General Stalin lässt grüßen

Wie der sowjetische Ex-Diktator und nicht etwa Adolf Hitler zum Wegbereiter des erfolgreichsten deutschen Musikexports „Rammstein“ wurde


Hausarbeit, 2011
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1.Die DDR-Kulturpolitik
1.1 Kulturdiktatur zu Gunsten eines Kunstbegriffes
1.2 Rock in der DDR – zwischen Widerstand und Anbiederung
1.2.1 staatliche Musikförderung und Vereinnahmung der Künstler
1.2.2 Zensur, Subversivität und Grüne Elefanten

2. Rammstein und die DDR
2.1 DDR-Bands späterer Rammsteinmusiker
2.2 Sozialisation der Musiker Rammsteins und ästhetische Prägung durch den DDR-Totalitarismus

3. Rammsteins Spiel mit dem Feuer
3.1 Rhythmische, klangliche und textliche Gestaltung der Lieder
3.2 „Let me se you stripped“ – Rammstein und Frau Riefenstahl
3.3 Links 2, 3, 4, spiel mit mir!

4. Fazit

1. Die DDR-Kulturpolitik

Die Deutsche Demokratische Republik, einer der beiden deutschen Staaten während der Teilung Deutschlands von 1949 bis 1990, gilt vielen Deutschen heutzutage als Sinnbild für totalitäre Regierungssysteme, Bevormundung der Bürger, Verletzung der Menschenrechte und Einschränkung des freien künstlerischen Schaffens.
Doch während die DDR im Negativen für Überwachungsstaat, Bespitzelung der Bürger und Entwertung des Individuums zu Gunsten eines Kollektivs steht, steht sie im Positiven für die Kreativität der Bürger, die Umgehung gesetzlicher Beschränkungen durch Subversivität in der Kunst und für eine hohe Qualität innerhalb der Klasse der Kunstschaffenden. Im Folgenden möchte ich mich mit der Struktur und der Bürokratie hinter dem DDR-Kultursystem beschäftigen und aufzeigen, welche Einschränkungen aber auch welche Chancen sich für Künstler dabei ergaben und wie sich dies vor allem auf den Bereich der Rockmusik auswirkte. Dies scheint mir essentiell um die Rolle der DDR-Kulturpolitik bei der Entstehung Rammsteins zu betrachten.

1.1 Kulturdiktatur zu Gunsten eines Kunstbegriffes

„Daß Rockmusik die Spuren ihrer westlichen Herkunft unauslöschbar in sich trug, egal von wem, wie und wo sie gespielt wurde, hat dieser eine enorme Symbolwirkung gegeben.“ (Müller 1996: 12)

Dies mag einer der Gründe gewesen sein, weshalb die Rockmusik in der DDR ständigen Repressionen, Restriktionen und Verboten unterworfen war. Diese Musik, welche Jugendliche auf der ganzen Welt, im sogenannten kapitalistisch-imperialistischen Westen genauso wie im kommunistischen Osten zum Tanzen brachte, ihre Köpfe schütteln ließ und sie einfach nur zu begeistern vermochte, war auf Grund der Gefährlichkeit, welche die DDR-Kulturpolitiker in ihr sahen, immer ein Reizpunkt. Wilde Bürokratien wurden errichtet, um sie zu bekämpfen, zu lenken und zu vereinnahmen, dabei wurde gern vergessen, dass es sich doch nur um Musik handelte. Seinen Ursprung nahm der Bürokratie-Wahnsinn in der Kulturdiktatur zu Gunsten eines beschlossenen Kulturbegriffes (Vgl. Müller 1996).

Peter Wicke, als kritischer Musikwissenschaftler aus der ehemaligen DDR, verdeutlicht die Sichtweise des Kultur-Apparates wie folgt:

„Für den Apparat blieb Kultur gleich Kunst, wobei zwischen dieser und Literatur in der amtlichen Formulierung von »Kunst und Literatur« noch einmal feinsinnig unterschieden wurde. Die zu schaffende »einheitliche sozialistische Nationalkultur« war nach den Maßstäben eines durch und durch bürgerlichen Kunstbegriffs gedacht und verstand sich im wesentlichen als aufwendig betriebene Konservierung und Demokratisierung von Hochkultur. Jenseits von Kunst gab es die »kulturelle Massenarbeit«, die in den fünfziger Jahren hauptsächlich Alfred Kurella, der damalige Leiter der Kommission für Fragen der Kultur beim Politbüro, nach sowjetischem Vorbild als politisch-ideologische Erziehungsaufgabe konzipiert hatte und die die diversen Freizeitbetätigungen, vom Töpfern bis zum Kleingärtnern, erfaßte. Ansonsten ließ das Selbstverständnis des Apparates kulturelle Erscheinungen nur in den Begriffen »Kunst« zu, sei es »Volkskunst« oder eben »Unterhaltungskunst«.“ (Müller 1996: 18)

Folglich durfte es in der DDR eigentlich keine Klein- und Hobbykünstler geben, welche diesem Bild der Hochkultur widersprachen, dennoch bildeten sich natürlich auch hier kleine Szenen und Freizeit-Combos heraus. Um dennoch wenigstens einen gewissen Grad an künstlerischer Reife zu gewährleisten, durfte nur auftreten, wer ein Spielerlaubnis besaß, welche nach der » Anordnung über die Befugnis zur Ausübung von Unterhaltungs- und Tanzmusik" (Müller 1996: 19)ausgestellt wurde, besaß. Dementsprechend waren die Musiker natürlich musikalisch geprägt, konnten abgesehen von den Endjahren des Staates nicht losgelöst vom Staatsorgan musizieren und waren ständiger Kontrolle und Zensur unterworfen.

1.2 Rock in der DDR – zwischen Widerstand und Anbiederung

„In diesem Kontext ist für die populären Musikformen, egal welcher Art eigentlich kein Platz gewesen, was nicht daran hinderte, daß sie - wie vieles andere an Alltagskultur, das in der organisierten DDR-Kultur nicht vorgesehen war - natürlich trotzdem stattfanden.“ (Müller 1996: 18)

Ja, auch in der DDR gab es eine rockende Jugendbewegung! Diese Feststellung scheint so wichtig, dass sowohl Peter Wicke (Vgl. Müller 1996) als auch Bernd Lindner (Vgl. Lindner 2007) sie in ihren Betrachtungen immer wieder herausarbeiten. Mehr noch, sie wurde nicht nur bekämpft, vom MfS überwacht und als Feind stilisiert, sie wurde auch von Zeit zu Zeit, vor allem von der FDJ, zu vereinnahmen versucht.

Die FDJ verpulverte die knappen Staatsdevisen, um mit großen internationalen Stars wie Bob Dylan, Joe Cocker und Bruce Springsteen den Jugendlichen genau das vorzuführen, was sie mitgroßem Aufwand im eigenen Land zu verhindern versucht hatte. “ (Müller 1996: 27)

So zeigte sich Zeit des Bestehens der DDR ein grotesk gespaltenes Verhältnis zwischen Förderung der (Rock-)Künstler und Verhinderung eines zu westlichen Lebensstils und antikommunistischer Textinhalt in den Liedern.

1.2.1 staatliche Musikförderung und Vereinnahmung der Künstler

Am liebsten wäre es den Funktionären auch gewesen, wenn die Bands nur noch auf Deutsch gesungen hätten. Das tat damals aber kaum ein Rockmusiker freiwillig. Köder mussten her: eine Zulassung als neben- oder hauptberuflich tätiger Musiker, Förderverträge, vor allem aber die Aussicht auf Rundfunkaufnahmen (später auch Schallplattenaufnahmen) und damit auch eine breitere Öffentlichkeit. Die alles gab es jedoch nur für „Eigenkompositionen mit deutschen Texten“. “ (Linder 2007)

Die DDR versuchte mit aller Macht das von vielen Rockmusikern und später Punks beschriene klassenkämpferische Potential für sich selbst und die Ziele des „real existierenden Sozialismus“ zu nutzen, ihm aber zeitgleich seine aufrührerische Komponente, welche ein potentielle »Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit « (Müller 1996: 23) nach sich zöge, zu rauben. Hierbei nutzten sie verschiedene bürokratische Mittel und der Fantasie schien keine Grenzen gesetzt. Neben den von Lindner angesprochenen versuchen, die Künstler ‚freiwillig‘ auf Deutsch musizieren zu lassen, gab es auch direkte Eingriffe in die künstlerische Freiheit durch Zensur der Texte durch das Kultusministerium und durch Auftrittsverbote für Bands in den größeren Städten, wenn sie sich nicht an die Beschränkungen und Vorgaben hielten, was dazu führte, dass Combos wie die Claus-Renft-Combo vermehrt über die Dörfer tingelten und dort ihre Fans abseits vom Kultusminister begeisterten, da in dörflichen Gegenden die Kontrollen oftmals weniger streng waren (Vgl. Müller 1996, Lindner 2007)

1.2.2 Zensur, Subversivität und Grüne Elefanten

Im Fernsehen konnte man nur die Lieder sehen, die vom großen Erlaubungskomitee erlaubt wurden! “ (Nina Hagen in WDR 2000: Folge 5)

Möchte man sich mit den Ausmaßen der Repressionen gegen Künstler in der DDR, den Opfern selbiger und den damit verbundenen Versuchen, die Grenzen weiter auszuloten und zu umgehen, auseinandersetzen, gehören einige Künstler zweifelsohne erwähnt. Nina Hagen, Klaus Renft, Wolf Biermann auf Seiten derer, die Opfer der Kulturpolitik wurden und Silly sowie Pankow als Beispiel derjenigen, die die Grenzen des Systems zu umgehen wussten und, teilweise auch dem Zeitgeist der endenden DDR geschuldet, offen Kritik äußern konnten, was Klaus Renft in den 70er Jahren einfach noch nicht möglich war. Deshalb gab es von den meisten Lieder der Klaus Renft Combo meist 2-3 Fassungen, da durch die extreme DDR-Politik die Vermittlung von Textinhalt erheblich erschwert wurde.
Als Reaktion auf diese erhebliche künstlerische Einschränkung der Zensur schrieb Renft das Lied „Die Ballade vom kleinen Otto“, in dem die Hauptfigur versucht, nach Hamburg zu fliehen, am Ende sich in der Elbe ertränkt und vielleicht dann wenigstens „drüben“ auftaucht. Dieser Song wurde allerdings in der DDR nicht mehr offiziell veröffentlicht, gelangte nur durch illegalen Tonbandschmuggel in den Westen, wo es dann verbreitet wurde, da die Renft nun zum 3.Mal verboten war. (Vgl. Pop 2000, Folge 5)

Anders verliefen dagegen die Geschichten der beiden für die damalige Zeit erfrischenden jungen Bands Pankow und Silly zu Ende der DDR. Ihnen gelang auf neue, subversive Art und Weise Kritik am System zu üben. Dabei nutzte Silly beispielsweise sogenannte Grüne Elefanten, um die Texte „durch zu diskutieren“. Die Idee dahinter war, dass gewisse Textstellen eingebaut wurden, welche bewusst zu provokant waren und daher als Bauernopfer den Kopf herhalten sollten. Es war von Anfang an klar, dass diese Textstellen gestrichen werden mussten, allerdings lenkten sie dabei von anderen, evtl. weniger, aber dennoch kritischen Stellen ab. (Pop 2000, Folge 5)
Pankow hingegen kritisierte mit der Zeit immer offener. Begannen sie ihre Karriere noch mit dem Werkstattsong, in dem Paule Panke aus dem gleichnamigen Musiktheater seinen leider viel zu tristen Lehrlingsalltag schonungslos beschreibt, sangen sie auf dem 1988er Album Aufruhr in den Augen schon davon, dass sie „zulange die alten Männer verehrt“ hätten (Vgl. den Song Langeweile), ein unüberhörbarer Angriff auf die Parteielite der SED.
Dass auch Pankow Probleme mit dem Kulturbüro der SED hatte, verdeutlicht der Fakt, dass sie zwar mit dem Rocktheater Paul Panke. Ein Tag aus dem Leben eines Lehrlings 1982 ihre Livekarriere starteten, allerdings das Album mit den Liveaufnahmen erst 1987 veröffentlichen konnten.

Doch neben Rockhaus, die als frisch galten, waren die rebellische Band Pankow und Silly die Rockbands der 80er Jahre in der DDR und deshalb wurde die Frechheit der Künstler, wenn sie sich im Rahmen bewegte, durchaus akzeptiert.

2. Rammstein und die DDR

Egal in welcher musikwissenschaftlichen Disziplin man sich bewegt, sieht man einmal von der reinen Musiktheorie ab, überall ist es Konsens, dass Werke nicht losgelöst vom Entstehungskontext und dem Kontext des Künstlers in sozialer und politischer Hinsicht betrachtet werden dürfen

Dementsprechend darf bei der Bewertung Rammsteins keineswegs der Fehler gemacht werden, zu ignorieren, unter welchen Umständen die Musiker sozialisiert wurden. Alle 6 Bandmitglieder wuchsen in der DDR auf, verteilt von Leipzig über Ost-Berlin bis Schwerin, aber unweigerlich in der sogenannten sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Till Lindemann schaffte es sogar zum Leistungsschwimmer der DDR (Vgl. Haack 2009) und Richard Zven Kruspe sollte von der Staatssicherheit angeworben werden. (Vgl. BANG Media International 2009)
Dementsprechend ist es zwingend notwendig, dass die Zeit der Musiker in der DDR untersucht werden muss, um zu verstehen, wieso sie einen derart martialischen Stil pflegen, sich uniformieren und mit deutschen Nationalfahnen schmücken, ohne dabei einen nationalistischen oder gar rechtsextremen Hintergedanken zu hegen.

2.1 DDR-Bands späterer Rammstein-Musiker

Ein Gros der Musiker Rammsteins war schon zu DDR-Zeiten musikalisch aktiv und spielten in verschiedenen Bands, so zum bei Beispiel bei Feeling B (Christian „Flake“ Lorenz), First Arsch (Till Lindemann am Schlagzeug), The Inchtabokatables (Oliver Riedel) oder Die Firma (Paul Landers und Christoph Schneider). (Vgl. GW 2006)
Dementsprechend wurden sie von der ostdeutschen Kulturpolitik und –Bürokratie beeinflusst und geprägt, welche unter Punkt eins beschrieben wurde.

Zwar waren sie als Teil der sogenannten anderen Bands anfangs noch nicht im Fokus der Partei, konnten daher so authentisch wie nur möglich ihre Musik ausleben - auch auf Grund von anfänglicher Erfolgslosigkeit -, weil allerdings mit der Zeit und der ungezwungenen Einstellung zum Thema Musik mehr und mehr die Aufmerksamkeit stieg, wurden auch sie von der StaSi unterlaufen und durch FDJ-Förderverträge aufgebaut. Daher waren auch sie ein Teil der Kulturmaschinerie der DDR. (Vgl. WDR 2000)

2.2 Sozialisation der Musiker Rammsteins und ästhetische Prägung durch den DDR-Totalitarismus

„Als ich dem Rammsteinmanager […] von diesem Essay erzählte, war er sofort Feuer und Flamme mir Tipps zu geben, sodass ich ihn bremsen musste, da mein Platz ja nun mal nicht unbegrenzt ist.
Daher reduzierte er seine Zuarbeit auf einen Tipp, welcher einer Bitte gleichkam. Ich solle auf jeden Fall den Punkt heraus arbeiten, dass Rammstein mit der NS-Zeit nichts zu tun hätte, da sie in der DDR aufgewachsen und sozialistisch sozialisiert seien. So finden sich noch heute Aussagen einiger Bandmitglieder in Interviews, welche sich klar gegen rechts positionieren, ein verstärktes Vorgehen der Regierung gegen Neofaschisten fordern und davon erzählen, dass sie heute noch bei einigen sozialistischen Kampfliedern Tränen in den Augen hätten.
Woher kommt dann der Hang zum martialischen Auftreten, dem gerollten R und jener aggressiven, marschierenden Musik? Herr Fialik begründete es damit, dass die DDR sich im militärischen Auftreten gar nicht allzu sehr vom 3.Reich unterschied.“
(Weigel 2011)

Dass die DDR gewisse Parallelen zum 3.Reich aufweist, obwohl sie sich selbst als „antifaschistisch“ verstand, deshalb ihre Bürger mit dem „antikapitalistischen Schutzwall“ vor dem „kapitalistisch-imperialistischen Westen“ schützen wollte, zeigt sich in Wickes Aufsatz über den Rock in der DDR ganz deutlich. So hatte die DDR das Ziel, einen „neuen Menschen“ (Müller 1996: 17) zu schaffen, welcher genau in das Bild des „real existierenden“ [grammatikalisch angepasst] (Müller 1996: 13) Sozialismus passe. Dass der sogenannte real existierende Sozialismus große Widersprüche zur Theorie aufwies, es beispielsweise statt Gleichstellung der Menschen eine neuerliche Diktatur gab, wurde mit Verweis auf die in der Realität notwendigen Übel abgetan, „denn was nicht >>real existierend << ist, war fortan nicht mehr sozialistisch.“ (Müller 1996: 13)
Da extremistische Diktaturen nun einmal strukturelle Ähnlichkeiten aufweisen (Vgl. Extremismustheorie2) ist der Unterschied zwischen GeStaPo und StaSi in Sachen Bespitzelung, zwischen SED und NSDAP in Sachen politischer Gleichschaltung gar nicht so groß, die Liquidation von Spitzeln verfeindeter Regime und der Schießbefehl an der Mauer ähnlich menschenverachtend wie die Verfolgung der Kommunisten unter den deutschen Faschisten.

Natürlich darf die DDR keinesfalls mit dem 3.Reich gleichgesetzt werden, doch waren die Gräueltaten Stalins nicht weniger schlimm als die Hitlers und folglich der Stalinismus ähnlich totalitär und aus heutiger Sicht abzulehnen, wie der Faschismus. Auch wenn mit dem Tod Stalins ein Umdenken in der DDR einsetzte (bzw. auch einsetzen musste), wuchsen die späteren Rammstein-Musiker dennoch in einem post-stalinistisch geprägtem Land auf. Diese Tatsache darf bei der Bewertung der Ästhetik Rammsteins nicht außer Acht gelassen werden.

„Flake Lorenz: ‚Grundsätzlich war jeder Antifaschist. Ist man doch natürlich immer noch. Das wurde einem eingeimpft. Uns haben sie schon als Kind beigebracht, dass die Nazis von früher jetzt in der BRD Anwälte und Ärzte sind. Und dass es bei uns zum Glück keine Nazis mehr gibt!‘ Deswegen kommen die treibenden und sehr tanzbaren Rhythmen unter manchen Songs auch nicht aus der Militärmusik. ‚Arbeiterlieder liegen uns sehr nah‘, sagt Lorenz: ‚Das war das Einzige, was mir damals im Musikunterricht Spaß gemacht hat. Und die Eindrücke aus der Kindheit werden immer die stärksten sein. Ich weine ja heute noch, wenn ich den ‚Kleinen Trompeter‘ höre, das ist einfach so drin.‘ (Kreye 2009)

3. Rammsteins Spiel mit dem Feuer

Mit Schweiß, Feuer, Blut und rollendem R spaltet diese ostdeutsche Band die Geister. Ihr Metallgewitter aus Licht und Pyroshow, deutschem Gesang und brachialen Liedern ist in sehr simple und eingängige Melodien eingebettet. Krasse Texte und Tabuthemen sind das Markenzeichen der sechs Berufsprovokateure, die eigentlich düstere Metal-Musik machen und mittlerweile zu den ganz Großen im Musikgeschäft zählen. Durch eine Selbstinszenierung zwischen Morbidität, martialischer Männlichkeit, Pathos, Elementen der faschistischen Gewaltästhetik und bombastische Bühnenshows wurde Rammstein berühmt “ (El-Nawab 2007: 220)

Dieses einleitende Exzerpt aus El-Nawabs „Skinheads, Gothics, Rockabillies“ spiegelt die weit verbreitete Meinung wieder, dass Rammstein durchaus eine Affinität zu rechten Ästhetiken aufweist, und zeigt überdies, dass diese landläufige Meinung auch vor der Wissenschaft nicht Halt macht.

Dennoch stritten Management und Band in der Vergangenheit immer wieder ab, Verbindungen zur rechten Szene zu unterhalten. So wird sich immer wieder kritisch über die rechte Szene, aber auch über den Umgang der Behörden mit selbiger geäußert. Christian „Flake“ Lorenz beispielweise kritisierte über die Bildzeitung öffentlich,

„dass in der BRD angeblich Meinungsfreiheit herrscht. Aber wenn sie so aussieht, dass Nazis unbehelligt „Ausländer raus“ brüllen dürfen, aber unsere Platte hingegen aus dem Verkehr gezogen wird, dann sind wir nicht viel weitergekommen.“ (Seidel 2009)

Die herbe Kritik an der erlaubten Meinungsäußerung der extremen Rechten, aber auch die Nutzung des Terminus „Nazis“, welcher von der rechten Szene normalerweise gemieden wird, macht deutlich, dass Rammstein selbst mit diesem politischen Spektrum nicht in Verbindung gebracht werden möchte.

Dennoch sind die Vorwürfe nicht haltlos in die Welt gesetzt worden, Kritiker der Band versuchen sie immer wieder mit Argumenten zu untermauern und damit zu legitimieren. Im Folgenden zeige ich auf, welche Argumente es für eine scheinbare Verbindung der Band zur rechten Szene gibt, sowohl musikalisch-klanglich als auch optisch-ästhetisch, um danach zu zeigen, dass die Band sich vor allem über Textinhalte nicht faschistisch-konformer Lebensweisen von der Rechten abzugrenzen versucht.

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
General Stalin lässt grüßen
Untertitel
Wie der sowjetische Ex-Diktator und nicht etwa Adolf Hitler zum Wegbereiter des erfolgreichsten deutschen Musikexports „Rammstein“ wurde
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Kulturgeschichte der Populären Musik
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V190396
ISBN (eBook)
9783656148302
ISBN (Buch)
9783656148210
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Industrial, Neue Deutsche Härte, NDH, Rammstein, Rechtsrock, Stalin, Lindeman, Til, DDR, Rock, Sozialismus
Arbeit zitieren
Marcel Weigel (Autor), 2011, General Stalin lässt grüßen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190396

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