Zur Einordnung nicht-fiktionaler Romane


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
24 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Intention des Autors und die Wirkung beim Leser
2.1 Truman Capotes Intention in Bezug auf In Cold Blood
2.2 Die Unterscheidung zwischen factual status und factual adequacy

3. Die Einordnung von In Cold Blood
3.1 Die Tendenzen in der Literaturkritik
3.2 Capote und der new journalism
3.2.1. Szenenartiger Aufbau
3.2.2. Vollständige Wiedergabe der Dialoge
3.2.3. Perspektive der dritten Person
3.2.4. Detaillierte Darstellung des Umfelds als Symbol des Lebensstandards

4. Untersuchungen bezüglich des Authenzitätsanspruchs Capotes
4.1 Die Darstellung Perry Smiths
4.2 Die Problematik der Figur Perrys in Bezug auf Capotes Intention

5. Die Erzählperspektive
5.1 Der allwissende Erzähler in nicht-fiktionalen Romanen
5.2 Die Erzählperspektive in In Cold Blood
5.3 Die Erzählperspektive in García Márquez

6. García Márquez und der new journalism
6.1 Szenenartiger Aufbau und vollständige Wiedergabe der Dialoge
6.2 Detaillierte Darstellung des Umfelds als Symbol des Lebensstandards

7. Capotes Kriterien für einen nicht-fiktionalen Roman

8. Schlussbemerkung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Tom Wolfe[1] zufolge überließen die Romanciers, indem sie den sozialen Realismus vernachlässigten, den Autoren des new journalism die ganze amerikanische Gesellschaft als Themenfeld.

John Hellmann verfasste eines der Standardwerke zu nicht-fiktionalen Texten. Darin gibt er folgende Definition von new journalism und nonfiction novel, die der folgenden Arbeit zugrunde liegen soll:

The terms „new journalism“ and „nonfiction novel“ both serve as names for a contemporary genre in which journalistic material is presented in the forms of fiction.[2]

Sowohl Truman Capotes In Cold Blood als auch Gabriel García Márquez´ Das Abenteuer des Miguel Littín sind Werke, in welchen faktuale Ereignisse mit Hilfe stilistischer Merkmale des Fiktionalen dargestellt werden und somit sind beide Werke als nicht-fiktionale Romane einzuordnen. Betrachtet man die beiden Werke jedoch näher, so verdeutlicht dies, wie komplex die Merkmale dieser Unterform des Romans sind.

In der nun folgenden Arbeit werden unterschiedliche Kriterien zur Einordnung erläutert und vergleichend auf die beiden Werke angewendet. Zur Beschreibung und Einordnung der Werke wird hierbei zunächst der Unterschied zwischen den Autoren und der Leserposition dargestellt.

Im Folgenden wird eine Diskussion über die Einordnung des Werks von Capote skizziert, um die Problematik weiter zu verdeutlichen.

Wie aus dem oben genannten Zitat erkennbar wird im Rahmen der Einordnung von In Cold Blood immer wieder der new journalism genannt. Aus diesem Grund werden die stilistischen Merkmale hier erläutert und auf der Grundlage beider Werke untersucht.

Letztlich finden auch die von Capote selbst benannten Kriterien zum Verfassen eines nicht-fiktionalen Romans Beachtung und werden im Vergleich auf beide Werke angewendet.

Abschließend werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Werke im Kontext ihrer Beurteilung noch einmal zusammengefasst.

2. Die Intention des Autors und die Wirkung beim Leser

In Bezug auf die Einordnung der beiden Werke ergeben sich Problemstellungen auf unterschiedlichen Ebenen.

Zum Einen geht es um die Einteilung von Fakt und Fiktion und in diesem Zusammenhang auch um die Einteilung zwischen Journalismus und fiktionalem Schreiben, zum Anderen geht es aber auch um das, was der Leser als „wahr“ oder „erfunden“ ansieht. Gerade in Bezug auf die Rezeption durch den Leser spielt die Intention des Autors ein Rolle. Hierbei ist auch relevant, inwiefern der Autor mit Hilfe der Paratexte seine Intention bezüglich seines Werkes verdeutlicht.

John Searle[3] erläutert dies am Beispiel einer Anekdote. Angenommen ein Freund erzählt eine Anekdote. Die Haltung der Zuhörer ist völlig unterschiedlich, je nachdem, ob der Erzähler sie als Witz oder einfach als eine Erfindung deklariert. Die „richtige“ Rezeption hängt in diesem Fall also davon ab, welche Intention der Erzähler hat und ob der Zuhörer diese akzeptiert – denn wirklich sicher, ob die Anekdote beispielsweise völlig frei erfunden ist oder nicht, kann der Zuhörer nicht sein.

Dieses Beispiel lässt sich sowohl auf Capotes als auch auf García Márquez´ Werk übertragen. Auch hier geht es darum, was der Autor deklariert hat und wie der Leser nun das Werk rezipieren soll. Selbstverständlich ist die Problemstellung in diesem Fall komplexer als im Falle der Anekdote; dennoch bleiben die Grundzüge erhalten.

2.1 Truman Capotes Intention in Bezug auf In Cold Blood

Capote selbst behauptete mit seinem Werk In Cold Blood ein neues Genre, „the nonfiction novel“ begründet zu haben. Und ebenso ist es Capote, der durch den Untertitel seines Werkes In Cold BloodA true account of a multiple murder and its consequences suggeriert, dass in seinem Roman Fakten erzählt werden. Er spricht von einem faktualen Werk, welches mit fiktionalen Erzählmethoden geschrieben wurde.

„When I first formed my theories concerning the nonfiction novel, many people with whom I discussed the matter were unsympathetic. They felt that what I proposed, a narrative form that employed all the techniques of fictional art but was nevertheless immaculately factual, was little more than a literary solution for fatigued novelists suffering from „failure of imagination“ on their part.“[4]

Abgesehen davon, dass Capote selbst behauptete, mit seinem Werk ein neues genre geschaffen zu haben, versichert er, dass alles, was in seinem Buch erwähnt ist, aus Interviews, Briefen oder sonstigen Quellen stammt und insofern auch bei den entsprechenden Urhebern nachgeprüft werden kann. Diese Aussage wurde selbstverständlich von vielen skeptisch betrachtet. So fragt George Plimpton in dem Interview The Story Behind a Nonfiction Novel Capote vor dem Hintergrund, ob tatsächlich alles Fakt sei, was in dem Roman beschrieben wird, ob der Hund, der am Weg entlang trottet, als Perry und Dick vorbeifahren und die darauffolgende Szene, in welcher Dick versucht, den Hund zu überfahren[5], tatsächlich real waren.

Capote antwortet darauf:

„There was a dog, and it was precisely as described. One doesn´t spend almost six years on a book, the point of which is factual accuracy, and then give way to minor distortions. People are so suspicious. They ask, „How can you reconstruct the conversation of a dead girl, Nancy Clutter, without fictionalizing?“ If they read the book carefully, they can see readily enough how it´s done. It´s a silly question. Each time Nancy appears in the narrative, there are witnesses to what she is saying and doing – phone calls, conversations, being overheard.“[6]

Zieht man hier wiederum eine Parallele zu dem Erzähler der Anekdote, so lassen sich auch am Beispiel von In Cold Blood zwei unterschiedliche Ebenen ableiten. Capote beansprucht, dass seine Erzählung wahr ist und entsprechend soll der Leser sein Werk rezipieren.

2.2 Die Unterscheidung zwischen factual status und factual adequacy

In diesem Zusammenhang ist die Einteilung, welche Eric Heyne in seinem Text Toward a Theory of Literary Nonfiction gibt, hilfreich. Heyne unterscheidet in „factual status[7] “ und „factual adequacy“.[8] Faktualer Status ist in diesem Fall der Status, den der Erzähler der Anekdote, bzw. der Autor – hier also Capote – für sein Werk beansprucht.

Faktuale Betrachtung dahingegen meint, dass Leser – oder Zuhörer- selbst entscheiden müssen, ob sie dem Werk faktualen Status zu- oder absprechen. Dementsprechend beansprucht ein fiktionales Werk weder faktualen Status noch faktuale Betrachtung, wohingegen ein nicht-fiktionales Werk faktualen Status besitzen kann und der Leser über die faktuale Betrachtung entscheiden muss.

Mit Hilfe dieser Unterscheidung wird also klar, dass bezüglich der Faktualität und auch bezüglich der Einordnung eines nicht-fiktionalen Textes sowohl die Betrachtung der Autorenseite als auch die der Rezipientenseite relevant ist. Diese Einschätzung wird oftmals seitens der Literaturwissenschaftler geteilt. Dementsprechend wird speziell Capotes Intention als sehr wichtig erachtet[9] ebenso wie die Autoren- und Rezepientenbeziehung im Allgemeinen große Beachtung findet, wie ein Zitat von Robert Augustin Smart zeigt:

In nonfiction, the reader has only two real choices; either to enter or to refuse to enter into sympathetic partnership with the narrator/observer in order to re-experience the events in the novel. We can, in our turn, approve or reject the author´s interpretations.[10]

3. Die Einordnung von In Cold Blood

3.1 Die Tendenzen in der Literaturkritik

In Bezug auf Capote wurde immer wieder der Versuch einer Einordnung anhand der oben genannten Kriterien unternommen. Kritiker haben die Tendenz In Cold Blood als einen fiktionalen Roman einzuordnen, einerseits aufgrund der fehlenden „factual accuracy“[11], andererseits um dem Werk den Status zu geben, mit welchem es nach der Ansicht der Kritiker mehr honoriert wird.

Anhand von Capotes eigenen Kriterien unternimmt Smart einen weiteren Versuch, In Cold Blood einzuordnen und kommt zu dem Schluss, dass in In Cold Blood Capotes Kriterien[12] nicht erfüllt sind und das Werk deswegen stattdessen als ein realistischer Roman zu betrachten ist.[13]

Die Unterscheidung ist insofern interessant, da auch Tom Wolfe bezüglich der Entstehung des new journalism diese Bewegung gegenüber dem Realismus abgrenzt.

Wolfe beschreibt, dass dadurch dass die Romanciers den Realismus vernachlässigten, es möglich wurde, dass die Journalisten sich die Techniken des Realismus aneigneten. Somit überließen die Romanciers den Journalisten einerseits die stilistischen Mittel des Realismus und andererseits die amerikanische Gesellschaft als Themengebiet; und so halfen sie den Journalisten zum erfolgreichen Verfassen von nicht-fiktionalen Romanen zu gelangen:

By trail and error, by „instinct“ rather than theory, journalists began to discover the devices that gave the realistic novel its unique power, variously known as its „immediacy“, its „concrete reality“, its emotional involvement, its „gripping“ or „absorbing“ quality.[14]

3.2 Capote und der new journalism

Eine weitere literarische Richtung, welcher Capote zugeordnet wird, ist der new journalism. Capote selbst grenzt sich stark von dieser Bewegung ab. In einem Interview beantwortet er die Frage bezüglich seiner Meinung zu new journalism folgendermaßen:

If you mean James Breslin and Tom Wolfe, and that crowd, they have nothing to do with creative journalism – in the sense that I use the term- because neither of them, nor any of that school of reporting have the proper fictional technical equipment. It´s useless for a writer whose talent is essentially journalistic to attempt creative reportage because it simply won´t work. (...) which means that, to be a good creative reporter, you have to be a very good fiction writer.[15]

Tom Wolfe dahingegen ordnet Capote dem new journalism zu, obgleich er um Capotes Haltung weiß.

Analysiert man Capotes Werk In Cold Blood anhand der Kriterien, die Wolfe in der Einleitung zu seiner Anthologie[16] bezüglich der stilistischen Merkmale des new journalism gibt, so fällt auf, dass sie auf Capotes Werk ausnahmslos zutreffen.

Wolfe bezeichnet vor allem vier Merkmale als charakteristisch.

[...]


[1] Vgl. Tom Wolfe: The New Journalism, New York 1973, S.12

[2] John Hellmann: Fables of Fact. The New Journalism as New Fiction. University of Illinois Press 1981, S.1

[3] vgl. Eric Heyne: Toward A Theory of Literary Nonfiction, in: Modern Fiction Studies, Vol.33, S.479-489, hier: S.480f

[4] George Plimpton: The Story Behind a Nonfiction Novel, in: Irving Malin: Truman Capote´s In Cold Blood: A Critical Handbook, Wadsworth 1968, S.25-43, hier: S.38/39

[5] Capote, S.105 und S.108

[6] Plimpton, S.39

[7] „factual status“ wird im Folgenden als faktualer Status und „factual adequacy“ als faktuale Betrachtung übersetzt.

[8] Heyne, S.480

[9] Lars Ole Sauernberg: Fact into Fiction, S.21

[10] Robert Augustin Smart: The Nonfiction Novel, University Press of America, Boston 1985, S.10/11

[11] „factual accuracy“ wird im Folgenden mit faktualer Genauigkeit übersetzt.

[12] Capotes Kriterien werden an späterer Stelle noch näher erläutert.

[13] Vgl.Smart, S.78

[14] Wolfe, S. 14

[15] Plimpton, S.27

[16] Tom Wolfe: The New Journalism, New York 1973, S.3-52, hier: S.23-24

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zur Einordnung nicht-fiktionaler Romane
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Fakt-Fiktion-Simulation
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V18842
ISBN (eBook)
9783638231015
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einordnung, Romane, Hauptseminar, Fakt-Fiktion-Simulation
Arbeit zitieren
Katharina Schnell (Autor), 2002, Zur Einordnung nicht-fiktionaler Romane, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18842

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