Gastfreundschaft im Alpentourismus und ihre Rolle in der Interkulturellen Kommunikation


Hausarbeit, 2012
41 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit
1.2 Themeneinführung und Fragestellung

2 Begriffsdefinitionen
2.1 Interkulturelle Kommunikation
2.2 Gastfreundschaft

3 Kulturstandards
3.1 Edward T. Hall
3.1.1 High- and Low-Context-Cultures
3.1.2 Raum
3.1.3 Monochronismus und Polychronismus
3.2 Die Kulturdimensionen von Geert Hofstede
3.2.1 Power Distance Index (PDI)
3.2.2 Individualism versus Collectivism (IDV)
3.2.3 Masculinity versus Feminity (MAS)
3.2.4 Uncertainty Avoidance (UAI)
3.2.5 Long-term versus Short-term Orientation (LTO)
3.2.6 Indulgence versus Restraint (IVR)
3.2.7 Länderprofile

4 Das Ritual der Gastfreundschaft
4.1 Die Interaktionspartner
4.2 Kulturelle Identität
4.3 Fremdeinflüsse
4.4 Interkulturelle Missverständnisse

5 Interkulturelle Kompetenz

6 Fazit

7 Literatur- und Quellenverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Vergleich der Kulturdimensionen von Deutschland, Österreich und der Schweiz

Abbildung 2: Vergleich der Kulturdimensionen der Schweiz, den USA und Russland

Abbildung 3: Vergleich der Kulturdimensionen von Österreich, Japan und Spanien

Abbildung 4: Nähe Kochelberg, Garmisch-Partenkirchen

II. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Aufbau der Arbeit

In der Einleitung soll dem Leser das Thema näher gebracht werden. Dabei wird kurz auf die Ausgangslage, die Problemstellung und die eigentliche Zielsetzung eingegan- gen.

Im zweiten Kapitel werden die beiden zentralen Begriffe dieser Arbeit anhand von theoretischen Grundlagen näher erläutert: Interkulturelle Kommunikation und Gastfreundschaft, wobei letzteres erst ab Kapital vier vertieft aufgegriffen wird. Im dritten Kapitel werden kulturspezifische Denkstrukturen und daraus resultierende Handlungsmuster vorgestellt, die die Identifikation von potentiellen interkulturellen Missverständnissen erleichtern können. Erste Beispiele und Hinweise für interkulturelle Missverständnisse fließen erläuternd mit ein.

In Kapitel vier wird die Rolle der Gastfreundschaft in der Begegnung zwischen Reisenden und Bereisten diskutiert und der Einfluss von kultureller Identität und Fremdwahrnehmung dargestellt. Abschließend werden potentielle interkulturelle Missverständnisse anhand konkreter Beispiele aufgezeigt.

Das fünfte Kapitel zeigt welche Kompetenzen das Gelingen oder Scheitern von Verständigungsprozessen zwischen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Sozialisationserfahrungen fördern und stellt Handlungsstrategien vor, die sowohl für Gastgeber als auch Gäste hilfreich sein können.

Eine kritische Reflexion und einen Ausblick enthält Kapitel sechs.

1.2 Themeneinführung und Fragestellung

Infolge der Globalisierung nahm das Zusammentreffen zwischen Menschen verschiedener Kulturen vor allem in den letzten 100 Jahren deutlich zu. Damit stieg sowohl die Bedeutung der Interkulturellen Kommunikation als auch das Interesse an diesem Thema.1

Das Reisen, früher ein Ausnahmezustand, ist heute etwas Alltägliches. Der Begriff Tourismus beschreibt dabei die Gesamtheit der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt von Personen ergeben, für die der Aufenthaltsort weder hauptsächlicher noch dauernder Wohn- und Arbeitsort ist.2 Von dieser Definition ausgehend, stellen sich für den Zugang aus kultur- und kommunikationswissenschaftlicher Sicht zahlreiche Fragen, sind viele Problem- und Konfliktbereiche zu benennen. In den Alpen hat der Tourismus eine enorme Bedeutung gewonnen. Der Tourismus beeinflusst aber nicht nur einen Teil der Wirtschaft, er ist vor allem auch Teil des Lebens der „Bereisten“, d.h. der einheimischen Bevölkerung. Die kulturellen Ausdrucksformen, die gerade auch im Tourismus von Bedeutung sind, zählen zu den wichtigsten Teilen des menschlichen Lebens. „Einerseits drücken sie einen bestimmten Reflexionsgrad der Gastgeber aus und andererseits stellen sie den Magnet für den Urlauber dar. Aus dieser Doppelfunktion ergeben sich Spannungsfel- der, die Anwesenheit eines Gastes wirkt kulturverändernd und regt schließlich insbe- sondere den Gastgeber an, diese Ausdrucksformen an die Gästebedürfnisse anzupas- sen.“3

Fremdeinflüsse können demnach von den Einheimischen als belastend empfunden werden, wenn das Gefühl entsteht, dass Eigenständigkeit und Selbstbestimmung ver- loren gehen.

Aber auch für die Reisenden selbst bedeutet Urlaub nicht nur die individuelle Befriedigung ihrer Urlaubsbedürfnisse nach Ruhe und Erholung, nach Unterhaltung und Vergnügen, nach Komfort und Luxus, sondern vor allem auch eine Begegnung mit anderen Menschen, anderen Kulturen, anderen Gewohnheiten; es bietet die Möglichkeit Fremdes aus erster Hand kennen zu lernen und somit Möglichkeiten zur Interkulturellen Kommunikation.

Wie viel Fremdes aber lässt der Tourist zu? Kommt es tatsächlich zu einem Dialog der Kulturen? Wie verläuft die Begegnung zwischen Einheimischen und Touristen, zwischen Gastgebern und Gästen?

Will man das Feld der Interkulturellen Kommunikation im Tourismus möglichst umfas- send behandeln, muss man freilich auch die Veränderungen berücksichtigen, die der Tourismus unter anderem in der Kultur des Gastlandes nach sich zieht. Denn auch diese Veränderungen können das Gelingen Interkultureller Kommunikation gefährden. Um den Umfang dieser Arbeit jedoch nicht zu sprengen, muss auf eine Untersuchung der Rolle des Tourismus und der durch ihn verursachten kulturellen Veränderungen, wie es beispielsweise Marion Thiem4 oder Erving Goffmann5 tun, weitestgehend ver- zichtet werden.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Beziehung von Gast und Gastgeber, als tourismus- bedingtem Sonderaspekt der Interkulturellen Kommunikation. In der Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen wird deutlich, dass sich nicht nur die Sprachen vonei- nander unterscheiden können, sondern auch bestimmte kulturelle Muster und Verhal- tensweisen. Wenn Wissen und Verständnis für andere Kulturen fehlen, können daraus Missverständnisse entstehen. Ziel ist es daher, die Hindernisse in der kommunikativen Interaktion zu überwinden.

Inwieweit kann dabei Gastfreundschaft als ein die Kommunikation förderndes Element zwischen Reisenden und Bereisten hilfreich sein, das Gelingen Interkultureller Kommunikation zu fördern?

2 Begriffsdefinitionen

2.1 Interkulturelle Kommunikation

Kommunikation ist der gemeinsame Austausch von Informationen. Dies geschieht di- rekt durch Sprache6, aber auch indirekt durch den Körper7. Kommunikation wird häufig als ein Prozess beschrieben, in dessen Verlauf Informationen von einem Sender an einen Empfänger übermittelt werden. Die Grenzen dieses Sender-Empfänger-Modells sind dabei aber schnell erreicht. Denn Kommunikation ist kein einfacher, eingleisiger Prozess; ihre Botschaften werden nicht ohne Bezug zur Umwelt und zur Abfolge ver- gangener und künftiger Ereignisse gesendet und empfangen. Kommunikation ist viel- mehr ein dynamischer Prozess in zwei Richtungen und beruht in gewissem Umfang auf dem gemeinsamen, sozialen Wissen von Sender und Empfänger. So sind Bot- schaften normalerweise auch nur in einem bestimmten Rahmen bedeutungsvoll.

Erfolgreich wird Kommunikation dann, wenn die Teilnehmer in der Interaktion die Sym- bole des Gesprächspartners richtig deuten können. Bedeutungen, in die auch subjekti- ve Erfahrungen und kulturelle Bezüge einfließen, werden in der Kommunikation „aus- gehandelt“,

In diesem Kontext wird Kultur als die Gesamtheit der erlernten Verhaltensweisen und übernommenen Einstellungen, Wertesysteme und Kenntnisse gesehen, die von einer Ethnie geteilt und tradiert werden. Ethnie im Sinne der Ethnomethodologie stellt eine „beliebig große Gruppe von Personen dar, die gemeinsam eine spezifische soziale Wirklichkeit hervorbringen, aufrechterhalten und ihr Denken an ihr orientieren“8.

Die gemeinsame Kultur bildet die Basis des Zusammengehörigkeitsgefühls sowie der Kommunikation zwischen diesen Menschen und ist demnach ein wichtiger Bestandteil der Identität dieser Menschen. Die Konfrontation mit Fremden bedeutet demnach im- mer eine gewisse Bedrohung für die Identität der bereisten Menschen. Interkulturelle Kommunikation ist in besonderem Maße durch den Code der Kulturen der beteiligten Gesprächspartner geprägt. Je fremder eine Kultur der anderen ist, desto mehr Aufwand ist erforderlich, um Kommunikation zu realisieren, weil sich etwa Nor- men und Werte, Glaube und Mythen, die Modelle für „richtiges“ Verhalten, stark unter- scheiden.

In der Interkulturellen Kommunikation stellen verschiedenen Sprachen - darin einge- schlossen auch die vielen Dialekte9, die man im Alpenraum spricht -, verschiedene Kommunikationsstile, kulturelle Kontexte, Kommunikationsregeln, die Verwendung bestimmter Gesten, Verhaltensmuster, Rollen, die Stellung der Akteure zueinander, räumliche und zeitliche Orientierung usw. potentielle Kommunikationshindernisse dar. Je unterschiedlicher der individuelle oder kulturelle Hintergrund, desto schwieriger ge- staltet sich Kommunikation, umso größer wird die Gefahr des Missverständnisses.

Häufig entstehen Konflikte im interkulturellen Austausch auch deswegen, weil wir den Bedeutungsgehalt von Gesten, Gebärden und Symbolen, die wir aus unserer eigenen Kultur kennen, auf die Fremde übertragen. Dieses oft schnelle Zurückführen von Fremdem auf Bekanntes, das Aufspüren von Beziehungsmustern, erzeugt Missver- ständnisse. Darüber hinaus verschließt es uns das Fremde, weil es das Fremde an- nektiert und damit zerstört.

2.2 Gastfreundschaft

Erst im 17. Jahrhundert bekam der Begriff „Gast“ eine positive Bedeutung. Aus der indogermanischen Wurzel ghosti-s gingen u.a. germanisch gasti, altnordisch gestr, altenglisch giest oder altfranzösich jest hervor und alle bedeuten “Fremdling”. Lateinisch hostis heißt “Fremdling, Feind, besonders Kriegsfeind. Das englische Wort für Gastgeber, „host“, lässt sich gar auf „hostile“ - feindlich oder „hostage“ - Geisel zurückleiten. Heute hat der alte Begriff „Gast“ zudem überwiegend einen Wandel zum Begriff „Tourist“ erfahren. Beispielsweise die Wandlung von der Bezeichnung „Haus der Gastes“ zu „Touristeninformation“ verdeutlicht dies.

„Gastfreundschaft gilt als elementares soziales Prinzip und bezeichnet die kulturelle Verpflichtung der Aufnahme, des Schutzes und der Bewirtung von Menschen, die nicht zum Haushalt der Gastgeber gehören.“10 Die Grundlage dieses zwischenmenschlichen Umgangs stützt sich auf gegenseitigen Respekt, Wohlwollen und Anerkennung.11 Ihre Normen und ungeschriebenen Gesetze sind kulturspezifisch und unterliegen einem steten Wandel. Sie bedeuten ein kompliziertes Geflecht zwischen Geben und Nehmen und erläutern die Rechte und Pflichten beider Seiten.

Diese Idee der Gastfreundschaft schwingt auch in der gewinnorientierten Form der Gästebetreuung mit. Es werden Werte suggeriert, wie sie einer persönlichen und priva- ten Beziehung entsprechen, und Gastfreundschaft wird damit funktionalisiert und fast zum Mythos stilisiert.12 Insbesondere das in Gastfreundschaft enthaltene Wort „Freundschaft“ entspricht im Grunde nicht dem, was es für diese gewinnorientierte Form der Gästebetreuung bedeutet. Die Freundlichkeit der Gastgeber beruht im kom- merziellen Tourismus nicht auf tatsächlicher persönlicher Sympathie oder Gefühlen - sie beruht vom Grunde her auf einem, beiden Seiten bewussten, professionellen Ver- ständnis von Dienstleistung. Gäste bleiben Gäste und sind nicht Freunde.

„Die touristischen Inszenierungen als Gastgeber bedeuten für die Beschäftigten im Tourismus bewussten Einsatz, Kontrolle und damit „Instrumentalisierung ihrer Gefühle“ im Kontext ihrer Erwerbstätigkeit. Die Versprechungen der Werbung und die Erwartungen der Touristen erfordern die Inszenierung authentischen Erlebens, erfordern die Inszenierung von Werten, die mit Gastfreundschaft verbunden sind, nicht mit Gastfreundschaft als realer, historischer Größe, sondern als Konstrukt, als Idee.“13

Daher kann Gastfreundschaft in diesem Zusammenhang eher als ein gegenseitiges Bemühen definiert werden, das bei einem Zusammentreffen von Reisenden und Bereisten Gefühle des Wohlbefindens, der Vermittlung von menschlicher Wärme und das Gefühl des Willkommenseins entstehen lässt.14

3 Kulturstandards

Kulturspezifische Denkstrukturen und die daraus resultierenden Handlungsmuster werden als kulturelle Standards bezeichnet. Sie entstehen durch die Auseinandersetzung der Menschen mit spezifischen sozialen, politischen und ökonomischen Besonderheiten der jeweiligen Herkunftsregion.

Kulturstandards werden schon von Geburt an, u.a. durch Kommunikation, vermittelt. Die Eingliederung in eine bestehende Gemeinschaft und damit in die jeweilige Kultur ist neben dem Erlernen der Sprache auch mit dem Erlernen von spezifischen Konzepten, wie Werten, Normen und Verhaltensmustern verbunden.15

Werte sind wesentliche Grundsätze für eine Gemeinschaft oder Gruppe, die den roten Faden der Lebensorientierung dieser Gruppe bilden. Werte sind gleichzusetzen mit Prioritäten: eine bestimmte Wertvorstellung annehmen bedeutet in diesem Zusam- menhang, dass man dazu neigt, den gegebenen Zustand vor anderen zu wählen. Wer- te werden in einer Gemeinschaft respektiert, was nicht heißt, dass allgemein und stän- dig an ihnen festgehalten wird. Man hält sie für bedeutsam, aber es kann auch Kom- promisse geben. Werte sind nicht leicht zugänglich und daher teilweise auch sehr schwer zu beschreiben; sie sind die dauerhaftesten Bestandteile eines kulturellen Sys- tems.

3.1 Edward T. Hall

Edward T. Hall gilt als Begründer des Fachgebiets der Interkulturellen Kommunikation. 1959 veröffentlichte er „The Silent Language“. Die zentrale Botschaft seines Buches ist nach Hall’s eigener Aussage der weitreichende und weitgehend unbewusste Einfluss von Kultur auf die menschlichen Verhaltensweisen und die große Bedeutung nonverbalen Verhaltens als Mittel der Kommunikation.16 Halls Konzepte prägen Forschung und Praxis der Interkulturellen Kommunikation. In interkulturellen Trainings dienen sie der Veranschaulichung und Erklärung möglicher Missverständnisse.

Hall unterscheidet Kulturen nach den Dimensionen von High und Low Context, von Raum und die Dimension des Monochronismus und Polychronismus.

3.1.1 High- und Low-Context-Cultures

Low Context Kulturen wie die USA, Australien, Kanada, Großbritannien, skandinavi- schen Länder oder Deutschland legen die zu vermittelnden Botschaften vor allem in die verbale, direkte Kommunikation. In Low Context Kulturen wird deutlich, direkt und explizit kommuniziert. Es wird alles beim Namen genannt, man wirkt direkter und fühlt sich verpflichtet, dem Gesprächspartner möglichst präzise Angaben zu machen. In Kulturen mit starkem Kontextbezug ist es weniger üblich, Dinge direkt beim Namen zu nennen; in diesen High Context Kulturen wird implizit kommuniziert. In Ländern Südeuropas, vielen asiatischen und afrikanischen Ländern sowie in Lateinamerika kann das Erwähnen zahlreicher Details als negativ empfunden werden. Die indirekte Kommunikation mittels Mimik und Gestik sowie Anspielungen, die Umstände der Be- gegnung und viele weitere Kontextfaktoren sind hier nicht zu unterschätzende Informationsträger.

3.1.2 Raum

Das Forschungsgebiet der Proxemik beschäftigt sich mit dem Raumverhalten als einem Teil der nonverbalen Kommunikation. Das Empfinden räumlicher Distanzen oder des Raumes allgemein ist stark von Kultur beeinflusst. Je nach Kultur haben die sog. Distanzzonen jeweils unterschiedliche Ausmaße. Bei Nordeuropäern ist beispielsweise eine größere Körperdistanz feststellbar als bei Südeuropäern.

Die Distanz zu überschreiten kann ebenso ein Fehler sein wie sie zu unterschreiten. Wählt man die „falsche“ Distanz zu einer Person, in deren Kulturkreis normalerweise geringe Körperabstände zueinander eingenommen werden, kann dies etwa auf übertriebene Vorsicht, Feindseligkeit oder mangelndes Vertrauen schließen lassen und sich negativ auf die Gesprächssituation auswirken.

3.1.3 Monochronismus und Polychronismus

In polychromen Kulturen spielt Zeit nur eine kleine oder zumindest nur eine untergeordnete Rolle. Anders wie in monochromen Kulturen werden Aufgaben nicht nacheinander erledigt. Menschen mit polychromem Zeitverhalten können mehrere Aktivitäten gleichzeitig und fast parallel abwickeln. Sie haben eine höhere Toleranz gegenüber Unterbrechungen entwickelt und verfügen so über eine größere Flexibilität. Für sie ist es wichtiger menschliche Transaktionen zu vollenden als Zeitpläne strikt einzuhalten. Pünktlichkeit ist nicht von besonderer Wichtigkeit.

In monochromen Kulturen dagegen wird Zeit linear genutzt und genau geplant. Es wird immer nur eine Aufgabe nach der anderen erledigt und nie mehrere gleichzeitig. Pünkt- lichkeit ist oberstes Gebot und Verabredungen müssen genau eingehalten werden. Dies bedeutet eine geringere Flexibilität. Menschen, in deren Gesellschaft monochro- mes Zeitverhalten vorherrscht, passen ihre Aktivitäten an die zur Verfügung stehende Zeit an. „In diesen Bereichen entstehen kulturelle Missverständnisse beispielsweise, wenn der entsprechende Umgang mit Zeit kulturell verschieden ist und dies den Inter- aktionspartnern nicht bekannt ist.“17

Wie selbstverständlich gehen Menschen auch teilweise davon aus, dass ihr eigenes Zeitsystem allgemeingültig ist und übertragen es auf andere Länder und Kulturen. Da- bei übersehen sie dann wichtige Botschaften, die sich hinter fremden Zeitsystemen verbergen.18

3.2 Die Kulturdimensionen von Geert Hofstede

Der holländische Kulturpsychologe und Sozialwissenschaftler Geert Hofstede ist wohl der am meisten zitierte Autor zum Thema Kultur. Hofstede erstellte eine der umfang- reichsten empirischen Studien über kulturelle Unterschiede, die je gemacht wurden: In den Jahren 1968 und 1972 wurden in 53 Ländern ca. 116.000 IBM-Mitarbeitende be- fragt. Die statistische Auswertung brachte in den verschiedenen Ländern gemeinsame Probleme zutage, „aber von Land zu Land unterschiedliche Lösungen“19.

Der Einfluss von Kultur auf das Verhalten, das auch für das Verhalten von Reisenden und Bereisten anwendbar ist, beschrieb Hofstede anhand von vier Dimensionen, die anhand eines kulturellen Wertesystems geordnet werden können und sich im Verhält- nis zu anderen messen und vergleichen lassen: Power Distance Index, Individualism versus Collectivism, Masculinity versus Feminity und Uncertainty Avoidance. Im Laufe der Zeit sind noch weitere Dimensionen hinzugekommen von denen insbesondere die fünfte Dimension bisher an Bedeutung gewonnen hat: Long-term versus Short-term Orientation. Hofstede entwickelt seine Theorie stets weiter: In seinem letzten Buch20 formulierte er eine weitere Dimension, die den Namen „Indulgence versus Restraint“ trägt.

Für Hofstede stellt Kultur eine „mentale Software“ dar: die „kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet.“21 Diese mentale Programmierung erlernen Menschen ein Leben lang. Die Quellen dieser mentalen Programme, liegen im sozialen Umfeld, in dem die Menschen aufwachsen und ihre Lebenserfahrungen sammeln. Die Kulturdimensionen von Geert Hofstede sind ein gutes Analyseinstrument, um einen gruppenbezogenen kulturellen Überblick zu gewinnen.

3.2.1 Power Distance Index (PDI)

Die Machtdistanz beschreibt den Grad der Abhängigkeit von Beziehungen in einem Land. Sie ist definiert als „das Ausmaß, bis zu welchem die weniger mächtigen Mitglie- der einer Gesellschaft eines Landes erwarten und akzeptieren, dass Macht ungleich verteilt ist.“22

Hofstede weist beispielsweise auf einen Zusammenhang zwischen Machtdistanz und Klima hin: Umso wärmer das Klima, desto grösser ist die Machtdistanz. In Ländern mit gemäßigtem oder kaltem Klima ist eine geringere Machtdistanz feststellbar, da hier das Überleben von Menschen stärker von der Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen und unabhängig zu sein, beeinflusst ist.

Auch die Größe der Bevölkerung und der Wohlstand eines Landes entscheiden über den Grad der Machtdistanz: je größer die Bevölkerung, desto größer die Machtdistanz; je ärmer das Land, desto größer die Machtdistanz.

Ein hoher Grad an Machtdistanz ist folglich in den meisten asiatischen, osteuropäischen, lateineuropäischen und arabischen Ländern zu finden. Geringe Machtdistanzwerte finden sich in deutschsprachigen Ländern, in den nordischen Ländern sowie in den USA, Großbritannien oder Kanada.

3.2.2 Individualism versus Collectivism (IDV)

In individualistisch geprägten Kulturen wie den USA steht das Individuum selbst im Zentrum. Eigenschaften wie Unabhängigkeit, persönliches Wohlergehen, Ziele oder eigene Selbstverwirklichung haben höchste Priorität.

In kollektivistisch ausgeprägten Kulturen wie China oder Japan, steht das „Wir-Gefühl“ im Vordergrund. Man sieht sich in erster Linie als Teil der Gruppe. Das Einzelinteresse tritt hinter das Gruppeninteresse zurück. So reisen Chinesen bevorzugt in Gruppen und wünschen die Unterbringung der Reisegruppe auf einer Etage im Hotel. Die Unterscheidung in individualistische und kollektivistische Kulturen korrespondiert mit dem Ansatz von Hall, der zwischen High Context und Low Context Gesellschaften unterscheidet.

3.2.3 Masculinity versus Feminity (MAS)

Sie beschreibt inwieweit in einer Gesellschaft eher männlich bzw. weiblich besetzte Eigenschaften vorherrschen. „Typisch“ männliche Eigenschaften sind das Streben nach Erfolg, Leistung sowie Konkurrenzbereitschaft wohingegen Fürsorglichkeit, Ko- operation und Pflege des sozial-emotionalen Klimas „typisch“ weibliche Eigenschaften sind.

Maskuline Kulturen wie beispielsweise Japan, Österreich oder Italien weisen eine sehr viel stärkere Rollenverteilung auf, wohingegen in femininen Kulturen wie beispielsweise Skandinavien und den Niederlanden diese Grenzen eher verschwimmen.

3.2.4 Uncertainty Avoidance (UAI)

Sie beschreibt inwieweit die Menschen in den jeweiligen Kulturen bereit sind, Risiken einzugehen. In Kulturen, in denen sich Menschen durch Situationen mit unvorhersehbarem Ausgang bedroht fühlen, wird beispielsweise versucht, diesen Unsicherheiten durch Gesetze und Vorschriften entgegenzuwirken.

Kulturen mit starkem Streben nach Unsicherheitsvermeidung wie Japan zeigen Vorlie- be für Regeln und Strukturiertheit im Leben. Für Mitglieder dieser Kulturen gestaltet sich Kommunikation eher formal, Konflikte und Wettkampfsituationen werden als be- ängstigend empfunden. Stress kann entstehen, wenn Unvorhergesehenes passiert. In Kulturen wie den USA, Großbritannien oder China, die ungeplanten Veränderungen gelassener gegenüberstehen ist beispielsweise das Warten auf einen Zug oder Bus etwas Alltägliches und wird nicht so wie in Deutschland negativ bewertet.

3.2.5 Long-term versus Short-term Orientation (LTO)

Sie beschreibt welcher zeitliche Planungshorizont in einer Kultur vorherrscht. Werte, die in langfristig ausgerichteten Gesellschaften überwiegen sind beispielsweise Sparsamkeit und Beharrlichkeit. Bei kurzfristig orientierten Gesellschaften sind es Werte wie Flexibilität und Egoismus.23 So sind westliche Länder eher kurzfristig und ostasiatische Kulturen vorwiegend langfristig orientiert.

3.2.6 Indulgence versus Restraint (IVR)

Während Indulgence die Befriedigung von Bedürfnissen und das „Spaß haben“ in das Zentrum stellt, stehen in Gesellschaften bei denen Restraint wichtig ist, vor allem Werte die Zurückhaltung von ihren Mitgliedern fordern im Zentrum.24

Diese Kulturdimension kann in Zukunft, insbesondere für die Kommunikation im Tourismus eine große Rolle spielen, wenn entsprechende toristische Produkte und Angebote erstellt und entwickelt werden sollen.

[...]


1 Vgl. Maletzke (1996), S. 6.

2 Vgl. Kaspar (1991), S. 18.

3 Vgl. Perathoner (2000), S. 267

4 Marion Thiems "Vier-Kulturen-Modell" untersucht die Kultur der Quellregion (Heimat der Gäste), die Ferienkultur (Verhalten der Gäste im Urlaub), die Dienstleistungskultur (Verhalten der Einheimischen gegenüber den Gästen) und die Kultur der Zielregion (ursprüngliche Kultur der Destination) und ver- gleicht sie miteinander.

5 Erving Goffmann geht in seinem „Vorderbühne/Hinterbühne-Modell“ davon aus, dass Touristenländer eine besondere „Dienstleistungskultur“ entwickeln, weil sich der Gastgeber den Gästen gegenüber anders verhält als im alltäglichen Leben.

6 Verbale Kommunikation

7 Nonverbale Kommunikation

8 Vgl. Patzelt (1987), S. 14.

9 Beispielsweise Allgäuerisch, Oberbayerisch, Tirolerisch , Schwizerdütsch, Wäldlerisch

10 Vgl. Schrutka-Rechtenstamm (1997), S. 47.

11 Vgl. Perathoner (2000), S. 31.

12 Vgl. Schrutka-Rechtenstamm (1997), S. 47.

13 Ebd., S. 53.

14 Vgl. Rösch (2007), S. 26f.

15 Vgl. Broszinsky-Schwabe (2011), S. 75-76.

16 Vgl. Laviziano (2005).

17 Vgl. Laviziano (2005), S. 9.

18 Vgl. Hall (1984), S. 23.

19 Vgl. Hofstede (2006), S. 29.

20 Vgl. Hofstede/ Hofstede/ Minkov (2010).

21 Vgl. Hofstede (2006), S. 4.

22 Vgl. Hofstede (2006), S. 59.

23 Vgl. Hofstede (2010).

24 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Gastfreundschaft im Alpentourismus und ihre Rolle in der Interkulturellen Kommunikation
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
41
Katalognummer
V191096
ISBN (eBook)
9783656157236
ISBN (Buch)
9783656157984
Dateigröße
811 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelle Kommunikation, Tourismus, Alpen, Gastfreundschaft, Gast, Gastgeber, Interaktionspartner, Kulturelle Identitäten, Fremdeinflüsse, Missverständnisse Unterschiedlichkeit der Kulturen, Edward T. Hall, Kulturdimensionen von Geert Hofstede, Interkulturelle Missverständnisse, Unterschiedlichkeit der Kulturen, Interkulturelle Kompetenz, Garmisch-Partenkirchen, Olympische Winterspiele, Olympia 2018, Die Bauern von Garmisch
Arbeit zitieren
Diplom-Verwaltungswirtin (FH) Monika Welzmüller (Autor), 2012, Gastfreundschaft im Alpentourismus und ihre Rolle in der Interkulturellen Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191096

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gastfreundschaft im Alpentourismus und ihre Rolle in der Interkulturellen Kommunikation


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden