Kindstötung in der frühen Neuzeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

22 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kindstötung als Delikt der frühen Neuzeit

III. Die Täterinnen

IV. Abtreibung als Mittel zum Zweck

V. Strafen für Kindstötung
1.) Der Kindsmord in der Constitutio Criminalis Carolina
2.) Maßnahmen zur Verhütung von Kindstötung

VI. Strategien der Kindsmörderinnen vor Gericht

VII. Im Dienste der Justiz Die Hebammen

VIII. Ein Fallbeispie l Die Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt

IX. Schluss

X. Literatur

I. Einleitung

Unter Kindestötung versteht man die schuldhafte, meist vorsätzliche Tötung eines Kindes durch die Mutter, den Vater oder beide Eltern. Sie kann gewaltsam geschehen oder aber durch Vernachlässigung bzw. Aussetzen des Neugeborenen. In der Regel wird damit in Europa jedoch besonders die Tötung eines neugeborenen unehelichen Kindes bei oder sofort nach der Geburt durch seine Mutter bezeichnet.[1]

Kindstötung – ein Delikt, das vom Ende des 17. bis tief ins 18. Jahrhundert zu den schwersten, von Frauen tatsächlich begangenen Verbrechen gehörte und daher in dieser Zeit als häufigster Hinrichtungsgrund gilt.[2] Zur harten Realität der frühen Neuzeit gehörte es, dass man Kinder, wenn der Nahrungsspielraum enger wurde oder wenn sie nicht erwünscht waren, abtrieb, aussetzte oder gar tötete. Die überführten Täterinnen waren meist ledige Dienstmägde, die vom Kindsvater, oft unter Bruch eines Eheversprechens, verlassen worden waren und dann aus Verzweiflung und aus Angst vor sozialer Schmach ihr Kind umbrachten. Ein uneheliches Kind bedeutete in der frühneuzeitlichen Gesellschaft eine Schande, nicht nur für die ledige Mutter, sondern ebenso für die Verwandtschaft und das uneheliche Kind selbst, dem in der Regel der Zugang zu den „ehrlichen Berufen“ verwehrt blieb.[3] Wenn Kinder nicht schon in mittellose Verhältnisse hineingeboren wurden, bestand für die Familie der Unterschicht vermehrt die Gefahr durch ein Kind der Armut zu verfallen. Die damalige allgemeine Instabilität der Institution Familie führte dann nicht selten dazu, dass sich Eltern ihrer Kinder entledigten, um der Armut zu entkommen. Solche unversorgten Kinder waren dann auf die Unterstützung durch die Obrigkeit angewiesen.

Um eben dieser finanziellen Belastung zu entgehen, wurden von Seiten der Herrschaft stetig neue Maßnahmen gegen den Verfall der Bevölkerung in die Versorgungslosigkeit entwickelt. So haben die angedrohten Sanktionen gegen vorehelichen Geschlechtsverkehr zum Beispiel gehäufte Fälle von Kindesaussetzung und vermehrten Kindsmord zur Folge, denn aus Angst vor Strafen und sozialer Missachtung entledigen sich zahlreiche Frauen, ihres unehelich empfangenen Kindes, indem sie es aussetzen oder gar töten. Neben rechtsgeschichtlichen Fragen spielen deshalb in der vorliegenden Arbeit auch solche nach der sozialen Stellung unehelicher Mütter und ihrer Kinder, der Abtreibung, dem Hebammenwesen und schließlich nach der Rolle von Zeuginnen und Zeugen und Mittäterinnen/Mittäter eine Rolle, damit sich dem Leser der breite Kontext um die Kindstötung herum erschließt und er die begangenen Taten „verstehen“ lernt.

II. Kindstötung als Delikt der Frühen Neuzeit

Rein quantitativ betrachtet handelt es sich bei Kindsmord um ein sehr seltenes Vergehen. So konstatiert Otto Ulbricht, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf etwa 100.000 Personen nur ein Fall zu verzeichnen ist.[4] Kindstötung war in der Frühen Neuzeit das häufigste von Frauen verübte Tötungsdelikt, was wiederum Rückschlüsse auf die Seltenheit von Täterinnen in Mord- bzw. Totschlagsprozessen ziehen lässt. Allerdings erregten besonders diese Fälle eine große Aufmerksamkeit in der frühneuzeitlichen Öffentlichkeit. Der Kindsmord war per definitionem ein Verbrechen, dass überwiegend von Frauen begangen wurde[5], jedoch wurde in einigen Fällen auch der Kindsvater der Mittäterschaft angeklagt.

Die Tötung des eigenen Kindes ist in den meisten Fällen mit einem Sittlichkeitsdelikt verknüpft, der Unzucht bzw. des vorehelichen Geschlechtsverkehrs und der damit verbundenen Schande.[6] Um dieses Vergehen vor der Öffentlichkeit zu verschleiern, wurde in der Folge versucht, die ungewollte Schwangerschaft und konsequenterweise folglich auch die Geburt des Kindes zu verheimlichen. Dies gelang jedoch nur in den seltensten Fällen, denn die weibliche Öffentlichkeit beobachtete genau, welche Frau mit welchem Mann Umgang pflegte, war bestens unterrichtet über die ehelichen Verhältnisse und hatte immer ein Auge darauf, wenn eine Frau, die sie schwanger wähnte, plötzlich keine Anzeichen von Schwangerschaft mehr zeigte. Die Bevölkerung wurde sogar von der Obrigkeit dazu angehalten, ein wachsames Auge auf diese Frauen zu richten.[7] Hier lässt sich der enorme öffentliche Druck erkennen, der auf den jungen Müttern lastete und gerade diese soziale Kontrolle wird als eine der Hauptursachen des Kindsmordes gehandelt. Um dieses Problem zu beheben, wurden von obrigkeitlicher Seite im 18. Jahrhundert geheime Gebäranstalten[8] und Findelhäuser eingerichtet, die den jungen Frauen eine Alternative zum Kindsmord bieten sollten.

III. Die Täterinnen

Die Täterinnen stammten im 19. Jh. meist aus der ländlichen Unterschicht, waren häufig fremd in der Stadt und überwiegend als Dienstmagd[9] tätig. Sie hatten sich bereits durch ihre nichteheliche sexuelle Beziehung strafbar gemacht, konnten aber in ihrer Stellung keine eigene Familie gründen, da ihre wirtschaftlichen Verhältnisse dies nicht zuließen. Die Frauen, die ihr Kind allein zur Welt brachten, waren oft ledige Frauen, die ihre Schwangerschaft verheimlicht hatten und ihr Kind alleine zur Welt brachten. Im Todesfall des Kindes standen sie daher leicht im Verdacht der Kindstötung, da der Geburtsvorgang ohne Zeugen verlaufen war.[10] Sie standen der Situation meist hilflos gegenüber[11] und empfanden eine Ausweglosigkeit, die eine Lösung erforderte, welche oft nur in der Tötung des Kindes gesehen wurde. Bei diesen Täterinnen lässt sich ein Durchschnittsalter von circa fünfundzwanzig Jahren ausmachen[12], was auch in etwa dem normalen Heiratsalter der Frühen Neuzeit entspricht. Der Kindsmord ereignete sich also vorrangig in der Übergangsphase vom sozialen und rechtlichen Kinderstatus zum Erwachsenenstatus der Ehefrau.[13] Weiterhin fällt auf, dass Frauen aus ländlichen bzw. städtischen Unterschichten eindeutig überrepräsentiert waren, am häufigsten wurden Dienstmägde des Verbrechens des Kindsmordes angeklagt.[14] Die Kindsväter - häufig Knechte, Gesellen oder Soldaten[15] - entstammten zumeist ebenfalls der Unterschicht und befanden sich somit wirtschaftlich gesehen in einer ähnlich schwierigen Lage.[16] Frauen aus gehobenen Schichten - dem Bürgertum oder dem Adel - hatten sich prozentual gesehen viel seltener wegen dieses Deliktes vor Gericht zu verantworten. Dieses Phänomen erklärt Ulbricht mit einer andere Sexualmoral und besseren Problemlösungsstrategien[17] im Falle einer ungewollten Schwangerschaft, da der finanzielle Hintergrund ein ganz anderer war[18] und solche Frauen z.B. die Möglichkeit hatten, fernab ihrer Heimat das Kind unbemerkt zur Welt zu bringen und anschließend nach Hause zurückzukehren. Getarnt waren solche Aufenthalte beispielsweise als Kur oder Bildungsreise; die Kinder gab man oftmals in ein Kloster.

[...]


[1] Gestrich, Andreas: Kindestötung, in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 6, Jenseits-Konvikt, hrsg. v. Friedrich Jäger, Stuttgart 2007, 568-570, hier S.568.

[2] Lacour, Eva: Bemerkungen zu Kindstötungen in der frühen Neuzeit im Kurfürstentum Trier und der Grafschaft Virneburg unter Hinzuziehung von fünf Vergleichsfällen aus benachbarten Territorien, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 22 (1996), 179-194, hier S.180.

[3] Münch, Paul: Lebensformen in der Frühen Neuzeit, Frankfurt a. M./ Berlin 1992, S.250.

[4] Ulbricht, Otto: Kindsmord in der Frühen Neuzeit, in: Ute, Gerhard (Hg.): Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München 1997, 235-247, hier S.246.

[5] Wächtershäuser Wilhelm: Das Verbrechen des Kindesmordes im Zeitalter der Aufklärung. Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung der dogmatischen, prozessualen und rechtssoziologischen Aspekte, Quellen und Forschungen zur Strafrechtsgeschichte, hrsg. v. Ekkehard Kaufmann u. Heinz Holzhauer, Bd.3, Berlin 1973, S.60f.

[6] Gestrich: Kindestötung S.570.

[7] Michalik, Kerstin: Kindsmord. Sozial- und Rechtsgeschichte der Kindstötung im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert am Beispiel Preußen, Reihe Geschichtswissenschaft Bd. 42, Pfaffenweiler 1997, S.132f.

[8] Ulbricht: Kindsmord, S.245.

[9] Ulbricht, Otto: Kindsmord und Aufklärung in Deutschland (Ancien Régime, Aufklärung und Revolution Bd.18), hrsg. v. Rolf Reichardt u. Eberhard Schmitt, München 1990, S.34.

[10] Eva, Labouvie: Weibliche Hilfsgemeinschaften. Zur Selbstwahrnehmung der Geburt durch Gebärende und ihre Hebammen in der ländlichen Gesellschaft der Vormoderne (16.-19. Jahrhundert), in: Ulrike Jekutsch (Hrsg.), Selbstentwurf und Geschlecht. Kolloquium des interdisziplinären Zentrums für Frauen- und Geschlechterstudien an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald, Würzburg 2001, 13-33, hier S.14.

[11] Lacour: Bemerkungen zu Kindstötungen, S.192.

[12] Meumann, Markus: Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord. Unversorgte Kinder in der frühneuzeitlichen Gesellschaft (Ancien Régime, Aufklärung und Revolution Bd.29), München 1995, S.120.

[13] Ulbricht: Kindsmord, S.240.

[14] Michalik: Kindsmord, S.66.

[15] ebd., S.124ff.

[16] Ulbricht: Kindsmord und Aufklärung in Deutschland, S.97f.

[17] Ulbricht: Kindsmord, S.240.

[18] Häßler, Günther/Häßler, Frank: Kindstötung in der Rechtsgeschichte, in: Kindstod und Kindstötung, hrsg. v. Frank Häßler, Renate Schepker, Detlef Schläfke, Berlin 2008, 31-54, hier S.44.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kindstötung in der frühen Neuzeit
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,8
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V190200
ISBN (eBook)
9783656146414
ISBN (Buch)
9783656146766
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kindstötung, neuzeit
Arbeit zitieren
Marion Schmelzer (Autor), 2010, Kindstötung in der frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190200

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