Tuaregkonflikte in Mali und Niger

Eine Konfliktursachenanalyse auf Grundlage des Hamburger Ansatzes


Seminararbeit, 2012
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Tuaregkonflikte in Mali und Niger: Eine Einstimmung auf das Thema

2. Der theoretische Unterbau: Die Hamburger Grammatik des Krieges

3. Die empirische Überprüfung: Tuaregkonflikte und ihre Ursachen
3.1 Der Widerspruch
3.2 Die (innere) Krise
3.3 Der Konflikt
3.3.1 Der Fall Mali
3.3.2 Der Fall Niger
3.4 Krieg
3.4.1 Der Fall Mali
3.4.2 Der Fall Niger
3.4.3 Gewalt als Motor des Kriegs?

4. Schlussbetrachtung: Vorläufige Verifizierung der These

5. Anhang

6. Literaturverzeichnis

Tuaregkonflikte in mali und niger

„Mein Vater war Nomade, ich bin Nomade, meine Kinder werden Nomaden sein. […] Das ist das Leben meiner Vorfahren. Das ist das Leben, das wir kennen und schätzen" (Ein Vertreter der Tuareg, nach Delius 2012).

1. Tuaregkonflikte in Mali und Niger: Eine Einstimmung auf das Thema

Nach längerer Friedenszeit flammten im Januar 2012 in Mali erneut Konflikte zwischen der Regierung und vermutlich von Tuareg geführten Rebellengruppen auf[1], woraufhin die Armee über 20 Aufständische tötete und etliche weitere inhaftierte (vgl. NZZ Online, 05.02.2012). Die Geschehnisse brachen ein Friedensabkommen, das 2009 zwischen Rebellengruppen und den beiden westafrikanischen Staaten Mali und Niger geschlossen worden war (vgl. Fischer 2009, 104). Diese aktuellen Ereignisse werfen Licht auf einen Konflikt, der weitgehend unbekannt bzw. gering dokumentiert ist. Im Mittelpunkt stehen aufständische Gruppierungen, die sich hauptsächlich aus Vertretern der Tuareg zusammensetzen, einer nomadischen Volksgruppe, die seit Jahrhunderten in der Zentralsahara lebt.[2] Die Medien zeichnen die Tuareg oft romantisierend als ‚Ritter der Wüste‘, die sich gegen feindliche Einflüsse, sei es die französische Kolonialherrschaft oder das lebensfeindliche Klima der Sahara, allzeit erfolgreich zur Wehr setzten (vgl. Brünenberg 2006, Waibel 1998, Agada/Schuster 2009). Wenig bekannt sind die zahlreichen gewaltsamen Aufstände gegen die jeweiligen (Zentral-) Regierungen. Die ersten Konflikte deuteten sich schon ab dem 9. Jahrhundert n. Chr. an, als moderne Nationalstaaten zwar noch nicht existierten, aber bereits arabisch-berberische Nomaden, wohl die Vorfahren der heutigen Tuareg, gegen die sesshafte Bevölkerung sudanesischer Reiche zu Felde zogen. Auch die Kolonialherren konnten die Aufstände nicht gänzlich befrieden. Nach der Unabhängigkeit von ihren kolonialen Mutterländern kam es schließlich in beiden Staaten zu Bürgerkriegen, die Anfang der 1990er Jahre ihren Höhepunkt erfuhren (vgl. Brüne 2005, 108). Interessant ist nun die Frage danach, aus welchem Grund es zu den gewaltsamen Ausschreitungen kam, die angesichts der neuen Kämpfe 2012, trotz zahlreicher Friedensinitiativen und –abkommen, nicht befriedet werden konnten. Die vorliegende Arbeit ist daher eine Kriegsursachenanalyse und stellt die Hamburger Grammatik des Krieges als theoretischen Unterbau voran, ein analytisches Rahmenkonzept der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung, das für sich beansprucht, „[…] einen gesellschaftstheoretischen Erklärungsrahmen für das weltweite Kriegsgeschehen im Grundsatz skizziert zu haben“ (Schneider/Schreiber/Wilke 1997). Auf Grund dieses hohen Anspruches wurde es für diese Arbeit ausgewählt. Angemerkt sei, dass keine (Konflikt-) Theorie die Empirie gänzlich erklären kann, dennoch kann sie als Instrument dazu dienen, einen Konflikt in Ansätzen zu verstehen bzw. nachzuvollziehen (vgl. Simonis/Elbers 2003, 99 ff.). Die vorliegende Arbeit möchte nun den Hamburger Erklärungsansatz an der Empirie überprüfen. Sie füllt insofern eine Forschungslücke, als dass bisher noch keine Publikation vorhanden ist, die explizit den Hamburger Ansatz am Beispiel des Tuareg-Konflikts erprobt.

Der Charakter des Tuaregvolks an sich und die Aufstände sind ausreichend dokumentiert, jedoch nicht in der Breite bzw. Intensität, wie dies bei anderen Konflikten der Fall ist. Die größte Publikationslücke klafft bei der genaueren Beschreibung der Bürgerkriege ab Anfang der 1990er Jahre. Auffällig ist die Vielzahl der Untersuchungen zu Mali; der Niger bedarf noch weiterer Dokumentation. Konfliktursachen findet man gesammelt in einigen Publikationen (Gantzel/Schwinghammer 1992, Keita 1998, Reinhard 1999, Robert 2007, Schreiber 2011), dennoch wirken sie oft unsortiert und die Autoren gewichten sie zudem unterschiedlich. Dem Leser fehlt ein Gesamtüberblick. Daneben mangelt es an neueren Länderberichten. Die aktuellsten beziehen sich auf die Ausschreitungen der Jahre 2007-2009 (Basedau/Werner 2007, Bouhlel-Hardy/Guichaoua/ Tamboura 2007, Robert 2007, Plate 2009).

Der Fokus der Untersuchung dieser Arbeit liegt auf Mali und Niger, die im Mittelpunkt der Rebellion standen bzw. stehen. Es wurde bewusst nicht nur ein Land ausgewählt – Mali oder Niger –, da die Untersuchung sonst unvollständig erscheint: Tuareg siedeln grenzübergreifend und es sind durchaus Absprachen zwischen nigrischen und malischen Rebellengruppen bekannt. Die Geschichte hat gezeigt, dass ein Konfliktausbruch im einen Land den eines anderen im Nachbarland bewirken kann (vgl. Basedau/Werner 2007, 6).

Der Arbeit wird die These vorangestellt, dass sich der Tuaregkonflikt in Mali und Niger durch den Hamburger Ansatz erklären lässt.[3]

In einem ersten Schritt wird die Hamburger Grammatik des Krieges dargestellt, die den theoretischen Unterbau der Arbeit darstellt (2.). In einem zweiten Schritt werden die Ursachen des Konfliktes gesammelt und versucht, sie in das Schema der Theorie einzuordnen (3.). In einem dritten Schritt wird ein Fazit gezogen (4.).

2. Der theoretische Unterbau: Die Hamburger Grammatik des Krieges

Anfang der 1990er Jahre entwickelten Wissenschaftler der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung ein analytisches Konzept mit dem Anspruch, Konfliktursachen im Ganzen zu skizzieren, d.h. die drei bereits bekannten Analyseebenen Staat/Gesellschaft, internationales System und Individuum unter einem Gesamtansatz zu vereinen und zu verbinden.[4] Die genannten Analyseebenen umfassen jeweils eigene Ursachen, die jedoch in ihrer Gesamtheit betrachtet werden müssen, denn nur so könne das ‚Kriegsursächliche‘ gesehen werden, das „[…] ein zusammengesetztes Ganzes [ist], ein Bedingungsgefüge unterschiedlicher Faktoren, die sich zu kriegerischem Konfliktaustrag verdichten“ (Siegelberg 1994, 180). Die Theorie geht also davon aus, dass alle Kriege einem Entwicklungsschema unterliegen, das alle Ursachen inkludiert, die sich aus den drei Analyseebenen ergeben – der Ansatz liefert also einen „Gesamtkomplex kriegsursächlicher Bestimmungsgründe“ (ebd., 181). Inhaltlichen Kernpunkt des Ansatzes stellen die vier Kategorien Widerspruch, Krise, Konflikt und Krieg dar, welche die „Stufenfolge auseinander hervorgehender systematischer Ebenen“ (ebd.) bilden. Damit es zu einem Krieg kommt, müssen diese vier Ebenen durchlaufen worden sein, sie bilden alle Ursachen ab, die für einen Krieg in Frage kommen – den gewünschten Gesamtkomplex. Die Kategorien sind zeitlich geordnet: Ohne Widerspruch keine Krise, ohne Widerspruch und Krise kein Konflikt, ohne Widerspruch, Krise und Konflikt kein Krieg. Der erste Schritt zum Krieg umfasst „[…] die strukturell verankerten Widersprüche und Gegensätze, die den Hintergrund des jeweiligen Kriegsgeschehens bilden“ (ebd., 182), sei es das „Kapitalverhältnis […] oder [.] die gleichzeitige Existenz unterschiedlicher Vergesellschaftungsformen“ (ebd.). Die Gegensätze können so „[…] religiöse, ethnische, wirtschaftliche, politische, kulturelle oder andere […]“ sein (ebd.). Angemerkt sei aber, dass die Hauptthese der Hamburger ist, dass den größten Widerspruch der Prozess der globalen Vergesellschaftung darstellt, welcher eine Entwicklung zum Kapitalismus und seine Ausweitung inclusive der bürgerlichen Gesellschaftsform bedeute. Diese treffe auf traditionelle Gesellschaftsformen und formiere die Gesellschaft zur Weltgesellschaft, in der ehemals getrennte Welten unter kapitalistischer Produktions- und Herrschaftsweise vereint werden. Die Autoren erlauben die Begriffspaare vorbürgerlich/bürgerlich, traditionell/modern und kapitalistisch/vorkapitalistisch, und meinen letztendlich den „Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft“ (ebd., 38). Die Ausdehnung des Kapitalismus und die Werdung der Gesellschaft zur Weltgesellschaft verdrängt traditionelle Lebensformen oder vernichtet sie sogar, soziale Beziehungen werden durch materielle abgelöst, bzw. in die Ökonomie eingebunden, gegensätzlich zum Früheren, als das Ökonomische noch ins Soziale eingebettet war (vgl. ebd., 40). Der von den Autoren skizzierte kapitalistische Transformationsprozess meint nicht nur die Ökonomie, sondern letztendlich auch als logische Folge „[…] die formale Durchstaatlichung der Welt und die Ausbreitung bürgerlicher Ideale und Lebensstile“ (Schneider/Schreiber/Wilke 1997), und damit die „Umwälzung der gesamten gesellschaftlichen Konstruktion“ (Siegelberg 1994, 41). Die oft genannte „Leitdifferenz“ (Jung 1998, 241) läuft entlang der „sozialen Funktionsbereiche materielle Reproduktion, politische Herrschaft und (über Ideen und Weltbilder vermittelte) symbolische Ordnung […]“ (Schneider/Schreiber/Wilke 1997). Der Widerspruch nun umfasst die objektiven Ursachen eines Konfliktes oder später sogar Krieges, „die aus der Ungleichzeitigkeit der Entwicklungen hervorgehende Heterogenität der Staats-, Herrschafts-, Lebens- und Konfliktformen“ (Siegelberg 1994, 42). Laut Siegelberg benötigt ein Krieg jedoch auch eine gewisse Subjektivität, die subjektive Wahrnehmung der objektiven Ursachen durch die Akteure. An einem gewissen Punkt müssen schließlich die objektiven Gegensätze als krisenhaft wahrgenommen werden, denn „[…] Akteure handeln nicht aufgrund objektiv vorhandener Widersprüche, sondern aufgrund der von ihnen subjektiv wahrgenommenen Wirklichkeit. Nur diese Wirklichkeit ist Ursprung und Motiv ihres Handelns“ (ebd., 183).Was ein Mensch wiederum als krisenhaft empfindet, ist subjektiv und kann nicht pauschalisierend bestimmt werden. Es ist darauf hinzuweisen, dass die Krise keine eigene Phase auf dem Weg zum Konflikt darstellt, denn die Akteure empfinden und verarbeiten im gesamten Konfliktverlauf die Geschehnisse auf eigene Weise. Eine Person kann im gesamten Verlauf eine Krise verspüren und demzufolge sich entscheiden zu handeln (vgl. ebd., 184), dies bringen die „[…] Formen geistig-sozialer Aneignung und Verarbeitung als unbewußt ablaufender psychischer Vorgang“ (ebd.) mit sich. Die Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster unterscheiden sich je nach Gesellschaft und je nach zeitlicher Epoche. Anzumerken ist, dass nicht alle Widersprüche, die subjektiv wahrgenommen und als krisenhaft empfunden werden, auch tatsächlich als solche zu Tage treten und es für den objektiven Betrachter unverständlich erscheint, dass sie als kritisch empfunden werden. Gleichfalls kann eine Gesellschaft aber auch friedlich existieren, obwohl sie, wie beispielsweise die moderne bürgerliche Gesellschaft, für den objektiven Betrachter viele Widersprüche enthält (vgl. ebd., 184 f.). Nachdem die Widersprüche der ersten Ebene „[…] den Filter der gesellschaftlich erzeugten subjektiven Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster […]“ (ebd., 187) durchlaufen haben, kristallisieren sich nach der Krisenphase die tatsächlichen Beweggründe der Akteure heraus. Dadurch „[…] trennen sich die potentiellen von den faktischen Bestimmungsgründen des Akteurshandelns“ (ebd, 187). Danach ist es möglich, dass die wahrgenommene Krise sich im Verhalten der Akteure äußert: Sie beginnen zu ‚agieren“, mit dem Ziel, die als krisenhaft empfundenen Widersprüche aufzulösen. Der Weg zum Krieg ist geebnet, sobald die Personen sich dazu entscheiden, die Situation nicht mehr passiv hinzunehmen, sondern mit Gewaltanwendung zu ihren Gunsten zu verändern. Die Menschen gewinnen in dieser Phase, dem Konflikt, an Handlungsfähigkeit, sei es durch die „[…] Schaffung materieller Voraussetzungen“ (ebd., 191) oder durch psychische Mobilmachung, denn der Umschlag von friedlichem Hinnehmen zu aktivem, gewaltsamen Widerstand ist als komplexer Prozess zu verstehen – als „Eskalationsprozess“ (ebd., 192), in dem die Konfliktparteien aufeinander reagieren und Frieden in, aus wechselseitigem Verhalten resultierende, gegenseitig angewandte Gewalt umschlägt. Wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind, kann schließlich von Krieg gesprochen werden; die wichtigste Gewalt ist die kollektive Anwendung physischer Gewalt, die nicht nur den Abschluss des Eskalationsprozesses bildet, sondern auch eine neue Qualität zum Vorherigen aufweist, da sie den Krieg entzündet und am Laufen hält. Gewalt wird so selbst zur Kriegsursache, da sie leicht auf andere Konfliktbereiche ausweitbar und selbstverstärkend ist. Der Krieg kann fortexistieren, ohne dass die eigene Ursache noch klar bestimmbar ist und damit eine Eigendynamik entwickeln, die die eigentlich angenommene Ursache verschwinden und eine andere an ihre Stelle treten lässt (vgl. ebd., 187-194).

[...]


[1] Die Autorin ist sich darüber bewusst, dass die deutsche Sprache sehr maskulin geprägt ist und daher im Grunde beispielsweise statt „Akteur“ stets „AkteurIn“ geschrieben werden müsste. Da dies aber weniger flüssig zu lesen ist, wird stets nur die maskuline Form verwendet; Dies erfolgt aber ausdrücklich nur auf Grund der besseren Lesbarkeit.

[2] Es sei angemerkt, dass der Begriff „Tuareg“ ein Fremdbegriff ist und die Bezeichneten sich selber „kel tamashek“ oder auch „Imuhar“ nennen – „freie Menschen“. Der Begriff Tuareg ist aber in der akademischen Literatur geläufig, so dass er auch hier gewählt wird (vgl. Brünenberg 2006, Brüne 2005). Zur Ausdehnung der Sahara siehe Anhang.

[3] Angemerkt sei, dass sicher auch andere Konfliktursachentheorien greifen. Auf Grund des hohen Anspruchs des Hamburger Ansatzes wurde jedoch dieser ausgewählt. Seine Begründer bzw. Hauptvertreter sind Jens Siegelberg, Dietrich Jung und Klaus Schlichte.

[4] Wegen der Begrenztheit der Arbeit wird im Folgenden nur ein kurzer Abriss des Hamburger Ansatzes gegeben. Für Näheres empfiehlt sich die Lektüre „Kapitalismus und Krieg“ von Siegelberg 1994, woraus im Folgenden auch hauptsächlich zitiert werden wird.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Tuaregkonflikte in Mali und Niger
Untertitel
Eine Konfliktursachenanalyse auf Grundlage des Hamburger Ansatzes
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Ursachen und Dynamiken innerstaatlicher Kriege
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V191003
ISBN (eBook)
9783656155492
ISBN (Buch)
9783656155393
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tuareg;, Mali;, Niger;, Konflikt;, Tuaregs;
Arbeit zitieren
B.A. Carolin Deitmer (Autor), 2012, Tuaregkonflikte in Mali und Niger, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191003

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