Die kommunitaristische Kritik am Liberalismus am Beispiel von Sandels Kritik an Rawls


Hausarbeit, 2012
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 John Rawls‘ Theorie des politischen Liberalismus
2.1 Gerechtigkeit als Fairness
2.1.1 Gerechtigkeitsgrundsätze
2.1.2 Urzustand
2.2 Vorrang des Rechten vor dem Guten
2.3 Öffentlicher Vernunftgebrauch

3 Michael Sandels Kritik am politischen Liberalismus
3.1 Ausklammern gewichtiger moralischer Fragen
3.2 Überlegungsgleichgewicht umfassender Lehren
3.3 Restriktivität des öffentlichen Vernunftgebrauchs

4 Schlussbetrachtung und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

John Rawls gilt als einer der wichtigsten Vertreter der politischen Philosophie des Zwanzigsten Jahrhunderts (vgl. z.B. Kersting 2001, Hinsch 2003, Höffe 2006, Nida-Rümelin 2011). Mit seinem erstmals 1971 erschienenen Werk A Theory of Justice1 begründete er die Abkehr vom Utilitarismus, der - ausgehend von Jeremy Bentham und John Stuart Mill - nahezu zweihundert Jahre lang die anglo- amerikanische Moralphilosophie sowie die politische Philosophie dominiert hatte (vgl. Sandel 1998, S. 144). Rawls verwarf die Vorstellungen des Utilitarismus und setzte diesen eine liberale Konzeption von Gerechtigkeit als Fairness entgegen.

Das Echo auf diese Gerechtigkeitstheorie war enorm und hinsichtlich des damaligen Brachliegens der politischen Philosophie (vgl. Kersting 2001, S. 8) nicht zu erwarten. Fundamentale Kritik wurde u.a. von Seiten der Vertreter des Kommunitarismus laut. Ausgehend von Michael Sandels 1982 erschienenem Buch Liberalism and the Limits of Justice und der dortigen Betonung von Gemeinschaftswerten begann eine intensive Debatte zwischen Kritikern und Verfechtern der liberalen Gerechtigkeitskonzeption (vgl. Reese-Schäfer 2001, S. 15f.).

Die kommunitaristische Kritik, seine Theorie der Gerechtigkeit als Fairness sei „kontextvergessen“ (Forst 1996, S. 15), nahm Rawls zum Anlass, seine Gerechtigkeitskonzeption zu überdenken und in seinem zweiten Hauptwerk Politischer Liberalismus umfassende Änderungen an ihr vorzunehmen. Er lässt den Allgemeingültigkeitsanspruch der Gerechtigkeit als Fairness fallen und bettet sie in den Kontext des modernen demokratischen Verfassungsstaates ein. Sie beansprucht nun nur noch für solche Gesellschaften und deren B ü rger Gültigkeit. „Diese Änderungen haben mehr Irritation ausgelöst als Beifall gefunden. Viele haben Rawls ein unziemliches Nachgeben gegenüber kommunitaristischer Kritik vorgeworfen“ (Kersting 2001, S. 167).

Doch auch diese weitergehende politische Theorie blieb von kommunitaristischer Seite nicht unbeantwortet. Sandel fügte der zweiten Auflage seiner Liberalismuskritik ein Kapitel hinzu, in dem er sich mit den Anpassungen und den neuen Ideen von Rawls auseinandersetzt (vgl. Sandel 1998, Kap. A).

Zwar wurde die Debatte zwischen Liberalen und Kommunitaristen von einigen Autoren bereits für nahezu beendet erklärt (vgl. z.B. Niesen 2009, S. 55ff.); jedoch ist Hartmut Rosa (2009, S. 90f.) der Ansicht, dass gewichtige Argumente der kommunitaristischen Kritik am Liberalismus bis heute nicht widerlegt seien.

Sandel selbst weist zwar darauf hin, dass es Rawls gelungen sei, seine Kritik an Eine Theorie der Gerechtigkeit zu widerlegen (vgl. zu dieser ersten Debatte auch Honneth 1993, Mulhall/Swift 1995, Höffe 1996), sich jedoch aus dieser Widerlegung in Politischer Liberalismus einige neue problematische Aspekte ergeben hätten (vgl. Sandel 1998, S.195f.). In der vorliegenden Arbeit soll daher beispielhaft die Kritik Sandels an Rawls‘ politischem Liberalismus vorgestellt und auf ihren Gehalt und ihre Plausibilität überprüft werden.

Zunächst stelle ich die Grundlagen des Rawlsschen politischen Liberalismus dar (Kap. 2). Darauf folgt die Betrachtung der Kritik Sandels sowie die Hinterfragung seiner Argumentation (Kap. 3). Schließlich fasse ich die Ergebnisse zusammen (Kap. 4).

2 John Rawls‘ Theorie des politischen Liberalismus

John Rawls möchte mit seiner Theorie des politischen Liberalismus folgende Frage beantworten:

„Wie kann eine stabile und gerechte Gesellschaft freier und gleicher Bürger, die durch vernünftige und gleichwohl einander ausschließende religiöse, philosophische und moralische Lehren einschneidend voneinander getrennt sind, dauerhaft bestehen?“ (Rawls 1998, S. 14)

Er möchte zu diesem Zweck „eine politische Gerechtigkeitskonzeption für eine konstitutionelle Demokratie [ausarbeiten], die von einer Vielzahl vernünftiger […] Lehren freiwillig bejaht werden kann“ (ebd., S. 36).

Rawls hat zwar bereits in Eine Theorie der Gerechtigkeit eine umfassende Gerechtigkeitskonzeption ausgearbeitet, doch habe er dabei die „Tatsache einer Vielheit vernünftiger und gleichwohl nicht zu vereinbarender umfassender Lehren“ (ebd., S. 13) nicht beachtet, weshalb sie in dieser Form „unrealistisch“ (ebd.) sei. Die aus diesem Grund nötig gewordenen Anpassungen und Erweiterungen - mitunter auch Eingrenzungen - bleiben dem Grundgedanken der ursprünglichen Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness treu, wenn auch eine grundlegende Neuorientierung ins Auge sticht: Rawls‘ Universalismus, wie er ihn noch in seiner ursprünglichen Darlegung zumindest implizit postulierte, ist einem Kontextualismus gewichen: Die angepasste Version seiner Gerechtigkeitskon- zeption beansprucht nur noch für demokratische Verfassungsstaaten Gültigkeit.

Die Grundlagen der Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness sowie die von Rawls neu eingeführten Ideen sollen - soweit sie für das Verständnis der Kritik Sandels notwendig sind - in den folgenden Abschnitten vorgestellt werden.

2.1 Gerechtigkeit als Fairness

"Die Gerechtigkeit ist die erste Tugend sozialer Institutionen, so wie die Wahrheit bei Gedankensystemen" (Rawls 1979, S. 19). Rawls geht von dieser Überzeugung aus, wenn er in Eine Theorie der Gerechtigkeit die Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness darlegt. Auch seiner angepassten Version, wie er sie in Politischer Liberalismus vorstellt, liegt diese Überzeugung vom Stellenwert der Gerechtigkeit zugrunde. Er stellt die Frage, wie die Grundstruktur einer Gesellschaft beschaffen sein muss, um von ihren Mitgliedern als gerecht anerkannt zu werden. Unter der Grundstruktur einer Gesellschaft versteht Rawls „deren wichtigste politische, soziale und wirtschaftliche Institutionen und die Art und Weise, in der sie sich zu einem einheitlichen, Generationen übergreifenden System sozialer Kooperation zusammenfügen“ (Rawls 1998, S. 76). Diese Grundstruktur verteile gewisse Grundg ü ter, „Dinge [also], von denen man annehmen kann, daß sie jeder vernünftige Mensch haben will. Diese Güter sind gewöhnlich brauchbar, gleichgültig, was jemand für einen vernünftigen Lebensplan hat“ (Rawls 1979, S. 83). Rawls konkretisiert die Vorstellung von den Grundgütern in der folgenden „Stammliste der Grundgüter“ (Rawls 1998, S. 275):

„- Grundrechte und Grundfreiheiten […];
- Freizügigkeit und freie Berufswahl […];
- Befugnisse und Zugangsrechte zu Ämtern und Positionen innerhalb der politischen und ökonomischen Institutionen der Grundstruktur;
- Einkommen und Besitz; und schließlich
- die sozialen Grundlagen der Selbstachtung.“ (ebd.)

Nach welchen Prinzipien sollte die Verteilung dieser Grundgüter also erfolgen? 5

2.1.1 Gerechtigkeitsgrundsätze

An den Anfang seiner Überlegungen stellt Rawls zwei Gerechtigkeitsgrundsätze, die freie und gleiche an sozialer Kooperation interessierte Menschen seiner Überzeugung nach bezüglich der Beschaffenheit der Grundstruktur der Gesellschaft wählen würden.

Diese beiden Gerechtigkeitsgrundsätze lauten in der bereits mehrfach überarbeiteten Fassung von Politischer Liberalismus:

„(a) Jede Person hat den gleichen Anspruch auf ein völlig adäquates System gleicher Grundrechte und Freiheiten, das mit demselben System für alle vereinbar ist, und innerhalb dieses Systems wird der faire Wert der gleichen politischen (und nur der politischen) Freiheiten garantiert.

(b) Soziale und ökonomische Ungleichheiten müssen zwei Bedingungen erfüllen: erstens müssen sie mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen unter Bedingungen fairer Chancengleichheit offenstehen, und zweitens müssen sie sich zum größtmöglichen Vorteil für die am wenigsten begünstigten Gesellschaftsmitglieder auswirken.“ (Rawls 1998, S. 69f.; Hervorh. im Orig.)

Der erste Grundsatz genießt dabei Priorität über den zweiten (vgl. ebd., S. 70). Durch diese Rangordnung soll verhindert werden, dass die Freiheiten des einzelnen zugunsten des Gemeinwohls eingeschränkt werden können.2

Außerdem sieht Rawls es als selbstverständlich an, dass die Grundbedürfnisse jedes Gesellschaftsmitglieds befriedigt sein müssen (vgl. ebd., S. 71f.). Andernfalls wäre eine Wahrnehmung der im ersten Grundsatz garantierten Rechte und Freiheiten überhaupt nicht möglich. Ferner ist darauf hinzuweisen, dass im zweiten Grundsatz nicht nur eine formale Chancengleichheit postuliert wird, sondern eine faire, also faktische Chancengleichheit.

Wie aber gelangt Rawls zu der Überzeugung, dass diese beiden Grundsätze gewählt würden?

2.1.2 Urzustand

Der Urzustand (original position) ist die Ausgangssituation, die zu diesen Gerechtigkeitsgrundsätzen führen soll (vgl. Rawls 1979, S. 28f.). Dieser Urzustand ist nicht als historisch real zu betrachten. Es handelt sich nach Rawls‘ eigenen Worten lediglich um ein „Darstellungsmittel“ (Rawls 1998, S. 94). Man könnte auch von einem Gedankenexperiment sprechen.

Das Kernelement des Urzustands ist der Schleier der Unwissenheit3 (veil of ignorance). Die Menschen im Urzustand (die Bürger der späteren Gesellschaft) befinden sich unter diesem Schleier, so dass sie nicht wissen können, wer sie in der späteren Gesellschaft sein werden. Sie wissen weder, wie es um ihre ökonomische Position bestellt sein wird, noch in welchem sozialen Umfeld sie leben werden. Der Schleier der Unwissenheit verdeckt ferner jegliche Kenntnis über die „Zugehörigkeit zu einer Rasse oder ethnischen Gruppe, über [das eigene] Geschlecht und über [die eigenen] mannigfachen angeborenen Begabungen wie Kraft und Intelligenz“ (ebd., S. 92f.).

Diese Verhüllung jeglicher Kenntnisse über das eigene Leben in der Gesellschaft sei nötig, um zu garantieren, dass die Beratungen über die Grundsätze der Gerechtigkeit unparteiisch und fair geschähen (vgl. ebd., S. 90). Da nämlich keiner der Urzustandsbewohner folglich wissen könne, wie sein Leben in der Gesellschaft aussehen wird, für die die zu bestimmenden Gerechtigkeitsgrundsätze gelten werden, werde jeder sich bei der Festlegung dieser Prinzipien in die Lage aller möglichen sozialen und ökonomischen Positionen versetzen müssen und nur solche Prinzipien anerkennen, die allen diesen Positionen genügend Grundgüter für ein vernünftiges Leben garantieren. Nach Rawls entspringen aus dieser hypothetischen Ausgangssituation vernünftigerweise die oben genannten Gerechtigkeitsgrundsätze (vgl. ebd., S. 94). Die „Konkretisierung des Urzustands“ (Rawls 1979, S. 38) sei das Ergebnis eines Überlegungsprozesses, der schließlich zu einem Überlegungsgleichgewicht führe. Dieses Gleichgewicht sei dadurch gekennzeichnet, dass „unsere Grundsätze und unsere [wohlüberlegten] Urteile übereinstimmen“ (ebd.).

[...]


1 Die deutschsprachige Ausgabe von „A Theory of Justice“ ist unter dem Titel „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ erstmals 1975 in einer von Rawls überarbeiteten Fassung erschienen.

2 Die Einschränkung individueller Rechte zugunsten der allgemeinen Wohlfahrt wäre dagegen im Utilitarismus möglich.

3 Veil of ignorance wird in Eine Theorie der Gerechtigkeit mit Schleier des Nichtwissens und in Politischer Liberalismus mit Schleier der Unwissenheit übersetzt. In der vorliegenden Arbeit wird der letztere Begriff verwendet.

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Details

Titel
Die kommunitaristische Kritik am Liberalismus am Beispiel von Sandels Kritik an Rawls
Hochschule
FernUniversität Hagen
Veranstaltung
Philosophische Reflexion von Staat und Politik
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V190848
ISBN (eBook)
9783656154778
ISBN (Buch)
9783656154891
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunitarismus, Liberalismus, Rawls, Sandel, Kritik, Gerechtigkeit, Urzustand, Pluralismus
Arbeit zitieren
Florian Wollenschein (Autor), 2012, Die kommunitaristische Kritik am Liberalismus am Beispiel von Sandels Kritik an Rawls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190848

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