Das Konzept Vladimir Putins von der russländischen Nation

Bremse für die Demokratisierung Russlands?


Hausarbeit, 2006

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Zusammenhang von Nationalismus und Demokratisierung
II.1. Begriffsklärung- Nation, Nationalismus und Demokratisierung
II.2. Der Zusammenhang zwischen Nationalismus und demokratische Konsolidierung

III. Putins Konzept der russländischen Nation
III.1. Staatssymbolik als „invented traditions“
III.2. Der Große Vaterländische Krieg- Stütze des Nationalstolzes
III.3. Die Russische Orthodoxie als Kern der russländischen Nation

IV. Fazit: Konzept und Staatsbürgergesellschaft außer Blickweite

V. Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Der Zusammenbruch der Sowjetunion rief unter der Bevölkerung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) eine schwere Identitätskrise hervor, die bis heute nachwirkt. In diesem Teil des Sowjetimperiums hatte, im Gegensatz zu den anderen Teilrepubliken, die sowjetische Maxime, einen sowjetischen Menschen zu schaffen, Früchte getragen, so dass sich 1991 bis zu 80 % der Russen als sowjetisch und nicht als russisch bezeichneten.1 Die Auflösung der Sowjetunion in ihre Republiken diskreditierte nicht nur die Selbstbezeichnung dieser Menschen, sondern machte sie gleichzeitig obsolet. Der Kalte Krieg war verloren, ebenso der Supermachtstatus und- viel bedeutender- der Bezugsrahmen ihrer Identität, das Imperium Sowjetunion, existierte nicht mehr.

Der Bevölkerung der neu gegründeten Russländischen Föderation (RF) standen jedoch nicht dieselben Mittel wie den Bevölkerungen der übrigen neuen Staaten zur Verfügung, um den Zusammenbruch zu verarbeiten. Während in allen anderen Nachfolgestaaten ein ethnisch motivierter Nationalismus zum Tragen kam und das Ende der Sowjetunion als ein Akt der nationalen Befreiung gedeutet wurde, standen die Bewohner der RF vor der Frage nach der nationalen Selbstdefinition. Auf einen russischen Nationalismus aus vorsowjetischer Zeit konnten sie nicht zurückgreifen, weil es diesen nicht gegeben hatte. Während der Sowjetära deckte sich, wie bereits erwähnt, die russische Identität weitgehend mit der sowjetischen.2 In den 16 Jahren der Transformation haben sich verschiedene Spielarten des russischen Nationalismus ausgebildet. Keine kann jedoch für sich beanspruchen, den gesellschaftlichen Konsens wiederzuspiegeln, vor allem weil jeder auf der russischen Ethnie basierende Nationalismus die 20% der Bevölkerung ausschließt, die keine ethnischen Russen sind.3 Bei der Gründung der RF wurde dieser Aspekt berücksichtigt, indem eine Rossijskaja Federacija (Russländische Föderation) und nicht eine Russkaja (Russischen) deklariert wurde.4

Aus der historisch begründeten, negativen Sicht auf den Nationalismus könnte man sein großflächiges Fehlen natürlich als begrüßenswert einstufen. Dieser Sicht möchte sich die vorliegende Arbeit jedoch entziehen. Vielmehr geht sie davon aus, dass der Nationalismus eine entscheidende Rolle bei der Demokratisierung, genauer bei der Konsolidierung der Bürgergesellschaft spielt und daher eine unumgängliche Notwendigkeit darstellt. Um diese Annahme zu untermauern, wird im ersten Teil die theoretische Grundlage derselben expliziert. Zugleich muss eine Einschränkung vorgenommen werden, da ein positiver Zusammenhang von Nationalismus und Demokratisierung nicht für alle Formen des Nationalismus angenommen werden kann. Weiterhin wird hier die begriffliche Grundlage für den zweiten empirischen Abschnitt gelegt. Dieser wird sich mit der Nationsdefinition des Präsidenten der RF, Vladimir Putin, beschäftigen sowie mit der Form des Nationalismus, der aus dieser Definition erwachsen kann.

„Putin is for the Russians the leading construction that contains their normative images about the world and Russia“, konstatiert Vladimir Shlapentokh.5 Diese Feststellung leitet Shlapentokh aus den Umfragen zum Vertrauensverhältnis der Bürger gegenüber den russländischen Politikern und Institutionen ab, bei denen Putin immer am besten abgeschnitten hat.6 Es kann also auch von einem großen Einfluss der Konzeption ausgegangen werden, die der Präsident von der russländischen Nation hat. Er hat potentiell die Deutungsmacht, um das Selbstbild der Russländer und einen entsprechenden Nationalismus zu prägen. Aus diesem Grund fällt der empirische Fokus dieser Arbeit auf die beispielhaften Maßnahmen, Praktiken und Diskurse Putins, welche die russländische Nation thematisieren. Zur Herausarbeitung und Analyse seines bisher nicht explizit formulierten Konzepts und seiner Implikationen werden drei Anhaltspunkte genauer beleuchtet. In einem ersten Schritt wird die Staatssymbolik, die zu Anfang der Regierungszeit Putins erneuert wurde, examiniert. Der zweite Blickpunkt wird die Einbindung des Sieges im II. Weltkrieg sein, der bis heute eine entscheidende Rolle für die Bevölkerung der RF spielt. Als dritter Anhaltspunkt dient zuletzt das Verhältnis des Präsidenten zur Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK). In allen drei Schritten werden Kernpunkte der Putin’schen Konzeption zunächst herausgearbeitet, um sie anschließend einer Bewertung zu unterziehen. Als normative Grundlage dient hierbei die Demokratisierung. Das Fazit wird die Ergebnisse, wenn möglich, zu einem konsistenten Konzept subsumieren und dessen Nutzen bilanzieren.

II. Der Zusammenhang von Nationalismus und Demokratisierung

II.1. Begriffsklärung- Nation, Nationalismus und Demokratisierung

Nation und Nationalismus sind die zwei essentiellen Grundbegriffe dieser Arbeit. Zu ihrer Definition werden die Arbeiten Benedict Andersons, Eric Hobsbawms und Ernest Gellners herangezogen. Alle drei haben entscheidende Beiträge innerhalb der Nationenthematik geleistet. Die Kombination von Andersons Nationendefinition als eine „vorgestellte politische Gemeinschaft- vorgestellt als begrenzt und souverän“7 mit Hobsbawms Konzept der „invented traditions“ bietet eine fruchtbare, konstruktivistische Basis, wenn man Diskurse und Praktiken untersucht, die eine potentiell nationale Gemeinschaft betreffen oder zu realisieren suchen. Die „invented traditions“ bilden dabei die Voraussetzungen für die Formierung der „vorgestellten Gemeinschaft“, denn durch den Rückgriff auf die Vergangenheit und die Umdeutung derselben werden neue Praktiken hergestellt, die durch bekannte formelle oder informelle Regeln definiert werden. So lassen sich neue Werte und Normen einführen und festigen, die vor allem bei schnellen sozialen Veränderungen notwendig werden, um dem neu entstandenen System den Anschein von Kontinuität und somit Legitimität zu verleihen.8 Nationalismus ist, Gellner folgend, „primarily a political principle, which holds that the political and the national unit should be congruent”.9 Der Vorteil dieser Definition ist ihre Neutralität gegenüber dem Phänomen Nationalismus, die es ermöglicht alle seine Formen einzuschließen.

Demokratisierung wird hier im Sinne Merkels, einem der führenden Transformationsforscher, verstanden. Dieser greift auf eine Definition Friedbert Rübs zurück, indem er Demokratisierung als einen Prozess bezeichnet, „in dem unbegrenzte, unkontrollierte und kompromisslos eingesetzte politische Macht von einer sozialen Gruppe oder Person auf institutionalisierte Verfahren verlagert wird, die die exekutive Macht begrenzen, laufend kontrollieren, regelmäßig verantwortbar machen und kontingente Ergebnisse ermöglichen.“10

Diesen Prozess unterteilt Merkel in drei Phasen.11 Die ersten beiden- das Ende des autokratischen Regimes und die Institutionalisierung der Demokratie- sieht er für die zentral- und osteuropäischen Länder, so auch für Russland, als überwunden an. Begründet wird dies durch die Erfüllung des Hauptkriteriums: eine neue, demokratische Verfassung.12 Die letzte und schwierigste Phase stellt die Konsolidierung der Demokratie dar. Merkel wendet einen positiven Konsolidierungsbegriff an, nach dem eine Demokratie als konsolidiert gelten kann, „wenn das System nicht nur in den Augen der Eliten legitim und ohne Alternative ist, sondern wenn auch die Einstellungs- Werte- und Verhaltensmuster der Bürger einen stabilen Legitimitätsglauben gegenüber der Demokratie reflektieren.“13

Dieser Definition folgend, unterteilt Merkel die demokratische Konsolidierung in vier Phasen: die konstitutionelle, die repräsentative und die Verhaltenskonsolidierung- wobei er sich hier auf die informellen politischen Akteure wie Militär und Wirtschaft bezieht- sowie die Konsolidierung der Staatsbürgergesellschaft. Letztere wird charakterisiert durch die Herausbildung einer civic culture und einer civil society.14 Dabei ist die civic culture eine Mischform der drei Idealtypen der politischen Kultur- parochiale, Untertan- und partizipierende Kultur. Die civil society versteht Merkel als die „intermediäre Sphäre zwischen der Privatheit der Familie, des Unternehmens etc.

[...]


1 Vgl. Rancour-Laferriere, Daniel: Russians Nationalism from an Interdisciplinary Perspective: Imagining Russia, New York, 2000, S. 29.

2 In allen Sowjetrepubliken fand, insbesondere nach Stalin, eine Ethnisierung der Eliten statt. Jede Republik hatte ihre eigene KP und eine eigene Akademie der Wissenschaft und Kultur. Zu den Gründen für die Nicht- Herausbildung eines russischen Nationalismus in der zaristischen Zeit, siehe: Rowley, David G.: Imperial versus national discourse: the case of Russia; in: Nations ans Nationalism, Jg. 6 (2000), Heft 1, S. 23-42.

3 Die Bevölkerung der RF unterteilt sich ethnisch wie folgt: 79,8% Russen, 3,8% Tataren, 2,5% Baschkiren, 1,1% Tschuwaschen, 12,1% andere (Stand 2002). Vgl. http://worldfactbook.com/country/Russia/2005 (Stand: 11.11.2006)

4 Das Adjektiv russkij bezeichnet die Ethnie der Russen, das Adjektiv rossijskij ist im Grunde ein politisches, das sich auf das Territorium Russlands (Rossia) bezieht. Zur Geschichte der beiden Begriffe siehe: Khazanov, Anatoly: Russischer Nationalismus heute- zwischen Osten und Westen; in: Transit, Heft 21 (2001), S. 90-109.

5 Shlapentokh, Vladimir: Trust in public institutions in Russia: The lowest in the world; in: Communist and Post- Communist Studies, Jg. 39 (2006), Heft 2, S. 167.

6 Das russländische Meinungsforschungsinstitut VCIOM führt wöchentlich eine Befragung von 1600 Personen in ganz Russland durch, in der die Probanden fünf bis sechs Politiker nennen sollen, denen sie am meisten vertrauen. Putins Werte im Jahr 2006 schwankten durchgängig zwischen 47 und 53 %. Der zweitplazierte Katastrophenschutzminister Sergej Schojgu erhielt das Vertrauen von 12 bis 13 % der Befragten. Vgl. http://wciom.ru/?id=26 (Stand: 31.10.2006). Das Levada-Zentrum fragte ihre Probanden 2005 nach ihrem Vertrauen gegenüber den russländischen Institutionen. Mit 47% lag Putin auch hier an der Spitze. Auf dem zweiten Platz lag die Russisch-Orthodoxe Kirche mit 41%. Vgl. Shlapentokh, Vladimir: a.a.O, S. 156 f. Wurde ausschließlich nach dem Vertrauen gegenüber Putin gefragt, so erhielt er im Jahr 2006 Werte zwischen 70% und 79%. Vgl. http://www.levada.ru/prezident.html (Stand: 31.10.2006). Das Yuri Levada-Zentrum befragt monatlich 1600 Personen nach ihrem Vertrauen in und ihrer Zufriedenheit mit Putins Arbeit.

7 Benedict, Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Konzepts, Frankfurt a.M./ New York, 1988, S.15 (Englische Originalausgabe 1983).

8 Vgl. Hobsbawm, Eric: Introduction: Inventing Traditons; in: ders./ Ranger, Terence: The Invention of Tradition, Cambridge, 1983, S.1ff.

9 Gellner, Ernest: Nations and Nationalism, Oxford, 1983, S. 1.

10 Rüb, Friedbert W.: Die Herausbildung politischer Institutionen in Demokratisierungsprozessen; in Merkel, Wolfgang (Hrsg.) Systemwechsel 1. Theorien, Ansätze und Konzeptionen, Opladen, 1994, S. 114.

11 Das Drei-Phasen-Modell entlehnt Merkel dem Modell O’Donnells und Schmitters, das er leicht modifiziert, um es universell anwendbar zu machen. Vgl. O’Donnell, Guillermo/ Schmitter, Philippe C.: Transitions from Authoritarian Rule: Tentative Conclusions about Uncertain Democracies, Baltimore, 1986.

12 Vgl. Merkel, Wolfgang: Systemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung, Opladen, 1999, S. 136 ff.

13 Ebd., S. 144.

14 Merkel verwendet diesen zweigeteilten Begriff in Anlehnung an Almond und Verba. Siehe: Almond, Gabriel A./ Verba, Sidney: Political Culture: Political Attitudes and Democracy in Five Nations, Princeton, 1963.

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Details

Titel
Das Konzept Vladimir Putins von der russländischen Nation
Untertitel
Bremse für die Demokratisierung Russlands?
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V191797
ISBN (eBook)
9783656167167
ISBN (Buch)
9783656167310
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russland, Nationalismus, Nation, Putin
Arbeit zitieren
Anna-Maria Damalis (Autor), 2006, Das Konzept Vladimir Putins von der russländischen Nation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191797

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