Kafka auf Englisch

Ein Übersetzungsvergleich am Beispiel Gregor Samsas


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Eine Frage der Übersetzung

Selbst ein knappes Jahrhundert nach der Erstveröffentlichung von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ ist der Text immer noch eine Herausforderung für Übersetzer, wie ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit wieder einmal eindringlich bewiesen hat. In ei- ner englischen, anlässlich des 125. Geburtstags des Autors besorgten Übersetzung, kon- frontiert der Übersetzer Michael Hofmann den Leser gleich auf der ersten Seite mit der Bezeichnung Gregor Samsas als ‚monströse Kakerlake‘ 1 und entfachte damit erneut einen schon lange schwelenden Disput über die Natur des von Kafka umschriebenen Ungeziefers.

Dies mag dem Kenner der Originalfassung übertrieben erscheinen, doch in der angloamerikanischen Literaturkritik hat eben diese Diskussion bereits eine lange Tradition. So behandelte der russische Schriftsteller Vladimir Nabokov in Vorlesungen über Kafkas Werk den Punkt ausführlich. Auf die Frage nach der Art des Ungeziefers welches Kafka darstellen wollte antwortet er:

Commentators say cockroach, which of course does not make sense. A cockroach is an insect that is flat in shape with large legs, and Gregor is anything but flat: he is convex on both sides, belly and back, and his legs are small. He approaches a cockroach in only one respect: his coloration is brown. That is all 2.

Als Insektenkenner fiel es Nabokov, trotz der vom Autor nur spärlich im Text verstreuten Hinweise, leicht, das Ungeziefer auf eine bestimmte Insektengruppe einzuengen und die Vorstellung Gregor Samsas als eine monströse Kakerlake abzutun. Er definierte die neue Erscheinungsform des Protagonisten als die einer Bettwanze, nicht einmal unähnlich der dahin geworfenen Bezeichnung der alten Dienstmagd gegen Ende der Geschichte, die Gregor mehrmals neckisch einen „Mistkäfer“ 3 nennt.

Jedoch lässt allein die Tatsache, dass solche Fehlinterpretationen existieren, zumal in tausendfachem Druck, die Frage aufkommen, inwieweit eine Übersetzung des Textes überhaupt noch der ursprünglichen Intention des Autors nahekommt. Um eine Vorstel- lung davon zu bekommen, sollte zuerst die Haltung Kafkas zu seinem Text bekannt sein.

Die Undarstellbarkeit Gregor Samsas

Was eine Übersetzung des Textes zu einer besonderen Herausforderung macht ist, dass es im wahrsten Sinne des Wortes ab dem ersten Satz darauf ankommt, die Intention des Autors zu erkennen und zu übertragen. Die von Kafka benutzen Worte, mit denen er die Verwandlung seines Protagonisten beschreibt, sind von entscheidender Rolle für das weitere Verständnis der Erzählung. Auch ist belegt, dass er großen Wert auf die Vagheit des von ihm verwendeten Ausdrucks legte und sogar soweit ging, eine zu konkrete gra- fische Auslegung dessen zu untersagen, geschehen in einem Brief an den Verleger Ge- org Heinrich Meyer:

Sie schrieben letzthin, dass Ottomar Starke ein Titelblatt zur Verwandlung zeichnen wird. Nun habe ich einen kleinen, allerdings soweit ich den Künstler aus Napoleon“ kenne, wahrscheinlich sehr überflüssigen Schrecken bekommen. Es ist mir nämlich, da Starke doch tatsächlich illustriert, eingefallen, er könnte etwa das Insekt selbst zeichnen wollen. Das nicht, bitte das nicht! Ich will seinen Machtkreis nicht einschränken, sondern nur aus meiner natürlicherweise bessern Kenntnis der Geschichte heraus bitten. Das Insekt selbst kann nicht

gezeichnet werden. Es kann aber nicht einmal von der Ferne aus gezeigt werden. Besteht eine solche Absicht nicht und wird meine Bitte also lächerlich - desto besser. Für die Vermittlung und Bekräftigung meiner Bitte wäre ich Ihnen sehr dankbar. Wenn ich für eine Illustration selbst Vorschläge machen dürfte, würde ich Szenen wählen, wie: die Eltern und der Prokurist vor der geschlossenen Tür oder noch besser die Eltern und die Schwester im beleuchteten Zimmer, während die Tür zum ganz finsteren Nebenzimmer offensteht. Sämtli - che Korrekturen sowie die Besprechungen haben Sie wohl schon bekommen 4.

Aus der Befürchtung Kafkas, dass ein Illustrator dem von ihm umschriebenen Ungezie- fer allzu deutliche Formen verleihen könnte, lässt sich unschwer herauslesen wie wich- tig ihm der Eindruck war, den die von ihm verwendeten Worte bei Lesern hervorrufen sollten. Die sprachliche Herausforderung, die auf Übersetzer Kafkas zukommt, betrifft also weniger die von Kafka verwendeten Wörter, als vielmehr das von diesen Wörtern Umschriebene, die Bedeutung dahinter. Wie setzt sich ein Übersetzer nun aber mit einem solchen Text auseinander?

Peter Utz

Der Germanist Peter Utz widmete sich unter anderem dieser Frage und erforschte an- hand wichtiger Vertreter der deutschen Literatur, wie diese Autoren in andere Sprachen übersetzt werden. Seinen Ausführungen stellte er ein interessantes Vorwort voran, in welchem er die Trennung von Übersetzung und Interpretation historisch nachzeichnet und diese beiden Professionen miteinander vergleicht. Für ihn haben Literaturwissen- schafter und Übersetzer gemeinsam, dass beide dem Ausgangstext interpretatorisch ge- genübertreten. Erstere suchen den Sinn des Textes unter dessen Oberfläche und sind für Utz deshalb ‚Sinntaucher‘, denn [s]ie werfen immer wieder an denselben Stellen des Ausgangstextes Anker, um dort ihre Funde aus den Tiefenschichten des Textes heraufzuholen 5.

Ihnen in dieser Metapher gegenübergestellt sind die Übersetzer. Diese sind Sprachsurfer; sie bewegen sich der sprachlichen Oberfläche entlang, von Wellenkamm zu Wellenkamm. Diesem Element spüren sie nach, auch wenn sie von fremden Winden quer zu den Wellen getrieben werden 6.

Diese Metaphorik impliziert, dass der wahre Textsinn unter dessen Oberfläche gesucht werden sollte. Mit seinem Bild des Übersetzers als ‚Sinnsurfer‘ spricht er diesem eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Text ab und beschränkt ihn darauf, dem Textsinn lediglich an der Oberfläche anhand der auffälligsten Stellen, den wie auch immer gearteten ‚Wellenkämmen‘, nachzuspüren.

Was macht ein solcher ‚Sprachsurfer‘ aber bei Windstille oder ohne Wellengang, also wenn der Text nur wenige Anhaltspunkte bietet, wie er gelesen werden sollte? Bei Kaf- kas analytischer und trockener Sprache ist dies nicht selten der Fall, wofür das eingangs verwendete Beispiel ein ausreichender Beweis ist. Auch eröffnet das die Frage, wie es sich auf Länge der gesamten Erzählung verhält, ob die Übersetzung vom Original nur in manchen Stellen oder über längere Strecken, vielleicht sogar in ganzer Linie, abweicht.

Stanley Corngold

Die zum Vergleich herangezogene Übersetzung ist die von Stanley Corngold aus dem Jahr 1972. Neuere Übersetzungen, wie etwa von bereits erwähntem Michael Hofmann, sind zwar verfügbar, doch ist Corngolds Übersetzung eine bereits bei Kritikern wie Lesern etablierte Version und wurde auch schon von großen Verlagshäusern, wie etwa Bantam Books, in mehreren Auflagen verlegt.

Doch zurück zum eigentlichen Text, der erste Satz der Erzählung lautet:

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt 7.

Am wichtigsten ist hier, nicht nur aus schon oben dargelegten Gründen, sondern auch aufgrund seiner zentralen Stellung sowie der stilistischen Natur, der Ausdruck ‚ungeheuren Ungeziefer‘. Die Alliteration in das Englische zu übertragen wäre, wie bei den meisten dieser Stilmittel, verlorene Mühe und so blieb nur die Abkehr von der Form hin zum Inhalt. Corngolds Übersetzung des ‚ungeheuren Ungeziefers‘ ist „monstrous vermin“ 8, damit schafft er gleich zu Beginn eine gewisse Distanz zum Protagonisten, dessen Gestalt er etwas widerwärtiges und unheimliches andichtet.

Zuerst soll das Adjektiv ‚ungeheuer‘ begutachtet werden. Es bedient im Deutschen zwei semantische Felder: zum einen bezeichnet es als negierte Form des althochdeutschen ‚geheuer‘ etwas als „widerwärtig, grausig, fürchterlich“ 9, seit dem Frühneuhoch- deutschen wird es allerdings auch benutzt um etwas als „ungewöhnlich groß“ 10 zu be- zeichnen. Erst bei Betrachtung beider Bedeutungen wird klar wie sorgfältig der Autor dieses Adjektiv ausgewählt haben muss und auch, welche Ansprüche dadurch an einen Übersetzer gestellt werden. In der englischen Sprache gibt es kein Adjektiv welches über die gleichen Qualitäten wie ‚ungeheuer‘ verfügt, auf der Hand läge also der Einsatz mehrerer Wörter, worunter jedoch die sprachliche Eleganz der Übersetzung leiden würde, ein Faktor der von nicht geringer Wichtigkeit zu sein scheint, was alleine schon dadurch bewiesen wird dass sich keine Zwei-Wort-Übersetzung zu „ungeheuer“ findet. Synonyme Begriffe wie ‚gigantic‘, ‚giant‘ und ‚enormous‘ beziehen sich alle auf den Aspekt der Größe, lediglich ‚monstrous‘ deckt den Aspekt des widerwärtigen und furchteinflößenden ab, bezeichnet jedoch nicht zwangsläufig etwas großes. Da es diese Qualität aber auch nicht ausschließt, so kann es als die geschickteste und dem ursprüng- lichen Wortlaut am ehesten gerecht werdende Übersetzung angesehen werden.

Etwas komplizierter wird es bei ‚Ungeziefer‘. Kafka wählte das Wort mit wahrschein- lich noch größerer Bedachtsamkeit als das vorangehende Adjektiv aus, denn es führt ei- nes der Hauptmotive der Geschichte ein und manifestiert es mit seiner einmaligen Nen- nung auch. Das Wort entstammt dem althochdeutschen Begriff ‚zebar‘, mit welchem Opfertiere bezeichnet wurden 11. Die Negation macht klar, dass es sich um ein nicht op- ferbares, und daher für den Menschen schädliches, Tier handelt, und auch wenn der heutige Gebrauch des Begriffes sich von der ursprünglichen Bedeutung recht weit entfernt hat, so bleiben gewisse Implikationen bestehen. Schon im Prag zu Kafkas Zeit bezeichnete der Begriff Hausschädlinge wie Kakerlaken und Wanzen, Lebewesen die gemein haben, dass sie die Nähe von Menschen suchen und davon zehren. Indem Kafka seinen Protagonisten in die Reihen dieser Lebewesen stellt, bringt er ihn gleichzeitig in ein Spannungsverhältnis gegenüber seiner Familie und seiner alten Existenz, lässt ihn sozusagen alleine aufgrund der neuen Existenzform zum Ballast für Eltern wie Schwester werden.

Das von Corngold verwendete ‚vermin‘, welches auch ein von Nabokov bevorzugter Ausdruck war, stimmt in vielen Bereichen mit ‚Ungeziefer‘ überein. Es besitzt die gleiche Vagheit und umschreibt auch im Englischen eine ähnliche Gruppe von Lebewesen. Was ihm jedoch abgeht ist die Beschränkung auf das Insekt, ‚vermin‘ schließt alle Arten von Hausschädlingen mit ein, auch Mäuse und Ratten.

Eine unfreiwillige Metamorphose

Ebenfalls beachtet werden sollte das letzte Wort des ersten Satzes, das Verb „verwan- delt“. Es ist nicht nur eine Bezugnahme zum Titel der Erzählung, sondern gleichzeitig auch eine nicht zu unterschätzende Vorgangsbeschreibung, impliziert sein Gebrauch im Passiv doch, dass Gregor ohne sein eigenes Zutun von einem nicht näher benannten Subjekt etwas erfahren hat, verwandelt wurde. Zwar findet sich in der englischen Über- setzung die dem deutschen Ausdruck sehr nahestehende Formulierung „found himself changed“ 12, doch fehlt dadurch auch die direkte Referenz zum Titel, welcher mit „The Metamorphosis“ 13 übersetzt wird. Davon abgesehen, dass eine Metamorphose, die deut- sche Entsprechung ist hier semantisch deckungsgleich, ein eher dem Insektenreich ent- lehnter Vorgang ist, so ist es auch ein durchaus aktiver Prozess und weist aufgrund des- sen auch noch eine weitere Dissonanzebene auf.

Klar ersichtlich wird das an den beiden einzigen Stellen im Text, an welchen Kafka sich des Wortes aus dem Titel bedient. Beide Stellen finden sich im zweiten Teil des Buches und in beiden Fällen wurde ‚Verwandlung‘ mit ‚metamorphosis‘ übersetzt. Doch of- fenbart sich bei einem genaueren Blick ein signifikanter Unterschied. Die erste Textstel- le lautet „es war wohl schon ein Monat seit Gregors Verwandlung vergangen“ 14. Auffäl- lig ist, dass die Verwandlung klar Gregor zugeschrieben wird, das Genitivobjekt lässt daran keinen Zweifel. Im Englischen wird die Stelle dementsprechend mit „Gregor's metamorphosis“ 15 übersetzt. Die zweite Textstelle jedoch nimmt sich, auch in der Über- setzung, entschieden anders aus. Im Originaltext ist nun die Rede von „der Verwand- lung“ 16, Kafka bedient sich eines Artikels und schafft dadurch Distanz, vor allem zu Gregor. Die Übersetzung macht diese Distanz jedoch zunichte, denn in ihr steht „his metamorphosis“ 17. Durch das Possessivpronomen wird der Eindruck, dass es ein von Gregor initiierter Prozess war, noch verstärkt.

[...]


1 Siehe Rourke, Lee. What goes into a great translation? The Guardian Books Blog, 7. Juni 2007. www.guardian.co.uk/books/booksblog/2007/jun/07/whyaregoodtranslationssor (10. Januar 2011).

2 Nabokov, Vladimir. Lectures on Literature ( New York and London 1980), 258f.

3 Kafka, Franz. Die Verwandlung. Historisch-kritische Ausgabe. In: Franz-Kafka-Heft 4, hrsg. von Ro- land Reuß und Peter Staengle (Frankfurt am Main 2003), 74.

4 Kafka, Franz. Briefe April 1914 - 1917. Hrsg. Von Hans-Gerd Koch (Frankfurt am Main 2005), 145.

5 Utz, Peter. Anders gesagt - autrement dit - in other words. Übersetzt gelesen: Hoffmann, Fontane, Kafka, Musil (München 2007), 13f.

6 Ebd., 14.

7 Kafka, Franz. Die Verwandlung, 23.

8 Kafka, Franz. The Metamorphosis. Übersetzt von Stanley Corngold. Bantam Classis reissue (New York 2004), 3.

9 siehe Paul, Hermann. Deutsches Wörterbuch. 10., überarbeitete und erweiterte Auflage von Helmut Henne, Heidrun Kämper und Georg Objartel (Tübingen 2002), 1060.

10 Ebd.

11 siehe Paul, Hermann. Deutsches Wörterbuch, 1061.

12 Kafka, Franz. The Metamorphosis, 3.

13 Ebd.

14 Kafka, Franz. Die Verwandlung, 56.

15 Kafka, Franz. The Metamorphosis, 28.

16 Kafka, Franz. Die Verwandlung, 64.

17 Kafka, Franz. The Metamorphosis, 34.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kafka auf Englisch
Untertitel
Ein Übersetzungsvergleich am Beispiel Gregor Samsas
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
HS "Franz Kafka: Die sogenannten Zürauer Aphorismen"
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V190762
ISBN (eBook)
9783656153931
ISBN (Buch)
9783656154464
Dateigröße
966 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Verwandlung, Übersetzung, Gregor Samsa
Arbeit zitieren
Florian Arleth (Autor), 2010, Kafka auf Englisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190762

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