Heinar Schilling - Werdegang vom Expressionismus zum Nationalsozialismus


Seminararbeit, 2003
16 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schilling als Expressionist

3. Krisenjahre nach dem Krieg

4. Desillusionierung und Abwendung vom Expressionismus

5. Allgemeine Situation

6. Nationalsozialismus und Ende

7. Resümee

8. Quellenangabe

1. Einleitung

Sowohl ein Gedicht zu Ehren Karl Liebknechts, des linksrevolutionären Anführers des Spartakusaufstandes, als auch eine faschistisch getönte germanische Weltgeschichte stammen aus der Feder Heinar Schillings, der zunächst Expressionist war und in der Zeit der Weimarer Republik einen Wandel zum Nationalsozialisten vollzog. Dieser Wandel ist schwer zu verstehen, denn beide Standpunkte scheinen verschiedener nicht sein zu können. Es soll daher Ziel dieser Hausarbeit sein, den Werdegang Schillings nachzuvollziehen und Gründe dafür vorzustellen. Hierzu wird es nötig sein, die geschichtlichen und politischen Entwicklungen Deutschlands in dieser Zeit näher zu beleuchten.

Heinar Schilling wurde am 20. Oktober 1894 in Dresden geboren, als Sohn des bekannten Bildhauers Johannes Schilling[1]. Er studierte Germanistik und Philosophie in München, Leipzig, Kiel und Berlin. Als junger Mann diente Schilling im ersten Weltkrieg, und noch während dessen Verlauf gründete er den „Dresdner Verlag von 1917“.[2]

2. Schilling als Expressionist

Viele Merkmale, die heute als solche des Expressionismus gelten, lassen sich sehr gut bei Heinar Schilling feststellen. Ich möchte daher die wichtigsten hier vorstellen, um zu verdeutlichen, dass Schilling nicht nur peripher mit dem Expressionismus in Kontakt kam, sondern vollständig in diese Literaturepoche eingebunden war.

Schilling war 1917 Mitbegründer der „Expressionistischen Arbeitsgemeinschaft Dresden“, rief später zur Gründung der „Dresdner Sozialistischen Gruppe der Geistesarbeiter“ auf und war Mitglied der seit 1919 bestehenden „Expressionistischen Arbeitsgemeinschaft Kiel“. Die Gruppenbildung ist zwar kein Novum, aber doch ein Phänomen des Expressionismus, in dem es zu über 40 Gruppierungen kam, die meist in Beziehung zu Zeitschriften und Verlagen standen. Grund für das Zusammenfinden war beispielsweise die schwierige Situation während des ersten Weltkrieges, Kriegsproteste ließen sich durch die gefährliche Zensur nur innerhalb kleiner Gruppen von Vertrauten kundtun. Natürlich verbesserte die Mitgliedschaft in einer Vereinigung auch die Chancen auf Rezeption und Resonanz auf einem immer größer werdenden Literaturmarkt und verhalf den Dichtern so aus der Isolation.

Unter der Herausgabe von Schilling und Felix Stiemer erschien seit dem 15. Januar 1918 beim Felix Stiemer Verlag die Zeitschrift „Menschen“[3]. In dieser ersten Ausgabe wurden unter anderem vier Gedichte Schillings abgedruckt, die die Schrecken des Krieges mit Versen wie „An dem Weg fielen allzuviele“ und „Rot raucht Blut, Menschenleiber zerreissen“ verdeutlichen. Auch die im Krieg verlorene Menschlichkeit kommt durch die Zeile „Brüder des Menschen, wo bliebet ihr?“[4] zum Ausdruck und es zeigt sich hier deutlich, dass Schilling zu diesem Zeitpunkt eine kriegsgegnerische Haltung einnahm. Und dass er die Formel „Protest gegen Mord und Irrsinn“[5] in seinem Vortrag über die Eigenschaften und Anliegen des Expressionismus verwendete, bezeugt, dass er die Antikriegshaltung für einen Wesenszug desselben hielt.[6] Auch war es ihm wichtig, den Expressionismus als etwas Innovatives zu kennzeichnen, das an keine Tradition anschließt. Die Kunst solle man nicht verstehen, wichtig sei das Gefühl, „auf Fühlen kommt es an“, „man sehe - oder sehe nicht“[7]. Dieser Anspruch an die Kunst ist allerdings nicht neu, man findet ihn beispielsweise auch in der gefühlsbetonten Lyrik der Romantik, die gegen die Rationalität Position bezog. Was Schilling hier wohl ausdrücken will, ist eine Wendung gegen das verstandeslastige Industriezeitalter, welches mit seinem Kapitalismus den Mensch entfremdet, während der Expressionismus den Menschen befreien will. Desweiteren spielt für Schilling die Ganzheitlichkeit eine große Rolle - so verwendet er in dem relativ kurzen Vortrag das Wort „absolut“ sehr häufig. Der spätere öffentliche Brief von Schilling an den französischen Pazifisten und Autor des Antikriegsromans „Das Feuer“, Henri Barbusse, untermauert diese Feststellung. Schilling spricht hier davon, dass es auf das einheitliche Europa ankomme und nicht auf die einzelnen Länder, dass er „auf die Einheit der Geister“ hoffe und an „die große Nation der Menschenrechte“[8] glaube. Die Sehnsucht nach Einheitlichkeit zeigt sich auch in der Schrift „Mein Denkmal“, die im Heft 2 der „Menschen“ im zweiten Jahrgang veröffentlicht wurde. Es fällt hier das Wort „Esperanto“ - eine einheitliche Sprache für die ganze Welt. Die Zukunftsvision Schillings spielt damit, dass die Menschen irgendwann einmal diese Sprache tatsächlich gesprochen haben werden. Die Hoffnung auf Ganzheitlichkeit ist hier deutlich zu sehen.

Der Umstand, dass viele Expressionisten an eine Läuterung durch den Krieg glaubten, die den sogenannten „neuen Menschen“ hervorbringen sollte, wird heute mit dem Terminus „Messianismus“[9] als ein Wesenszug des Expressionismus gekennzeichnet. Nicht umsonst lautete der Titel der von Schilling herausgegebenen Zeitschrift „Menschen“, und ebenso ist in diesem Kontext das Verlagssymbol des sich aufrichtenden Menschen zu verstehen.

Die vierte Ausgabe von „Menschen“ enthält ein Gedicht Schillings mit dem Titel „Absage an die Stadt“, der gleichsam den Inhalt kennzeichnet. Ganz eindeutig formuliert Schilling hier seine Meinung, indem er schreibt: „Jäh wende ich mich gegen die Stadt.“[10] Besonders die Großstädte sahen die Expressionisten als menschenfeindlich an, da sie durch die ohnehin schon negativ bewertete Industrialisierung zu einem Wohnort von Massen wurden, in der sich aber die einzelnen Menschen zunehmend voneinander entfremdeten und entindividualisiert wurden.

Und schließlich ist der für den Expressionismus typische leidenschaftliche Pathos auch in den Werken Schillings zu finden, exemplarisch hierfür möchte ich zwei Verszeilen aus dem Gedicht „Der erbaute Mensch“ von 1918 anführen: „O trüge ich doch gütig und still [...]“ und „O ich trank atmend die Fülle [...]“[11].

Dass Heinar Schilling seine expressionistische Phase weniger ernst genommen hätte und zu der Zeit vielleicht sogar bereits nationalsozialistische Tendenzen gezeigt hätte, die auf seinen späteren Werdegang hinweisen würden, ist also nicht der Fall. Vielmehr ist eindeutig, dass Schilling sich in der Ausrichtung seiner Werke nicht grundlegend von anderen Autoren unterschied, die aber später in vollkommen andere Richtungen gehen sollten, wie zum Beispiel Friedrich Wolf oder Walter Hasenclever.[12]

3. Krisenjahre nach dem Krieg

Im Jahre 1918 erlebte Schilling nach vierjährigem Krieg die Novemberrevolution mit. Das Deutsche Reich befand sich bereits seit Anfang Oktober in den Verhandlungen zum Waffenstillstand, als die Seekriegsleitung Ende Oktober noch zu einem letzten Schlag gegen die britische Flotte ausholen wollte, wodurch die Waffenstillstandsverhandlungen gescheitert wären. So kam es unter den kriegsmüden Matrosen zum Aufstand, der Anfang November eine Revolution in ganz Deutschland auslöste. Ergebnis war, dass am 9. November der Kaiser Wilhelm II. abdanken musste[13] und die Republik vom Sozialdemokraten Philipp Scheidemann ausgerufen wurde. In der folgenden Zeit herrschte Zwiespältigkeit darüber, wie es nun weitergehen sollte. Im Gegensatz zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), die die Revolution mit Abdankung des Kaisers, also dem Ende der Monarchie, und mit der Ausrufung der Republik beendet sah, waren die radikalen Linken noch nicht an ihrem Ziel angelangt. Die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) bestand auf der Gründung einer Räterepublik nach russischem Vorbild. Im März 1917 wurde dort die Monarchie gestürzt und im Zuge der Oktoberrevolution[14] wurde, anstatt der parlamentarischen Republik, eine Räterepublik gegründet. Die Parallelen zu Deutschland sind offensichtlich und die USPD strebte hier demnach einen gleichen Revolutionsausgang an wie in Russland. Dadurch entstanden Spannungen mit der SPD, die die Demokratie durch die Nationalversammlung sichern wollte. Auf der Reichskonferenz der Arbeiter- und Soldatenräte wurde mit großer Stimmenmehrheit beschlossen, dass die Macht dem Rat der Volksbeauftragten zugesprochen werden sollte. Außerdem wurde der zuvor gegründete Vollzugsrat durch den „Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte“ ersetzt. Die Mitglieder der USPD versagten jedoch ihre Teilnahme an diesem Rat, wodurch dieser vollständig in die Hände der SPD fiel und somit die politische Macht endgültig bei ihnen lag. Sie paktierten mit den sogenannten alten Mächten, also mit Militär, Justiz und Verwaltung, was ihnen von den radikalen Linken vorgeworfen wurde. Diese Differenzen zeigten sich ganz klar auch im Januar 1919 durch den Spartakusaufstand, der von den Revolutionären Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in der Hoffnung geleitet wurde, doch noch eine Räterepublik zu erlangen. Der Aufstand wurde vom Militär niedergeschlagen, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wurden in diesem Zuge ermordet.

[...]


[1] Das monumentale Bronzestandbild der Germania in der Nähe von Rüdesheim stammt von Johannes Schilling.

[2] Biografische Fakten entnommen aus: Stark, Michael: „...wenn uns der sturm betrogen“ - Vom Expressionismus zum Faschismus. In: Dresdner Hefte (S. 71)

[3] Die Herausgeber wechselten: teils war Schilling Alleinherausgeber, teils hatte er Hasenclever als Partner.

[4] Dieses und die beiden vorangegangenen Zitate in „Menschen“, Heft I, 1. Jahr

[5] Schilling, „Expressionismus“. In: Ludewig (S. 42)

[6] Hier ist allerdings zu bemerken, dass eine Antikriegshaltung erst während und durch den Krieg entstand, zuvor war eine kriegsbefürwortende Stimmung vorherrschend. Und auch Schilling diente im ersten Weltkrieg, eventuell sogar ebenso euphorisch wie viele andere, die den Krieg als einen Aufbruch (aus der Langeweile) empfanden.

[7] Schilling, „Expressionismus“. In: Ludewig (S. 41f)

[8] Schilling „Offener Brief an Barbusse“. In: Ludewig (S. 45f)

[9] Metzler (S. 372)

[10] Heinar Schilling „Absage an die Stadt“. In: Menschen, Heft IV, 1. Jahr

[11] Heinar Schilling „Der erbaute Mensch“. In: Menschen, Heft VI, 1. Jahr

[12] Wolf wurde Marxist, Hasenclever arbeitete in der Unterhaltungsindustrie.

[13] Die Abdankungsurkunde unterschrieb er allerdings erst am 28. November.

[14] Oktoberrevolution am 7./8. November 1917: Die Zeitverschiebung ist bedingt durch den Julianischen Kalender, der in der Zeit in Russland Gültigkeit hatte.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Heinar Schilling - Werdegang vom Expressionismus zum Nationalsozialismus
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Expressionismus in Dresden
Note
3
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V19244
ISBN (eBook)
9783638234160
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Rechtschreibfehler wurden ausgebessert.
Schlagworte
Heinar, Schilling, Werdegang, Expressionismus, Nationalsozialismus, Dresden
Arbeit zitieren
Caroline Dorn (Autor), 2003, Heinar Schilling - Werdegang vom Expressionismus zum Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19244

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