Vom geschichtlichen Mythos zur germanisierten Ideologie

Edda-Rezeption und germanischer Mythos im Nationalsozialismus


Bachelorarbeit, 2011
32 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Weg der Edda in Humanismus und Romantik

3. Mythos und Wissenschaft: Nationales Germanentum im 19. und 20. Jahrhundert

4. Gruppen, Gesellschaften, Bündnisse: Eddische Religionen für den Nationalsozialismus

5. Die Edda im Spiegel nationalsozialitischer Mythen
5.1. Die Runenkunde: Mythisches Wissen als Erkenntnis der Herrschaft
5.2. Rechtsextremismus und heidnisches Neugermanentum in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

6. Schlussbemerkungen

Literatur und Quellen

1. Einleitung

In der heutigen Zeit wird man oftmals mit Begriffen konfrontiert, die sich in Leitworten wie Germanentum oder -mythos manifestieren. Es sind vor allem Namen und Bezeichnungen, wie Odin/ Wodan, Thor oder auch Symbole, wie zum Beispiel die Runen oder das Hakenkreuz, welche bestimmte Assoziationen hervorrufen. Vordergründig sind diese geprägt von Vorstellungen über Rechtsextremismus bzw. sie werden in Bezug zu neonazistischen Gruppen gebracht. Nur selten finden sich dagegen außerhalb der Forschung Momente an, in denen die vorherrschenden Assoziationen zu diesen Begrifflichkeiten in Frage gestellt werden. Vielmehr erscheinen sie oftmals ohne zusammenhängenden Bezug und werden hingenommen, ohne nach einem entsprechenden Hintergrund zu suchen. Versucht man jedoch, einen tiefer greifenden Blick auf diese Bezeichnungen und Symbole zu werfen und eine Analyse durchzuführen, so eröffnen sie sich nur noch in einem fragmentarisch überlieferten Charakter. Nur wenigen ist aufgrund dessen bekannt, dass sie einem fast genau definierbaren Ursprung entstammen und sich somit auch bestimmen lassen. Die scheinbar einzeln verstreuten Worte besitzen einen sich gegenseitig bedingenden, festen Bezug, der sich im Leben und Brauchtum der Germanen widerspiegelt. Dabei muss jedoch Rücksicht auf die Wortwahl genommen werden, denn die Definition des Germanentums beruht auf dem Verständnis vergangener Jahrhunderte und der heutigen Zeit. Ihre Bedeutung liegt jedoch in Wortbildungen der römischen Antike, geprägt vordergründig durch Publius Cornelius Tacitus, einem römischer Geschichtsschreiber und Senator des 1. und 2. Jahrhunderts nach Christus. In seinem berühmtesten Werk, der Germania schildert er Dasein, soziales Verhalten und religiöse Sitten eines Volkes, dass er als Germanen bezeichnet, die im von ihm als Germanien bezeichneten Gebiet leben: Germanien wird als Ganzes von den Galliern , Rätern und Pannoniern durch die Flüsse Rhein und Donau , von den Sarmaten und Dakern durch gegenseitige Furcht oder Gebirge geschieden. … Die Germanen selbst möchte ich für Ureinwohner halten und durchaus nicht durch die Einwanderung und den Aufenthalt anderer Völkerschaften vermischt,[…].[1]

Tacitus schafft hier das Bild einer sich aus verschiedenartigen Stämmen erschließenden Gemeinschaft, die er klar erkennbar nach antiken römischen Vorstellungsweisen musterte und an ihnen Anlehnung findet. Sie entspricht mehr einer Bestätigung des römischen Selbstwertgefühls und der Unterstreichung ihres Geschichtsbildes. Betont wird es besonders, wenn Tacitus die Menschen in der Germania als rohe, zivilisationslose und wilde Barbaren stigmatisiert. Anlehnung fand aber auch Tacitus an einem vorgefertigten Bild, welches Gaius Julius Cesar, römischer Staatsmann, Feldherr und Autor im letzten Jahrhundert vor Christus, bereits in seinem Werk De bello Gallico errichtet hatte. In dem so genannten Germanenexkurs beschreibt er erstmals den Begriff der Germanen, welche er als Volk beschreibt, die in Unterscheidung zu den Galliern zu sehen sind und deren geografische Grenze der Rhein ist. Ob jedoch die Bedeutung des Germanenbegriffes einzig auf dem Gedankengut dieser beiden Personen beruht, kann nicht zweifelsfrei geklärt werden. In der Forschung bleibt die Haltung über die topografische Eingrenzung und die Bezeichnung dieser Volksgruppe stetig strittig. Sicher ist jedoch, dass vor allem Tacitus eine Sichtweise entwickelte, welche noch nachhaltigen Einfluss besitzen sollte.

Um aber einen besseren Einblick in die Lebensweise der Germanen zu bekommen, wie sie nach benanntem Raster verstanden werden muss, dienen vordergründig zwei mittelalterliche Schriftquellen, bekannt auch als Ältere und Jüngere Edda. Überliefert ist als die Ältere Edda, welche auch als Codex Regius bekannt ist, eine Haupthandschrift. Die Wissenschaft ermittelte, dass sie wahrscheinlich um 1270 nach einer Vorlage durch einen Schreiber angefertigt wurden war. Sie besteht aus einer Liedersammlung, die wohl das Ergebnis einer Sammelarbeit sein muss, die ca. 1240 fertiggestellt war. Ein erster Besitzeintrag der Quelle lässt sich aber erst für das Jahr 1643 datieren unter dem Namen des Bischofs Sveinson. Doch noch im selben Jahrhundert gelangte die Schrift in die königliche Bibliothek zu Kopenhagen. Seit 1971 bewahrt man sie allerdings im isländischen Handschrifteninstitut zu Reykjavík auf. Gesamt besteht der Codex Regius aus 45 Pergamentblättern, deren Lieder in zwei Großgruppen unterteilt werden. Dies sind auf der einen Seite die Helden-, auf der anderen Seite die Götterlieder. Sie kennzeichnen sich durch Verse, deren Strophen aber nicht abgesetzt sind, sondern in einem durchgängigen Text niedergeschrieben wurden. Bei der Entstehung des auch unter der Bezeichnung Lieder-Edda eingegangenen Codex Regius geht man aber davon aus, dass sie auf einem mündlichen Ursprung beruht, dem eine schriftliche Phase folgte[2].

Auch die Jüngere Edda hat wahrscheinlich ihren Bezugspunkt in mündlichen Überlieferungen sowie vermutlich auch in der Lieder-Edda. Verfasst wurde sie vom isländischen Dichter und Historiker Snorri Sturluson (1178/1179 – 1241). Sein Gesamtwerk umfasst insgesamt 4 Haupthandschriften, die als Vorlage für junge Skalden, d.h. höfische Dichter im mittelalterlichen Skandinavien dienen sollten[3]. Die in Prosa abgefasste, auch als Snorra Edda bezeichnete Schrift begründet ihre Entstehung vor allem aus der persönlichen Motivation Sturlusons heraus, der befürchtete, dass mit der zunehmenden Christianisierung des Nordens in seiner Zeit das Verständnis für die wichtige skaldisch-metrische Form verloren ginge, die im wesentlichen auf der Kenntnis der altnordischen Mythologie beruhe. Auch wenn sie im äußeren Schein nur als dichtungstheoretisches Werk erscheint, ist sie dennoch mit eine der wichtigsten Quellen altnordischer Dichtung und Mythologie des 13. Jahrhunderts. Entstanden ist diese Schrift wahrscheinlich zwischen 1220 und 1225, von einer sicheren Datierung kann allerdings nicht ausgegangen werden. Der Begriff Edda soll ebenfalls auf Snorri Sturluson zurückzuführen sein. Er gab seiner nordischen Mythographie, somit auch dem skaldischen Lehrbuch, den Namen Edda, der dann auf die Sammlung der Dichtung der Lieder-Edda übertragen wurde. In der Forschung sind die Bedeutung und die Herkunft des Wortes jedoch umstritten. Am wahrscheinlichsten ist, dass es auf dem altisländischen Wort edda beruht, welches die Urgroßmutter bezeichnet. Übertragen auf die Altertümlichkeit der Texte lassen sie sich auch als mythologische Urmutter bezeichnen[4].

Dennoch überliefern beide Edden wichtige Grundsätze und Orientierungspunkte nicht bezüglich des Germanentums, sondern dessen was als nordische, in christlicher Sichtweise als solche verstandene, heidnische Bräuche, Religion und Lebensweise zu betrachten sind bzw. ist. Der Bezug zu den Germanen speist sich besonders aus ihrer Bezeichnung als Völker des Nordens, sodass vermehrt auch von einer germanischen Mythologie gesprochen wird. Vordergründig spiegelt die Entwicklung nach der Zeit des Mittelalters eine solche Sichtweise wieder. Dabei zeigt sich aber vor allem nach einer anfänglichen historischen Betrachtung eine zunehmende Radikalisierung, welche sich besonders in der Epoche der Romantik verschärfte und darauf folgend verstärkt ausufernde Merkmale annahm. Das Wissen über eine wahrhafte nordische Mythologie verschwand damit jedoch zunehmend. Weitaus mehr Verwendung fand das Wesen der Germanen, wie sie in der Germania des Tacitus überliefert sind, verschmolzen mit den mythologischen Vorstellungen und entwickelten Ideen, die nur noch wenig mit den Inhalten, die zum Beispiel in den Edden gegeben sind gemein haben. Der Höhepunkt aller sich daraus gebildeten Thesen, Theorien und Grundsätze gipfelte sich in der Herrschaftszeit der Nationalsozialisten von 1933 – 1945 unter Adolf Hitler. Seitdem wird die nordische Mythologie von einem gänzlich verworrenen Bild aus neuzeitlichen Sichtweisen, Germanenwesen und neuheidnischen Glaubensvorstellungen überschattet.

Aufgrund dessen soll nun im Folgenden ein genauerer Blick auf die Rezeption der Edda geworfen werden. Für beide Quellen wird der zusammengefasste Begriff Edda verwendet, wie z.B. auch in Dr. Manfred Stanges Werk Die Edda. Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen. In den hiesigen Ausführungen wird wechselweise auf die Inhalte der Lieder- und der Snorra-Edda Bezug genommen. Verwendete Bezüge stammen aus dem angegebenen Buch, welches auf der Edda-Übersetzung nach Karl Simrock beruht. Sie dienen dazu, aufzuzeigen, inwieweit sich die altnordische Mythologie erhalten hat, aber auch wie sich diese entwickelte und in welchen Zusammenhängen sie verwendet wurde. Der Beginn der Erläuterungen richtet sich zunächst an die Zeit des Humanismus und der Romantik. Hier soll aufgezeigt werden, welche Veränderungen sich bezüglich der Edda und ihrer Inhalte vollzogen haben, um zu verdeutlichen, wie erheblich der Einfluss dessen für den weiteren Verlauf der Schriften war. Das Hauptaugenmerk der Arbeit wird allerdings auf das 19. und 20. Jahrhundert gerichtet sein, d.h. auf die dortig entwickelten Debatten, Forschungen, und deren ideologisch-verklärte Verwendung im Nationalsozialismus. Besonders diesem Zeitraum soll eine ausführliche Behandlung gewidmet werden, um aufzuzeigen, welche Stellung die Edda in dieser geschichtlichen Phase einnahm, wie die Haltungen sich gegenüber ihrer Inhalte veränderten und in was für einer Art und Weise sie genutzt wurden. Wesentlich werden hierbei wiederum der nachhaltige Einfluss und die Entwicklung der eddischen Mythen sein. Abschließend soll der Analyse ein kurzer Einblick in die Entwicklung nach 1945 folgen und einen Ausblick bezüglich des Verständnisses und der Auffassung von nordischer Mythologie ermöglichen.

2. Der Weg der Edda in Humanismus und Romantik

Unter Berücksichtigung der Quellen des Mittelalters, die einen Einblick in die nordische Mythologie geben, sind auf lange Zeit nur wenige Schriften verfasst worden, die einen Bezug zu diesen Thematiken herstellen. Die Mythen wurden innerhalb der Rezeption zunächst nur sehr oberflächlich behandelt. Als weit verbreitetes Vorbild galt daher anfänglich das Handbuch De diis germanis (1648) von Elias Schedius, einem niederländischen Geistlichen, welches sich mit germanischer Mythologie in Form einer klassischen Götterlehre auseinandersetzte[5]. Erst mit dem Aufkommen neuer politischer und gesellschaftlicher Sichtweisen in Barock und dem daraus resultierenden Renaissance-Humanismus nahm die Hinwendung zu mythologischen Thematiken wieder vermehrt zu. Die neu entwickelten Auffassungen beruhten vor allem auf einem geschichtlichen Verständnis, dass bestrebt war, sich von Rom als Zentrum der Macht zu befreien. Es galt nicht mehr der Einfluss durch den Papst und damit der katholischen Kirche, sondern die Erkenntnis der eigenen Identität und der Herrschaft des Kaisertums. Somit erlitt das bis dahin geltende politisch-theologische Geschichtsmodell einen erheblichen Bedeutungsverlust. Antike wurde nun als eine durch Gelehrsamkeit zu rekonstruierende Epoche gesehen, nationale Vergangenheiten sollten so verändert werden, dass sie den gegebenen politischen Verhältnissen entsprachen[6]. Aufgrund dessen konnte nicht mehr länger die These im Raum stehen, die römisch- katholische Kirche hätte Deutschland von Heidentum und Barbarei befreit, sie wurde überschattet von der Sehnsucht eines Nachweises der eigenen, unabhängigen Kultur und Geschichte. Wesentlich wird anhand dieser Betrachtung die Wiederentdeckung der Germania seit dem 15. Jahrhundert. Das bis dahin geltende Germanen-Römer-Schema wurde nach eigenen Vorstellungen und Wünschen umgestaltet, sodass das Volk der Germanen alle wichtigen Tugenden dieses Imperiums erhielt. Hierzu zählen beispielsweise die Kampfsicherheit, Todesmut, Einfachheit und Unverbildetheit der Sitten, ebenso wie Keuschheit, Treue und Ehrlichkeit. Die neuen Theorien verselbstständigten sich jedoch innerhalb kürzester Zeit und noch vor Beginn der Reformation war der Glauben entstanden, die Germanen seien die eigentlichen Träger der christlichen Wahrheit gewesen[7]. Eine mythologische Welt der alten Völker des Nordens erschien damit im Erkenntnis- und Wissenshorizont bereits nicht mehr als zwingend notwendig. Die daraus keimende Radikalität verlagerte alle diese positiven Eigenschaften auf das Wesen des Deutschtums bzw. man sah sie als ihnen eingegeben an. Klar tritt hervor, wie die kulturellen Wesenheiten anderer Völker genutzt wurden, um die eigene Welt neu zu erschaffen und sich von anderen Mächten abzugrenzen. Unterstützt wurde dies weiterhin durch die Theorie, Land und Volk ständen in untrennbarer Verbindung miteinander. Diese Verknüpfung glaubte man von Der Bezeichnung Germanen selbst ableiten zu können, als Ursprung aus dem lateinischen germen (Keim, Spross oder Stamm). Die Deutschen sollten somit als verum germen nobilitas gelten, d.h. als wahrer Keim aller Vortrefflichkeit. Im Zentrum stand nun der Glauben an die Auserwähltheit mit einem Alleinvertretungsanspruch gegenüber einer germanischen Geschichte und dem Hauptziel der Überbietung Roms in Kultur und Bildung.[8] Ein direkter Bezug zu altnordischer Literatur und damit auch zu Mythen, wie sie in der Edda aufzufinden sind, erfolgte damit jedoch noch nicht.

In gelehrten Kreisen wurde sich jenen erst im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts zugewandt, besonders in der Annahme, die Forschung sei auf Grundlage einer theologischen Weltordnung zu betrachten[9]. Klaus Böldl spricht dabei in seinem Buch Der Mythos der Edda: Nordische Mythologie zwischen europäischer Aufklärung und nationaler Romantik. von dem Asenglauben als protestantische Urlehre. In der altnordischen Mythologie gelten die Asen als Angehörige der größeren Götterfamilie, die andere Familie bilden die so genannten Wanen. Sie sind vorwiegend Götter des Krieges und der Herrschaft. Aber auch in allgemeiner Hinsicht bezeichnet man die Gesamtheit der Götter als Asen. An oberster Stelle steht Odin, auch bezeichnet als Götter- oder Allvater. Ihm folgen seine Söhne Thor und Balder, ebenso wie einige andere männliche Gottheiten. Als weibliche Gottheiten werden die Asinnen Frigg, Freyja und Gefion benannt. Sie alle sitzen in ihrem als Asgard bezeichneten mythologischen Wohnsitz[10]. Genaue Auskunft hierüber bietet vor allem die Snorra-Edda in der Gylfaginning, welche auch als Gylfis-Täuschung benannt wird. Sie berichtet von einem sagenhaften skandinavischen König, der in die Welt der Götter reist, um dort Wissen zu erlangen. In einem Dialog stellt er dabei der Gottheit Odin immer wieder neue Fragen, die zu einer Klärung der altnordischen Mythologie führen sollen. Werden diese Aussagen allerdings auf die christliche Wertung des 17. Jahrhunderts bezogen, so wird ihnen ein gänzlich neuer Charakter beigemessen. Ein erster umfassender Bericht der germanischen Mythologie stellt dabei die in deutscher Sprache abgefasste Cymbrische Heyden-Religion (1691) des Appenrader Predigers Trogillus Arnkiel dar. Sie behandelt zu einem großen Teil auch die nordischen Überlieferungen, die sich auf Quellen wie der Edda Ausgabe nach Peters Resens beruft oder auch der Topographia Norwegiae, welche auch auf der Basis Sturlusons berichtet. Arnkiel versucht die Mythen jedoch nach dem christlich methodischen Kontext seiner Zeit zu erklären. Die Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit dienen vordergründig der Stärkung des eigenen Glaubens und damit auch der christlichen Selbstversicherung[11]. Alle mythologischen Berichte, so besonders die der Gylfaginning werden von dieser Glaubensweise überschattet, sodass z.B. Götter in denselben Zusammenhang wie vergötterte Menschen gesetzt werden. Ebenso sieht er in den Mythen eine versteckte Vermittlung der Schöpfungsoffenbarung, indem Odin (Dichtergott, Totengott, Gott der Magie, der Runen und der Ekstase) Thor (Gott des Donners) und Freya (Göttin der Liebenden, Fruchtbarkeitsgöttin und Lehrerin der Magie)[12] als heidnische Pervertierung der heiligen christlichen Trinität gelten. In anderer Hinsicht vermutet er in den Berichten über die Wesen der Zwerge wie sie in der Völuspá bzw. der Seherin-Weissagung in der Lieder-Edda zu finden sind, eine indirekte Aussage darüber, dass diese eigentlich Engel seien[13]. Unterstützung bekamen derartige Thesen auch durch Gottfried Schütze (1719 – 1784), einem Prediger und späteren Professor für Griechisch und Geschichte, der die Edda aber nicht als Überlieferung philosophischer und geistlicher Schriften sah, sondern als weltliche Dichtungen, in denen theologisches Wissen als gesunkenes Gedankengut enthalten ist. Die Edda erhält somit einen Status, der einem religiösen Dokument gleicht, in dem sich eine Glaubensreinheit der nordisch- deutschen Stämme aufzeigen lässt[14]. Die Gleichstellung von Edda und Bibel endete aber spätestens mit dem 18. Jahrhundert.

Mit dem Beginn der Phase der Aufklärung vollzog sich noch einmal ein klar erkennbarer Wandel in den Vorstellungen bezüglich der nordischen Mythologie. Von Bedeutung war nun nicht mehr das Verhältnis zwischen Christen- und Heidentum, sondern vielmehr die Aufdeckung der eddischen Mythen als geschichtsträchtige Überlieferungen. In der Forschung wird hierbei vom euhemeristischen Modell gesprochen, d.h. es wurde von der Theorie ausgegangen, wie sie bereits bei Arnkiel Anklang fand, die Götter seien eigentlich Menschen gewesen, die sich der göttlichen Ehre frei bedient haben oder erst nach ihrem Tod als solche ausgegeben worden sind. Als Tatsache galt, die Edda sei ein Ergebnis der Umlagerung und Neudeutung der ursprünglichen Glaubenslehre. Die Asen blieben damit zunächst ein geschichtliches Gebilde, nach welchem Odin und Thor sich in Schweden ansiedelten, wo sie Priesterwürden erhielten, sich anschließend mit bereits existenten Gottheiten der Urbevölkerung identifizierten und somit eine nachfolgende göttliche Verehrung sicherten. Ihre tatsächlichen Taten seien daraufhin zu Mythen umgedichtet worden[15]. Ein wesentliches Beispiel für den Euhemerismus als Forschungszweig bildet die Schrift Havd er Edda? (Was ist Edda?; 1812) des Pastors Knud Henneberg. Er berichtet vom König Balder, der von seinem Vater Odin über die Angeln und Sachsen gesetzt wurde und in Schleswig residierte[16]. Die entwickelten Thesen unterstanden jedoch stetig einer sehr kritischen Sichtweise und blieben von Seiten der Forschung immer umstritten.

Gegenläufig dazu lassen immer mehr Versuche aufdecken, die beweisen wollen, dass es sich bei Odin keineswegs um eine historische Gestalt handelt. Die Zeit wurde nun bestimmt durch die Sehnsucht nach einer Neuen Mythologie hin zur Erinnerung an die Mythen des Anfangs.[17] Geebnet wurde eine solche Veränderung in der Übergangsphase von Spätaufklärung zu Romantik. Die neu entstandenen Sichtweisen ergaben sich vordergründig aus der napoleonischen Fremdherrschaft in Deutschland, die ganz besonders ein extremes und sich neu bildendes Nationalbewusstsein hervorrief. Das Ende 18. und der Beginn des 19. Jahrhunderts filtern sich damit deutlich als Zeitalter gravierender Veränderungen heraus - nicht nur auf sozialer Ebene, sondern auch durch neue ökonomische Begebenheiten. Wie bereits benannt, wird der Nationalismus der zentrale Träger der bürgerlichen Gesellschaft, die aus ihrer neuen Situation heraus oftmals auch mit Gewalt eine Errichtung eines deutschen Nationalstaates forderte. Im Zuge dessen musste sich jedoch auch ein neues Weltbild etablieren und hier bekam das sich entwickelnde Germanenbild, ebenso wie die eddischen Mythen, eine neue Stellung zugewiesen. Es filterte sich eine Germanenideologie heraus, die sich durch vielfältige Ideen und Theorien begründete. Aus der zunehmenden Beherrschung des industriellen Sektors im Leben der Menschen wandten sich diese ihrem Verhältnis bezüglich der Natur zu. Sie wurde als reiner und friedlicher Zustand betrachtet, in dem auch die Germanen ihre Heimat gefunden hatten. In einer solchen Vollkommenheit schienen dabei auch ihre Mythen integriert zu sein. Das entstandene Empfinden des Verlustes gegenüber der Natur sollte durch ein überhöhtes sentimentales Fühlen für diese ausgeglichen werden. Auch die Edda galt damit als äußerst naturförmig und ursprünglich, was sich vor allen Dingen aus der verstärkten Begeisterung für Volksdichtung und - Lieder ergab[18]. Einen entscheidenden Anstoß lieferten besonders die Thesen Johann Gottfried Herders, eines deutscher Dichters, Übersetzers und Theologen, der 1766 die Introduction a l‘ histore de Dannemarc (1755) von Henri Mallet übersetzte. Er sieht dabei die nordische Mythologie als die Rüstkammer eines neuen Deutschen Genies.., das sich auf den Flügeln der Celtischen Einbildungskraft in neue Wolken erhebt und Gedichte schaffet, die uns immer angemessener wären, als die Mythologie der Römer.[19] Der germanische Norden wurde zu einem neuen geistigen, schaffenden Zentrum erhoben, das sich über alle Widrigkeiten hinwegsetzen sollte und würde. Für diesen Weg konnte aber nur die Natur genutzt werden, denn der Bezug der nordischen Poesie zeigte sich als frei von poetologischen Regelsystemen oder ästhetischen Normen, d.h. in der Nordischen Welt, dem Raum der Edda, war nach dem Untergang des römischen Reiches eine neue geistige Welt entstanden, die sich der Natur und dem guten nordischen Verstand widmete[20]. Daraufhin wurde wiederum die Verbindung zum Deutschtum geschaffen, um eine erneute Begründung anzugeben, warum die nationale Identität einen starken Charakter benötigt, der sich gegen vorherrschende Systeme behaupten konnte und musste. Für Herder ist die Edda eine Dichtungsform, die die sinnlichen Wahrnehmungsweisen ihrer Bevölkerung zum Ausdruck bringt, die den Freiheitsgedanken vermittelt, sodass die Mythologie nur das Spiegelbild dessen sein kann, was das Wesen des Volkes bestimmt[21]. Herder trug allerdings erheblich dazu bei, die Vorstellungen zu radikalisieren, die sich mehr und mehr im Glauben an eine deutsch-germanisch und mythisches, z.T. auch eddischen Lebensbild gipfelten. Es war nun nicht mehr die anfänglich poetisch-philosophisch geprägte Haltung gegenüber der Edda, in der die Gelehrten versuchten zu vermitteln, dass die deutschen Schriften einen Bezug zu ihr herstellen würden und ein neues reines, nationales Zeitalter zeigten und begründeten. Vielmehr noch bekamen die Haltungen nun besonders verstärkte radikal-politische Züge. Wesen und die dazu gehörenden Mythen der Germanen wurden zur Quelle eines sich neu entwickelnden politischen Modells. Ihre angebliche frühere Welt, die idealisierte Vergangenheit verkörperten ein Bestreben, die harmonische Ordnung des Ursprungszustandes wiederherzustellen oder dieser wenigstens in einer bestimmen Art und Weise wieder näher zu kommen. Dies zeigte sich vordergründig in dem Willen zu gesellschaftlichem und verfassungspolitischem Wandel, denn nach umgewerteter Stellungnahme waren nur die Natur- und Kulturvölker frei von fremden, moralisch verderbten Zivilisationen. So sollte beispielsweise das Vorbild der Verteidigungs- bzw. Freiheitskriege der Germanen erneut den Nationalstolz wecken. Daraus konnte somit nur eine intensive Auseinandersetzung mit der nordischen Mythologie resultieren[22]. Aber es muss dabei deutlich beachtet werden, dass sich auch hier eine extreme Radikalisierung vollzog. Aus der national-völkischen Sichtweise heraus wurden in der gesamten nordischen Literatur plötzlich Merkmale des Germanischen gesehen. Die gewandelten Vorstellungen über die Edda hatten damit ihren Weg für die Romantik geebnet. Sie wurde zum zeichenhaften Zentrum einer germanisch-deutschen Hochkultur, die dabei auch ihren Vorrang in Europa manifestieren konnte. Der Mythos begann sich zur Wissenschaft zu wandeln, gesehen wurde jener nicht nur als Naturweisheit, sondern auch als Ort, in dem die übermittelte Sprache in die Naturwissenschaft übersetzbar sei. Finn Magnussen (1781- 1847), ein isländischer Philologe und Archivar, vertrat zum Beispiel die Idee der kosmogonischen Mythen, d.h. er begriff die Edda als Beweis bzw. Quelle der Überlieferung für die Entstehung der Welt. Magnussen war von einer derartigen Theorie fest überzeugt und versuchte jene mit eindeutigen Textstellen zu bekräftigen, laut denen der Weltschöpfungsmythos eine Urtopografie sei. Snorri Sturluson überliefert dazu in der Gylfaginning von den beiden Welten Muspelheim im Süden, als Reich des Feuers, und Niflheim im Norden, als Reich der Kälte. Getrennt sind sie durch die Schlucht Ginnungagap. Durch die Hitze aus Muspelheim beginnt das Eis des Nordens jedoch zu schmelzen und aus den Tropfen entsteht der Urriese Ymir. Genährt wird er durch die aus Reif entstandene mythischen Kuh Audumula. Sie leckt aus salzigem Gestein einen Mann namens Buri hervor, dessen Sohn Bor die drei Götter Odin, Vili und Ve als Kinder hat. Diese töten Ymir und werfen ihn in das Ginnungagap. Dort wird aus dem Körper des Riesen der Kosmos geschaffen, aus dessen Blut das Meer, aus dem Fleisch die Erde, die Knochen bilden die Berge, aus dem Schädel entsteht das Himmelsgewölbe usw.[23] Magnussen glaubte das Bild des Urriesen als den Anfangszustand der Erde deuten zu können[24]. Doch Theorien in jenem Sinne konnten sich nur geringfügig gegenüber anderen Haltungen behaupten. Die Volkstumsideologie gewann die Oberhand und wurde zur leitenden Kraft. Darunter zeigte sich auch ein erhebliches Aufkommen des so genannten politischen Germanismus. Den germanischen Völkern, ebenso wie ihrer Kultur, d.h. ihren Mythen wurde eine universalhistorische Geltung und Relevanz zugemessen. Germanen gelten in Geist, Wesen und Tugenden als eigentlicher Garant allen Fortschritts, die andere Völker immer mehr überwunden haben. Damit werden sie zum Vorbild einer immer vollständigeren Verwirklichung der Idee der Freiheit. So wurden sie zur wesentlichen Grundlage politischer Debatten und historischer Legitimation eines politischen Wandels erhoben. Jener Entwicklung wurde sich aber auch verstärkt neuartiges Gedankengut hinzugefügt, welches ganz besonders durch Ernst Moritz Arndt (1769- 1860), einem deutschen Schriftsteller und Nationalisten mit deutlichen antisemitischen Zügen, gefördert wurde. Er bezeichnete erstmals das deutsche Volk als Reinkarnation der Reinheit, das durch Fremde verbastardet und zu Mischlingen geworden war. Eindeutig begann sich aus geistigem, hin zu philosophisch-politischem ein biologisch-rassistisches Weltbild zu eröffnen.[25]

Das angebliche germanische Urvolk war in einer solchen Hinsicht nur noch ein Deckmantel, um neue Thesen und wissenschaftliche Theorien unter die Menschen zu bringen und sie dahingehend zu beeinflussen. Die Frage der Germanischen, d.h. der nordischen Mythen und ihrer Tradition schien dabei immer weiter in den Hintergrund zu rücken. Es war nun nicht mehr allein diese mythologische Welt, aus der einzelne Aspekte herausgegriffen wurden, um die eigene persönliche Haltung zu bestärken und fortzutreiben, sondern es war der Mythos des Germanischen selbst, der sich begann zu etablieren. Gesprochen wurde nun vom germanischen Menschen, der seit Urzeiten eine Hochkultur geschaffen hat, andere Völker damit übertraf oder von ihnen an der Verbreitung ihres Wesens versucht wurde zu hindern. Genau an diesem Punkt musste ihre Herrschaft wieder durchgesetzt werden, die nur durch das deutsche Volk möglich war, die sich von den Germanen am reinsten erhalten hatten. Um eine Begründung für solche Aspekte hervorzuheben, wurden sie ab jenem Zeitpunkt auch von Wissenschaften wie Archäologie, Germanistik, Sprachforschung, Geschichte, Völkerkunde und Anthropologie unterstützt. Eine direkte Auseinandersetzung mit der Edda wird in dem derartigen System nicht mehr konkret erkennbar, wohl aber deren Übertragung auf das Bild des überlegenen Deutsch-Germanen.

3. Mythos und Wissenschaft: Nationales Germanentum im 19. und 20. Jahrhundert

Wie im vorherigen Kapitel bereits betont, wandelten sich die Wertmaßstäbe ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erheblich, d.h. Gedanken, die sich auf den Begriff des Germanen bezogen, wurden vordergründig auf rassentheoretische Modelle projiziert. Als Hauptaugenmerk wurde der Untergang der lateinisch-romanischen Rasse gegenüber der germanischen hervorgehoben. Dies entwickelte sich zum zentralen Leitsatz, der sich auf verschiedenartigste Forschungsgebiete übertrug. Sie wurden anfänglich beeinflusst auf Grundlage biologistischer und naturwissenschaftlicher Sichtweisen, die zum Beispiel dem Gedankengut des Arthur Comte de Gobineaus (1816- 1882) entsprangen. In seiner Schrift Essai sur l‘ inegalite des races humaines (1853- 1855) behandelte er im vierten Band die ursprünglichen Erbanlagen der germanischen Rasse. Gobineau berief sich auf die so genannte Rassenanthropologie, die seit langer Zeit den Anspruch erhoben hatte, eine Wissenschaft zu sein. Diese stützte sich vor allem auf die Klärung der Frage, wie die vorgebliche germanische Urheimat aufgebaut gewesen sein soll und wie sie sich in Deutschland verbreiten konnte. In allgemeiner Hinsicht sah sich die Anthropologie als wichtigen Bestandteil der Biologie, aber wie die vorherige Benennung bereits erkennen lies, waren für diesen wissenschaftlichen Bereich auch die kulturgeschichtlichen Fragen entscheidend. Von zentraler Bedeutung musste dafür vor allem ihre physische Einteilung sein, d.h. es erfolgte eine Betrachtung auf einer Ebene, die sich noch unterhalb der körperlichen Entwicklung befand. Es galten charakteristische Merkmalsbestände des Menschen, welche man versuchte, aufgrund archäologischer Funde und statistischer Bevölkerungserhebungen zu ermitteln. Untermauernd hierfür waren weiterhin die Fragen nach der Zusammensetzung prähistorischer Bevölkerungen, um ihre Rassensystematik aufzugliedern. Dies führte zu einem Germanenbegriff der vormerklich an körperlichen Merkmalen gemessen wurde und anhand derer der Nachweis des germanischen Einflusses aus Nord- und Westeuropa auf die Welt als zeitlose Geltung anzusehen war[26].

Daraus kristallisierte sich aber auch der Volksbegriff weiter heraus, der eine wesentliche Begründung darstellte, warum die völkische Identität durch den Zusammenhang von deutscher Herkunft und Rasse bestimmt sei. Als Vorlage des sich daraus resultierenden Rassestereotyps wurde die Germania genutzt, die von urreinen Germanen mit wildblickenden blauen Augen, rötlich- blondem Haar und ihrer hohen kräftigen Gestalt sprach[27]. Unterstützung fand sie in der Idee von der weißen Rasse, die ausgehend von Charles Darwins (1809- 1882) wissenschaftlichem Werk The Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggel of life (1859) die indirekte Voraussetzung gegeben hatte, diesen neu begründeten Rassismus zu etablieren. Seine Evolutionstheorie, die sich eigentlich auf die Entwicklung in der Tierwelt bezog, wurde nun auf gesellschaftliche Vorgänge übertragen. Im Gedankengut der Menschen setzte sich die Auffassung fest, die zivilisierte Gesellschaft leide an biologischer Degeneration. Durch natürliche Selektion hätten sich bessere und schlechtere Rassen in der Menschheit entwickelt, jedoch nur die überlegeneren von ihnen seien fähig, sich durchzusetzen und eine gelungene Herrschaft aufzubauen. Anhand dessen drohe jedoch rassische Entartung durch minderwertige Völker, sodass dieser Entwicklung dringend entgegen gewirkt werden sollte. Als Schutz stand dem die Annahme gegenüber, es gäbe eine ununterbrochene Kontinuität einer reinen, alt eingesessenen Rasse oder eines Volkstums mit altererbten Traditionen, welche sich durchsetzen würden und die schlechten Völkerschaften entfernen. Sie mussten nach diesen Ideen das Zentrum eines kollektiven Bewusstseins werden und die Basis für die Entstehung einer neuen nationalen Identität bilden[28]. Hier entsprach die weiße Rasse, die mit ihren Eigenschaften demnach die gelungensten und vorteilhaftesten geistigen, wie körperlichen Anlagen besitzen sollte, am ehesten dem idealistisch gedachten Urzustand, d.h. sie entsprachen nach Meinung der Forschung den nordischen Völkern bzw. den Germanen[29]. Der Germane war nun ein biologisches Wesen.

Hieraus entsprang der weitreichende Einfluss der Übersetzung von Gobineaus Werk zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Jener hatte die Rassenstereotype noch einmal untermauert, indem er ihnen einen historischen Konsens hinzufügend beimaß. Er führte den Fortgang der gesamten Weltgeschichte auf die ungleiche Befähigung der Menschen zu kulturellen Leistungen zurück. Die Weißen galten für ihn als die Begründer aller nennenswerten Hochkulturen, an deren Spitze der Existenz der germanische Arier stehen sollte. Somit waren die Deutschen, die direkt von der germanischen Hochrasse abstammten, Teil des Ursprungs der Entstehung der modernen Gesellschaft. Eine gelungene Untermauerung dieser Theorien bildet der Nationalökonom Alexander Peetz, der ebenfalls eine kulturhistorische Sendung ausgehend vom germanischen Norden sah: Die Rolle, welche die Germanen in der Weltgeschichte gespielt haben, läßt sich nicht groß genug auffassen. Eine spätere Geschichtsforschung wird nachzuweisen haben, daß sie stets das Centrum und die Urquelle aller großen Bewegungen waren, die in Europa vorfielen. Vielleicht sind Asen, Arier, Alanen und Germanen nur die gleiche Bezeichnung eines Adelsstammes, und wie die Sage von Odin erzählt, daß er unter vielen Namen verehrt werde, so wird germanischer Adel als Hauptbestandteil der Kriegsvölker des Alterthums hervortreten“.[30] Das Zitat verdeutlicht erheblich, dass mittels der biologisch-kulturell überschatteten Vorstellungen der Mythos gänzlich verklärt wurde. Bedeutung besaßen nur noch vereinzelte Stücke, wie sie in der Edda zu finden sind. Die Gestalt des Gottes Odin wird vermenschlicht, um die eigene Überlegenheit zu bekräftigen. Er ist nun nicht mehr die mythologische Gestalt, mit der die altertümlichen nordischen Völker versuchten, ihre Umwelt zu verstehen, sondern der Garant einer übergreifenden, Menschen beeinflussenden Herrschaft. In diesem Zustand fanden die bis dahin hervorgebrachten Standpunkte jedoch noch lange keinen Stillstand. Die historische Bedeutung des germanischen Geistes sollte der Rassengeschichte Aussagekräftigkeit verleihen. Darunter sollten sich beispielsweise bzw. selbstverständlich Wissenschaft und Kunst befinden, die notwendige Bestandteile der Kultur waren, ein Zeichen rassischer Begabung, dass sich immer im stetigen Fortgang befand. Die Blütezeit, die die Germanen mit ihrem Eintritt in die Geschichte beförderten, sollte zum Siegeszug auf gesamteuropäischer Ebene führen. Dies zeigte sich bereits anhand der Annahme, alle führenden und wichtigen Persönlichkeiten Alteuropas seien Germanen gewesen. Zu ihnen zählten dabei auch Personen wie Marco Polo und Immanuel Kant oder auch die Erfindung des Buchdrucks als Ergebnis des germanischen Geistes. Alle historischen Erscheinungen wurden damit auf herrschende Rassenkräfte zurück geführt. Eine solche Etablierung konnte laut jenen Haltungen aber nur durchgeführt werden, da ihnen angeblich die guten germanischen Eigenschaften, wie Freiheitsliebe, Treue, Entdeckungs- und Gestaltungsfreude zugrunde lagen. Die Umformung der Geschichte nach einem solchen fiktiven Vorbild war somit ebenfalls eine erhebliche Kulturalisierung, denn die Kräfte der weißen, germanischen und nun auch arischen Rasse waren damit politisch und in einem höheren Status zu verstehen[31].

[...]


[1] Publius Cornelius Tacitus: Germania. Lateinisch/Deutsch. In: Reclam- Verlag, 2010.

[2] Stange, Manfred (Hrsg.): Die Edda. Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen. Wiesbaden 2004. Seite 361- 362.

[3] Ebenda. Seite 387.

[4] Stange, Manfred (Hrsg.): Die Edda. Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen. Seite 359.

[5] Böldl, Klaus: Der Mythos der Edda. Seite 12- 14.

[6] Kipper, Rainer: Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich : Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung.Göttingen, 2002.

Seite 31- 32.

[7] Böldl, Klaus: Der Mythos der Edda: Nordische Mythologie zwischen europäischer Aufklärung und nationaler Romantik.Seite 15- 17.

[8] Kipper, Rainer: Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich: Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung.Göttingen, 2002. Seite 40- 42.

[9] Böldl, Klaus: Der Mythos der Edda: Nordische Mythologie zwischen europäischer Aufklärung und nationaler Romantik. Seite 22- 24.

[10] Stange, Manfred (Hrsg.): Die Edda. Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen. Seite 394.

[11] Böldl, Klaus: Der Mythos der Edda: Nordische Mythologie zwischen europäischer Aufklärung und nationaler Romantik. Seite 47- 48.

[12] Stange, Manfred (Hrsg.): Die Edda. Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen. Siehe Anhang, Seite 400, 417 und 424.

[13] Böldl, Klaus: Der Mythos der Edda: Nordische Mythologie zwischen europäischer Aufklärung und nationaler Romantik. Seite 51- 54.

[14] Ebenda. Seite 63- 65.

[15] Ebenda. Seite 99- 107.

[16] Ebenda. Seite 106.

[17] Ebenda. Seite 83.

[18] Böldl, Klaus: Der Mythos der Edda: Nordische Mythologie zwischen europäischer Aufklärung und nationaler Romantik. Ebenda. Seite 129- 131.

[19] Ebenda. Seite 138- 145.

[20] Ebenda.

[21] Ebenda. Seite 138- 145.

[22] Kipper, Rainer: Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich: Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung. Seite 49- 50.

[23] Stange, Manfred (Hrsg.): Die Edda. Götterlieder, Heldenlieder und Spruchweisheiten der Germanen. Seite 263- 267.

[24] Böldl, Klaus: Der Mythos der Edda: Nordische Mythologie zwischen europäischer Aufklärung und nationaler Romantik. Seite 232- 234.

[25] Kipper, Rainer: Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich: Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung. Seite 61- 66.

[26] Wiwjorra, Ingo: Der Germanenmythos. Konstruktion einer Weltanschauung in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts. Darmstadt, 2006. Seite 54.

[27] Publius Cornelius Tacitus: Germania. Lateinisch/Deutsch.

[28] Kipper, Rainer: Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich: Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung. Seite 24- 25.

[29] Wiwjorra, Ingo: Der Germanenmythos. Konstruktion einer Weltanschauung in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts. Seite 197- 200.

[30] Ebenda. Seite 208- 215.

[31] Kipper, Rainer: Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich: Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung.Seite 309- 311.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Vom geschichtlichen Mythos zur germanisierten Ideologie
Untertitel
Edda-Rezeption und germanischer Mythos im Nationalsozialismus
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Dichtkunst und Mythologie der Germanen
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
32
Katalognummer
V189223
ISBN (eBook)
9783656133711
ISBN (Buch)
9783656134015
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mythos, ideologie, edda-rezeption, nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Saskia Fricke (Autor), 2011, Vom geschichtlichen Mythos zur germanisierten Ideologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189223

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