Joachim Heinrich Campe: Der Perspektivwechsel vom Aufklärer zum „Allesverdeutscher“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
23 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Campes Leben
1.1. Campe als Theologe
1.2. Campe als Pädagoge
1.3. Campe als Anhänger der Französischen Revolution und Briefe aus Paris

2. Campe und seine sprachpflegerischen Tätigkeiten
2.1. Proben einiger Versuche von deutscher Sprachbereicherung
2.2. Über die Reinigung und Bereicherung der deutschen Sprache
2.2.1. Die Vorrede im dritten Versuch
2.2.2. Der „Abhandelnde Theil“
2.3. Campes Wörterbücher
2.4. Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unseren Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke

Fazit

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Einleitung/ Vorwort:

Joachim Heinrich Campe: Spätaufklärer, gefeierter Kinderbuchautor, gescheiterter Schulreformer, angefeindeter Sprachreiniger.

Als Philanthrop wollte er die Schule reformieren und sie der Hand der Kirche entreißen, als Kinderbuchautor wollte er schon so früh wie möglich versuchen, die Kinder zu denkenden Individuen zu machen, als Sprachreiniger sein Volk, das deutsche Volk aufklären.

Alles mit dem Ziel das deutsche Volk, besonders das Bürgertum, zu bilden und auf eine Staatsumwälzung vorzubereiten. Nicht wie in Frankeich eine blutige Revolution sollte es geben, vielmehr eine vernunftgeleitete Umwälzung des Staates.

Bei Campe ging es um eine politisch motivierte Sprachreinigung. Deutschland sollte ein Verfassungsstaat werden mit einem wohlwollenden Hegemon. Darauf musste das Volk, laut Campe, vorbereitet werden. Es sollte ein Gemeingeist, ein einiges Deutschland aufgebaut werden. Dafür setzt Campe speziell bei der Sprache an, denn nur wenn die Sprache allgemeinverständlich ist, kann ein Gemeingeist entstehen.

Um eine Allgemeinverständlichkeit der Sprache zu erreichen, setzte Campe mit seinem sprachreinigendem Konzept bei den Fremdwörtern an, es sollte darum gehen, unnötige Fremdwörter, deren Verständnis schwierig ist und die sich schwer sprechen und hören ließen, zu beseitigen. Für die Fremdwörter, die ausgesondert werden sollten, schuf Campe hauptsächlich Komposita, die die Fremdwörter ersetzen und übersetzen sollten. Statt als Sprachreiniger fungierte Campe als „Sprachbereicherer“, da einige seiner Wörter nun parallel zu ihren Fremdwörtern existieren, wie z.B. Universität und Hochschule.

Um die nötigen Fremdwörter von den unnötigen zu trennen, kategorisierte Campe sie in Untergruppen und erklärte, wann welches Wort zu ersetzen sei und wann nicht.

In seinem endgültigen zweibändigen „Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unseren Sprachen aufgedrungenen fremden Ausdrücke“ ungefähr 11.000 verdeutschte Wörter. Es lässt sich so vielleicht schon vermuten, dass Campe ab einem gewissen Punkt von seinen eigens aufgestellten Fremdwortprinzipien abließ und zum „Allesverdeutscher“ wurde. Meine Hypothese, die ich in der Arbeit belegen möchte, lautet: Joachim Heinrich Campe wird mehr und mehr von Sprachaufklärer zum Allesverdeutscher.

In dieser Arbeit soll versucht werden darzustellen, wann genau dieser Perspektivwechsel stattfand und warum.

Dabei gehe ich wie folgt vor: Im ersten Kapitel stelle ich knapp die wichtigsten Stationen in Campes Leben vor, aber nicht seine gesamte Biographie, sonder lediglich die Lebensabschnitte, die bedeutend für Campes sprachpflegerische Entwicklung waren, d.h. es wird gezeigt, wie er als Theologe und Pädagoge seine Weltsicht erlangte, um sein aufklärerisches Weltbild zu prägen. Am Schluss des ersten Kapitels wird Campe dann als Anhänger der Französischen Revolution dargestellt und die Bedeutung dieser Revolution für seine Sprach-Philosophie.

Im zweiten Kapitel wird es dann um Campes Schriften gehen, also um den ersten bis dritten Versuch seiner Sprachbereicherung. Letzten Endes wird dann Campes Wörterbuch erörtert, welches er von 1806 bis 1813 verfasste, um dabei die Frage zu klären, wann, wie und warum sich der Perspektivwechsel ereignete.

Noch weiter Ausführen, wenn das Kapitel fertig ist.

Die Literatur zu Campe ist relativ umfangreich. Campe ist in fast allen Überblickswerken der deutschen Sprachgeschichte aufgeführt, u.a. natürlich auch bei Peter von Polenz, außerdem erscheint er in Werken, die sich mit der Geschichte des Sprachpurismus auseinander setzen. Da Campe auch Pädagoge und Theologe war, wird er in speziellen Büchern dieser Arbeitsbereiche ebenfalls aufgeführt.

Besondere Vorreiterstellung in der Campe- Forschung haben Jakob Anton Leyser und Hanno Schmitt, die sich in sehr umfangreichen Abhandlungen mit Joachim Heinrich Campe befassen und versuchen ihn in all seinen Facetten zu veranschaulichen.

Nicht zu vergessen ist dabei Jürgen Schiewe, der in seinem Werk „Sprachpurismus und Emanzipation vor allem ein politisches Profil Campes zeichnet und seine Schriften so teilweise neu deutet.

1. Campes Leben

1.1. Campe als Theologe

Joachim Heinrich Campe, geboren am 29. Juni 1746, war ein Spätaufklärer, Philanthrop, Pädagoge, Kinderbuchautor und Sprachreiniger, der als Anhänger der französischen Revolution ein begeisterter Kämpfer für die bürgerliche Freiheit und nationale Einheit war. Schon sein Vater kehrte dem Feudaladel den Rücken zu, heiratete eine Bürgerliche und legte freiwillig den Adelstitel ab. (König, 1961, S. 8-9)

Laut Helmut König, „war [es] typisch für die Zurückgebliebenheit Deutschlands, daß der Kampf um bürgerliche Freiheit zunächst im Bereich der Theologie, dann in dem der Literatur, der Philosophie, der Pädagogik und nicht in der Politik geführt wurde.“( Zitiert nach König, 1961, S. 10, Z. 21ff)

Faktisch genau die Stufen, die Campe durchlief.

Ab 1765 studiert Campe, da es am lukrativsten war, Theologie an der Landesuniversität Helmstedt. Dort kam er in Kontakt mit Wilhelm Abraham Teller, einem aufklärerischen Theologen, der auf Campes spätere aufklärerische Tätigkeiten sicher einen großen Einfluss hatte. In seiner Zeit an der Helmstedter Universität legte sich demnach, im weitesten Sinne, auch der Grundstein seiner sprachpflegerischen Tätigkeit.

In aller Öffentlichkeit bekannte Campe seine Verbundenheit zur freisinnig-aufgeklärten Theologie und verlor sein von der Braunschweiger Landschaft bewilligtes Stipendium. Er verließ Helmstedt und beendete sein Studium 1769 in Halle an der Saale. ( Schmitt, 1996, S. 14-16.)

Im Frühjahr 1769 verließ Campe Halle und ging nach Berlin, wo neben seiner Tätigkeit als Feldprediger auch seine pädagogische Laufbahn, als Erzieher des Stiefsohnes von Alexander Georg Humboldt begann. Seine theologische Karriere beendete er im Jahre 1777 aus Überzeugung mit den Worten:

„wenn er täglich die Rolle eines Heuchlers spielen muß, und die muß jeder Geistliche spielen, er sei, wer er wolle, nur allenfalls der Schafskopf ausgenommen.“ (Campe, zitiert nach König, 1961, S.12.)

1.2. Campe als Pädagoge

Bereits im Jahr 1773 verfasste Campe, angeregt durch sein Leben im aufgeklärten Berlin und der politisch-religiösen Toleranz Friedrichs II. „Philosophische Gespräche über die unmittelbare Bekanntmachung der Religion“. (Schiewe, 1988, S. 24.)

In dem „Allgemeinem Handbuch der philosophischen Wissenschaften nebst ihrer Literatur und Berichten“ von Wilhelm Traugott Krug aus dem Jahre 1838 findet man den Titel von Campes Aufsatz folgendermaßen vor: „Philosophische Gespräche über die unmittelbare Bekanntmachung der Religion und über einige unzulängliche Beweisarten derselben“. (Krug, 1838, S.228.)

Mit diesem Zusatz wird noch deutlicher, warum Campe drei Jahre später der Religion den Rücken kehrt. Es sind Unzulänglichkeiten der Kirche und eine überholte Erziehung, die Campe dazu bringen zu empfehlen, mit der elitär-aristokratischen Standeserziehung und der religiös-philosophischen Buchlehrsamkeit zu brechen und frei von der Tyrannei der Schulmeisterzunft und blindwütigen Paukerei zu lehren. Es sollte nach Ansicht der Philanthropisten in der Erziehung darum gehen, das Kind so gut wie möglich auf seinen Stand und Beruf vorzubereiten und durch eine ungleiche Erziehung mehr Gleichgewicht in der Gesellschaft herzustellen. ( Schiewe, 1988, S. 25)

Auch wenn diese Einstellung der heutigen Ansicht nach als überholt gelten darf, war sie für das Ende des 18. Jahrhunderts sehr fortschrittlich, da es darum ging die Ungleichheit der verschiedenen Klassen zu beseitigen und gesellschaftliche Schranken abzubauen. Besonders ist daran außerdem, dass es für die Verkleinerung der Klassenunterschiede ein nachvollziehbares und wahrscheinlich durchaus umsetzbares Konzept gab, unabhängig davon, ob dies besonders sinnvoll wäre, nicht nur die Überlegung, dass dagegen vielleicht etwas getan werden müsse.

Campes Pädagogik greift in eine Zeit, in der der Übergang von der altständischen zur frühbürgerlichen Gesellschaft stattfand, die soziale bzw. gesellschaftliche Platzierung wurde nicht mehr durch Stand und Herkommen garantiert, sondern musste durch Qualifikation und Leistung erworben und gesichert werden. Dafür musste das Bürgertum unbedingt erzogen und gebildet werden (Herrmann, 1996, S.153). Es ging Campe nicht darum sein aufklärerisches Gedankengut in die bereits gebildeten Schichten zu tragen. Statt das gebildete Volk umzubilden, sollte das ungebildete Volk, speziell die Kinder, gebildet werden. Es sollte sich auf die Natur und die Vernunft besonnen werden, anstelle von Geniekult, Empfindsamkeit und Schwärmerkult des Sturm und Drang. Campe hoffte, dass durch die Vermehrung von Bildung und Wissen die gesellschaftlichen Umstände zu verändern wären (Schiewe, 1988, S. 28). Die Kinder sollten in aufgeklärte und strebsame Geschäftsmänner verwandelt werden und nicht die lächerliche Hauptbestimmung haben Latein oder Griechisch zu lernen.

Campe war durch seine gefeierten Kinder- und Jugendbücher zu einer Schlüsselfigur der spätphilanthropischen Erziehungsbewegung avanciert und bekam deshalb verschiede Einladungen an aufgeklärt-absolutistische Fürstenhöfe (Schmitt, 1996, S. 24). Im Zusammenhang mit einer Einladung des Herzogs Carl Ferdinand von Braunschweig- Wolfenbüttel bekam Campe 1786 eine große Gelegenheit, denn zum ersten Mal in der deutschen Geschichte wurde in einem größeren Land versucht, der mit dem Feudaladel verbundenen Kirche das Schulwesen zu entreißen (König, 1961, S.26).

Seine Forderungen reichten von der Umwandlung der Volksschulen in Gewerbeschulen, der stärker praxisorientierten Ausbildung der Landprediger über die Duldung aller Religionen und einer Veränderung der politischen Führung des Volkes bis hin zur Einrichtung einer dezentralen patriotischen Gesellschaft mit politisch beratender Funktion und letztendlich einer angemessen Bildung auch für Mädchen (Schiewe, 1988, S. 31).

Es wird deutlich, dass Campes Schulreform eher eine politisch- orientierte Reform war, mit dem Ziel die gesellschaftlichen Schranken aufzusprengen und das Volk im Sinne der Aufklärung zu selbstständigen und selbstverantwortlichen Handeln zu erziehen, für alle zugänglich und gesellschaftverändernd.

Integriert in seine Schulreform war Campes Überzeugung, dass ohne bessere Schulbücher jede Schulreform wirkungslos wäre, demgemäß gründete er die Wolfenbüttelsche Schulbuchhandlung (Schmitt, 1996, S. 25).

Seine aufklärerischen Reformpläne riefen eine vehemente Reaktion der Geistlichkeit und der Landstände hervor, welche politisch nicht ohne Einfluss waren. Aus diesem Grunde löste der Herzog Carl Wilhelm Ferdinand 1790 das Schuldirektorium, welche aus Campe, Ernst Christian Trapp, Johann Stuve und Friedrich Wilhelm Richter bestand, wieder auf (Schiewe, 1988, S. 30-32).

Campes Schulreform war somit gescheitert und er suchte einen anderen Weg sein aufklärerisches Gedankengut zu verbreiten. Dies tat er in Form von der Sprachreinigung.

Doch zunächst soll noch ein kleiner Exkurs über Campe als Anhänger der Französischen Revolution eingeschoben werden, da dies eine wichtige Zeit in seinem Leben war, dank derer er seine sprachpflegerischen Tätigkeiten bzw. seine Theorien über den Zusammenhang von Sprache und Geist entwickelte.

1.3. Campe als Anhänger der Französischen Revolution und Briefe aus Paris

„Revolution- Umwälzung; also Staatsrevolution- Staats=Umwälzung. Diese Uebersetzung, die ich in einer meiner frühen Schriften zuerst zu wagen glaubte, von der ich aber nachher fand, daß auch Abbt sich schon gebraucht hatte, wurde neulich in einer Recension meiner Briefe aus Paris geschrieben, verworfen; vielleicht, weil der Recensent von allem, was Revolution heißt, uns Deutsche so fern zu halten wünscht, daß wir nicht einmal ein Wort dafür in unsere Sprache haben sollen. Allein, daß man eine Sache nennen kann, führt ja nur zu dem Begriff von der Sache selbst. Denn wäre dies, so müßten wir ja in Deutschland auch lange schon Gemeingeist ( public Spirit) gehabt haben, weil wir schon lange ein Wort dafür hatten.“ (Campe: Proben einiger Versuche von deutscher Sprachbereicherung, 1790, S. 295.)

Um Campes „Proben einiger Versuche von deutscher Sprachbereicherung“ soll es später in der Arbeit noch genauer gehen. An diesem Punkt ist erst einmal nur von Bedeutung, dass es direkt nach der Französischen Revolution, d.h. im Jahre 1790 verfasst wurde, als bei Campe die Ereignisse noch sehr frisch und präsent waren. Seine politische Meinung über die Revolution kommt hier schon verstärkt zur Geltung „ uns Deutsche so fern zu halten wünscht“. Damit wird schon deutlich, dass Campe die Deutschen davon keineswegs fern halten möchte. Schon allein, dass er dieses Wort in sein, in der Entstehung begriffenes Wörterbuch der Deutschen Sprache aufnimmt, zeigt, dass es ihm wichtig ist, dass das deutsche Volk dieses Wort und seine Bedeutung kennt. Die Kritik, die ihm auf Grund der Übersetzung entgegen kam, zerstreut er ganz pragmatisch damit, dass die Deutschen auch keinen Gemeingeist haben, obwohl sie doch ein Wort dafür kennen. Interessanterweise argumentiert Campe am Anfang des Aufsatzes noch ganz anders.

„Das Wörterbuch und die Sprachlehre eines Volkes geben also für die jedesmal mögliches Geistes=ausdehnung und Character=ausbildung desselben die unüberschreitbare Grenze an;“ (Campe, 1790, S. 258.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Joachim Heinrich Campe: Der Perspektivwechsel vom Aufklärer zum „Allesverdeutscher“
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Germanistik)
Veranstaltung
Sprache, Sprachgebrauch und Sprachnormierung im 18. Jahrhundert
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V191730
ISBN (eBook)
9783656174059
ISBN (Buch)
9783656174288
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Campe, Sprachreinigung, Sprachnormierung
Arbeit zitieren
Nina Schmeichler (Autor), 2010, Joachim Heinrich Campe: Der Perspektivwechsel vom Aufklärer zum „Allesverdeutscher“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191730

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