Bildästhetik in der Verfilmung von "Sin City"


Seminararbeit, 2010
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Gemeinsamkeiten von Comic und Film, Zielsetzung und Fragestellung

2. „Sin City“: Der Comic und die Verfilmung
2.1. Kurze inhaltliche Zusammenfassung des Comics/Filmes unter besonderer Herausstellung des ersten Comicbandes
2.2. Unterschiede in der Handlung
2.3. Sin-City als Phänomen der Neo-Noir Bewegung

3. Filmästhetische Besonderheiten/Umsetzung von Comic zu Film bei „Sin City“
3.1. Einstellungen, Perspektive und Kamerabewegung: Umsetzung der Panels zu filmischen Sequenzen
3.2. Farbe in „Sin City“
3.2.1 Verwendung von Schwarzweiß allgemein/bei „Sin City“
3.2.2. Einsatz von Farbe
3.2.3. Die Primärfarben und ihre Bedeutung
3.2.4. Kontraste

4. Ästhetik der Gewalt in „Sin City“
4.1. Gewalt in der Filmgeschichte
4.2. Gewalt in der Postmoderne: Ironisierung und Doppelcodierung
4.3. Ästhetisierung der Gewalt in „Sin City“

5. Zusammenfassung: Besondere Filmästhetik von „Sin City“ und damit Sonderstellung unter anderen Comicverfilmungen

Anhang

Abbildungen

Filmverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Gemeinsamkeiten von Comic und Film, Zielsetzung und Fragestellung

Bei Comic und Film handelt es sich um zwei mediale Ausdrucksformen, die beinahe zeitgleich entstanden. Von Anfang an beeinflussten beide einander, vor allem da sie einiges gemeinsam haben: Einstellungen, Sequenzen, Text (bzw. Dialog), Bild, Farbe, Perspektive, etc.1 Kein Wunder also, dass Comics schon früh ihren Weg in den Film fanden, doch auch filmische Handgriffe zeichnerisch umgesetzt wurden.

Eine der jüngeren Verfilmungen ist Robert Rodriguez „Sin City“ von 2005 nach dem gleichnamigen Marvel-Comic von Frank Miller. Dieser Film sticht meiner Meinung nach besonders heraus und in meiner Arbeit möchte ich der Frage nachgehen: Was macht den Film „Sin City“ für mich und für viele andere so besonders? Was ist es, das dem „WowEffekt“, den der Film rein durch seine Optik bei vielen hervorruft, zu Grunde liegt? Ich möchte im Folgenden aufzeigen, welche visuellen Besonderheiten die, Ästhetik des Filmes ausmachen. Dabei gehe ich vorerst kurz auf die Handlung des Films, bzw. des Comics ein, um dann zum filmanalytischen Teil zu kommen, in dem ich Schnitt, Einstellungen und Farbe untersuchen werde.

2. Sin City: Der Comic und die Verfilmung

2.1. Kurze inhaltliche Zusammenfassung des Comics/Filmes unter besonderer Herausstellung des ersten Comicbandes

Frank Miller, auch bekannt durch Arbeiten wie „Bat Man“ oder „Daredevil“, schuf die 13teilige „Sin City“-Serie Anfang der 90er für den Marvel-Verlag. Typisch für Millers Handschrift ist die düstere Stimmung der Comics (und somit auch den Verfilmungen dieser), aber auch die zerrissenen und schwermütigen, zweifelnden Figuren.2 In der Verfilmung von Robert Rodriguez jedoch finden sich nur vier der 13 Geschichten wieder: „The Costumer is always right“, „That Yellow Bastard“, „Sin City“ und „The Big Fat Kill“ sind zu vier Handlungseinheiten verwoben, wobei „Sin City (The Hard Goodbye)“ den längsten Part einnimmt. Dieser Teil entspricht dem ersten Band der Comics und hält sich in der Umsetzung so akribisch an die Vorlage, dass ich bei meiner Untersuchung überwiegend Beispiele daraus heranziehen werde. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle einleitend die Story des ersten Bandes kurz zusammenfassen:

Der gemeinsame Schauplatz aller Bände sowie Handlungsstränge ist „(Ba)Sin City“, eine düstere und dreckige Stadt, die von Gewalt, Brutalität, Korruption und Prostitution regiert wird. Der Protagonist von „Sin City (The Hard Goodbye)“ ist Marv (Mickey Rourke), ein medikamentenabhängiger, großer und vernarbter Ex-Sträfling, alles andere als ein Schönling. Er verbringt eine Nacht mit der wunderschönen Prostituierten Goldie und als er aufwacht, ist sie tot. Verfolgt von der Polizei macht er sich auf die Suche nach ihrem Mörder, wofür er über Leichen geht. Dabei trifft er auf Wendy, Goldies Zwillingsschwester, die ihn anfänglich für den Mörder hält. Es stellt sich heraus, dass Goldie Opfer des Serienmörders Kevin (Elijah Wood) geworden ist, der reihenweise Prostituierte ermordet und sie aufisst. Marv bringt ihn zur Strecke und verfüttert ihn an seinen Hund, woraufhin er mit seinem abgetrennten Kopf Kardinal Roark aufsucht, den Drahtzieher der Morde und Oberhaupt der Stadt. Er tötet Roark, wird daraufhin gefangen genommen und gezwungen, alle Taten, auch die Morde an den Prostituierten, zu gestehen und wird am Ende auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

In der Adaption von Comic zu Film lassen sich lediglich kleinere Abweichungen zum Original finden: zum Beispiel gibt es im Comic eine kurze Sequenz, in der Marv auf seine Mutter trifft, was für die Handlung und somit auch für den Film aber nicht weiter relevant ist.3 Desweiteren werden erst später auftauchende Figuren schon vorher kurz eingeführt, um die Erzählstränge miteinander zu verbinden (TC 18:00). In einer Bar überschneiden sich die Geschichten und werden auf diese Weise verwoben: Marv begibt sich auf der Suche nach Goldies Mörder dorthin und wird von Shellie bedient, auch ihr Freund ist Gast. Beide spielen eine Rolle im darauf folgenden „The Customer is always right“- Teil. In selbiger Bar treffen Hartigan (Bruce Willis) und Nancy aufeinander, die nun dort tanzt und deren Leben er gerettet hat, als sie klein war - Hauptfiguren aus „That Yellow Bastard“. In dieser Sequenz sieht man Marv im Hintergrund an ihm vorbeilaufen. Zwar taucht auch im ersten Band Nancy kurz auf, jedoch wird im Film das fast gleichzeitige Geschehen der drei Geschichten stärker herausgestellt und wieder auftauchende Figuren werden schon früher prominent ins Bild gerückt. Durch diese Gleichzeitigkeit wird der Eindruck von Sin City als Sündenpfuhl verstärkt.

2.2. Sin-City als Phänomen der Neo-Noir Bewegung

„Die Film noirs sind Reisen durch den Asphalt- und Beton-Dschungel der Metropolen, Horrortrips zu den Randzonen einer Gesellschaft, deren moralische Kategorien angesichts ihrer politischen, ökonomischen und ideologischen Krisen versagen. Die Metaphern dafür liefern die Schauplätze, die den alltäglichen Verfall der Großstadt, ihren „normalen“ Wahnsinn am deutlichsten zeigen: schäbige Mietkasernen, Slums, leere Fabrikhallen, Trümmergrundstücke, Docks, [ ]“4

„Sin City“ reiht sich mit seinen düsteren Schauplätzen, der Erzählweise und vor allem seinem Figureninventar ein in die Tradition des Film noir, dessen spezieller Stil und Motivik (Voice-Over-Erzählung, Rückblenden, Antihelden, Einzelgänger, Femme fatale, Psychokiller) seit den Fünfzigern Filmemacher beeinflusst.5 Filme, die sich in der heutigen Zeit bewusst an die Film noir-Bewegung der 50er anlehnen, werden dem „Neo-Noir“ zugerechnet. Neben den schon erwähnten Motiven (in „Sin City“: die Korruption, Marv als „Antiheld“ und Einzelgänger für seine eigene Gerechtigkeit, Goldie als Femme fatale, Kevin, der Killer etc.) fand hier aber auch eine Weiterentwicklung statt. Neo-Noir-Filme zeichnen sich aus durch eine (selbst-)ironischere Haltung und Selbstreflexion (z.B. Tarantinos „Pulp Fiction“), aber auch durch eine anspruchsvollere Erzählweise und komplexere Strukturen und durch extreme Gewalt.6

3. Filmästhetische Besonderheiten/Umsetzung von Comic zu Film bei Sin City

3.1. Einstellungen, Perspektive und Kamerabewegung: Umsetzung der Panels zu filmischen Sequenzen

Was aber, abgesehen von der düsteren Stimmung und Handlung der Comicverfilmung, macht die besondere Ästhetik von „Sin City“ aus? Warum hebt diese Verfilmung sich so sehr von anderen ab? Darauf möchte ich nun im folgenden Teil meiner Arbeit eingehen, indem ich den Film auf seine Einstellungen, Schnitt, Kamera, sowie farbliche Umsetzung analysiere.

„ I don´t want to make Robert Rodriguez´ Sin City. I want to make Frank Miller´s Sin City because I love the material so much.” (Sin City: Behind the scenes, TC 2:06), so die Worte des Regisseurs. Und tatsächlich ist ihm dies auch gelungen: Die Einstellungen der Verfilmung scheinen komplett der Vorlage entnommen. Dies zeigt sich z.B. in der Einführungssequenz von Marv und Goldie. Nachdem sie Sex hatten, schlafen sie auf einem herzförmigen Bett ein. Das Panel zeigt dies als Totale von oben, wobei das Bett von Schwarz umrandet ist - in der filmischen Umsetzung wurde dieses Bild übernommen (Abb.1.). Besonders auffällig sind in Frank Millers Comic die ganzseitigen Panels, die das Auge des Betrachters auf sich ziehen und die Figuren im Ganzen, teils sehr artifiziell darstellen. So wird zum Beispiel die Stripperin Nancy] (vor allem ihr Körper), eine der Figuren, die in „That Yellow Bastard“ eine größere Rolle spielt, über mehrere Seiten in Szene gesetzt, wobei Frank Miller zeichnerisch mit dem Schwingen ihrer Peitsche (auch über Panelgrenzen hinweg, vgl. Abb.2+3) spielt.7 Auch in der Verfilmung übernimmt Rodriguez diese Laszivität und inszeniert Jessica Alba als Lustobjekt, das mit seinem Körper den Zuschauer zum hinsehen „zwingt“. (Abb. 4+5).

Ein weiteres interessantes Beispiel ist auch die Sequenz, in der Marv mit Wendy zu Kevin fährt, um diesen zu töten: Er zählt in Gedanken auf, ob er alle nötigen Gegenstände hat- Schläuche, Benzinkanister, Säge, eine Waffe, Axt etc. (TC 34:35). Dabei werden diese Gegenstände, wie auch im Comic, jeweils einzeln in Großaufnahme eingeblendet (Abb. 6- 17) und mit Voice-Over benannt. Die eigentliche Handlung läuft zwar weiter, denn Marv und Wendy befinden sich immer noch im Auto - sie wird aber dennoch unterbrochen, indem die Gedankenbilder Marvs gezeigt werden, somit wird für die Dauer der Aufzählung eine neue Ebene eingeführt. Diese Metalepse wird dem Zuschauer sofort gewahr und wirkt vielleicht sogar befremdlich auf ihn, sie steigert aber auch sie die Wirkung des Films. Wie schon anhand dieser wenigen Beispiele (Vgl. z.B. auch Abb. 18+19) deutlich wird, ist den gesamten Film hindurch Rodriguez´ Bemühen sichtbar, dem Comic kompositionell möglichst nahe zu kommen, die Einstellungen wirken wie „direkt in den Film gezogene“ Panels. Dieser Eindruck wird außerdem verstärkt durch die statische Kamera. Während kaum Kamerafahrten, Schwenks und Drehungen vorhanden sind, fängt die Kamera- wie die Panelgrenzen- die Bewegung der Figuren ein. Als Beispiel hierfür eine Action-to-Action- Sequenz aus dem Comic: Marv, verfolgt von Polizisten, schlägt diese nieder, stürzt sich ein Treppengeländer hinunter, hält sich daran fest, schwenkt wieder hoch und springt dann durch ein Fenster, um zu entkommen (TC14:00).8 Die Kamera bleibt dabei statisch, sie zoomt lediglich bei Marvs Sprung in die Tiefe des Geländers.

Dynamik wird dafür erzeugt durch das Wechseln der Perspektive, sowie manchmal durch die Schnitte, wobei diese, um die Bildhaftigkeit und Statik ein weiteres Mal zu betonen, eher weich ausfallen. Perspektivisch gesehen befindet sich die Kamera, analog zu den Zeichnungen des Comics, meist in Augensicht, was den Zuschauer besonders bei actiongeladenen Sequenzen schnell in das Geschehen einbindet. Eine Aufsicht lässt sich besonders dann beobachten, wenn die Figuren gefangen oder verzweifelt sind, nicht mehr weiter wissen, o.ä. (Marv und Lucille gefangen bei Kevin, Marv im Regen,9 Hartigan in seiner Zelle, TC 26:30/29:25/1:27:40). Es lässt sich also sagen, dass einen Teil der speziellen Ästhetik von „Sin City“, neben den in bewegte Bilder „übersetzten“ Zeichnungen die ruhige Kameraführung ist. Durch die häufigen Perspektivwechsel kommen die sorgsam komponierten Bilder und in Szene gesetzten Figuren stärker zur Geltung, teilweise könnte man sogar von Standbildern sprechen.

3.2. Farbe in „Sin City“

Besonders ausschlaggebend für die Ästhetik von „Sin City“ ist die Schwarzweißoptik, die durchbrochen wird durch die Verwendung von einzelnen Farbflächen. Auch hier wollte Rodriguez sich möglichst genau an die Vorlage halten, verwendete aber dennoch mehr Farbe als im Comic. Vorerst gilt zu beobachten, dass „Sin City“, ganz im Stil des Film Noir, vorwiegend schwarzweiß gehalten ist - wobei der Film in Farbe gedreht und erst später in Schwarzweiß umgewandelt wurde.10 Im Allgemeinen ist es wichtig zu erwähnen, dass „Sin City“ fast ausschließlich am Computer produziert wurde und die Schauspieler in einer Green Box agieren mussten. Ohne die Computeranimation wäre die Ästhetik von „Sin City“ erst gar nicht möglich gewesen.

Im Laufe der Filmgeschichte hat sich die Einstellung, was Farb- oder Schwarzweißfilme betrifft, stetig geändert und entwickelt. Während man in den Anfängen dem Farbfilm noch fast skeptisch gegenüberstand und eher selten in Farbe drehte, ist dies heute die Norm. Dementsprechend haben Schwarzweißfilme, die in der heutigen Zeit gedreht werden, sozusagen Sonderstatus und zielen meist auf eine bestimmte Absicht ab.

[...]


1 Vgl. Friedrich/Rauscher 2007, S. 7f.

2 Vgl.Prescher 2005

3 Vgl. Miller 2005, S. 48-51.

4 Werner 2000, S. 12f.

5 Vgl. ebd. S. 205f.

6 Vgl. ebd. S. 161-198.

7 Vgl. Miller 2005, S. 58/59,62-64.

8 Vgl. ebd., S. 27-29.

9 Vgl. Miller 2005, S.114, 142.

10 Vgl. Kogler 2008, S. 12.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Bildästhetik in der Verfilmung von "Sin City"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V191562
ISBN (eBook)
9783656163510
ISBN (Buch)
9783656163343
Dateigröße
1395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildästhetik, verfilmung, city
Arbeit zitieren
Monta Alaine (Autor), 2010, Bildästhetik in der Verfilmung von "Sin City", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191562

Kommentare

  • Eike Paterok am 7.12.2012

    hm... Schon in der Einleitung meiner Meinung nach schon ein schwerwiegender Fehler... Die Sin City Reihe ist bei Dark Horse erschienen und nicht bei Marvel. Selbst ein einfacher Blick bei wikipedia.org hätte gereicht.

  • Monta Alaine am 12.12.2012

    ja, das ist wohl richtig, mein prof hat es mit sicherheit auch angestrichen damals, ich habe den text nicht korrigiert, ehe ich ihn hier hochgeladen habe. da es sich allerdings um eine proseminararbeit handelt und diese ohnehin nicht zitierfähig ist, plus, hier eine konzentration auf den film vorliegt, ist das entschuldbar, denke ich. danke dennoch für den hinweis!

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Titel: Bildästhetik in der Verfilmung von "Sin City"


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