Kommunitarismus nach Amitai Etzioni

Mehr Gemeinschaft, weniger Staat - Vom Ich zum Wir. Die Entwicklung einer neuen sozialen Verantwortung


Studienarbeit, 2011

20 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rolle der Gemeinschaft
2.1 Gemeinschaft und Sozialpädagogik

3. Kommunitarismus nach Amitai Etzioni
3.1 Historische Notiz- die Entstehung einer sozialen Bewegung
3.2 Amitai Etzioni
3.3 Kommunitarismus nach Etzioni
3.3.1 Rechte und Pflichten
3.3.2 Das Ich- Wir Paradigma
3.3.3 Die moralische Basis
3.3.3.1 Verlust der moralischen Basis
3.3.4 Die neue Gemeinschaft

4. Kommunitarismus vs. Liberalismus
4.1 Die ethische Frage nach der Politik des Guten oder Rechten
4.2 Verantwortung: Individuum oder Gemeinschaft?

5. Kommunitarismus und Soziale Arbeit
5.1 Kommunitarismus als Herausforderung- ein kritischer Blick

6. Fazit und Ausblick

1. Einleitung

Rechte erfordern Pflichten. Manche Pflichten jedoch müssen nicht immer Rechte beinhalten. Im Kontext bestehender Gesellschaftssysteme sind Rechte und Pflichten nicht mehr wegzudenken. Systeme funktionieren im Wesentlichen nicht ohne die nötige Moral und den von Ihnen produzierten Werten. Doch was tun, wenn diese Werte inflationär verlaufen, sich ein sogenannter Werteverlust breit macht? So geschieht es, dass sich die Gesellschaft im Wandel bewegt und sich gemeinschaftliches Denken auf den Einzelnen beschränken kann. Dem Individualismus zufolge beklagen sich viele Industrienationen über den Verlust von Werten innerhalb politisch, demokratischer Ordnungen. Auf dieser Kritik basierend, dem sich ausbauenden Individualismus entgegenwirkend, wurde das Modell bzw. die Handlungstheorie des Kommunitarismus Ende der 80-er entwickelt, welcher eine neue, gesellschaftsweite Diskussion über die Rechte und Pflichten jedes Einzelnen entfacht hat. Die kommunitaristische Bewegung, die in den USA unter namhaften Männern, wie Amitai Etzioni entstanden ist, setzt sich für die Erneuerung von gemeinschaftlichen Werten als Basis und Fundament für eine neue politische Ordnung ein. Kann Kommunitarismus eine globale Alternative zu bestehenden Ansätzen sein? Kann diese eine Veränderung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft erzielen, sowohl sozial, politisch, als auch wirtschaftlich? Etzionis Idee der „Verantwortungsgesellschaft“ zielt auf ein gemeinschaftliches Denken ab, beginnend bei der Familie und der Erziehung, die sich über die Schule bis hin zum tertiären Sektor erstreckt. Die kommunitaristische Forderung besteht darin, ein neues gesellschaftliches Bild mit eigenem Verantwortungsbewusstsein zu erzeugen, um weitestgehend staatliche Eingriffe, durch die Aktivierung moralischen Denkens jedes Einzelnen, übertragen auf das Gegenüber, zu vermeiden. Die Devise lautet vom „Ich“ zum „Wir“- Bewusstsein gelangen (Vgl. Etzioni 1995, S. 180 ff.)

In der folgenden Studienarbeit wird sich mit der Idee, dem erzeugten Bild und dem Entwurf des Kommunitarismus befasst und ebenso kritisch hinterfragt. Da der Umfang einer Hausarbeit eher begrenzt ist und dem Thema nicht erschöpfend Folge geleistet werden kann, wird sich im Folgenden auf die wesentlichen Grundzüge des Kommunitarismus nach Amitai Etzioni bezogen. Eher noch soll in der folgenden Studienarbeit eine erneute Diskussion über den kommunitaristischen Denkansatz erweckt werden.

2. Rolle der Gemeinschaft

„Das Gemeinschaftliche umfasst in dieser Perspektive mehrere Sphären der Gesellschaft: das Hilfesystem aus Familie, Nachbarschaften, und anderen informellen Stützsystemen; das Bildungssystem der Schule, Kindergärten und Erwachsenenbildung sowie den Bildungsaspekt von Universitäten; das Öffentlichkeitssystem mit einem breiten Medienspektrum; und das Kunstsystem mit seinen vielfältigen kulturellen und kulturpolitischen Aspekten, Vereinigungen und Institutionen.“ (Opielka 1996, zit. n. Opielka 2005, S. 600).

Dabei ist die gesellschaftliche Sphäre nicht ohne freiwilliges Engagement vorstellbar, wie auch das Gemeinschaftliche für die Integration der Gesellschaft unverzichtbar ist. Der Politik sind Grenzen gesetzt, was die praktischen Bedingungen gemeinschaftlichen Handels angeht, vielmehr ist die Gemeinschaft und deren freiwilliges Engagement Grundlage unseres Sozialstaats. Praktische Bedingungen werden von der Politik durch wirtschaftliche Interessen und bürokratische Funktionalität regelrecht ausgehöhlt. Die Förderung von freiwilligem sozialem Engagement verhilft den gemeinschaftlichen Potentialen der Gesellschaft zu mehr Eigeninitiative und Geltung. Solidarität beginnt somit in den Köpfen jedes Einzelnen und erweist sich als höchstes Ziel sozialstaatlicher Bemühungen. Selbsthilfe ist in diesem Zusammenhang wohl der treffendste Begriff und im Kontext eines gesellschaftstheoretischen Verständnis Sozialer Arbeit nicht mehr wegzudenken. (Vgl. Opielka, 2005, S. 600 f.).

Vom Individuum zur Gruppe, von der Gruppe zur Gemeinschaft, von der Gemeinschaft zur Gesellschaft und der Kreis schließt sich zusammen. Wenn also die kleinste Einheit sein Denken auf und für die Gruppe ausweitet und die Gruppe dadurch zur Gemeinschaft wird, ohne negative Effekte heranzuziehen, kann, wenn man vom Guten ausgeht, eine Gesellschaft zusammenwachsen.

2.1 Gemeinschaft und Sozialpädagogik

In der Sozialpädagogik hat die Auseinandersetzung mit dem Begriff Gemeinschaft und deren Entwicklung eine lange Tradition. Die Diskussion über das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft geht zurück bis ins Jahr 1799, wo in den Schriften Schleiermachers „Theorie des geselligen Betragens“ erstmals mit der Idee der individuellen Selbstverwirklichung Bezug genommen wird. Für Tönnies (1887) stellt die Gemeinschaft und die Gesellschaft ein bipolares Bild von Verbundenheit dar. „Während in der Gesellschaft zweckrationale Tauschbeziehungen ohne innere Verbundenheit dominieren, ist die Gemeinschaft durch gemeinsames, aufeinander bezogenes Handeln charakterisiert, das seine Wurzeln in den durch die Gemeinschaft vermittelten Traditionen, in gelebter dauerhafter und stabiler Verbundenheit hat.“ (Böllert 2005, S. 644)

Im gesamten 19.Jahrhundert wird die sich etablierende Sozialpädagogik über diesen Gemeinschaftsbegriff definiert. Natorp (1899) führte z.B. an, „… dass der Mensch zum Menschen wird allein durch die menschliche Gemeinschaft. “ Diese Annahme lässt sich auf die heutige Kommunitarismus- Debatte übertragen. Die Jugendbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts (bis zur Weimarer Republik) hat den Gemeinschaftsdiskurs entschieden geprägt, wie z.B. durch die Wandervogel- Bewegung, die durch das Wir- Erlebnis gleichgesinnter, kleiner Gruppen sich der abstrakten, bürgerlichen Erwachsenenwelt gegenüber gestellt hat. Vorsicht ist geboten den Gemeinschaftsbegriff zu missbrauchen, so geschehen im Nationalsozialismus, wo dieser zum rassistischen Ausschließungskriterium wurde, Individualität nur noch gemeinschaftsbestimmend möglich war und weder noch als notwendiges Mittel zur Integration in die Gesellschaft gesehen wurde. Dies hat zur Folge gehabt, dass der Begriff Gemeinschaft vorbelastet ist, jedoch gegenwärtig in die Gruppen- bzw. Gemeinwesenarbeit wieder nach und nach aufgenommen wird (Vgl. Böllert 2005, S. 644 ff.).

„Die sozialpädagogische Inszenierung von Gemeinschaften als Modell sozialer Hilfe wird somit als Prozess zur Herstellung der sozialen Integration verstanden.“ (Böllert 2005, S. 645) „ Die ersten moralischen Standards erhalten wir in der Gemeinschaft, in die wir geboren werden. “ (Etzioni 1995, S. 35) Fundament und erste Station eines gelebten Gefühls von Recht und Unrecht bildet somit die Familie. Demnach ist es wichtig diese Quelle der moralischen Entwicklung und diese „ Wir- heit “ im Wesentlichen zu benennen und auch zu schützen. Egal ob in Wohngemeinschaften, Arbeitsgemeinschaften, Vereinen, Schulen, etc. ; wenn Gemeinschaften intakt sind, oder besser wenn sie intakt gehalten werden, können sie an ihre Mitglieder appellieren und das Wertedenken grundlegend verstärken. Dazu gehört, dass sich alle „…auf allen Ebenen, der lokalen wie der nationalen- auf bestimmte Grundwerte einigen.“ (Etzioni 1995, S. 37)

3. Kommunitarismus nach Amitai Etzioni

Nach Auseinandersetzung mit dem Begriff Gemeinschaft und der damit verbundenen Bedeutung für die Soziale Arbeit, wird im Folgenden auf die Entstehung, die Entwicklung und das Konzept des kommuntaristischen Ansatzes nach Amitai Etzioni Bezug genommen.

3.1 Historische Notiz- die Entstehung einer sozialen Bewegung

1990 begann sich eine Gruppe fünfzehn Ethikern, Sozialphilosophen und Sozialwissenschaftlern in Washington D.C, unter der Leitung von Amitai Etzioni und William Galston, zu treffen, um über die Probleme der Gesellschaft zu sprechen. Am 18. November 1991 stellten sie das kommunitaristische Programm erstmals der Öffentlichkeit vor. Dabei wurde der vorangegangene Unmut beendet, den über den zunehmendem Verlust von grundlegenden Werten und der verstärkten Egoismusinteressen der US- Gesellschaft zu äußern (Vgl. Etzioni 1995, S.281).

Das Programm beinhaltet die Rekonstruktion der zivilgesellschaftlichen Institutionen, von der Familie als Ausgangspunkt, über die Schulen, bis hin zu allen anderen gesellschaftlichen Gruppen (z.B. Vereine etc.), die als Basis für die moralische Entwicklung der US- Gesellschaft angesehen wird. Ebenso wird die Entwicklung vom Ich zum Wir- Paradigma propagiert.

Die bestehende Entwicklung führt in den USA zu immer mehr gesellschaftlichen Problemen, die eine Balance aus Individuum und Gemeinschaft erfordern. Vielmehr muss das Verhältnis von Rechten zu Pflichten stimmen und dadurch ein fortbestehen einer demokratischen Gesellschaft gesichert werden. Etzioni betont dabei, dass „Rechte zu fordern, ohne Pflichten zu übernehmen,… weder moralisch noch logisch ist.“ (Etzioni 1995, S. 11) Dabei führt er heran, dass die Entwicklung in den USA in die Richtung tendiere, dass viele Amerikaner kaum noch Pflichten übernehmen wollen, zwar auf ihre Rechte bestehen, aber kaum bereit sind anderen bzw. der Gemeinschaft etwas geben zu wollen oder eine Gegenleistung zu erbringen. „Wir hielten die Zeit für gekommen, unserer Verantwortung gegenüber der Community (Gemeinschaft) gerecht zu werden, und nannten uns Communitarians (Kommunitarier), um das deutlich zu machen.“ (Etzioni 1995, S. 18) Eine neue Bewegung wurde geboren mit dem Namen Kommunitarismus.

3.2 Amitai Etzioni

Amitai Etzioni, der von der amerikanischen Presse als „Guru der kommunitaristischen Bewegung“ (Reese- Schäfer 2001) bezeichnet wird, wird am 04. Januar 1929 unter dem Namen Werner Falk in Köln geboren. 1936 gelingt es ihm und seinen Eltern, nach Umwegen über Griechenland in Palästina einzuwandern. In Palästina wächst er in einer Genossenschaftssiedlung auf, wird Jungsozialist und tritt in die sozialdemokratische Regierungspartei Israels MAPAI ein. Nachdem er sich 1946 dem Untergrundskampf gegen die britische Mandatsherrschaft anschließt, wird er 1948 Soldat im israelischen Unabhängigkeitskrieg. 1950 wird er bei einem Lehrgang für Dozenten von Martin Buber stark beeinflusst. Später bezeichnet Etzioni sein kommunitaristisches Denken als eine moderne Version von Bubers dialogischem Prinzip. Nach seinem Studienabschluss geht er an die University of California in Berkeley (USA) und bekommt ein Jahr später eine Stelle als Soziologe an der Columbia Universität in New York. Seitdem ist er in den USA geblieben. Er war beeindruckt von Aktivistinnen wie der Feministin Betty Friedan, der Ökologin Rachel Carson und dem Verbraucheranwalt Ralph Nader. Sein Grundkonzept beruht auf solider Wissenschaft mit politischem Aktivitätsanspruch, die er mit der Gründung des kommunitaristischen Netzwerks und der Organisation einer kommunitaristischen Plattform verbunden hat. Diese politisch, organisierte Form stellte eine öffentliche Kritik am atomistischen Individualismus und dem Liberalismus dar. Dies hat zu reflexiven, gebündelten Prozessen und einer globalen Idee beigetragen, die bis dahin unkonkret in der Luft hingen und führte zum neuen, integrativen Konzept des Kommunitarismus. Etzionis „Verantwortungsgesellschaft“ stellt einen Entwurf einer pointierten kommunitaristischen Gesellschaftstheorie dar, die ein Gleichgewichtsverhältnis zwischen Autonomie des Einzelnen und Erfordernissen einer sozialen Ordnung betont. Ebenso basiert seine Lösung für das komplexe Problem Individuum und Gesellschaft auf den Grundüberlegungen seiner funktionalistischen Soziologie. (Vgl. Reese- Schäfer, 2001, S.112ff.) „Diese geht aus von einer Konzeption des gesellschaftlichen Ganzen bzw. des Gemeinwohls und von dem Gedanken, dass eine Gesellschaft bestimmte Anforderungen erfüllen muss, um sich erhalten zu können.“ (Reese- Schäfer, 2001, S. 114).

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kommunitarismus nach Amitai Etzioni
Untertitel
Mehr Gemeinschaft, weniger Staat - Vom Ich zum Wir. Die Entwicklung einer neuen sozialen Verantwortung
Hochschule
SRH Hochschule Heidelberg
Note
2,1
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V188761
ISBN (eBook)
9783656126355
ISBN (Buch)
9783656126904
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Was ist Kommunitarismus? Wo und wie ist dieser Begriff entstanden? Ein resümierter und vereinfachter Einblick in den kommunitaristischen Ansatz von Amitai Etzioni. Vom Ich zum Wir.
Schlagworte
Kommunitarismus, Amitai Etzioni, Soziale Arbeit, Vom Ich zum Wir, Entwicklung einer sozialen Verantwortung, Rolle der Gemeinschaft, Entdeckung der Gemeinwesenarbeit, Communitarism, globale alternative zu bestehenden Gesellschaftssystemen?, Moral und Werte, Verantwortungsgesellschaft, Liberalismus vs. Kommunitarismus, globale Alternative, mehr Gemeinschaft weniger Staat, neue soziale Verantwortung, Ich- Wir Paradigma, Kommunitarismus und Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Alexander Thomas Kreutzer (Autor), 2011, Kommunitarismus nach Amitai Etzioni, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188761

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