Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Warum jetzt um konzentrierte Aufmerksamkeit gekämpft wird


Hausarbeit, 2011

24 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Formelle Angaben

1. Der Kampf um Aufmerksamkeit

2. Auffassungen der Aufmerksamkeitsökonomie
2.1. Begriffsbestimmung „Aufmerksamkeit“
2.2. Die Aufmerksamkeitsökonomie und das Netz nach Goldhaber
2.3. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit nach Franck
2.4. Der ökonomische Aspekt der Aufmerksamkeit in der Dualität des Medienmarkts

3. Der Kampf um konzentrierte Aufmerksamkeit
3.1 Warum Aufmerksamkeit im Fokus steht
3.2 Parallelnutzung
3.3 Kontinuierliche Partielle Aufmerksamkeit
3.4 Übergang des Informationszeitalters in eine Ära des uni-focus?
3.5 Mediennutzung und Internet: Werden die Inhalte versimplifiziert?

4. Kritische Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Parallelnutzung zwischen einzelnen Medien 2010 versus 2005 (Nutzungsdauer in Min./Tag) gemäß der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 8

Formelle Angaben

Um das Gesamtbild der vorliegenden Arbeit zu vereinheitlichen, wurden alle Zitate der neuen Rechtschreibung angepasst. Der Sinn der Zitate bleibt davon unberührt.

Anzahl der Wörter im Textteil: 4.256.

1. Der Kampf um Aufmerksamkeit

Dieses Essay wurde durch den Text,Ökonomie der Aufmerksamkeit: Ein Entwurf’von Georg Franck inspiriert. Besonders weil einer der Seminarschwerpunkte die digitalen Medien sind, stellt das Essay auch die Auffassung des Sozialforschers Michael Goldhaber zur Aufmerksamkeitsökonomie im Netz vor. Nicht zu vergessen sind zudem die materiellen Aspekte des Kampfs um Aufmerksamkeit im World Wide Web, die in Kapitel 2.4 allerdings nur in ihren Grundzügen skizziert werden, da der Fokus des Essays auf der Aufmerksamkeitsökonomie, insbesondere in Bezug auf das Medium Internet liegen soll. Die wirtschaftswissenschaftliche Sichtweise wird nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Die zentralen Aspekte sind, wie das Streben nach Aufmerksamkeit durch das Medium Internet beeinflusst bzw. begünstigt wird (Stichwort: Messbarkeit) und ob eine Wechselwirkung zwischen den gegenwärtigen Trends der Mediennutzung und dem Kampf um Aufmerksamkeit besteht. Wird die Aufmerksamkeit tendenziell oberflächlicher, weil„immer mehr Medienkanäle […] unsere Aufmerksamkeit[1]fordern? Entwickelt sich der Kampf um Aufmerksamkeit demnach zu einem Kampf umkonzentrierteAufmerksamkeit?

2. Auffassungen der Aufmerksamkeitsökonomie

2.1. Begriffsbestimmung „Aufmerksamkeit“

Aufmerksamkeit kann als ein kognitiver Prozess im Gehirn definiert werden. Während der neuronalen Verarbeitung von eintreffenden Reizen bestimmt sie, welche Informationen relevant sind, das heißt verarbeitet werden, und welche nicht. Bei dieser Auswahl sind Neuigkeitswert, Emotionen sowie persönliche Interessen und Erfahrungen von Bedeutung. Nach dem phänomenalistischen Ansatz ist Aufmerksamkeit die bewusste, zielgerichtete Zuwendung zu einem Objekt, sei es eine Person, ein Tier oder ein Medium.[2]

Georg Franck betont zudem noch den Unterschied zwischen aktiver, zielgerichteter Aufmerksamkeit, im Englischen: „attention“, und dem allgemeinen wachenDasein, ohne sicht auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren, im Englischen: „awareness“.[3]

2.2. Die Aufmerksamkeitsökonomie und das Netz nach Goldhaber

Aufmerksamkeit ist nach Goldhaber wie folgt definiert: Sie ist das

knappe Gut der Informationsgesellschaft. […] Im Unterschied zu materiellen Gütern erhalten wir Aufmerksamkeit vor allem mit unserem Geist, und es ist nicht erforderlich, dass wir ebensoviel ausgeben, wie wir empfangen.“[4]

Die fortschreitende Entwicklung des Internet und der technischen Kommunikationsmittel ermöglicht prinzipiell Aufmerksamkeit von zunehmend mehr Menschen zu erhalten. Dabei geht der Terminus derAufmerksamkeitmit der Voraussetzung des bewussten Wahrnehmens und Verstehens einher. Die „volle Aufmerksamkeit kann nur jeweils einer Person in einem Augenblick[5]geschenkt werden bzw. bei weniger anspruchsvollen Themen, kann die Aufmerksamkeit unter Umständen auch auf eine sehr limitierte Anzahl von Quellen aufgeteilt werden.

Das Besondere an der Aufmerksamkeit ist ihre langfristige Wirkung. Ist eine Person einmal zum Star avanciert, hat demnach also viel von unserer Aufmerksamkeit erlangt, kann sie auch Jahre später wieder vereinfacht unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

In der Aufmerksamkeitsökonomie ist Aufmerksamkeit die kostbarste Ressource. Berühmte Persönlichkeiten, die viel Aufmerksamkeit besitzen, profitieren derzeit auch von hohen Gagen. Goldhaber beschreibt dies als „Merkmal der Übergangszeit zwischen der alten und der neuen Ökonomie.“[6]Hohe Aufmerksamkeit bedingt hohen Reichtum. Und um diesen Reichtum aufrecht zu erhalten oder zu erweitern, exponieren berühmte Persönlichkeiten sich und ihr Privatleben in der Öffentlichkeit. Reich ist daher, wer viel Aufmerksamkeit besitzt. Das konterkariert die gegenwärtige Auffassung desgeistigen Eigentums[7], das langfristig bedeutungslos werden wird.

Die Aufmerksamkeitsökonomie wird die traditionelle (monetär geprägte) Ökonomie auf lange Sicht ersetzen. Der Börsenhandel wird zurückgehen und, obwohl Goldhaber keine volkswirtschaftlichen Analysen vornimmt, prognostiziert er: Das Geld wird „an Bedeutung verlieren, ebenso wie dies bei den Adelstiteln während der letzten Jahrhunderte geschehen ist.“[8]Diese Ansicht belegt er durch ein Beispiel aus der Filmindustrie: Werden amerikanische Filme weiterhin stark protegiert und nur gegen Geldzahlung zugänglich gemacht, wird das die Verbreitung von chinesischen Produktionen begünstigen. Die Aufmerksamkeit wird folglich von Amerika weggelenkt werden, was einen Verlust für das Land bedeuten wird.[9]

2.3. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit nach Franck

Der promovierte Volkswirt, Architekt und Philosoph Georg Franck beschreibt die Wertschöpfung in der Informationsgesellschaft als entmaterialisiert. Franck sieht sowohl die Wissenschaft als auch die Gesellschaft im Allgemeinen weniger getrieben von materiellen Werten, sondern von dem Streben nach Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit gilt dabei als eine Art immaterielle Währung, die den Wert der eigenen Handlungen bzw. sogar der eigenen Person beziffert.

Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.“[10]

In Francks Werk ,Ökonomie der Aufmerksamkeit: Ein Entwurf’von 1998 wird die Funktionsweise der Gesellschaft (am Beispiel eines Wissenschaftsbetriebs) über das Streben nach und den Austausch von Aufmerksamkeit erklärt. In der Wissenschaft wird, obwohl es nicht tatsächlich beweisbar ist, das phänomenale Bewusstsein der anderen Forscher antizipiert, denn ohne es könnten sie nicht für ihre Forschungsergebnisse verantwortlich sein. Franck sieht den Wert wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht monetär, sondern äquivalent zur Aufmerksamkeit der Fachwelt, die den jeweiligen Forschungsergebnissen zuteil wird (z.B. durch Zitate). Die Aufmerksamkeit anderer Wissenschaftler hat demnach den Wert eines nicht-monetären Einkommens. Franck vertritt die Auffassung, dass das bewusste Wahrgenommen werden durch andere Forscher die höchste Motivation in der Wissenschaft darstellt und die Summe der Beachtung die Reputation ergibt. Die Wissenschaft ist ein einziger Tanz um Aufmerksamkeit, weil Wissenschaftler nicht nur die eigene Neugierde und Wahrheitssuche antreibt, sondern der Wunsch, andere zu erstaunen und ihr Interesse auf sich zu lenken, z. B. durch Publikationen. Franck sieht Aufmerksamkeit als motivierendes ,Einkommen’ und beschreibt Reputation als das „konsolidierte Einkommen an kollegialer Aufmerksamkeit[11].

Diese Erkenntnisse transformiert er auch auf die Medien, die ihrerseits Aufmerksamkeit als eine Art Zahlungsmittel nutzen:

Die Vermittlung öffentlicher Ausstrahlung, das ist das Kerngeschäft der Medien. Die Medien bieten Information, um an die Beachtung des Publikums zu kommen. Nicht der Verkauf von Information gegen Geld hat die Medien groß gemacht, sondern der Tausch von technisch reproduzierter Information gegen lebendige Beachtung.[12]

2.4. Der ökonomische Aspekt der Aufmerksamkeit in der Dualität des Medienmarkts

Im Radio, Fernsehen, Internet und zum Teil auch im Printbereich stehen etliche Angebote kostenlos zur Verfügung. Zahlreiche Blogger oder Einsteller von Youtube-Videos sind Privatpersonen, die ihren Lebensunterhalt auf andere Weise bestreiten. Sie möchten mit ihrem Angebot lediglich Aufmerksamkeit und keinerlei monetäre Zuwendungen erzielen.

Doch online sind auch viele professionell erstellte Inhalte zu finden. Sie wurden von Personen kreiert, die beruflich in der Medienbranche tätig sind und Inhalte gegen Entgelt erstellen. Auf ihre Bezahlung können und wollen sie nicht verzichten. Für sie stellt Aufmerksamkeit eine Zwischenwährung für den Erhalt von finanziellen Leistungen dar. Dieses Phänomen ist auch als Dualität des Medienmarkts bekannt. Darunter versteht man die Ausrichtung der Medien an den Rezipienten und an den Werbekunden zugleich. Ein Beispiel: Die werbetreibende Wirtschaft zahlt den Medienunternehmen einen gewissen Betrag für den Kontakt zu Konsumenten. Mit diesen Geldern wird unter anderem das Erstellen von frei zugänglichen Medieninhalten finanziert. Die Rezipienten kommen bei der Mediennutzung mit den Werbebotschaften in Kontakt. Ihre Gegenleistung für den Zugang zu den kostenlosen Medienangeboten ist ihre Aufmerksamkeit. Aus diesem Grund liegt es im Interesse der Medienanbieter, möglichst viele Rezipienten zu erreichen. Geldströme von Seiten der Werbewirtschaft fließen im Austausch für den Kontakt zu Rezipienten bzw. deren Aufmerksamkeit. Somit unterliegt der Medienmarkt sowohl den Regeln einer Ökonomie der Aufmerksamkeit als auch denen der marktwirtschaftlichen Ökonomie.[13]

3. Der Kampf um konzentrierte Aufmerksamkeit

3.1 Warum Aufmerksamkeit im Fokus steht

Aufmerksamkeit war schon immer knapp. Für jeden Mensch hat jeder Tag nur 24 Stunden, in denen er seine Aufmerksamkeit begrenzt vergeben kann. Das Umfeld vieler Personen ist heutzutage von den Medien geprägt und auf die Mediennutzung ausgerichtet.

„Jetzt aber geht es bei den Menschen darum, wie sie der rasant ansteigenden Informationsmenge eine ebenso "gesteigerte Geistesgegenwart" gegenübersetzen, um schneller viele verschiedene und komplexe Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und darauf zu reagieren.“[14]

Den Medien wird es leicht gemacht uns abzulenken und zu zerstreuen, weil das dem natürlichen Wesen des Menschen entspricht. Ebenso gewöhnen sich Menschen aber auch rasch an bestimmte Zustände. Das Verhalten wird schnell Reize und Situationen angepasst. Beispielsweise erschreckt sich eine Person beim ersten Mal, wenn ein Freund sie von hinten mit einem „Buh!“-Ausruf überraschend antippt. Wird dieser Scherz wiederholt, wird der Reiz bereits anders eingestuft und die Reaktion fällt deutlich geringer aus.Was Menschen auszeichnet ist, dass sie ihre Aufmerksamkeit steuern können. Nichtsdestotrotz ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut. Dem immer umfangreicher werdenden Angebot an Möglichkeiten die Aufmerksamkeit zu verteilen, steht keine größere Menge an potentieller Aufmerksamkeit gegenüber.

Aus geschichtlicher Sicht ist zu beachten, dass die Menschen in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg i. d. R. keinen existenziellen Bedrohungen mehr ausgesetzt waren und sich so – auch gemäß der Maslowschen Bedürfnispyramide[15]– unter der Prämisse des Wohlstandes mehr auf ihre Selbstverwirklichung konzentrieren konnten bzw. auch ihr Bedürfnis danach zugenommen hat. Durch die technische Entwicklung und zunehmende Medialisierung der Gesellschaft, insbesondere durch das Internet, ist es heute auch für den Durchschnittsbürger möglich sich der Welt zu präsentieren. Online-Funktionen wie Besucherzähler, Messung der Weiterempfehlungsrate oder „Gefällt mir“-Buttons ermöglichen es nachzuvollziehen, wie viele Menschen erreicht wurden und ob sie die eigene Darstellung im Web anerkennen bzw. gutheißen. Das Streben nach Aufmerksamkeit und Anerkennung hat schon immer stattgefunden. Früher wurde es jedoch eher im persönlichen Bekanntenkreis ausgelebt und heute wird es durch das Internet global möglich. Dieses globale Netzwerk vergrößert die potentiell erreichbare Aufmerksamkeit. Synchron zum höheren Potential steigt das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, weshalb sich viele Menschen im Web selbst darstellen.

[...]


[1]Stone (2007)

[2]Vgl. L’Abbate (2009), S. 3.

[3]Vgl. Franck (1998a), S. 28f.

[4]Goldhaber (2007)

[5]Goldhaber (2007)

[6]Goldhaber (2007)

[7]Die absoluten Rechte an einem immateriellen Gut.

[8]Goldhaber (2007)

[9]Vgl. Goldhaber (2007)

[10]Franck (1998a), S. 10.

[11]Franck (1998), S. 38.

[12]Franck (1999)

[13]Kaiser (2011)

[14]Rötzer (1996)

[15]Bevor der Mensch nach Selbstverwirklichung strebt, müssen andere, elementare Grundbedürfnisse befriedigt sein. Zur Bedürfnishierarchie von Maslow siehe z. B. auch: http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/beduerfnishierarchie-von-maslow/beduerfnishierarchie-von-maslow.htm

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Details

Titel
Die Ökonomie der Aufmerksamkeit
Untertitel
Warum jetzt um konzentrierte Aufmerksamkeit gekämpft wird
Hochschule
Universität Bayreuth
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V188778
ISBN (eBook)
9783656126317
ISBN (Buch)
9783656126829
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufmerksamkeitsökonomie, Kampf um Aufmerksamkeit, Georg Franck, Aufmerksamkeitstheorie
Arbeit zitieren
Dipl-Betriebsw. (DH) Verena Ziegler (Autor), 2011, Die Ökonomie der Aufmerksamkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188778

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