„religione… omnis gentis nationesque superavimus“1
In diesem Zitat von Cicero kann man deutlich erkennen was die Römer von sich selbst bezüglich der Religion halten: sie überragen durch Religiosität alle Völker und Stämme. Die Römer hielten sich für unübertrefflich auf diesem kultischen Gebiet und waren von sich selbst als frommes Volk überzeugt. Vergil legt hierzu sogar noch eines drauf: „ genus… supra homines supra ire deos pietate videbis…“2 Er lässt in seinem Werk „Aeneis“ Jupiter sagen, dass die Römer eines Tages alle Menschen und Götter an Frömmigkeit übertreffen werden. Diese Art der Frömmigkeit drückte sich ihnen in der Religion(religio) aus und die bestand größten Teils aus kultischer Verehrung der Götter (cultus deorum). Die Verehrung wurde durch Gebete und Riten für die Götter praktiziert und brachte somit einen religiösen und zugleich gesellschaftlichen Aspekt in die Religion ein. Doch könnte man die Sache mit der Religion nicht auch mal anders betrachten? Dies tat Plinius Secundus. Er blickte ihr kritisch entgegen und sagte in seiner naturalis historia genau was er von der Religion der Römer und im Allgemeinen hielt. Plinius behandelt dort ein paar Dinge sehr detailliert und hebt die römische Religion nicht in den Himmel.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die kritische Sicht des Plinius Secundus zur römischen Religion in der historia naturalis
2.1 Religion in Rom
2.2 Das Leben des Plinius Secundus und seine historia naturalis
2.3 Die Kritik des Plinius Secundus in der historia naturalis an der römischen Religion
2.3.1 Die Existenz von Gott und die Pluralität der römischen Götter
2.3.2 Gott sein, Kaiservergötterung und die Frage nach übergeordneten Mächten
2.3.3 Der Vorteil der Pluralität der Götter
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kritische Haltung des antiken Gelehrten Plinius Secundus gegenüber der römischen Religion, wie sie in seinem monumentalen Werk naturalis historia zum Ausdruck kommt. Ziel ist es, die philosophischen Begründungen des Autors für seine Skepsis gegenüber dem traditionellen Götterglauben und dem menschlichen Bedürfnis nach metaphysischer Sinnstiftung herauszuarbeiten.
- Plinius’ stoische Naturphilosophie als Grundlage seiner Religionskritik
- Der römische Götterkult und das Phänomen der Kaiservergötterung
- Die Erfindung des Schicksalsbegriffs als menschlicher Ausweg aus existenzieller Unsicherheit
- Die Rolle der Götterpluralität und ihre funktionale Bedeutung im römischen Alltag
- Das Spannungsfeld zwischen traditioneller Frömmigkeit (pietas) und wissenschaftlicher Rationalität
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Die Existenz von Gott und die Pluralität der römischen Götter
Plinius Secundus geht nun, nachdem er über die Elemente und Gestirne gesprochen hat, über zu seiner Stellungnahme über die Religion im Allgemeinen. Doch oft lässt er durchblicken, dass er sich besonders auf die römische Religion bezieht.
Er beginnt damit, dass kein Mensch sich ein Bild von Gott machen sollte, denn er hält es nämlich für eine „inbecillitatis humanae“, diese Einstellung kann man auch ähnlich im Christentum heute immer noch finden. Und falls es überhaupt einen Gott gibt, für ihn ist das nämlich nur die Natur selbst, und weil er auch nicht weiß wo sich dieser Gott befinden soll, ist er seiner Meinung nach „totus est sensus, totus visus, totus auditus, totus animae, totus animi“, also ganz Sinn, ganz Gesicht, ganz Gehör, ganz Seele und ganz Geist. Mit dieser Aussage erinnert Plinius an den Naturphilosophen Xenophanes, der Gott für ein geistiges Prinzip hielt und selbst die anthropomorphen Vorstellungen von den Gottheiten kritisierte, vor allem aber, weil die Menschen ihnen jede mögliche Eigenschaft und Laster zuwiesen.
Plinius Secundus fährt weiter mit einem Verweis auf die römische Religion fort: er sagt, dass wenn man schon an einen Gott glaubt, nicht an viele Götter glauben sollte. Wie bereits oben dargestellt wurde, hatten die Römer sehr viele Götter, die jeder für einen anderen Bereich zuständig waren. Er meint aber auch, dass man Begriffe wie „Keuschheit“ (pudicitiam), „ Eintracht“ (concordiam), „Vernunft“ (mentem), „Hoffnung“ (spem), „Ehre“ (honorem), „Milde“ (clementiam) und „Treue“(fidem) nicht vergöttlicht werden sollen. Er kritisiert weiter, dass die Menschen auf Grund ihrer Schwäche, die sie auch selbst erkannt haben, sich Gottheiten ausgedacht haben, damit sie den Gott verehren können, den sie im Moment am meisten brauchen. Auch für Dinge wie die unterirdischen Mächte, Krankheiten und Seuchen gab es Götter, damit man als Mensch beruhigt ist und sicher sein kann, dass diese besänftigt sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die römische Frömmigkeit ein und stellt die kritische Gegenposition des Plinius Secundus sowie die methodische Eingrenzung der Untersuchung auf Buch zwei der naturalis historia dar.
2. Die kritische Sicht des Plinius Secundus zur römischen Religion in der historia naturalis: Dieses Hauptkapitel analysiert Plinius' Skepsis gegenüber dem Kultwesen, seine stoisch geprägte Naturauffassung und sein Unverständnis für anthropomorphe Göttervorstellungen.
2.1 Religion in Rom: Hier wird der historische Kontext der römischen Religiosität, die Rolle der pietas und das Konzept der Kaiservergötterung erläutert.
2.2 Das Leben des Plinius Secundus und seine historia naturalis: Das Kapitel bietet einen Einblick in die Biografie und die wissenschaftliche Arbeitsweise des Plinius sowie die inhaltliche Ausrichtung seines Lexikons.
2.3 Die Kritik des Plinius Secundus in der historia naturalis an der römischen Religion: Dieses Kapitel dient als übergeordneter Rahmen für die spezifische Auseinandersetzung mit der Existenz von Göttern, Schicksalsglauben und dem Nutzen der religiösen Pluralität.
2.3.1 Die Existenz von Gott und die Pluralität der römischen Götter: Inhalt dieses Abschnitts ist die philosophische Kritik an der Vermenschlichung von Göttern und der inflationären Verehrung abstrakter Begriffe.
2.3.2 Gott sein, Kaiservergötterung und die Frage nach übergeordneten Mächten: Das Kapitel beleuchtet Plinius' Definition von Göttlichkeit durch menschliche Hilfeleistung und die psychologische Funktion des Schicksalsglaubens.
2.3.3 Der Vorteil der Pluralität der Götter: Es wird analysiert, wie Plinius den Nutzen der Götterviefalt für die soziale Ordnung und die Bestrafung von Fehlverhalten bewertet, trotz seiner persönlichen atheistischen Überzeugung.
3. Schluss: Das Fazit fasst die Argumentationslinie des Autors zusammen und betont die Unveränderbarkeit der Naturgesetze als Plinius' Kernbotschaft.
Schlüsselwörter
Plinius Secundus, naturalis historia, römische Religion, Kaiservergötterung, Stoische Philosophie, Anthropomorphismus, Pietas, Schicksalsglaube, Religionskritik, Götterpluralität, Naturkunde, antike Philosophie, Religion im antiken Rom
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie der römische Gelehrte Plinius Secundus in seinem Werk naturalis historia die religiösen Praktiken und Vorstellungen seiner Zeit kritisch hinterfragt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die stoische Naturphilosophie, das römische Kultwesen, die Kaiservergötterung sowie die psychologische Funktion des Glaubens an Götter und Schicksal.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab zu ergründen, warum Plinius Secundus eine skeptische Haltung gegenüber der römischen Religion einnimmt und wie er seine Argumentation gegen den Götterglauben philosophisch begründet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textbasierte Analyse von Auszügen aus dem zweiten Buch der naturalis historia, unterstützt durch den Kontext der Biografie des Autors.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der religiösen Grundlagen in Rom, Plinius' Biografie, eine detaillierte Kritik am Götterbild sowie die Analyse der Rolle von Schicksal und Kaiserkult.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Plinius Secundus, Religionskritik, Götterpluralität, Naturgesetz, Kaiservergötterung und römische Frömmigkeit.
Wie bewertet Plinius die Kaiservergötterung?
Plinius betrachtet die Kaiservergötterung als einen "alten Brauch", der aus Dankbarkeit für außergewöhnliche Verdienste und Hilfeleistungen am Menschen entstand, ohne dabei zwingend einen metaphysischen Glauben an die Gottheit vorauszusetzen.
Warum führt der Mensch laut Plinius das Schicksal als Konzept ein?
Laut Plinius erfinden Menschen den Begriff des Schicksals, um ihre eigene Hilflosigkeit und die Unvorhersehbarkeit des Lebens zu erklären und eine instanzielle Begründung für Glück oder Unglück zu haben.
Was meint Plinius mit der Aussage, dass die Natur der eigentliche Gott sei?
Plinius vertritt eine stoische Weltsicht, in der nicht übernatürliche Wesen die Welt lenken, sondern immanente Naturgesetze. Für ihn ist die Natur die einzige Realität, die das Leben aller Lebewesen bestimmt.
- Arbeit zitieren
- Melanie Köppl (Autor:in), 2011, Die kritische Sicht des Plinius Secundus zur römischen Religion in der naturalis historia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190430