reichst“, „lächelnd“, und „Kelch“.

Im ersten Gedicht des Peregrina – Zyklus wird die Frauenfigur somit einerseits als treues, religiöses, aber auch ein geheimnisvolles Wesen beschrieben, von dem sich das Ich wie magisch angezogen fühlt. Es erkennt in dem Innersten seines Gegenübers allerdings auch eine andere, gefährliche Seite, die es zunächst noch nicht wahrhaben möchte. So ist es hin- und hergerissen, dem Verlangen, sich der Passion hinzugeben, nachzugeben oder sich vor der davon ausgehenden drohenden Gefahr in Acht zu nehmen und sich zu schützen. Es hält Peregrina zu Beginn des Zyklus und der jungen Beziehung noch für ein „unwissend Kind“. Peregrina wird hier also noch als schuldlose Kindfrau dargestellt, von der allerdings Gefahr ausgeht, indem sie den Todeskelch reicht, „so dass die Geliebte ihren Doppelcharakter als Unwissende und ebenso als Verführerin“[17] zeigt. Tödlich vergiftet hat sie das Ich in diesem Stadium jedoch noch nicht. „Es geht um nicht weniger als um die poetische Bannung des Liebes – Augenblicks, um die Vergegenwärtigung des erotischen Spiels der Blicke. Aber von Anfang an […] ist in diese wortlos bleibende Begegnung eine beunruhigende Qualität eingeschrieben.“[18]

[...]


[1] Vgl. Luserke – Jaqui 2004, S. 62.

[2] Vgl. Mayer 1987, S. 19.

[3] Corrodi 2004, S. 71.

[4] Strunk 2004, S. 55.

[5] Emmel 1952, S. 85.

[6] Strunk 2004, S. 57.

[7] Mörike, Eduard: Gedichte. Auswahl und Nachwort von Bernhard Zeller, Stuttgart: Reclam 1977 (2011), S. 67. Im Folgenden werden Zitate hieraus mit „P“ abgekürzt.

[8] Vgl. Felsner 2009, S. 221.

[9] Luserke – Jaqui 2004, S. 63.

[10] Ebd.

[11] Vgl. Mayer 2004, S. 128.

[12] Mayer 2004, S. 129.

[13] Vgl. Mayer 2004, S. 130.

[14] Vgl. Luserke – Jaqui 2004, S. 63.

[15] Vgl. Strunk 2004, S. 58.

[16] Mayer 2004, S. 131.

[17] Mayer 2004, S. 130.

[18] Mayer 2004, S. 128.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Metamorphose einer Liebesbeziehung in den ersten drei Gedichten in Mörikes "Peregrina"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Lyrik im Spannungsfeld von Biedermeier und Vormärz (1820 – 1848)
Note
1
Jahr
2011
Seiten
27
Katalognummer
V188378
ISBN (eBook)
9783656125372
ISBN (Buch)
9783656127130
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peregrina, Mörike, Biedermeier, Vormärz, Zyklus, Gedichte
Arbeit zitieren
Anonym, 2011, Die Metamorphose einer Liebesbeziehung in den ersten drei Gedichten in Mörikes "Peregrina", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188378

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