Androgynität im Metalcore

Ein Essay über die Bedingtheit gefühlsbetonter Musik und androgyner Ästhetik


Hausarbeit, 2011

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Irgendwann zu Beginn des Jahres 2011, im Januar: Mein Drummer kam nach einer mehr oder weniger erfolgreichen Bandprobe mit zu mir, übernachten, DVD schauen, einen netten Männerabend erleben. Dabei schauten wir uns vor allem Musik-DVDs an, wie es sich für Musiker nun einmal gehört. Beim Musikvideo zu Sonic Syndicates Lied Revolution Baby kam es dann zum Fauxpas meinerseits. In Zeitlupe fliegen die langen schwarzen Haare des Gitarristen Robin Sjunnesson durch die Luft, doch auf Grund meiner Müdigkeit und seines androgynen Aussehens, dachte ich, wieder einmal die Bassistin Karin Axelsson gesehen zu haben und freute mich, wie attraktiv sie sei. Bis ich meinen Fehler bemerkte.

Dieser Vorfall geriet in den nächsten Wochen in Vergessenheit, bis ich über den Artikel Where Girls like Boys who like Girls to be Boys von Klaus Walter im Buch emo. Porträt einer Subkultur (Büsser 2009) stolperte, der die Androgynität im Pop untersuchte und dies mit der Emocore-Szene, welche von der Metalcore-Szene kaum zu trennen ist, in Verbindung brachte. Seitdem ließ mich der Gedanke des Androgynen und der angeblichen Rebellion gegen konservative Geschlechterrollen nicht mehr los, da ich selbst in der Szene unterwegs bin und diese Rebellion so bewusst noch nie wahrnahm.

Mein Essay soll dazu dienen, die Androgynität im Metalcore zu erfassen, die Intention der Künstler hinsichtlich der Nutzung androgyner Ästhetik zu hinterfragen und abschließend androgynen Künstlern in der Popmusik, wie beispielsweise David Bowie oder der Riot Grrrl- Bewegung, gegenüber zu stellen. Dazu betrachte ich die Wichtigkeit der Androgynität in der Szene, ihre Stellung als Abgrenzungsmechanismus, damit einhergehende Denkweisen der Metalcore-Anhänger und bringe sie mit der allgemeinen Szene-Ästhetik sowie spezifisch der Klangästhetik in Verbindung. Dazu zeige ich anfänglich die Entwicklung vom Hardcore, über Emocore zum Metalcore auf, um die szenespezifischen Grundlagen für den androgynen Stil herzuleiten. Denn Szenen und Stile entwickeln sich meist auf Grund anderer, nicht mehr akzeptierter, Kulturen; so war der androgyne Stil im Metalcore zum Teil eine Reaktion auf die szeneinternen Regeln des maskulinen Hardcores.

Metalcore als Genre, Subkultur und Szene. Spuren der Vergangenheit als Erklärung für die Gegenwart

Anders als oftmals angenommen, ist der Metalcore keine Unterart des Metal sondern eine Unterart bzw. Weiterentwicklung des Hardcore mit Metaleinflüssen (Weigel 2011b). Selbst wenn eine renommierte Zeitschrift wie die guitar behauptet,

der Metalcoreler ist die jüngste aller Metalmusik-Gattungen – nicht nur bezogen auf das Alter der partizipierenden Musikusse, sondern auch hinsichtlich der Entstehung dieses überaus modebewussten Genres. Seine musikalischen Einflüsse bezieht der Metalcoreler primär aus dem Death Metal, gemischt mit einer Prise Hardcore und einem Hauch Iron Maiden. Die Grenze zum allseits beliebten schwedischen Melodic Death Metal à la In Flames oder Dark Tranquility ist hier fließend “ (Kummer 2008),

so trifft dies zwar auf eine Band wie Sonic Syndicate oder einen Teil der heutigen Metalcore-Szene zu, allerdings wird dabei die musikhistorische Entwicklung des Metalcore-Genres außer Acht gelassen. Der Umstand, dass die Silbe –core in der Genrebezeichnung hinten ansteht, zeigt, dass die Wurzeln im Hardcore liegen. Beim Blick auf verschiedenste Subgenres fällt auf, dass eigentlich immer die Bezeichnung des übergeordneten Genres im Namen hinten steht, egal ob beim Black-, Death-, Speed-, Nu- oder Darkmetal, bei Hard-, Death-, Speed -, Jazz- oder Metalcore, beim Street-, Skate-, Oi - oder Poppunk. Sogar bei nicht mehr mit dem Core verwandten Musikarten wie Soft-, Hard-, Kuschelrock oder Freejazz ist dies der Fall. Zum anderen fällt beim Rezipieren der älteren Alben einiger Metalcore-Größen wie Heaven Shall Burn (Whatever it may takes), As I Lay Dying (Beneath the encasing of ashes) oder der deutschsprachigen Band Callejon (Willkommen im Beerdigungscafé) auf, dass diese doch mehr Anleihen aus dem Hardcore als aus dem typischen Metal-Bereich haben, vor allem die beiden Erstgenannten. So sind die Songs alles in allem noch sehr brachial, melodisch mitreißende Gitarren-Lines im Gegensatz zum Metal und späteren Alben eher unterrepräsentiert, der Gesang mehr ein geschriener Sprechtext, denn eine Komposition und das Schlagzeug meist noch relativ eintönig, wenig akzentuiert, dafür immer sehr kraftvoll und dynamisch.

Im Laufe der Zeit allerdings änderte sich der typische Metalcore-Klang und differenzierte sich. So blieben zwar gewisse Elemente aus dem Hardcore erhalten, so zum Beispiel die brachiale Gesangsweise, allerdings wurden vor allem die Gitarren immer Metal-ähnlicher, da sich die Musiker und die ganze Szene musikalisch weiter entwickelten. Außerdem spielen gegenwärtig Bands wie Heaven Shall Burn, Callejon und Sonic Syndicate unter dem Label Metalcore, welche kaum noch Gemeinsamkeiten aufweisen, da Sonic Syndicate dem Melodic Death Metal, Callejon mittlerweile verschiedensten Metal-Arten wie dem Tru-Metal und Heaven Shall Burn dem Death-Core nahe stehen.

Obwohl Peter Wicke in seinem Aufsatz „Über die diskursive Formation musikalischer Praxis. Diskurs-Strategien auf dem Feld der populären Musik“ darlegt, dass

Die meisten Genre- und Gattungsbezeichnungen […], wie der Begriff populäre Musik selbst, somit aus der Nähe betrachtet überhaupt keinen klar umrissenen denotativen Gehalt“

in sich trügen (Wicke 2004: 166) und damit eine einheitliche, allgemeingütige Bewertung des Ursprungs des Genres Metalcore eigentlich nicht möglich ist, da jeder Musiker es für sich anders interpretieren könnte, werde ich im weiteren Verlauf dieses Essays der oben beschrieben Genealogie folgen, welche auch von der deutschen Metalcore-Band Narziss so geteilt wurde:

„Metalcore ist für uns eine konsequente Weiterentwicklung des Hardcore“ (Vgl. Weigel 2011b: 7)

Doch wieso entwickelte sich der Hardcore, welcher ja selbst eine Reaktion auf die Kommerzialisierung der Punk-Szene war 1 2 3, in Richtung Metalcore weiter, welcher, durch seine Metal-Anleihen, bei seinen Fans, aber vor allem auch bei skeptischen Rezipienten wie den Hardcore-Anhängern wieder im Verdacht steht, sich dem Kommerz anzubiedern, sobald eine Band etwas erfolgreicher wird?

Begründet liegt dies im hypermaskulinen Männerbild in der Musik und im Rezipientenkreis und dem daraus resultierenden Sexismus innerhalb der Hardcore-Szene. (Vgl. Mulder 2010, u.a. S.17 „No Clit in the pit“, Kügler 2009: 178) So war sich der männliche Kern der Szene einig, dass Frauen im Mosh-Pit, dem Bereich, in dem vor der Bühne oftmals brutal getanzt, gepogt und gemosht wird4, nichts zu suchen hätten, die Musik und der Lebensstil nur etwas für Männer sei, ja dass Frauen einfach keinen Platz in der Szene hätten.

Während sich auf der einen Seite in Teilen der Hardcoreszene die antikommerzielle Bewegung des DIY -Prinzips zusammen mit dem “Open Midness”-Gedanken des Straight-Edge -Lebensstils (SXE) durchzusetzen begann, durften auf der anderen Seite die jungen Männer, egal ob auf der Bühne oder im Publikum, auf Grund nicht nieder geschriebener, jedoch szeneintern allgemein anerkannter Regeln, keinerlei Gefühle zeigen - außer dem Hass gegen das System, denn dies hätte dem hypermaskulinem Ideal der Hardcoreszene widersprochen.

Diese diffuse und in sich widersprüchliche Situation führte dazu, dass erste Hardcorebands wie Hüsker Dü, Fugazi oder Rites of Spring bewusst provokant anfingen, die szeneintern gültigen Regeln zu durchbrechen, und in ihren Texten Gefühle zu thematisierten. Damit war der Damm gebrochen und im Laufe der folgende Jahre und Jahrzehnte bildete sich darum eine regelrechte Szene – der emotional Hardcore oder kurz Emocore war geboren5. (Vgl. Weigel 2011b)

Wieso sind Szenedifferenzierungen nötig? Emocore, Hardcore, Metalcore – Ist doch eh alles eins?

Mit Nichten. Während zwischen Emocore und Metalcore die Grenzen mehr als nur fließend sind, viele heutige Metalcorebands auf Grund der bereits beschriebenen Nähe zum traditionellen Emocore und der musikhistorischen Entwicklung des Genres, guten Gewissens auch als melodischer Emocore bezeichnet werden könnten, schaut man sich die emotionalen, traurigen und verzweifelten Texte von Bands wie Sonic Syndicate (Denied, Jack of Diamonds, Beauty and the freak), Narziss (Tränen, Entstelltes Bild, Maskerade und fast jeder weitere Song ), Callejon (Dein Leben schläft, In dunklen Wassern brennt ein Licht, Gott ist tot, Mein Puls gleich Null und viele mehr) an, klingt Hardcore oft noch härter, brutaler und unmelodischer, die Texte sind selten emotional, es geht eher darum, wie hart man doch sei, wie wichtig Familie und Freunde und wie hart das Leben auf der Straße (Vergleiche Embraced by Hatred mit den Songs Familie und Down to Concrete).

„Auf dem Gig sprach sich MacKaye [Anmerkung: Sänger von Minor Threat und Embrace] gegen eine neue Etikette aus. Thrasher, ein Hochglanz-Skateboard-Magazin, hatte den neuen Punksound der Stadt als >>Emo-Core<< bezeichnet. Obwohl der Sänger dies die >>verdammt dümmste Sache<< nannte, >>die ich jemals gehört habe<<, konnte sich der Name etablieren“ (Andersen 1992). „Emo ist eine gänzlich andere Geschichte… Was als hämischer Insider-Gag begonnen hatte, entwickelte mit der Zeit mehr und mehr Geschwindigkeit und Umfang, bis es schließlich dieser gewaltige Oberbegriff wurde, der keine Genauigkeit zu besitzen scheint. Ich persönlich kann mich nicht mit dem roten Faden identifizieren, der all die Bands zusammen hält, die mit dem >>Emopinsel<< geteert wurden, geschweige denn, dass mir klar ist, wie sie stilistisch oder musikalisch an Rites of Spring gebunden werden könnten.“ (Guy Picciotto, Sänger von Rites of Spring im Interview mit Jonas Engelmann Büsser 2009)

Die musikalischen Unterschiede zwischen Metalcore und Hardcore sind leicht zu erklären und wichtig um zu verstehen, wie sich die Ästhetik der Metalcore-Szene vom Hardcore trotz des gleichen Ursprungs soweit entfernen konnte. Nachdem der Emocore sich vom Hardcore abspaltete, klang er anfangs noch genauso hart und für den durchschnittlichen Rezipienten unmusikalisch wie der Hardcore (selbst der Metalcore wird laut der in Fußnote 8 angeführten Umfrage noch von mehr als 60% der Befragten mit „Geschrei und Krach“ verbunden) , doch entwickelte dieses Subgenre, wie jedes andere auch, eigene Spielweisen. So wurden die für den Metalcore heutzutage typischen Oktavakkorde eingeführt und vor allem Spielweisen aus dem Nu-Metal und später dem gesamten Metalbereich übernommen, sei es in Form von Fingersätzen, Soli oder aber auch in Form eines cleanen Gesanges, welcher sich im Gegensatz zum Hardcore, mit den Shouts, Screams (welche auch eher Metalcore-typisch sind) und Crowls, abwechselt. Da es zum Thema Metalcore leider sowohl in der Datenbank der iaspm als auch in der Datenbank der HU keinerlei Literatur gab, dieses Thema der Forschung anscheinend noch nicht genügend bekannt ist, müssen ein Verweis auf Andrea Kügler (Kügler 2009: 180) und die von mir schon mehrfach erwähnten Soundbeispiele als Quellen ausreichen.

Des Weiteren bekamen die Songs mehr atmosphärische Tiefe, in dem das Drop-Tuning (meist Dropped C, in Ausnahmefällen auch Dropped D – Callejon, Ignite - oder Dropped B – It dies today, dead by april), welches den Musiker befähigt, einen Powerchord (Grundton – Quinte – Oktave) mit einem Finger zu spielen, nicht mehr nur dazu genutzt wurde, schnelle Riffs und Akkordwechsel über Fingersätze zu spielen, sondern über Nutzung des kleinen sowie des Ringfingers auf der hohen C (respektive D oder B)-Saite eine None oder eine Dezime zu greifen und daher Dreiklänge oder atmosphärische Non-Akkorde zu spielen. Außerdem wurden die Fingersätze dahingehend weiterentwickelt, dass viel mit der Septime und der Sexte gearbeitet wird. Diese neuen musikalischen Praktiken verstärkten die oftmals emotionalen und dramatischen Texte in ihrer Wirkung, da nun auch die Musik Spannung und zum Teil atmosphärische, bedrückende oder tieftraurige Klangwelten aufbauen konnte, welche eine androgyne Ästhetik schon fast zwingend nach sich ziehen musste, um den scheinbaren Widerspruch des harten Gesanges und des emotionalen Textes/Klanges aufzuheben.

Auch optisch wird im Metalcore mit dem Hardcore gebrochen.

Es gibt, ganz grob gesagt, zwei Arten von Metalcore-Künstlern und Rezipienten. Dies äußert sich in den Texten und der musikalischen Differenzierung der Bands und wirkt sich dabei auf das Auftreten der Bands sowie ihres Publikums aus. Auf der einen Seite befinden sich Künstler wie Heaven Shall Burn, welche bei einem Konzert , das als Bonus-DVD aufgezeichnet wird, als Spartaner auftreten (siehe die Bonus-DVD zum Album Invictus) und die auf Grund ihrer harten und aggressiven Musik noch eher dem Hardcore, teilweise sogar dem Deathcore verhaftet sind. Auf der anderen Seite befinden sich Bands wie Sonic Syndicate oder Bullet for my Valentine, bei denen zumindest zum Teil die Androgynität eine große Rolle spielt. Ich möchte mich im Folgenden eher auf die Zweite Gruppe beziehen, da diese den augenscheinlichen und auffälligeren Teil der Szene ausmachen.

Der Prototyp Metalcore-Rezipient, wie er oftmals auch dargestellt wird 6, hat (mittel-)lange schwarze Haare, schwarzen Nagellack, mindestens ein Piercing im Gesicht, wahlweise in der Lippe, in der Nase oder in der Augenbraue, zum Teil geschminkte Augen, trägt schwarze T-Shirts mit bunten Bildern voller Blut, Verderben, Tod und ähnlichem, einen Nietengürtel und schwarze Röhrenjeans oder vergleichbare Hosen. Dieses Outfit ähnelt in den Grundzügen stark dem der Anhänger der Emocore-Szene, was ja auf Grund der Entwicklung der Szenen und ihrer inhaltlichen Überschneidungen nicht weiter verwundert.

Dennoch gibt es innerhalb der Metalcore-Szene immer wieder Hassäußerungen einiger weniger, oft dem traditionalen Hardcore-Typ zugehöriger, Mitglieder gegen so genannte Emos. Dies mag perfide wirken, doch ist es darin begründet, dass es den ursprünglichen Emocore als solchen heutzutage kaum noch gibt7. Was heutzutage unter diesem Label verkauft wird, ist meist nichts anderes als massentauglicher „Indie-Rock“ (Kügler 2009: 181), von der Szene belächelt und bis auf emotionale Texte und häufig genutzte Oktavakkorde (siehe My Chemical Romance – The Black Parade) mit dem ursprünglichen Emocore à la Fugazi klanglich nicht mehr zu vergleichen. Hierzu sollte man nur mal Bands wie My chemical romance, 30 seconds to mars oder escape the fate mit Rites of Spring, Hüsker Dü oder auch den Begründern der SXE-Bewegung Minor Threat und ähnlichem vergleichen.

Die Bands, welche noch Emocore in seiner ursprünglichen Bedeutung, nämlich emotional Hardcore, machen, werden unter dem Label Metalcore oder Screamo veröffentlicht. (Klüger 2009: 181)

So ist es also auch nicht wirklich überraschend, dass das androgyne, verletzliche Aussehen von der Metalcore-Szene adaptiert wurde, da sich die Emocore-Szene eigentlich nur ein neues Genre generierte, was laut Wicke häufig passiert, um interessant und aktuell zu bleiben (Vgl. Wicke 2004: 164), ihre Praktiken jedoch nicht aufgeben wollte.

Doch welche Funktionen erfüllt diese Androgynität genau? Diese Frage möchte ich im Folgenden beantworten, allerdings darauf verweisen, dass auf Grund der benannten unterschiedlichen Typen der Metalcore-Rezipienten jene Beobachtungen, Äußerungen und Schlussfolgerungen nicht allgemeingültig für alle Szeneanhänger gelten sondern nur für den, die Szene nach außen hin verkörpernden, Teil.

Wer so etwas singt, muss es auch verkörpern!

In dir fand ich alles was ich brauchte/ doch ich sah es nie, ich sah es nie/ und wenn der Schnee mein Grab bedeckt/ scheint alles fort doch nur versteckt!/ Sehen, dass jetzt/ jeder Tag anders ist/ Scheiße ist! “ (Callejon – Und wenn der Schnee)

Wer solche Texte singt, muss diese auch optisch verkörpern, damit sie nicht unglaubwürdig klingen. Zwar sangen auch schon Bands wie die Frankfurter Deutschrockband Böhse Onkelz Songs mit vergleichbarem Inhalt (siehe Für immer), doch im Gegensatz zu den meisten Metalcore-Bands machen diese Lieder gewisse Ausnahmen und nicht den textlichen Hauptinhalt aus. Außerdem fehlt diesen Liedern der im Metalcore oftmals besungene Untergang, teilweise direkte Todessehnsucht oder zumindest das Spiel mit dem Ende. Wenn aber Bands wie Callejon

Mein Puls gleich 0/ und nichts passiert/ meine Jugend ist gestorben/ der Frühling ist vorbei, -bei, -bei,/ Auf der Suche nach einem Puls “ (Mein Puls = 0) oder Sonic SyndicateHasn't been screaming all these years/ Just to see the world crashing around me/ Maybe this life is overrated/ But I won't let the world burn around me/ A situation like this/ should never exist/ Then why are we out of control/ I SEE THE SMOKE FROM THE EDEN FIRE/ Watch it going higher and higher” (denied)

singen, ist das Motiv des Todes doch, wenn auch indirekt, immer wieder mit der negativen Stimmung des lyrischen Ichs verbunden.

Fragte man nun durchschnittliche Musikrezipienten, woran sie bei solchen Texten dächten, wäre die Antwort sicher nicht, ein muskulöser, tätowierter Glatzkopf, sondern entweder die Beschreibung eines süßen, zerbrechlichen Jungen oder einer Frau.

Dies ist mit ein Grund für die Herausbildung einer androgynen Szeneästhetik. Obwohl viele in der Szene tätowiert und gepierct sind, es irgendwie ästhetisch auch dazu gehört, müssen die Texte glaubhaft verkörpert werden. Und so wird entweder auf das süße Aussehen des Leadsängers, wie bei Callejon früher oder diversen emobelasteten Metalcore-Bands, zurück gegriffen, oder eine gewisse Zerbrechlichkeit projiziert, indem androgyne Merkmale wie schwarz lackierte Fingernägel, (mittel-) lange schwarze Haare und geschminkte Augen genutzt werden. Abgesehen davon, dass viele Gitarristen es als cool empfinden, wenn schwarzlackierte Finger(-nägel) bei atemberaubenden Soli über die Gitarrensaiten flitzen, wird durch die langen Haare, die entweder sehr weiblich anmutend ins Gesicht fallen oder besonders künstlerisch zerzaust werden, wie bei Robin und Roger Sjunnesson von Sonic Syndicate, die schwarzen Fingernägel (Robin Sjunnesson, Bullet for my Valentine) und geschminkte Augen (Robin Sjunnesson) die gesamte maskuline Aggressivität, welche die Musik mit sich bringt, etwas negiert, um so die verzweifelten, traurigen, teils depressiven Texte auch glaubhaft zu verkörpern und keine völlige Diskrepanz zwischen aufgeführtem Kunstwerk, welches in dem hier gemeinten Sinne die Musik und den Text als gesamtes meint, und Optik zu erschaffen.

[...]


1 “Es ist bis heute nicht eindeutig geklärt, woher der Begriff Punk stammt bzw. wie die Szene wirklich entstand. Eine der gängigsten Theorie [n] besagt, dass sie in den USA entstand […], eine andere gängige Theorie geht davon aus, dass der Punk mit der Band Sex Pistols […] entstand und eigentlich eine Art Vermarktungsstrategie ihres Managers Malcolm McLaren darstellte, welcher ein Modegeschäft in London zusammen mit der Designerikone Vivienne Westwood betrieb, dass die gängigen Punkklamotten konzipierte und verkaufte (Vgl. Bos 2010), auf jeden Fall bleibt festzustellen, dass der Punk, wenn er es nicht schon von Anfang an war, doch ziemlich schnell kommerzialisiert wurde.“ (Weigel 2011b: 7f.)

2 „Ziemlich schnell entwickelte sich die Punkbewegung allerdings zu einer kommerzialisierten Modeszene, es wurde modern gegen Staat und Eltern zu rebellieren und so spaltete sie sich schon bald nach ihrer Begründung auf. Auf der einen Seiten gab es jene, die sich von den sogenannten „Modepunks oder Pseudopunks“ (so wurden oftmals Jugendliche Punks abwertend bezeichnet, welche aus besseren Verhältnissen kamen, angeblich nicht rebellisch und laut Szene erst recht nicht authentisch waren, ein Streitunkt, welcher in jeder Jugendbewegung auftritt [Vgl. Wächter 2009]) abgrenzten, sich schließlich neu orientierten, als Streetpunks, im Oi und im Hardcore ihre Auffassung des Punks weiter auslebten und auf der anderen Seite eben jene neueren Punks, welche die Subkultur für sich entdeckten und neu interpretierten, ohne unbedingt direkt in die Szene integriert zu sein.“ (Weigel 2011b: 3)

3 „Hardcore was the suburban response to the late-70s Punk revolution.” (Blush 2001: 12) „1976-80 were the Punk and New Wave years; Hardcore happened 1980-86. If Punk peaked in ’77, then Hardcore’s glory days were ’81-82.[…] Hardcore was an American phenomenon fueled by British and homegrown Punk scenes.” (Blush 2001: 13)

4 Stagediving and Slamdancing were cool, but a lot of kids hurt themselves. There were broken bones, cracked skulls and bloody gashes” (Blush 2001 : 22) Diese kulturelle Praxis auf Hardcore-Konzerten verdeutlicht anschaulich, wie hypermaskulin sich die Szene zu der damaligen Zeit gab.

5 Der Begriff Emocore ist als solcher zwar in der Popmusik-Forschung akzeptiert und etabliert, bis heute bei den ausübenden Personen allerdings sehr umstritten. Kaum eine Band, weder des traditionellen Emocores noch der neuartigen Interpretation des Emo, bezeichnet seine Musik als solche. Als Beispiel möchte ich dazu 2 Zitate unfreiwilliger Emocore-Mitbegründer anführen:

6 „Schicke Hemdchen und stylische T-Shirts sind da an der Tagesordnung. Beim Schuhwerk wird auch nicht gespart und bevorzugt auf schicke Sneaker der neuesten Markenkollektion zurückgegriffen. […] Frisurentechnisch ist der Metalcoreler ebenfalls ganz weit vorn: Da wären zu allererst die Beckham-Abteilung mit ihren lustigen, strähnchenblonden Hahnenkämmen, dicht gefolgt von der studentischen Kurzhaarfrisur […] und nicht weit dahinter die Glatze. […] Wer es aber wirklich ernst meint, legt sich eine fiese, schwarz gefärbte Scheitelmatte zu, die der Metalcoreler frech bei den Emo-Bands geklaut hat. (Kummer 2008)

7 „Die im Harcore und Emo-Core beschriebene Art der Rebellion und Kritik findet sich nicht in der heutigen Emo-Szene wieder. Im Gegenteil ist diese konsumorientier und bietet dem kapitalistischen Markt durch die hohe Medienpräsenz einen Nährboden. Auch fehlt zunehmend die Umsetzung des D.I.Y. und somit die Identifikation mit „Authentizität“ und Individualismus“ (Klüger 2009: 181)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Androgynität im Metalcore
Untertitel
Ein Essay über die Bedingtheit gefühlsbetonter Musik und androgyner Ästhetik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Praktische Einführung in die Popular Music Studies
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V190398
ISBN (eBook)
9783656148296
ISBN (Buch)
9783656148203
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Androgynität, androgyn, Metalcore, Emo, Emocore, Hardcore, Open-Mindnes, Subkultur, Straight Edge
Arbeit zitieren
Marcel Weigel (Autor), 2011, Androgynität im Metalcore, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190398

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