Kindheit im Mittelalter

Aspekte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
46 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Thema und thematische Eingrenzung
1.1 Thematische Eingrenzung und Motivation
1.2 Weltliche und geistliche Quellen, sowie Bemerkungen zu einigen Sekundärquellen

2. Lebensphasen des Kindes und seine rechtliche Einbettung
2.1 Allgemeines
2.2 Neuere Studien zu den Lebensaltern
2.2.1 Zeugung und Askese
2.2.2 Infantia
2.2.3 Pueritia
2.2.4 Adolescentia
2.3 Rechtliche Stellung des Kindesund die Eltern-Kind-Beziehung
2.3.1 Position der Eltern
2.3.2 Eltern-Kinder Beziehung
2.3.3 Legitimation des Kindes
2.3.4 Waisenkinder, Kindesaussetzungund Kindesmord
2.3.5 Strafmündigkeit von Kindern

3. Erziehung, Unterricht und Ausbildung
3.1 Zwei Religiöse Vorbilder
3.1.1 Die Heilige Familie
3.1.2 Der Heilige Nikolaus
3.2 Erziehung und Konflikte im Adel
3.3 Erziehung in der Stadt
3.4 Erziehung auf dem Lande

4. Literaturbeispiele
4.1 Gregorius im Kindesalter
4.2 Tristans und Parzivals Kindheit
4.3 Die Meierstochter im Armen Heinrich

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Thema und thematische Eingrenzung

Das europäische Mittelalter, die Zeit zwischen der Antike und der Neuzeit, die einen Bereich von etwa dem 5. Jh. bis zum 15. Jh., also mehr als 1000 Jahren umfasst, ist geprägt durch Feudalstaaten keltischer, germanischer, romanischer und z. T. slawischer Stämme mit verschiedener Sprach- und Kulturbasis und theoretisch geordnet nach Ständen sowie durchwirkt von christlicher Glaubenshaltung, die durch Rom strikt eingefordert und bewahrt wurde. Rom legitimierte auch die weltlichen Machtverhältnisse über alle hierarchischen Stufen bis ins Spätmittelalter.

Heute wird vielfach das Jahr 476, Todesjahr Kaiser Romulus Augustus und Ablösung der römischen Kaiserzeit, der Spätantike, als Beginn des Mittelalters genannt oder aber die Zeit um 300 n. Chr. mit der Bekehrung Kaiser Konstantins zum Christentum. Das Ende des Spätmittelalters kann mit den geschichtlichen Eckdaten der Entdeckung Amerikas, der Erfindung des Buchdrucks und der Reformation (1517) um das Ende des 15. Jahrhunderts datiert werden. Die Dreiteilung in Früh-, Hoch- und Spätmittelalter folgt meist den Herrscher-Epochen von Merowinger/Karolinger (6.-10. Jh.) ‒ Ottonen/Salier/Staufer (Anf. 10.-Mitte 13. Jh.) ‒ Tod Friedrichs II./Habsburger/Territorialherren/Bürgertum, Hanse (Mitte 13. Jh. - 15. Jh.) als Aufstieg, Blüte und Machtzerfall der herrschenden Klassen.

1.1 Thematische Eingrenzung und Motivation

Das Thema Kindheit im Mittelalter ist so umfangreich, dass es in einer Hausarbeit nicht annähernd umfassend dargestellt werden kann. So sind folgende mir wesentlich erscheinende Themenaspekte herausgegriffen. Es war mir zum ersten wichtig, die einzelnen Lebensabschnitte des Kindes von der Zeugung bis zum Übergang ins junge Erwachsenenalter aus Sicht dieser Zeit zu erfassen und entwicklungstypische, soziale und rechtliche Gesichtspunkte, die diese Phasen kennzeichnen, zu beschreiben. Die Erziehungsfragen im zweiten und dritten Lebensabschnitt der Kinder, pueritia und adolescentia, waren ein weiterer Aspekt, insbesondere um Unterschiede in den Ständen und in der weltlichen oder geistlichen Ausrichtung des kindlichen Lebens zu verstehen. Schließlich war mir wichtig, ohne den Diskurs des Hauptseminars aufnehmen zu wollen, einige Querbezüge zur dort besprochenen und anderer mittelalterlicher Literatur aus dieser und der spätmittelalterlichen Zeit um 1400 herzustellen.

Die zeitliche Eingrenzung des Themas folgt also der den im Hauptseminar Heiligkeit und Heiligkeitskonzepte der »höfischen« Legendenliteratur besprochenen Werken Hartmanns von Aue Gregorius und Der arme Heinrich, der Erzählung Die gute Frau, sowie Konrads von Würzburg Der Welt Lohn und Alexius zugrunde liegenden Zeit, nämlich der Endzeit des Hochmittelalters und des Beginns des Spätmittelalters. Eine kurze Ausweitung ins Spätmittelalter um 1400 wird die Satire Der Ring von Wittenwiler darstellen.

1.2 Weltliche und geistliche Quellen, sowie Bemerkungen zu einigen Sekundärquellen

Laut Schultz[1] haben zwei Paradigmen die Studien zur Kindheit im Mittelalter geprägt. Die ältere, immer noch mächtige, gehe von einer statischen Situation aus:

that childhood is primarily a natural phenomenon and that it must have been more or less the same in the past as it is in the present.[2]

So behaupte z. B. Ignaz Zingerle 1868, dass sich die Spiele und Spielzeuge im Mittelalter von denen heute nicht unterschieden.

Das zweite Paradigma gehe auf Philippe Ariès[3] zurück:

that childhood is primarily an historical phenomenon, but a recent one, and that there was nothing in the Middle Ages that deserves the name.[4]

Dass die Kindheit sich als über die Zeiten hinweg unveränderlich erweist – natural phenomenon, ‒ liege an ihrer noch unverbildeten Art, die die Kinder von der Natur direkt empfangen haben.[5] Andere Wissenschaftler wie Shahar haben den Ansatz, dass moderne psychologische Kategorien auch durchaus auf die Kinder im Mittelalter angewendet werden können.

Shahar stützt sich in ihrer grundlegenden Arbeit über Kindheit im Mittelalter[6] in der Tat auf Erikson, Freund und Piaget in ihrer Einteilung der Entwicklungsphasen und -abschnitte, die sich nach ihren vergleichenden Recherchen in ähnlicher Form bei mittelalterlichen Schriftstellern als »charakteristische Merkmale jeder Phase« wiederfinden.[7]

Shahars Arbeit ist wesentlicheGrundlage meiner Darstellungen und ‒ wenn man Sharon Farmer in ihrer Review zu Shahars Buch folgt ‒ »the first overall survey of childhood in the middle ages, [... and] likely to remain the standard reference on the subject for a long time«.[8]

Shahar führt ‒ und das ist eine der Stärken ihrer Arbeit ‒ eine erstaunlich große Menge und Vielfalt Mittelalter-Primär-Quellen aus Medizin, Didaktik, pastoraler Literatur, Philosophie, Heiligenviten und Gerichtsakten an,[9] die ein abgerundetes Bild der Kindheit im Mittelalter erwarten lassen und das sie m.E. auch zeichnet, wenn auch manches redundant erscheint und manchmal über die Arbeit verstreut auffällt.[10]

Schultz untersucht über 300 Kinderschicksale aus dem deutschen Mittelalter zwischen 1100 und 1350;[11] in der weit überwiegenden Zahl aus dem Bürgertum und Adel. Die dabei von ihm untersuchten Texte sind literarische mittelhochdeutsche Texte. Es stellt sich die systematische Frage, inwieweit sich aus solchen Texten von Schriftstellern und Dichtern Schlüsse auf die realen Gegebenheiten von Kindern im Mittelalter ziehen lassen eingedenk ihrer Poetizität und Fiktionalität.

Die systematischen Schwierigkeiten werden auch in Klingers Essay zur Mentalitäts­geschichte thematisiert, die dort darauf hinweist, »mit welchen Wirklichkeitsunterstellungen und Kohärenzannahmen Hörer oder Leser Lehrstellen zu füllen [...] haben«.[12] Sie nennt »Komplexe der Wahrnehmungs-, Deutungs- und Erfahrungsmuster von Wirklichkeit [und...] die ›kollektive Dimension‹ [...] von psychischen Phänomenen«[13], die wissenschaftlich aus mittelalterlichen Texten herauszuschälen sind, um ein möglichst verlässliches Bild der vergangenen Wirklichkeiten zu bekommen. Klinger ist wie Schultz der Auffassung, das gehe, weil sie unterstellt, dass diese Texte auf dem Hintergrund eines »kollektiven Gedächtnisses«[14] zu werten sind, das durch sie gewissermaßen hindurch scheint.

Ursula Peters nimmt mentalitätsgeschichtlich sowohl die »von den herausragenden Persönlichkeiten [im Mittelalter] formulierten […] Verhaltensexplosionen« als auch den »Generationen überdauernden Prozess eines langsamen Verhaltenswandels«[15] in den Blick, letzteren insbesondere in seiner Wirkung »auf das geschichtsbildende Moment der lenteur, des Verharrens«,[16] und betont wenig später die Wichtigkeit bestimmter Quellentypen, anhand derer die structures mentales und mentalités collectives als Basis mittelalterlichen Denkens und Handelns aufgedeckt werden können,

Quellentypen und Materialien, in denen sich nicht-offizielles Verhalten und seine psychischen Hintergründe relativ breit dokumentiert: die Verhörprotokolle der Inquisitionsverhandlungen und Hexenprozesse, Traumberichte, hagiographische Texte, [...] Mythen, rituelle Formeln und Symbole.[17]

Man könnte sagen, dass der Mentalitätshistoriker damit bewusst auf Quellen abhebt, die gewissermaßen neben dem mittelalterlich-literarischen Mainstream angesiedelt sind und »aus dem offiziellen Normensystem ausgegrenzte […] Verhaltensdispositionen«[18] sichtbar werden lassen.

Der Historiker Klaus Arnold bevorzugt in einer kritischen Rezension von Schultz' The Knowledge of Children einen ähnlichenAnsatz und kritisiert Schultz:

Zu einem Bild der Kindheit im Mittelalter wird man schwerlich gelangen, wenn man die lateinische Literatur, die volkssprachlichen Texte normativen Charakters (Rechtstexte, Erziehungslehren etc.), die mittelalterliche Fachliteratur, die bildliche Überlieferung, archäologische und demographische Ergebnisse ausblendet.[19]

Eine der StärkenShahars liegt denn auch darin, dass sie solchen Quellen breiten Raum im Text und in den Anmerkungen einräumt. Auch Klinger betont: »dass weiterhin literarische Quellen mit eher geringem Stilisierungs- und Komplexitätsgrad bevorzugt werden«.[20]

Malett geht in seinem einleitenden Kapitel zu Untertan Kind[21] auf Erziehungsfragen im Mittelalter ein; doch bleibt er, wie mir scheint, ohne rechtes Studium mittelalterlicher Quellen in seinen Aussagen zu dieser Epoche zu allgemein und wurde daher nur mit Vorbehaltherangezogen. Gleichwohl war sein Buch noch in den 1990er Jahren relevant in der pädagogischen Ausbildung.

Die Dissertation von Tiedemann befasst sich mit vergleichenden Darstellungen von Kindern und ihren Erziehungsfragen anhand mittelalterlicher Dichtungen des 12. und 13. Jahrhunderts, zieht aber daneben - und dies erschien zunächst interessant - auch vier lateinische Fürstenspiegel als Quellen bei, die eben nicht Dichtungen sondern Didaktika sind. Auch wenn einige ihrer aus neuerer psychologischer und pädagogischer Sicht formulierten Erkenntnisse aus den angestellten Vergleichen erhellend sind (s.u.) ‒ vor allem die Vergleiche Parzival gegen Tristan und Gregorius, ‒ so ist doch das Fazit der 1957er Arbeit, auch gerade deshalb, ernüchternd bis unverständlich, wenn sie formuliert:

Eine kindgemäße, d.h. dem Wesen des Kindes gerecht werdende Erziehung ist jener Zeit [dem hohen Mittelalter] fremd. Ihr ist das Kind unvollkommen, nur Vorbereitung auf das Erwachsenenalter. [...] Dass die Zeit der Kindheit als eine in sich abgeschlossene einen eigenen Sinn hat, darüber weiß die Literatur des Mittelalters nicht zu berichten.[22]

Für den Newcomer auf dem Gebiet zeigt sich m.E. die Literatur zum Kind im Mittelalter als (verwirrend) heterogen und nicht leicht zu bewerten.

2. Lebensphasen des Kindes und seine rechtliche Einbettung

2.1 Allgemeines

Das Kind wurde im Mittelalter ‒ entgegen mancher Meinung ‒ nicht als »kleiner Erwachsener«, sondern grundsätzlich als Kind gesehen, stellt Arnold fest.[23]

Noch 1990 formulierte der Sonderpädagoge Mallet dagegen, im Mittelalter sei Erziehung von Kindern »kein Thema« gewesen. Auf Abbildungen sähe »das Kind wie ein kleiner Erwachsener aus [...] Kinder nahm man als Kinder ganz einfach nicht zur Kenntnis«. [...] Babys und kleine Kinder [galten] noch nicht eigentlich als Menschen, und man litt nicht sonderlich, wenn sie starben«.[24]

Mit modernem Psychologiewissen und offenbar detaillierter Primär-Quellen Kenntnis wendet sich Shahar gegen diese u.a. von Philippe Ariès vertretene Ansicht, »die mittelalterliche Gesellschaft habe kein Verständnis zur Kindheit und ihren Besonderheiten gehabt«,[25] und zeichnet ein zu Ariès konträres Bild, das getragen ist von Liebe und Fürsorge und das hagiographische Schriften, unter anderem über »das Jesuskind in der Badewanne«[26] nicht ausspart. Indem sie wiederholt zwischen heutigen kinderpsychologischen Erkenntnissen und didaktischen Quellen des Mittelalters gedankliche Bögen schlägt, kann Shahar signifikant zeigen, dass Einstellungen und Verhaltensweisen von Kindern und ihren Bezugspersonen sich über die Jahrhunderte hinweg nicht nennenswert geändert haben. So wendet sie sich auch gegen die Auffassung, dass Trauer über den frühen Kindestod im Mittelalter nicht ausgeprägt gewesen sein soll, unter Verweis auf mittelalterliche Quellen, die das Gegenteil belegen, dass nämlich der Gedanke »media in vita in morte sumus« omnipräsent war und nicht wie heute verdrängt wurde.[27]

Während sich aus der mittelalterlichen Literatur ein, wenn auch für die Gruppe der Stände unterschiedlich facettenreiches Bild der Kindheit gewinnen lässt, sind profane bildliche Kinder- und Familiendarstellungen eher selten zu finden. Dennochkann aus den bildlichen biblischen Darstellungen, z.B. der Kindheit Jesu, auf zeitübliche Bekleidung, wie Kleidchen auch bei Jungen im Kleinkindalter, und Handlungsweisen, wie die Technik des Winkels von Kindern, geschlossen werden.[28]

Die Lebensabschnitte des Kindes werden üblicherweise eingeteilt in: 1. die infantia vom 1.-7. Lebensjahr, d.h. etwa bis zum Zahnwechsel, 2. die pueritia vom 7.-14. Lebensjahr, etwa bis zur Geschlechtsreife, 3. die adolescentia, die Jugendzeit, deren Beginn unscharf ist und zwischen dem 10. und 14. (16.) Lebensjahr liegt in Abhängigkeit von Geschlecht, Standeszugehörigkeit und dem Übergang ins Arbeitsleben.4. die iuventus, die Volljährigkeit, die ab 14. bis 18. Lebensjahr eintritt. Letztere schließt volle Haft- und Ehe-Mündigkeit ein.[29]

Kazhdan führt für das byzantinische Reich Unterschiede zum westlichen Europa an, dass es keine klare Abgrenzung von infantia, pueritia, adolescentia und dem heiratsfähigen Alter gegeben habe. Auch die Minderjährigkeit ginge bis zum 18. bzw. sogar bis zum 25. Lebensjahr. Säuglinge seien üblicherweise bis zum 2.-3. Lebensjahr gestillt worden. Unfruchtbarkeit und Zeugungsunfähigkeit hätten als schwerer Mangel gegolten. Er gibt 3-5 Kinder als im Schnitt zu einem Haushalt gehörig an. Bei einer Sterberate von 50% ergibt dies 6-10 Geburten im Leben einer Frau.[30] Im Gegensatz dazu wurde im Westen Unfruchtbarkeit »nicht als Grund für die Annullierung einer Ehe anerkannt«, wie Shahar bemerkt.[31]

2.2 Neuere Studien zu den Lebensaltern

2.2.1 Zeugung und Askese

Shahar entwirft folgendes Bild.[32] Askese ist in der mittelalterlichen Gesellschaft die christliche Tugend und Lebensweise schlechthin, ebenso die Entsagung von Familie[33] und Kind. Damit einhergeht auf der anderen Seite, dass man die damit verbundenen Beschwernisse nicht auf sich nehmen muss. Shaharverweist auf Bernhard von Morlas aus dem 12. Jh. »Kinder seien eine Quelle des Glücks, doch stammten diese Freuden von Satan...«[34]

Sie fährt fort, Mutterpflichten und -anleitungen seien selten als literarischer Gegenstand der Unterweisungen zu finden; der Akzent läge auf der Rolle als Ehefrau, da die Zeugung nie Gegenstand von höfischer Minne-Literatur sei und Liebe sich darstelle als entweder platonische oder rein sinnliche.[35] Sie benennt Gründe, die im Mittelalter zum Verzicht auf Kinder angeführt wurden. Kinder seien eine schwere Strafe, weil sie Kummer und Sorge bereiten und Geld kosten. Männer würden zu Sklaven der Ehefrauen und der Familie. Sie verweist dabei auf Eustache Deschamps aus dem späten Mittelalter, der schreibe:

Glücklich, wer keine Kinder hat, denn kleine Kinder sind nur Geschrei und Gestank, Mühe und Sorge; sie müssen gekleidet, beschuht, gefüttert werden; immer sind sie in der Gefahr zu fallen oder sich zu verletzen. Sie werden krank und sterben, oder werden groß und schlecht; sie kommen ins Gefängnis. Nichts als Mühe und Verdruss, kein Glück vergilt die Sorgen, Anstrengungen und Kosten der Erziehung. Kein größeres Unglück als missgestaltete Kinder zu haben.[36]

Die Kirche verhielt sich in der Beurteilung des Kindersegens ambivalent. Es gibt Quellen mit eindeutiger Ablehnung ‒ Shahar nennt unter anderem Abelærd in Historia Calamitatum und Humbert von Romans in De Eruditione Praedicatorum, ‒ die auch die vermeintlich zu starken Zuwendungen der Eltern an die Kinder rügen; sie erfüllten alle Bedürfnisse ihrer Kinder auch unter Hintanstellung der eigenen Bedürfnisse und durch Aufnahme von Krediten. Es wird eine klare Rangfolge aufgemacht,z.B. in Buch Sidrach, Gottes Liebe ist die höchste Liebe und ‒ konform der Bibel ‒ höher als die Eigenliebe; dann folgt die zum Ehepartner, erst dann die zu den Kindern.[37] Dies wurde untermauert mit Bibelzitaten wie Mt. 10,36-37:

Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen seien. Der Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert; und der Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert.[38]

Eine negative, geradezu Menschen und Welt verachtende Lehrmeinung vertrat an höchst kirchlicher Stelle Papst Innozenz III. (1160 -1216), Neubegründer und Befestiger des Kirchenstaates. Sein Menschenbild beschrieb er in De miseria conditionis humanae im Vergleich mit der Pflanzenwelt etwa so: »Von jenen [den Pflanzen] ergießen sich Öl, Wein und Balsam, aus dir aber kommt nur Schleim, Urin und Kot. Jene atmen süßen Duft, du hinterlässt abscheulichen Gestank;«[39] und in De contemptu mundi: »Einige Neugeborene sind derart missgestaltet und entstellt, dass es besser gewesen wäre, wenn sie vor der Geburt gestorben wären und niemals das Licht der Welt erblickt hätten.«[40]

Ein weiteres Moment ist der Glaube an die Sündhaftigkeit des Menschen von Geburt an, vererbt durch die Erbsünde aus Adams Fall. Die Fleischeslust der Eltern beim Zeugungsakt ist als Fortsetzung der Abkehr Adams und Evas von Gott zu sehen; Zeugung geschieht in Sünde. Das auf den Kirchenvater Augustinus (4. Jh.) zurückgehende Dogma der katholischen Kirche von der Erbsünde besagt, dass erst durch die Taufe in Christus, dem zweiten Adam, diese Sünde hinweggewaschen wird.

Die negative Einstellung zum Kind ging so weit, dass Elternteile, die in ein Kloster eintraten, dies tun konnten, indem sie die familiären Bande vollständig zerschnitten und die eigenen Kinder ihrem ungesicherten Schicksal überlassen konnten. Shahar belegt dies mit zwei Beispielen, der Geschichte der Margarethe von Cortona in Acta Sanctorum[41], die nach Eintritt ins Kloster über das Beten die Existenz ihres eigenen Sohnes vergessen haben soll, und zum zweiten der Geschichte der Michelina von Pesaro in Analecta Bollandiana, nach der diese, um ins Franziskanerkloster eintreten zu können, Gott gebeten haben soll, den Hinderungsgrund, nämlich ihren kranken, kleinen Sohn zu sich aufzunehmen. Gott habe darauf der Bitte entsprochen; das Kind sei gestorben.[42] Solche ‒ wie wir heute sagen ‒ fundamentalistischen Einstellungen sind aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehbar. Shahar spricht denn auch von einer »Sphäre der Psychopathologie«, nicht ohne zu vermerken, dass derartiges Verhalten der beiden Frauen allerdings »von ihren Biographen als Ausdruck höchster Frömmigkeit und als Zeichen ihrer Heiligkeit gewertet« wurde.[43] Später verweist sie auf Thomas von Aquin, der diese Handlungsweise ausdrücklichmissbillige und feststelle, Eltern hätten ihre Kinder mit ins Kloster zu nehmen, solange diese klein und von ihnen abhängig seien. Hiermit gehen neben den Ordensregeln existierende consuetudines, Gewohnheitserlaubnisse, konform, die die Mitnahme von kleinen Kindern in die klösterliche Gemeinschaft gestatteten.[44]

Diepositive Gegenposition in der Sicht von Kindern geht von der christlichen Grundeinstellung aus, dass alles Leben insbesondere das menschliche heilig sei, weil von Gott geschaffen (Genesis) und mit seiner Weisung versehen:[45]

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er sie; und schuf sie als Mann und Weib. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch ...
(1. Mose 1.27-28)[46]

Die Zeugung von Nachkommen wurde auf dieser Basisdaher generell als ein Zweck der Ehe gesehen und das mit positiven Nebeneffekten, wie der Verhütung von Unzucht. Dennoch sah Paulus die Ehe gegenüber der Enthaltsamkeit als zweitrangig an.[47] - Gleichwohl führt Shahar mittelalterliche Quellen an, in denen sexuelle Enthaltsamkeit aus wirtschaftlichen Gründen oderaus einer Verweigerungshaltung den ehelichen Pflichten gegenüber vom Klerus getadelt wird. Die Laien wurden angehalten zu heiraten und Kinder zu zeugen. Auf der anderen Seite wurde davon klar unterschieden die Keuschheit im Dienste Gottes und der Kirche.[48]

Die Figur des Schiedsmanns Henritze formuliert dies in Wittenwilers Der Ring so:

Ist, daz ein man wil und mag stät be- leiben, chinder machen, weib und chinder füeren mit rechtvertigem guot noch got wil dienen sam ein engel keu- schechleich, der nem ein hausfrawen ze einer chan, die im gevallen und frucht- per sei, weis und from und sein geleich![49]

Neben der biblisch fundierten Gegenposition wurde auch die Zeugung von Kindern damit begründet, dass Nachkommen zu zeugen ein Naturtrieb sei. In seiner Summa Teologica Buch 2, Teil 1 führt z.B. Thomas von Aquin in seiner Antwort auf Frage 94 Art. 2 zum Naturgesetz aus, dass die Arterhaltung ein Naturgesetz sei:[50]

Secundum igitur ordinem inclinationum naturalium, est ordo praeceptorum legis naturae. Inest enim primo inclinatio homini ad bonum secundum naturam in qua communicat cum omnibus substantiis: prout scilicet quaelibet substantia appetit conservationem sui esse secundum suam naturam. Et secundum hanc inclinationem, pertinent ad legem naturalem ea per quae vita hominis conservatur, et contrarium impeditur.

Entsprechend der Ordnung der natürlichen Geneigtheitengibt es also eine Ordnung der Gebote des Naturgesetzes.Nun ist dem Menschen erstens die Neigung zumGuten inne entsprechend der Natur, in der er mit allen selbständigen Wesen übereinkommt: jedes Selbstandwesen [eigenständige Wesen, Anm. Bel] erstrebt nämlich die Erhaltung seines Seins gemäß seinerNatur. Und im Hinblick auf diese naturhafte Neigunggehört alles zum natürlichen Gesetz, wodurch das Leben desMenschen erhalten und das Gegenteil abgewehrt wird.

[...]


[1] Schultz 1995a.

[2] Vgl. ebd.:59.

[3] Ariès 1984.

[4] Vgl. Schultz 1995a:59.

[5] Vgl. ebd.:59 Fn. 3.

[6] Shahar 2004.

[7] Vgl. ebd.:28ff.

[8] Farmer 1992:198.

[9] Der Endnoten-Apparat umfasst allein 90 Seiten.

[9] Nebenbei bemerkt schreibt Shahar auffallend oft und generalisierend von Kindern, wo offensichtlich ausschließlich Jungen gemeint sind. Dennoch tut die mangelnde Geschlechterdifferenzierung (die sie möglicherweise aus den mittelalterlichen Quellen adaptiert) ihrer facettenreichen Darstellung keinen Abbruch.

[11] Schultz 1995b.

[12] Klinger 2008:94.

[13] Ebd.:96.

[14] Ebd.:100.

[15] Peters 2004:76.

[16] Ebd.

[17] Ebd.:78.

[18] Ebd.

[19] Arnold 1997:741.

[20] Klinger 2008:101.

[21] Vgl. Mallet 1990:15–30. Dieses sich mit Kindern im Mittelalter beschäftigende Kapitel verzichtet auf jedes Zitat, das Quellenverzeichnis auf jede Primär- oder Sekundärquelle zu dieser Zeit.

[22] Tiedemann 1957:116. Für Tiedemann scheint das ebenfalls zu gelten, was Brinker-von der Heyde zu P. Ariès vermerkt, den das weitgehende Fehlen von Familienbildern dazu veranlasst habe, »dem mittelalterlichen Menschen ein Bewusstsein für Kindheit als eigenen Lebensabschnitt abzusprechen«. Vgl. Brinker-von der Heyde 2001:46f.

[23] Vgl. Arnold 1999:Sp. 1143. Für Shahar ist dieser Sachverhalt so eindeutig, dass sie ihn erst gar nicht herausstellt. Shahar 2004.

[24] Vgl. Mallet 1990:16f. Hier übernimmt Mallet offensichtlich die These von Ariès. Mallet belegt all seine Ausführungen jedoch so gut wie nie. In seinem Vorwort kokettiert er damit, dass er sich mit der pädagogischen Grundlagenliteratur nicht sonderlich auseinander gesetzt habe. Es scheint kein Fehler zu sein, seinen Darlegungen mit gewisser Skepsis zu begegnen.

[25] Shahar 2004:111.

[26] Ebd.:112.

[27] Vgl. das Kapitel Trauer ebd.:178–185.

[28] Vgl. Arnold 1999:Sp. 1144.

[29] Vgl. ebd.:Sp. 1142.

[30] V gl. Kazhdan 1999:Sp. 1145.

[31] Shahar 2004:15.

[32] Vgl. ebd.:11f.

[33] Der mittelalterliche Begriff der Familie umgreift i.d.R. die in einer Wohngemeinschaft versammelten Menschen, die neben der »Kernfamilie« von Vater, Mutter und Kindern die weiteren Verwandten wie Großeltern, aber auch Knechte und Mägde, das Gesinde als unter der Verfügungsgewalt des Hausherrn stehend einschließt. Vgl. auch Goetz 1999. Im Folgenden meint Familie »Kernfamilie« in ehelicher Gemeinschaft.

[34] Shahar 2004:11.

[35] Auf die Fiktionalität der Minne-Literatur sei hier nur kurz hingewiesen: »Dass dem (auch in narrativen Texten thematisierten) 'Frauendienst' keine soziale Praxis entspricht, ist vielfach festgestellt worden« als »durch und durch männliches Spiel«. Vgl. Klinger 2008:107 Fn. 30.

[36] Zitiert nach Shahar 2004:12.

[37] Hinweis gefunden in ebd.:13.

[38] Luther 1970:Mt 10.36-37.

[39] Innocentius Papa, III 1990:48. Dieses Werk Innozenz wird häufig zitiert und scheint über seine Zeit hinaus von prägender Bedeutung gewesen zu sein.

[40] Zitiert in Shahar 2004:19.

[41] Die Acta Sanctorum stellt die mit 68 Bänden umfangreichste, wissenschaftlich fundierte Sammlung von Heiligenviten in kalendarischer Folge dar, 1643 von Joh. Bolland SJ begonnen und 1875 mit dem 10. November nicht weiter fortgeführt. Bis heute werden jedoch die Subsidia Hagiographica als Nachfolgeeditionen herausgebracht. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Acta_Sanctorum. Stand: 09.08.2011.

[42] Vgl. (Shahar, Shulamith 2004:14f.)

[43] Ebd.:15.

[44] Vgl. ebd.:17f.

[45] Vgl. ebd.:15f.

[46] Luther 1970:1. Mose 1,27-28.

[47] Vgl. Shahar 2004:15.

[48] Vgl. ebd.:15f. Zitiert u.a. Alvarus Pelagius: De planctu ecclesiae (14. Jh.).

[49] Wittenwiler 2003:vv. 3524.5-11. Auf Wittenwilers Der Ring wird in Kap. 3.4 näher eingegangen.

[50] Vgl. Shahar 2004:15f. Der lateinische Text nebst deutscher Übersetzung findet sich in: Thomas de Aquino s.a.:Bd. 13 = Buch 2, Teil 1, Frage 90-105. Das Gesetz:74f.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Kindheit im Mittelalter
Untertitel
Aspekte
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur I)
Veranstaltung
HS: Heiligkeit und Heiligkeitskonzepte der 'höfischen' Legendenliteratur
Note
2.0
Autor
Jahr
2011
Seiten
46
Katalognummer
V191765
ISBN (eBook)
9783656168126
ISBN (Buch)
9783656168393
Dateigröße
665 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindheit, Mittelalter, Recht des Kindes, Erziehung, Ausbildung, Gregorius (Hartmann), Tristan (Gottfried), Parzival (Wolfram), Der Arme Heinrich (Hartmann), Der Ring (Wittenwiler), Nonnenviten, Mentalitätsgeschichte, Mediävistik
Arbeit zitieren
Dipl. Ing. Karl Bellenberg (Autor), 2011, Kindheit im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191765

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