Leo Weisgerbers inhaltsbezogene Grammatik

Eine kurze Darstellung der Grundgedanken


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Bewusstmachen der muttersprachlichen Weltansicht
2.1 Geistige Zwischenwelten
2.2 Die sprachliche Zwischenwelt
2.3 Die muttersprachliche Weltansicht

3. Die Gesetze von Feld und Zeichen
3.1 Das Zeichen
3.2 Das Gesetz des Feldes

4. Die vier Stufen der Erforschung der Sprachen am Beispiel des inhumanen Akkusativs
4.1 Die Analyse der lautlichen Form
4.2 Die Analyse der inhaltsbezogenen Ordnung
4.3 Die Analyse der geistigen Leistung
4.4 Die Analyse der Wirkung

5. Kritik

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Leo Weisgerber gilt mit seiner inhaltsbezogenen Grammatik als einer der Vertreter der energetischen Sprachforschung, einer linguistischen Strömung, die vor allem in den Fünfziger und Sechziger Jahren in Deutschland populär war. Weisgerbers Arbeiten prägten die frühen Dudengrammatiken und übten einen starken Einfluss auf die strukturelle Semantik aus, obwohl seine inhaltsbezogene Grammatik heute kaum noch Beachtung findet. (vgl. Werlen 2002, 294) Die Grundüberlegungen, die zum inhaltsbezogenen Ansatz führten, waren hauptsächlich sprachphilosophischer Natur, da man sich nicht mehr mit den althergebrachten Auffassungen von Sprache zufriedengeben wollte. Leo Weisgerber ließ sich dabei besonders von den Arbeiten von Wilhelm von Humboldt, Johann Gottfried Herder und Ferdinand de Saussure beeinflussen. Schon Humboldt war ein gewisser Zusammenhang zwischen Sprache und Land, Nation, Geschichte und Sitten aufgefallen, weshalb er eines der primären Ziele der Sprachforschung nicht in der historisch-vergleichenden Arbeitsweise sah, sondern in der Aufdeckung des Einflusses der Sprache auf das Denken der Menschen. Diesem Ansatz schloss sich Weisgerber an und versuchte mit seinen Arbeiten eine Theorie und eine Methode zu entwickeln, mit welcher man wissenschaftlich in der Lage sei, das Wesen der Sprache über einen formalen Ansatz hinaus zu bestimmen. Die bisher geläufigen Annahmen Sprache sei ihrem Wesen nach ein Verständigungsmittel oder Werkzeug der Mitteilung, eine Folge des Denkens oder ein Ergebnis des menschlichen Geistes genügten Weisgerber nicht. Er übernahm von Humboldt dessen Auffassung der Sprache als einer Kraft geistigen Gestaltens und entwickelte sie weiter. Weisgerber sieht seine Arbeit deshalb als eine Erneuerung der energetischen Sprachbetrachtung. Er übernimmt Humboldts Termini und sieht Sprache nicht als ein Ergon, als ein Ergebnis an, sondern vielmehr als einen immerwährenden Prozess geistigen Verwandelns der Welt in Ausdruck, als Energeia. „ Sprache - verstanden als Energeia - ist Wirklichkeit im Sinne einer wirkenden Kraft. “ (Werlen 2002, 282) Weisgerber führt Humboldts Gedanken einer Weltansicht weiter und entwickelt mit den vier Stufen seiner Sprachforschung ein Instrument, um nicht nur die formale Seite der Sprache zu untersuchen, sondern auch die geistige. Einer der Grundgedanken Weisgerbers ist die Postulierung einer geistig-sprachlichen Zwischenwelt, die dem menschlichen Geist ein Erfassen der Welt erst möglich macht. Ausgehend von dieser Annahme entwickelt er ein komplexes System der Funktion der Sprache, welches seiner Vier-Stufen Analyse zugrunde liegt und schließlich zu einer neuen und umfassenden Sicht auf die Sprache führen soll: die inhaltsbezogene Grammatik. Eine inhaltsbezogene Grammatik ist für Weisgerber deshalb von besonderer Wichtigkeit, weil nur sie den gedanklichen Aufbau der sprachlichen Zwischenwelt wiedergeben kann. Zusammen mit dem Aufbau der formalen Aspekte einer Sprache ist dann die Möglichkiet gegeben Sprache nicht bloß als Ergon sondern auch als Energeia zu fassen und die Wirklichkeit eines einzelsprachlichen Weltbildes zu erklären. Diese Arbeit soll einen kurzen Einblick in Leo Weisgerbers Theorie geben und einige der zentralen Aspekte erläutern. Ein besondere Schwerpunkt soll dabei auf der sprachphilosophischen Grundthese der geistigen Zwischenwelt liegen und auf dem Anwendungsbeispiel der vierstufigen Sprachforschung.

2. Das Bewusstmachen der muttersprachlichen Weltansicht

Weisgerber hat sich zum Ziel gesetzt das Weltbild der (deutschen) Sprache zu erforschen und beabsichtigt durch die Ergebnisse dieser Forschung das Wesen der Sprache erfassen zu können. Um dies zu erreichen, geht er schrittweise vor, indem er zunächst sprachphilosophische und erkenntnistheoretische Grundüberlegungen anstellt und diese dann weiterentwickelt. Ein grundsätzliche Annahme Weisgerbers ist dabei eine geistige Zwischenwelt, die er zu einer sprachlichen, bzw. muttersprachlichen Weltansicht konkretisiert. Sein Ziel ist ein grammatisches Bewusstmachen der sprachlichen Zwischenwelt und das Aufdecken der sprachlichen Welterschließung, welches zum Durchschauen der Wirklichkeit des sprachlichen Weltbildes führt. Die muttersprachlichen Zwischenwelt muss sich erst bewusst gemacht werden, da sie dem Sprachbenutzer so vertraut ist, dass er ihr Vorhandensein kaum bemerkt. Welche Denkschritte Weisgerber bis zum Bewusstmachen der muttersprachlichen Weltansicht durchläuft, soll im Folgenden dargestellt werden.

2.1 Geistige Zwischenwelten

Eine der Grunderfahrungen menschlichen Daseins ist das Erfahren der Differenz zwischen der körperlichen Außenwelt und der geistigen Welt in sich selbst. Das Seiende muss deshalb Umformung durch die körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen erfahren, um ihm im bewussten Sein zugänglich sein zu können. Erst durch die Schaffung einer Art Zwischenwelt, die bei der Umformung des Seienden entsteht, besteht eine Verbindung zwischen äußerer und innerer Welt. Laut Weisgerber beruhen diese geistigen Zwischenwelten auf der menschlichen Fähigkeit der Besonnenheit. Der Mensch ist im Gegensatz zum Tier kein rein durch Instinkt gesteuertes Wesen und muss deshalb nicht nach einem durch Instinkte geleiteten Muster auf die Reize der Außenwelt reagieren. Vielmehr besitzt der Mensch die Fähigkeit sich zu „ besinnen “. Weisgerber versteht unter dem „ Augenblick der Besinnung “ die Möglichkeit des Menschen sinnliche Reize zu Empfindungen umzuformen und diese bereits interpretierten Empfindungen zur Grundlage menschlichen Handelns zu machen. Durch diesen Vorgang gewinnt der Mensch „ Abstand, Überblick und damit die Möglichkeit, überlegend zu handeln, die Lebenswelt begreifend zu überschauen und gedanklich zu bewältigen, kurz: menschlich zu verfahren. “ (Weisgerber 1962, 41)

Weisgerber veranschaulicht den Begriff der geistigen Zwischenwelt am Beispiel des Sternbilds Orion. Obwohl die Sterne dieses Sternbilds keinen äußerlich motivierten Zusammenhang haben, beispielsweise durch gleiche Entfernung zur Erde oder gleiche Gestalt, besitzt die Vorstellung des Orion, in der die Sterne durch den Menschen willkürlich zu einem Bild gruppiert wurden, Realität. Die Realität des Sternbildes Orion liegt in einer geistigen Zwischenwelt begründet und existiert nur dort. Um den Vorgang der Schaffung eines geistigen Gegenstands Orion zu erklären, geht Weisgerber von drei Voraussetzungen aus, die gegeben sein müssen. Zunächst existiert ein Sternenhimmel unabhängig vom menschlichen Dasein und seine Größe macht ein Erfassen durch die menschliche Erkenntniskraft scheinbar unmöglich. Dennoch ist er für den Menschen von so großer Bedeutung, dass der Mensch sich zwangsläufig mit dem Sternenhimmel befasst. Da der Mensch nun das Ganze nicht zu erfassen vermag, beginnt er einzelne Sterne zu benennen und bringt diese danach in eine Ordnung, indem er sie in Gruppen zusammenfasst, den Sternbildern. Diese nun geschaffenen Sternbilder besitzen jedoch keine objektive Realität in dem Sinne, dass sie zwangsläufig so gruppiert werden müssen. Im Gegenteil, es lässt sich feststellen, dass verschiedene Kulturen dieselben Sterne unterschiedlich gruppieren und benennen. Dass Sterne auf eine bestimmte Art gruppiert werden, hängt, so Weisgerber, vom spezifischen geographischen Standpunkt und der daraus resultierenden Sicht auf die Sterne sowie von der Kultur ab, der die Sprachgemeinschaft angehört. Dass aber eine ordnende und benennende Tätigkeit in vielen Kulturen stattgefunden hat, liegt an der irdischen Sicht im Allgemeinen, aus der heraus das Sein der Sterne durch die ordnende Tätigkeit des menschlichen Geistes in ein bewusstes Sein umgewandelt wurde. Da Sterne also nicht notwendigerweise zum Sternbild Orion gruppiert werden mussten, folgert Weisgerber, dass das Sternbild rein geistige Realität besitzt, und nennt dies eine „ gedankliche Gr öß e “, die „ aus den Bedingungen irdisch-menschlicher Sicht der Sternenwelt heraus im Denken bestimmter Menschengruppen eine Rolle spielt “ (Weisgerber 1962, 45) Sternbilder existieren folglich in einer Art geistiger „ Zwischenschicht “ zwischen objektiv wahrnehmbarer Welt und Bewusstsein, insofern sie rein gedankliche Objekte sind. Solche geistigen Gegenstände benötigt der Mensch als „ gedankliche St ützpunkte “, die sein Verhalten gegenüber der Außenwelt bestimmen. Das Streben nach Ordnung führt zu einer zunehmenden Strukturierung der Welt durch geistige Formung und damit zu einer expandierenden geistigen Zwischenwelt, die von folgenden Faktoren abhängig ist: zum einen bestimmt die menschliche Einbildungskraft die Gruppierung der einzelnen Sterne zu einem Bild, die der Leitung durch einen Gedanken unterliegt. Am Beispiel des Orion war es offensichtlich der Gedanke an die eigenen Mythen und Legenden der Griechen. Zum anderen geschieht ein Auswerten andersartiger Erfahrungen, indem auf bereits begonnene oder vollzogene Ordnungen zurückgegriffen wird. Schließlich ist als letzter der drei Faktoren das menschliche Streben nach Vollständigkeit zu sehen, wodurch die bereits vorhandenen Gruppierungen und die daraus folgende Ordnung, falls möglich, vervollständigt wird.

Für Weisgerber ist der Unterschied zwischen dem „ nat ürlichen Sein “ der Dinge und dem „ bewussten Sein “ des Menschen von besonderer Bedeutung, da er davon ausgeht, dass erst nach der Umprägung der Dinge zu geistigen Gegenständen, diese für den Menschen überhaupt von Bedeutung sind. Erst durch die Schaffung einer geistigen Zwischenwelt aus der Welt des Seienden in Verbindung mit der menschlichen Besonnenheit kann der Mensch sich zu seiner Umwelt verhalten. Die Gestaltung einer geistigen Zwischenwelt ist a.) vom irdisch- menschlichen Standort, b.) von der Sicht des Menschen als Individuum, als Mitglied einer Gemeinschaft und als Teil der Menschheit und c.) von den Verfahrensweisen des menschlichen Geistes abhängig.

Sobald der Mensch sich nicht rein reaktiv verhält, sondern sich „ besinnt “ oder urteilt, ist nach Weisgerber ein gedankliches Zwischenglied notwendig. Da der Mensch stets Teil einer Gesellschaft ist, wird auch sein Verhalten und Denken von geistigen Gegenständen beeinflusst, die bereits von der Gesellschaft vorgeformt sind und die er erlernt. Geistige Gegenstände sind also als Resultat zu betrachten, das von der allgemein menschlichen Sicht auf die Welt, von der gemeinschaftsgebundenen Ordnung und von der individuellen Erfahrung abhängt. Erst der Zusammenschluss dieser drei Faktoren konstituiert die geistige Zwischenwelt.

2.2 Die sprachliche Zwischenwelt

Wenn die Existenz einer unabhängig vorhandenen Außenwelt, menschlicher Fähigkeit zur „ Besonnenheit “ und eine geistige Zwischenwelt die Voraussetzung für menschliches, besonnenes Handeln ist, so stellt sich die Frage, ob dies auch für sprachliches Tun gilt. Für Weisgerber steht es außer Frage, dass geistige Zwischenwelt und Sprache miteinander zusammenhängen.

“Gibt es auch eine sprachliche Zwischenwelt? Es ist verhältnism äß ig leicht, sich davon zu überzeugen, 1. dass überall, wo Sprachliches uns begegnet auch eine ,,Zwischenwelt" mit im Spiele ist; 2. dass diese Zwischenwelt tatsächlich sprachlichen Charakter hat, d. h. ihrem Dasein und ihrem Wesen nach ,,Sprache" ist.” (Weisgerber 1962, 54)

Weisgerber erklärt dies am Beispiel der Benennung. Das Benennen einer Sache ist nicht nur ein schlichtes Hinzufügen einer Lautkette zu einem Gegenstand, sondern vielmehr das Anerkennen einer Ordnung, die bereits in der geistigen Zwischenwelt begründet liegt. Das Benennen einer Pflanze mit dem Wort Rose beinhaltet eine gedankliche Umwandlung von einem konkreten „ Einzelwesen einmaligen Seins in ein Exemplar, das in den Rahmen einer übergreifenden Ordnung gestellt ist. “ (Weisgerber 1962, 56) Die materiell existierenden Individuen werden vom Menschen als Vertreter einer Kategorie erfasst, die nicht durch die Welt, sondern durch den Menschen konstituiert wird. Besonders offensichtlich wird Weisgerbers Annahme, betrachtet man Worte wie Obst, Gem üse oder Unkraut. In der materiellen Außenwelt liegen keine Gegenstände vor, die mit Obst, Gem üse oder Unkraut benannt werden könnten. Erst in einer durch eine spezifisch menschliche Sicht und Wertung erschaffene Zwischenwelt erhalten sie Realität und können als geistige Gegenstände ihre Ordnung auf konkrete Gegenstände übertragen. Die Verbindung zwischen Lautform und geistigem Gegenstand ist hierbei so eng, dass Weisgerber, die geistigen Gegenstände, die in der Sprache auftauchen, als sprachliche Zeichen, die geistige Zwischenwelt, in der sie fassbar werden, als sprachliche Zwischenwelt bezeichnet. (vgl. Weisgerber 1962, 76) Die Sicht und Wertung, die den geistigen Gegenständen der sprachlichen Zwischenwelt zugrunde liegt, ist allerdings nicht vom Menschen als Individuum abhängig, sondern die Zwischenwelt, der sich der Sprecher bedient ist aufgrund der Bedürfnisse einer Gemeinschaft geschaffen. Dieser Gedanke führt Weisgerber zum Begriff der muttersprachlichen Weltansicht.

2.3 Die muttersprachliche Weltansicht

Jede Gemeinschaft gliedert, ordnet und wertet in ihrer geistigen Zwischenwelt unterschiedlich, was sich in der Sprache aufzeigen lässt. Aufgrund dessen findet sich nicht in jeder Sprache ein genau entsprechendes Wort für ein und dieselbe Sache. So gibt es laut Weisgerber Oasenbewohner, die Wörter für Palmen haben, die das Alter, die Größe und den Ertrag der Pflanzen differenzieren, aber kein Wort, das sich ganz allgemein auf eine Palme anwenden lässt (vgl. Weisgerber 1962, 60-61). Weisgerber nennt „ das Wissen, die Sehweisen, die Ordnungen “ (Weisgerber 1962, 62), die dem Menschen in der Sprache begegnen, sprachliches Wissen, das aus keiner anderen Quelle stammen kann, als aus der geistigen.

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Leo Weisgerbers inhaltsbezogene Grammatik
Untertitel
Eine kurze Darstellung der Grundgedanken
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophische Fakultät - Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Die Geschichte der deutschen Grammatik
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V189680
ISBN (eBook)
9783656140139
ISBN (Buch)
9783656140580
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weisgerbers, grammatik, eine, darstellung, grundgedanken
Arbeit zitieren
Stefanie Kern (Autor), 2011, Leo Weisgerbers inhaltsbezogene Grammatik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/189680

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