Jahreszeiten und Naturmotive im frühen Minnesang – Vom Kürenberger zur Hausenschule


Seminararbeit, 2010

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Jahreszeiten und Naturmotive im frühen Minnesang - Vom Kürenberger zur Hausenschule.
1. Natureingang
a) Naturbilder als strukturierende Elemente
b) Das Falkenmotiv: Ich zôch mir einen valken und Ez stuont ein vrouwe alleine
2. Jahreszeitenmetaphorik
a) Frühling: Ahy, nu kumt uns diu zît
b) Sommer: Seneder friundinne bote und Ich sach boten des sumers
c) Herbst: Sich hât verwandelt diu zît
d) Winter: Mir hât ein ritter und Urloup hât des sumers brehen

III. Ausblick zur Späten Minne am Beispiel Gottfrieds von Neifen und Neidharts

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im wunderschönen Monat Mai,/ Als alle Knospen sprangen,/ Da ist in meinem Herzen/ Die Liebe aufgegangen.// Im wunderschönen Monat Mai,/ Als alle Vögel sangen,/ Da hab ich ihr gestanden/ Mein Sehnen und Verlangen.1.

Mit diesen wenigen Versen, ganz in romantischer Tradition2, beschreibt Heinrich Heine im Wesentlichen die Dimension der Jahreszeiten- und Naturmotivik des frühen Minnesangs. Von den typischen Motiven wie Mai, Knospen, Herz, Liebe, Vogelgesang und Sehnen bis hin zur Volksliedhaftigkeit dieses Gedichts zieht er alle Register der Kunst. Für diese Arbeit soll vor allem die Frage, in welcher Weise sich die Dichter vom Kürenberger (1. Hälfte 12. Jhd.)3 bis zur Hausenschule (1190)4 der Jahreszeitenmetaphorik und der Naturbilder zur Ausgestaltung ihrer Lieder bedienten, dominieren. Den zeitlichen Rahmen stecken die o. g. Dichter ab, aber auch namenlose Lieder werden als Beispieltexte miteinbezogen. Ganz besondere Aufmerksamkeit soll jedoch Dietmar von Eist gelten, der in seinem Autorkorpus zum einen verhältnismäßig viele Lieder dieser Thematik verzeichnet und zum anderen mit Ahî, nu kumt uns diu zît den ältesten Natureingang in einem deutschen Minnelied liefert5. Problematiken wie Autorfragen, die in diesem Zusammenhang v.a. den sogenannten Pseudodietmar betreffen bleiben hier außen vor. Zitate und Textbezüge folgen ausschließlich Minnesangs Frühling.6 Abschließend wird ein Ausblick auf die Späte Minne am Beispiel Gottfrieds von Neifen und Neidharts gewagt, um etwaige Veränderungen gegenüber dem frühen Minnesang herauszuarbeiten.

II. Jahreszeiten und Naturmotive im frühen Minnesang - Vom Kürenberger zur Hausenschule

1. Natureingang

a) Naturbilder als strukturierende Elemente

Der Motivbereich Natur wird im (frühen) Minnesang in verschiedener Funktion eingesetzt, jedoch nie als Selbstzweck. Die wichtigste Funktion ist die Einführung in die Stimmungslage eines Liedes: der sogenannte Natureingang als Exordialtopos. Hier wird ein locus amoenus oder auch locus terribilis entworfen und der Minneproblematik als Gleichklang oder Gegensatz vorangestellt. Typische frühlingshafte bzw. sommerliche Bilder sind walt, böume, heide, bluomen, klê , vogellîn oder deren topisch spezifizierte Motive wie linde, rôse oder nahtegal. Das winterliche Gegenbild wird meist durch Klagen über die Abwesenheit sommerlicher Attribute sowie durch topische Winterspezifika wie rîfe, snê und îs gestaltet.

Auch der Anti-Natureingang mit betonter Gleichgültigkeit gegenüber den Schönheiten der Natur ist eine Möglichkeit die Thematik zu entfalten.

Eine dritte Funktion ist der Einsatz von Naturelementen außerhalb des Natureingangs als Stimmungssignal, wie beispielsweise. Vögel zur Verdeutlichung von Glück oder ambivalent eingesetzte Tageszeiten wie Tag (oder Morgen) und Nacht als Metaphern für Liebeshoffnung und Liebesleid.

Kontextuell fungieren Naturelemente auch als Vergleiche wie z. B. in der Preistopik, die die Schönheit und Tugend der Dame der Sonne, dem Mond, dem Himmel usw. gegenüberstellen. Auch der allgemein vergleichenden Charakterisierung dienen sie häufiger; symbolisch oder als Metapher wie der Falke treten sie jedoch deutlich seltener auf.7

Sehr oft weisen die Naturlieder Jahreszeitenbezüge auf; reine Jahreszeitenlieder sind im Minnesang jedoch kaum üblich. Viel häufiger werden Jahreszeitenbilder funktionalisierend als Strukturelemente (Natureingang) oder als einleitendes Stimmungssignal wie auch andere o. g. Naturmotive eingesetzt, die bestimmte saisonale Aspekte in sich tragen. Die Jahreszeiten spiegeln oftmals den Gemütszustand des lyrischen Ich; so steht der Frühling als Erwachen der Natur für das Erwachen der Lebens- und Liebesfreude womit Sommerfreude der Minnefreude gleichgesetzt wird. Umgekehrt wird dies in Winterleid und Minneleid ausgedrückt.

Typisch sind das Mailied als Regelform des Frühlingsliedes, das Sommer- und das Winterlied, das meist als Winterklage und weniger oft als Winterpreis auftritt. Eine Möglichkeit, weshalb winterliche Lieder seltener auftreten, könnte mit der typischen Aufführungszeit im Frühjahr zusammenhängen. Auch dass sie nicht so gut in das Simplizitätsschema passen und eine dunkle Seite haben8 ist nicht unplausibel. Das Herbstlied hingegen gehört nicht in diese Reihe, da es eine travestierende Form des Minnesangs ist und hier herbstliche Gaumenfreuden gepriesen werden.9

b) Das Falkenmotiv: Ich zôch mir einen valken und Ez stuont ein frouwe alleine

Das Frühjahr und der Winter sowie ihre Bilder werden wie o. g. zum Medium symbolischer Funktionen, sind jedoch keinesfalls dem Naturmythos der Romantik gleichzusetzen. Sie sind deutlich einfacher gestrickt, bezeugen Lust- und Unlustgefühle, die durch die Jahreszeit bedingt sind und entsprechen zum Großteil der mittelalterlichen Lebenswirklichkeit. Eine große Ausnahme bildet hierbei das Falkenlied des Kürenbergers.10

Durch seine ihm eigene Widersprüchlichkeit nimmt es eine scheinbar isolierte Stellung im Minnesang ein; es bieten sich nur wenige Anhaltspunkte zu einem besseren Verständnis und zur Lösung der Rätselhaftigkeit. Die These, dass das Falkenlied ein Wechsel sei, ist schlecht vorstellbar. Es gibt weder durch den Kontext, noch durch sonstige Regiebemerkungen Hinweise darauf, dass zwei Personen sprechen. Vor allem die Auffassung der Falke sei ein Botenvogel ist dabei in zweierlei Hinsicht unplausibel: Erstens bedarf es dazu wiederum zwei Personen und zweitens stellt sich sofort die Frage, weshalb ein sich losreißender , fliehender Vogel an seinem ihm bestimmten Ziel ankommen sollte.11 Die erste Strophe beginnt mit ´ Ich zôch mir einen valken[ … ] (MF II, Str. 6, V. 1); die zweite Strophe nennt ebenfalls ein Ich, wobei aber nicht nachzuweisen ist, dass dieses ein Anderes ist, als das zuvor genannte. Es ist sogar sehr viel plausibler davon auszugehen, dass es sich um die selbe Person handelt, da sich die zweite Strophe auf die erste bezieht und durch ein sît12 (MF, Str. 7, V. 1) miteinander gekoppelt ist und keinerlei weitere Hinweise gegeben sind. Ob eventuell Strophen fehlen, was die Theorie des Wechsels stärken würde, bleibt jedoch der Spekulation überlassen. Eine zweite These, die Strophen bildeten ein metaphorisches Frauenlied und der Falke stehe für einen Mann zwischen zwei Frauen in einem mittelalterlichen Eifersuchtsdrama13, entbehrt wie obiges Beispiel jeglichen Textbezugs, auch wenn `Minnesangs Frühling´ die Strophen als Frauenstrophen markiert.

Schon viel eher aber kann der Falke als Symbol für Freiheitswillen stehen. Er wird von einer Person14 m ê re danne ein jâr (MF, Str. 6, V. 1) abgerichtet, danach huop [er] sich û f vil hôhe und vlouc in á nd è riu lant. (MF, Str. 6, V. 4.). Auch wenn er ein dressierter Vogel ist, so bleibt er doch ein wildes und stolzes Tier, das in seinem Innersten nicht gezähmt werden kann. Doch darf an dieser Stelle durchaus noch ein weiterer Schritt gewagt werden. Möglicherweise steht der Falke als Allegorie für den Freiheitswillen des Individuums einerseits und andererseits für den Freiheitswillen der Liebe. Nur wenn diese sich frei entfalten kann wie ein Vogel am Himmel, wird sie gedeihen; letztlich ist sie wild wie ein Falke und verendet in Gefangenschaft. Die zweite Strophe könnte so als eine Art Einsicht bzw. Loslassen des lyrischen Ich gesehen werden. Seitdem der Falke entflogen ist, sach ich den valken schône vliegen (MF, S. 7, V. 1) [ … ] got sende sîzesamene, die gelieb w é llen gerne sîn!´ (MF, S. 7, V. 4).

Einen weiteren Anhaltspunkt hierfür liefert Dietmars Lied Ez stuont ein vrouwe alleine (MF, S. 59, IV), das teilweise in diesen Kontext eingebettet werden kann. Eine Dame hält Ausschau nach ihrem Geliebten und beobachtet dabei Falken, deren Freiheit sie beneidet. Sie legt aber auch deutlich dar, dass sie es einst auch so hielt, wie der Falke, und tat, was ihr gefiel, und dorthin ging, wohin sie gerne wollte. Doch als sie den Geliebten frei auswählte, machte sie sich andere Frauen deswegen zu Feindinnen. Hier ist ganz deutlich ersichtlich, dass der Falke für Freiheit steht, was auch aufgrund seiner natürlichen Disposition als wilder (Raub)vogel nicht von der Hand zu weisen ist.

[...]


1 Heine, Heinrich: Buch der Lieder. Gedichte. Winkler. Düsseldorf 2006. S. 62

2 Ich wähle in Bezugnahme zu diesem Gedicht bewusst die Worte `romantische Tradition´, da Heinrich Heine niemals Romantiker war; er selbst bezeichnete sich als `entlaufenen Romantiker´. Das subtile Bedeutungsgeflecht und Spiel mit der Naturmotivik ist für den Zusammenhang mit der Thematik dieser Arbeit nicht von Belang. Es sei nur als ein Beispiel, der sich auf das Mittelalter und deren Literatur beziehenden Epoche, illustrierend und einführend genannt.

3 Der Brockhaus. Literatur. Schriftsteller, Werke, Epochen, Sachbegriffe. Mannheim u. Leipzig 2004. S. 453.

4 Ebd. S. 261; das genaue Datum ist auf den Tod des Dichters zurückzuführen, der in diesem Jahr während des 3. Kreuzzugs fiel.

5 Brunner, Horst (Hrsg.): Früheste deutsche Lieddichtung. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Reclam. Stuttgart 2005. S. 214.

6 Moser, Hugo u. Tervooren, Helmut (Hrsg.): Des Minnesangs Frühling. Hirzel38. Stuttgart 1988.

7 Schweikle, Günther: Minnesang. Metzler. Stuttgart und Weimar 2005. S. 203-205.

8 Vgl. Koller, Angelika: Minnesang-Rezeption um 1800. Falldarstellungen zu den Romantikern und ihren Zeitgenossen und Exkurse zu ausgewählten Sachfragen. Peter Lang. Frankfurt a. Main 1992 (Diss.). S. 286 f.

9 Vgl. Schweikle: Minnesang. S. 130-133.

10 Vgl. Grimminger, Rolf: Poetik des frühen Minnesangs. Beck. München 1969. S. 41-45.

11 Ebd. S. 91-96.

12 Bedeutungen: Seitdem, seither, später, danach.

13 Grimminger: Poetik. S. 97-103.

14 Ob Mann oder Frau, ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Jahreszeiten und Naturmotive im frühen Minnesang – Vom Kürenberger zur Hausenschule
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Frühe Minnelyrik
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V190850
ISBN (eBook)
9783656154761
ISBN (Buch)
9783656154990
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühe Minnelyrik, Minnesang, Kürenberger, Hausenschule, Falkenmotiv, Naturbilder, Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Minne
Arbeit zitieren
Katharina Weiß (Autor), 2010, Jahreszeiten und Naturmotive im frühen Minnesang – Vom Kürenberger zur Hausenschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/190850

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