Vergewaltigung im Nachkrieg


Vordiplomarbeit, 2003

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Atina Grossmann: „A Question of Silence: The Rape of German Women by Occupation Soldiers“

3. Ingrid Schmidt-Harzbach: „Eine Woche im April: Berlin 1945 Vergewaltigung als Massenschicksal“

4. Christine Eifler: „Nachkrieg und weibliche Verletzbarkeit Zur Rolle von Kriegen für die Konstruktion von Geschlecht“

5. Zusammenfassung

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

„[...] Das 16jährige Mädchen L. I. Meltschukowa führten die Soldaten auf Befehl des deutschen Offiziers Hummer in den Wald, wo sie es vergewaltigten. Nach einiger Zeit sahen andere Frauen, die ebenfalls in den Wald geführt worden waren, dass bei den Bäumen Bretter standen, an denen die sterbende Meltschukowa aufgespießt war. Die Deutschen haben ihr vor den Augen der anderen Frauen, ..., die Brüste abgeschnitten.“[1]

„Einige Frauen und junge Mädchen wurden brutal durch eine ganze Gruppe [alliierter Soldaten] in der Öffentlichkeit vergewaltigt, wobei sich die Soldaten in einer Warteschlange anstellten. In einigen Fällen wurden die Körper der Frauen vom Magen bis hin zum Anus aufgeschlitzt oder sie wurden danach getötet.“[2]

Solche oder ähnliche Abscheulichkeiten geschahen sowohl auf der Seite der Deutschen, als auch auf der Seite der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs und in der Nachkriegszeit, auch Nachkrieg genannt. Es waren Zeugenaussagen wie diese, die mich dazu bewogen, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich kann dafür nur das Wort „Abscheulichkeiten“ finden, weil erstens das Wort „Vergewaltigung“ gerade einmal einen Bruchteil dessen erfaßt, was Frauen damit angetan wird, und zweitens obige Beschreibungen mehr Grausamkeit enthalten, als „nur“ den Tatbestand einer Vergewaltigung als solche (die allein schon grausam genug ist).

Um das Thema überschaubar zu halten, werde ich mich im Wesentlichen auf die Vergewaltigungen beschränken, die deutschen Frauen speziell in der Nachkriegszeit von den Soldaten der Alliierten, meist Sowjetsoldaten, angetan wurden. Ich kann hierbei aber nicht ignorieren, dass die Soldaten auf deutscher Seite genauso gehandelt haben. Daher habe ich oben auch zwei verschiedene Beispiele angeführt.

Und um den Vorwürfen der Einseitigkeit noch weiter entgegen zu wirken, sei gesagt, dass es meiner Meinung nach keine Rolle spielt, was deutsche Frauen im Nationalsozialismus getan haben. Eine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung und bleibt eine Vergewaltigung. Es gibt keinen einzigen Grund, der eine Vergewaltigung rechtfertigt. Somit finde ich es wiederum gerechtfertigt – zumindest in diesem Kontext – die deutschen Frauen als Opfer darzustellen.

In diesem Zusammenhang drängt sich gleich die Frage auf, warum es so viele Opfer von Vergewaltigungen gab. Wie konnte dieses Verbrechen zum Massenphänomen werden?

Bei einer so großen Anzahl kann man nicht mehr von Zufällen (schon gar nicht von Einzelfällen) sprechen. Es entsteht der Eindruck einer Zwangsläufigkeit: Also bei nahezu jeder Begegnung von deutschen Frauen und Soldaten der Befreiungs- bzw. Besatzungsarmeen kam es mehr oder weniger zwangsläufig zu einer Vergewaltigung.

Diese Zwangsläufigkeit möchte ich in erster Linie in Frage stellen. Dazu setze ich mich zunächst mit verschiedenen Forschungsansätzen auseinander, um einen Eindruck darüber zu gewinnen, was damals vorgefallen ist, wie damit umgegangen wurde und was daraus gefolgert wurde. Indirekt ergibt sich daraus auch ein Eindruck darüber, was nicht getan wurde und was nicht gefolgert wurde. Vermutlich verbirgt sich nämlich hinter diesen Unterlassungen oben genannte Zwangsläufigkeit. Ich bin der Meinung, dass man damals gegen die Vergewaltigungen hätte vorgehen können und dass sie gar nicht erst hätten passieren müssen. Daher versuche ich am Ende meiner Arbeit auch theoretische Lösungsansätze zu entwickeln.

Interessant sind aber auch mögliche Langzeitfolgen der damals geschehenen Vergewaltigungen. Es handelt sich dabei schließlich um ein einschneidendes Erlebnis im Leben der Frauen, dass nicht einfach so an ihnen vorüber zieht. Ich denke, niemand würde bestreiten, dass die Frauen danach für den Rest ihres Lebens von dieser negativen Erfahrung geprägt sind.

„Der Krieg ist ein rechtsfreier Raum, eine Zeit des Wahns, in der keine Verbote mehr gelten und Greueltaten häufig ungesühnt bleiben, ja nicht einmal mehr zu Protokoll genommen werden“.[3]

Ich hoffe, dass ich finden werde, dass dieser „rechtsfreie“ Raum der einzige Grund dafür war, warum aus dem Phänomen der Vergewaltigung ein Massenphänomen wurde. Das ist die einzige Erklärung, die mir plausibel erscheint.

Für eine Vergewaltigung an sich gibt es meiner Meinung nach allerdings keine Erklärung. Mir persönlich ist schleierhaft, wie es manche Männer fertig bringen, Frauen so etwas anzutun. Frauen sind weder Eigentum der Männer, noch den Männern untertan. Ich wünsche mir, dass die Frauen in Zukunft als das Besondere anerkannt werden, was sie in Wirklichkeit sind, damit es nie wieder eine Vergewaltigung, geschweige denn eine Massenvergewaltigung, geben wird.

2. Atina Grossmann: „A Question of Silence: The Rape of German Women by Occupation Soldiers“

Als ersten Forschungsansatz wollte ich den von Atina Grossmann behandeln. Er enthält einige kritische Ansätze, die mich veranlaßten, ihren Beitrag eben als ersten zu thematisieren.

Zunächst war auffällig, dass sie sich eigentlich nicht mit dem Thema der Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit auseinandersetzen wollte. Sie arbeitete eigentlich an einer Studie über die Abtreibungspolitik und Geburtenkontrolle Deutschlands in der Nachkriegszeit. Dabei stieß sie auf eine Vielzahl von Abtreibungsgesuchen deutscher Frauen, die vergewaltigt worden waren.[4]

Nach Grossmann existierten zwei Diskurse über die Vergewaltigungen: Zum einen gab es den femininen Diskurs, der die Erzählungen der deutschen Frauen vergewaltigt worden zu sein, tendenziell für wahr erachtet und diese versucht, in die Analyse „normaler“ heterosexueller Beziehungen einzubeziehen.

Zum anderen gab es den historischen Diskurs, der dahin tendiert, den Erzählungen zu mißtrauen, die das deutsche Selbstverständnis der Nachkriegszeit einer Gesellschaft von Opfern unterstützten. Die Gründe dafür waren die Befürchtungen eines Wiederauflebens des Nationalsozialismus und eines Herunterspielen der Nazi–Vergangenheit.[5]

Frau Grossmann selbst in diese Diskurse einzuordnen, fällt etwas schwer. Ich denke, sie gehört beiden Diskursen an. Zum einen zeigt sie sich zum Beispiel von den Darstellungen der Frauen bewegt[6], was meiner Meinung nach eher in den femininen Diskurs paßt. Für die Frauen kann man Anteilnahme zeigen, an ihrer Geschichte aber nichts mehr ändern.

Aber sie befaßt sich auch mit Statistiken[7], mit „Fakten“ (soweit sie der Wahrheit entsprechen), was eben eher in den historischen Kontext paßt. Im Rahmen eines femininen Diskurses könnte man sich zwar ebenfalls damit beschäftigen, würde aber wohl eine zu große Distanz für diese Sichtweise gewinnen.

Den Rahmen für Grossmanns Arbeit, beziehungsweise das darin behandelte Schweigen über die Vergewaltigungen in der Nachkriegszeit, stellt der Film „BeFreier und Befreite“ von Helke Sander dar. Die Position Grossmanns zu diesem Film war der Grund, warum ich ihre Arbeit so herausragend fand. Sie stellt den Film in Frage und findet ihn zuweilen selbstgerecht und historisch unehrlich.[8]

Trotz Grossmanns Einschränkungen entsteht beim Lesen des Textes das Mißverständnis, sie würde Sanders Film ständig negativ kritisieren. Sie begeht den Fehler erst am Ende klarzustellen, was sie hauptsächlich kritisiert: Der Diskurs über die Vergewaltigungen wurde nicht komplett zum Schweigen gebracht. Er fand seinen Ausdruck in Literatur, Filmen und Regierungsberichten der Nachkriegszeit.[9]

Weiter kritisiert Frau Grossmann die Bemühungen des Films, die „harten Fakten“ – wie sie es nennt – aufzuzählen. Die Begründung dafür: „Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Historiker jemals wissen werden, wie viele deutsche Frauen [tatsächlich] in den Monaten vor und nach der Kapitulation von Sowjetsoldaten vergewaltigt wurden.“[10]

Außerdem waren die sowjetischen Soldaten nicht die einzigen, die vergewaltigten.

Es gibt auch Berichte über Vergewaltigungen durch Angehörige der anderen alliierten Armeen. Daher ist Grossmanns Kritik an Sanders Film berechtigt, dass sie im Endeffekt ihre Kritik doch nur auf die russischen Soldaten limitiert.[11] In diesem Zuge will sie die in Sanders Film angesprochenen Vergewaltigungen „‘de–essentialisieren‘ und historisieren“, da diese im Licht der die Deutschen dominierenden Selbstwahrnehmung und Erinnerung an ein Volk aus Opfern gesehen werden müßten.[12]

Grossmann räumt aus, dass die vergewaltigten Frauen keine Opfer seien. Sie will nur betonen, dass nicht das Dritte Reich, sondern vielmehr dessen Zusammenbruch zu den massenhaften Vergewaltigungen führte.[13] (Somit wird die Sichtweise, die deutschen Frauen seinen auch Opfer des Nationalsozialismus, ausgeräumt. Deren Täterschaft wird nicht angezweifelt.)

Sie wiederholt, dass der spezifische historische Zusammenhang von Bedeutung ist. Das Image eines einfallenden barbarischen Mongolen, der Frauen vergewaltigt, gehörte zur Nazi–Propaganda. Außerdem waren die Kriegsverbrechen der deutschen Soldaten bekannt und führten zu der Befürchtung, die Sowjetsoldaten würden nun an den deutschen Frauen Rache üben.[14]

Die Soldaten der roten Armee konsumierten zudem große Mengen an zurückgelassenem Alkohol, erhielten Verstärkung durch brutale sowjetische Sträflinge, die durch den „rechtsfreien“ Raum des Krieges praktisch einen „Freibrief“ ausgestellt bekamen, erhielten außerdem Verstärkung durch junge und alte Männer und gerieten durch die heftigen Gefechte in Rage.[15]

[...]


[1] Nürnberger Prozeß – Der Prozeß gegen die Hauptverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, 14.11.1945 – 01.10.1946, Band 7, München, Zürich 1984, Band 7, S. 502 ff.

Zitiert nach: Doris Riemann: „Eingeschrieben in ihre Körper – Eingebrannt in ihre Leiber: Vergewaltigungen von Frauen im zweiten Weltkrieg und in der Zeit danach und ihre Wirkungsgeschichte: Beobachtungen und Anmerkungen“. Hannover: 1998, S. 6.

[2] Atina Grossmann: „A Question of Silence: The Rape of German Women by Occupation Soldiers“. Erschienen in: Robert G. Moeller (Hg.): „West Germany under Construction. Politics, Society, and Culture in the Adenauer Era“. The University of Michigan Press, 1997, S. 43.

Originaler Wortlaut: „Some women and young girls were brutally gang-raped in public with a line of soldiers waiting for their turn. In some cases, women’s bodies were slit open from stomach to anus, or they were killed afterward.“

[3] L. Watson: „Die Nachtseite des Lebens. Eine Naturgeschichte des Bösen.“. Frankfurt am Main (S. Fischer), 1997, S. 248 f.

Zitiert nach: Franz M. Wuketits: „Wie du mir, so ich Dir“ (Kapitel 4.3) in „Warum uns das Böse fasziniert: die Natur des Bösen und die Illusionen der Moral“. Stuttgart; Leipzig: Hirzel, 1999, S. 141.

[4] Vgl. Grossmann 1997, S. 33: „I came to it unintentionally, quite unwillingly but irresistibly, through my research on politics of abortion and birth control in postwar Germany. Finding this affidavit among the 995 cases approved for abortion on the grounds of rape recorded in the Neukölln district office [...]“.

[5] Vgl. Grossmann 1997, S. 34: „On the one hand, the feminist discourse on rape, [...], while not trusting every single story, validates and publicizes the voices of women who speak of sexual violation and tries to integrate rape into its analysis of „normal“ heterosexual relations. On the other hand, the historical discourse on Germany’s confrontation with its Nazi past [...] tends to distrust any narrative that might support postwar Germans‘ self-perception as victims insofar as it might participate in a dangerous revival of German nationalism, whitewash the Nazi past, and normalize a genocidal war.“

[6] Vgl. Grossmann 1997, S. 33: „I was both moved [...] by the poignancy and desperation of a womans‘ and mother’s statement [...]“.

[7] Vgl. Grossmann 1997, S. 35: „The numbers cited for Berlin vary wildly; from 20.000 to 10.000, to almost one million, with the actual number of rapes higher because many women were attacked repeatedly.“

[8] Vgl. Grossmann 1997, S. 34: „Much as I respect Sander’s efforts to document a complicated and important history and to create a public space for its discussion, I find her approach deeply problematic, at times wildly self-righteous and historically disingenuous.

[9] Vgl. Grossmann 1997, S. 51: „The memories, if suppressed, remainded raw and distorted but hardly, as Sander’s film would claim, completely silenced. Their abdunant traces can be found in postwar literature, film, and government documentation.“

[10] Vgl. Norman M. Naimark: „The Russians in Germany: A History of the Soviet Zone of Occupation, 1945 – 1949“. Cambridge: Harvard Universitiy Press, 1995, S. 132 – 133. Zitiert nach Grossmann 1997, S. 36: „It is highly unlikely that historians will ever know how many German women were raped by Soviet soldiers in the months before and years after the capitulation.“

[11] Vgl. Grossmann 1997, S. 37: „Ironically, the very image Sander uses to establish that she is not limiting her critique to Russians is lifted from a Nazi film showing German victims (Bezieht sich auf: „Deutsche Wochenschau“ nos. 755/10/1945, 754/9/1945 und 739/46/1944“, Filmarchiv Barch (Koblenz)).“

[12] Vgl. Grossmann 1997, S. 37: „I am interested in „de– essentializing“ and historicizing the rapes Sander addresses in her film [...]. [They] need to be solidly located within a pervasive German self-perception and memory of victimization [...].“

[13] Vgl. Grossmann 1997, S. 38: „Let me be clear: I am not suggesting that raped German women were not victims [...]. [We need] to remember that in the case of mass rape of German women, it was not the Third Reich but rather its collapse [...] that led to women’s violation.“

[14] Vgl. Grossmann 1997, S. 39: „We need to understand how the experience of, the reaction to, and the memory of these rapes were framed by the specific historcally toxic conjuncture in which they took place. [...] Horrific images of invading Mongol barbarians raping German women were a vital part of the Nazi [propaganda]. [...] Moreover, Germans knew enough of Wehrmacht and SS crimes in the East to have reasons to believe that vengeful Russians would commit atrocities [...].“

[15] Vgl. Grossmann 1997, S. 40: „Fortified by huge caches of alcohol conveniently left behind by the retreating Germans, reinforced by brutalized Soviet soldiers of war liberated along the way, and enraged by the street-to-street, house-to-house German defense, loyally carried out by young boys and old men as well as regular soldiers, the Red Army pushed through East Prussia [...].“

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Vergewaltigung im Nachkrieg
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie und Sozialpsychologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V19248
ISBN (eBook)
9783638234207
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergewaltigung, Nachkrieg
Arbeit zitieren
Sebastian Wyrobek (Autor:in), 2003, Vergewaltigung im Nachkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19248

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