Von Commonwealth Citizens zu Commonwealth Immigrants

Das Vereinigte Königreich und die Einwanderung aus seinen ehemaligen Kolonien in der Nachkriegszeit


Seminararbeit, 2009
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ausgangspunkt und Verlauf der Einwanderung bis zum Commonwealth Immigrants Act von 1962

3. Die Bedeutung der Commonwealth-Staatsbürgerschaft

4. Arbeitslosigkeit unter Einwanderern

5. Argumente und indirekte Maßnahmen der Regierung gegen die zunehmende Einwanderung

6. Gewaltausbrüche, Vorurteile und alltägliche Fremdenfeindlichkeit

7. Darstellungen in der Presse

8. Fazit

9. Quellen- und Literaturverzeichnis

„ London abounds with an incredible number of these black men [ … ]; and in every country town, nay in almost every village, are to be seen a little race of mulattoes, mischievous as monkeys, and infinitely more dangerous. “

- Philip Thicknesse, 17881

1. Einleitung

Im September 2009 sorgte die Räumung und anschließende Planierung eines Flüchtlingslagers am Ärmelkanal in der Nähe von Calais international für Aufsehen. Mehrere hundert illegale Einwanderer wurden bei der Aktion entweder verscheucht oder festgenommen. Als offizielle Begründung wurde angegeben, der Einsatz richte sich „ nicht gegen die Migranten an sich “, aber das Lager sei ein Schleuserstützpunkt gewesen. Zudem hätten dort „ unhygienische und gefährliche Bedingungen ge- herrscht. “ 2

Das Ablenken von den „ Migranten an sich “ auf andere Probleme, die mit ihrem Lager verbunden seien, ist in zweifacher Hinsicht interessant. Erstens wird zugleich davon ablenkt, dass die Europäische Union sich heute mit derartigen Barrikaden gegen die Einreise von Einwanderern abschottet, dass sie dabei vielfach deren Tod in Kauf nimmt. Zweitens fällt auf, dass zumindest in Großbritannien bereits in der Nach- kriegszeit auf ähnliche Weise argumentiert wurde, man habe nichts gegen schwarze Einwanderer an sich, aber es gebe eben nicht genügend Kapazitäten um sie in die Gesellschaft zu integrieren.

Eine solche Tendenz zur Abschottung gegenüber Einwanderern mit außereuropäi- schen Wurzeln wurde jedoch nicht immer schon von vornherein von Europäern und europäischen Politikern betrieben. Insbesondere das Vereinigte Königreich bestätigte in der Nachkriegszeit mit dem British Nationality Act von 1948 ein überaus liberales Staatsbürgerschaftsrecht, dass allen Bürgern des Commonwealth das volle Recht einräumte, sich in Großbritannien als britische Staatsbürger niederzulassen. Vier- zehn Jahre später jedoch wurde dieses Recht grundlegend beschränkt, indem man nur noch solchen Commonwealthbürgern die Einreise genehmigte, die bereits eine Zusage für einen Arbeitsplatz im Land oder zumindest eine auf dem Arbeitsmarkt gefragte Qualifikation vorweisen konnten. In den folgenden vier Jahrzehnten wurden durchschnittlich alle vier Jahre immer wieder neue und strengere Einwanderungsge- setze geschaffen.3

In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, warum das liberale Einwanderungsrecht im Jahr 1948 zunächst bestätigt wurde, nur um dann ab 1962 immer weiter eingeschränkt zu werden. Welche Motive gab es jeweils für diese Ge- setze? Obwohl insbesondere die dreißigjährige Sperrfrist für viele Regierungsakten bis zur Verabschiedung des Commonwealth Immigrants Acts von 1962 inzwischen verstrichen ist, existieren relativ wenige historische Arbeiten zu dem Thema. Die vor- handenen Arbeiten stützen sich zum Teil stark auf monokausale Erklärungen. So hebt Kathleen Paul stark den Rassismus der regierenden Eliten hervor, während Stuart Tendler die Wirtschaftlichkeit der Einwanderung für entscheidend hält.

Statt einen einzelnen Aspekt in den Vordergrund zu stellen, soll hier versucht werden verschiedene Gesichtspunkte zu prüfen, die zu den zeitgenössischen Überlegungen über eine Beschränkung der Einwanderung aus dem New Commonwealth beigetra- gen haben. Nach einem Überblick zum Umfang der Einwanderung und die unmittel- bare Reaktion der Aufnahmegesellschaft folgt eine Erörterung des Hintergrundes für den British Nationality Act von 1948, in dem ein liberales Einreiserecht für Bürger des Commonwealth bestätigt wurde. Anschließend soll geprüft werden, inwiefern Arbeits- losigkeit, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt sowie die Behandlung der Einwanderung in der Presse auf deren Einschränkung hingewirkt haben mögen. Abschnitt 5 be- schäftigt sich darüber hinaus mit den Einstellungen gegenüber der Einwanderung auf Regierungsebene.

2. Ausgangspunkt und Verlauf der Einwanderung bis zum Commonwealth Immigrants Act von 1962

„ The big influx of labour began in 1954. At this time you couldn ’ t get an armless, leg less man never mind an able-bodied one. ” 4

Obgleich Großbritannien in geringerem Umfang auch vorher schon Einwanderer aus seinen Überseekolonien gekannt hatte, entwickelte sich etwa seit Mitte der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts ein kontinuierlicher Zustrom, der wesentlich mehr Einwanderer ins Vereinigte Königreich brachte als jemals zuvor. Kamen zwi- schen 1948 und 1950 noch einige hundert Einwanderer pro Jahr aus der Karibik, so waren es in den Jahren 1951 bis 1953 etwa tausend bis zweitausend jährlich. 1954 schnellte ihre Zahl auf über 24.000 hoch und hielt sich in den folgenden Jahren auf diesem Niveau.5

Besonders seit Beginn der sechziger Jahre kamen Einwanderer vom indischen Sub- kontinent und aus Westafrika hinzu. Gegenüber insgesamt 22.000 Einwanderern aus dem New Commonwealth im Jahr 1959 stieg ihre Zahl auf 58.000 im Jahr 1960 und auf 136.000 im Jahr 1961, so dass der Zensus für das Jahr 1961 insgesamt 522.933 Immigranten aus diesem Herkunftsbereich verzeichnete. Der hohe Anstieg insbe- sondere der Einwanderung aus Asien zu Beginn der sechziger Jahre erklärt sich in erster Linie durch das Motiv, dem erwarteten baldigen Beschluss von Gesetzesver- schärfungen zuvorzukommen. Insofern waren die steigenden Zahlen weniger ein Auslöser für die folgende Verabschiedung des Commonwealth Immigrants Acts von 1962 als andersherum.6

Zuvor hatte die Zahl der Afrikaner und Asiaten in Großbritannien nie weit über 40.000 gelegen. Diese Zahl war zudem seit dem Verbot des Sklavenhandels im Jahr 1807 stetig gesunken und lediglich jeweils seit dem Ausbruch der beiden Weltkriege wieder gestiegen, als die britische Armee verstärkt auf Soldaten aus ihren Kolonien zurückgriff. Im Jahr 1939 schätzten britische Behörden die Zahl der dauerhaft in Großbritannien ansässigen Afrikaner und Asiaten auf siebentausend. Die Zusammensetzung der Bevölkerung auf den britischen Inseln veränderte sich durch den Zustrom der Einwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg also deutlich.7

Die Ankunft des ehemaligen Kraft-durch-Freude-Dampfschiffes „Empire Wind- rush“ aus dem jamaikanischen Kingston in Tilbury, Essex am 22. Juni 1948 mit knapp fünfhundert Reisenden an Bord gilt in Großbritannien gemeinhin als der „Startschuss“ für die Einwanderung aus den Ländern des New Commonwealth.8 Ge- festigt wurde dieses Bild in der öffentlichen Wahrnehmung insbesondere durch die BBC2-Fernsehserie „Windrush Season Windrush“, die 1998 zum fünfzigjährigen Ju- biläum der Schiffslandung ausgestrahlt wurde. Falls es bereits zuvor Schiffe gegeben hat, die eine größere Zahl Einwanderer nach Großbritannien brachten, haben diese nicht die große Aufmerksamkeit auf sich gezogen, welche die Überfahrt der Empire Windrush mit sich brachte. Aus Zeitungsberichten sowie Schriftwechseln zwischen Kolonialbehörden, Außen- und Arbeitsministerium geht hervor, wie irritiert britische Beamte und Journalisten auf die Meldung reagierten, dass offenbar mehrere hundert britische Untertanen aus Übersee in ihr „mother country“ überzusiedeln gedachten. Im Daily Express etwa war die Rede von einer „ Schiffsladung voller Sorgen für den Arbeitsminister George Isaacs “, der auf Nachfrage eines Reporters hin betonte, dass die Ankunft dieser Leute seiner Ansicht nach in „ Schwierigkeiten und Enttäuschung resultieren “ werde und seine Hoffnung ausdrückte, dass keine anderen ermutigt wür- den, ihnen zu folgen.9

Bereits vor dem Auslaufen der Empire Windrush in Kingston „ bedauerte “ [sic] der jamaikanische Gouverneur die Kolonialbehörden in London über die geplante Reise des Schiffes „ informieren zu müssen “ . Versuche, die Personen von der Ausreise abzubringen seien erfolglos gewesen:

„ We are very sorry indeed that you and your staff will be put to all the trouble which the arrival of this large number, who are mostly unskilled and who will have little money with them, will involve. It is an appalling thing with which to be saddled, but, as you know, it has been quite impossible to prevent their going, which is sympto matic of the conditions here. ” 10

In Zukunft wolle man alles tun, um ähnliche Bewegungen aufzuspüren und aufzuhal- ten, bevor sie „ solch ein peinliches Stadium erreichen “ könnten. Premierminister Clement Attlee reagierte schließlich, indem er die entstandene Besorgnis über die Einreise der Jamaikaner zu zerstreuen versuchte. Es wäre ein Fehler, diese zu ernst zu nehmen.

„ It is traditional that British subjects, whether of Dominion or Colonial origin (and whatever race or colour), should be freely admissible to the United Kingdom. That tradition is not, in my view, to be lightly discarded, particularly at a time when we are importing foreign labour in large numbers. It would be fiercely resented in the colo nies themselves [ … ]. If our policy were to result in a great influx of undesirables, we might, however unwillingly, have to consider modifying it. ” 11

Trotz seiner Beschwichtigung spricht Attlee hier zugleich also auch von “ Uner-

wünschten ”, deren Zahl man notfalls durch neue Regelungen beschränken müsste. Diese Einschätzung zeigt die grundsätzlichen Vorbehalte gegenüber der Einwande- rung von Menschen mit dunkler Hautfarbe. Ironischerweise war genau einen Tag vor dem Einlaufen der Empire Windrush in Tilbury vom Unterhaus der British Nationality Act bestätigt worden. Dieser reagierte einerseits auf die Einführung der kanadischen Staatsbürgerschaft sowie andererseits auf die zuvor erfolgte Unabhängigkeit Indiens.

[...]


1 Zitiert nach Banton, Michael, White and Coloured. The Behaviour of British People Towards Coloured Immigrants, New Brunswick 1960, S. 55.

2 Vgl. Artikel auf Spiegel Online: "Dschungel von Calais" vom 22.09.09 http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,650588,00.html.

3 Solomos, John, Race and Racism in Britain, Basingstoke 2003³, S. 55.

4 Rose, E.J.B, Colour and Citizenship. A Report on Race Relations, London 1969, S. 78.

5 Fryer, Peter, Staying Power. Black People in Britain since 1504, Atlantic Highlands 1984, S. 372 f. Paul, Kathleen, Whitewashing Britain. Race and Citizenship in the Postwar Era, Ithaca 1997, S. 132.

6 Jones, Catherine, Immigration and Social Policy in Britain, London 1977, S. 123; Paul, Kathleen, Whitewashing Britain. Race and Citizenship in the Postwar Era, Ithaca 1997, S. 132; S. 164; Rose, S.

77. Die Zensusdaten umfassen nur England und Wales, nicht jedoch Schottland und Nordirland.

7 Spencer, Ian, British Immigration Policy Since 1939. The Making of Multi-Racial Britain, London 1997,

S. 3.

8 Bade, Klaus, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000, S. 309.

9 Phillips, Mike, Windrush. The Irresistible Rise of Multi-Racial Britain, London 1998, S. 59.

10 Ebd., S. 68.

11 Ebd., S. 68 ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Von Commonwealth Citizens zu Commonwealth Immigrants
Untertitel
Das Vereinigte Königreich und die Einwanderung aus seinen ehemaligen Kolonien in der Nachkriegszeit
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichte)
Veranstaltung
Migration im 19. und 20. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V189010
ISBN (eBook)
9783656129110
ISBN (Buch)
9783656130123
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
commonwealth, citizens, immigrants
Arbeit zitieren
Arndt Schmidt (Autor), 2009, Von Commonwealth Citizens zu Commonwealth Immigrants, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189010

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