Sprachästhetik und Metrik im Vergleich

An den Beispielen Walther von der Vogelweide "ich saz uf eime steine" und Ernst Jandl "wien:heldenplatz"


Essay, 2011

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1. Annährung an den Begriff “Ästhetik”
2.2. Definition “Metrik”
2.3. Biographie und Sprache der Ästhetik

3. Sprachlich-metrische Analyse
3.1. ich saz û f eime steine
3.2. wien:heldenplatz

4. Interpretation und Diskussion

5. Literaturverzeichnis

6. Zusammenfassung/ Abstract

1. Einleitung

Wieso wirkt Dichtung? Und warum hat sich Literatur in gebundener Sprache noch nicht überholt? Welche Grenzen sind dem sprachlichen Ausdruck in dieser Gattung gesetzt und was empfinden wir warum als schön?

Die vorliegende Arbeit kann natürlich keine ausreichenden Antworten auf diese Fragen geben, aber darin besteht nicht der Anspruch. Es soll eine Annährung an ein Thema beziehungsweise einen Themenkreis sein, dem man sich als Rezipient üblicherweise eher subjektiv und auf einer emotionalen Ebene nähert. Es wird der Versuch unternommen hinter die Sprachchemie zu blicken, die Schwingung zu analysieren und Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Gattung “Lyrik” aus historischer Sicht zu hinterfragen.

Die ausgewählten Beispiele gelten als repräsentativ für ihre Zeit und sind beide - trotz der Jahrhunderte, die zwischen deren Entstehen liegen - auf den mündlichen Vortrag ausgerichtet.

2. Begriffsklärung

2.1. Annährung an den Begriff “Ästhetik”

Ästhetik (gr. aísthesis: Wahrnehmung) war bis zum 19. Jahrhundert vor allem die Lehre von der wahrnehmbaren Schönheit, von Gesetzmäßigkeiten und Harmonie in der Natur und Kunst.

Alltagssprachlich wird der Ausdruck “ästhetisch” heute meist als Synonym für “schön, geschmackvoll oder ansprechend” verwendet. In der Wissenschaft bezeichnet der Begriff die gesamte Palette von Eigenschaften, die darüber entscheiden, wie Menschen Gegenstände wahrnehmen. […] Entscheidend ist dabei, nach Immanuel Kant, die Art und Weise der Sinnlichkeit oder Sinnhaftigkeit.1

Wie sich über sinnliche Wahrnehmung an sich schon diskutieren lässt, so steht auch das Wort “Ästhetik” in einem Spannungsfeld zwischen der Illusion eines individuellen Geschmacks und dem soziokulturellen Druck, was als gut und schön zu gelten habe; zwischen einer Objektorientierung und einer Rezeptionsorientierung des Schaffenden im Prozess der Produktion eines Werkes und zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit.2

Alexander Gottlieb Baumgarten (1714-1762) definierte Ästhetik als die “Theorie der sinnlichen Erkenntnis”. Der Begründer der ästhetischen Wissenschaft geht also davon aus, dass es davon abhängt wie wir etwas in einer bestimmten Situation wahrnehmen - sinnlich wahrnehmen: sehen, spüren, hören, riechen, … - ob wir dann ein ästhetisches Erlebnis haben oder nicht.3 Wer sich an ein solches Gebiet und solche Fragestellungen heranwagt, überlegt notwendigerweise interdisziplinär. In der Musik und der bildenden Kunst gibt es eine starke und selbstbewusst-lebendige Auseinandersetzung mit der Nutzung und Wirkung ihrer Zeichen. Sprache allerdings als mögliches Ästhetikon in ihrer Gestalt findet scheinbar eher selten linguistisches Interesse und die Rede über sprachliche Gestaltung wird gemeinhin der Literaturwissenschaft überlassen.4

Ästhetik in der Sprache bezieht sich nicht unbedingt auf beliebige Äußerungen, also “parole”, und auch nicht nur auf zweckorientierte Äußerung, sondern man könnte sagen auf die Sprachform. Gewollte und gestaltete Sprache ist somit Thema. Gleichzeitig ergibt sich unmittelbar die Frage, inwieweit das “Gestaltbare, Ästhetische” in der Sprache selbst - im System Sprache, also der “langue” - schon angelegt ist. Außerdem zieht ja nicht nur die Form die sinnliche Aufmerksamkeit des Rezipienten auf sich, sondern auch die “Sache” über die geschrieben oder gesprochen wird muss interessieren. Es muss nachvollziehbar sein, welche Gegenstände, Ereignisse, … eine Sprachlust evozieren, die selbst “schön” und stimmig ist.

Und es muss bewusst sein, dass die Kräfte, die Gestaltung fordern und formen nicht nur individuell sind. Sie sind im soziokulturellen Raum zu finden und unterliegen den historischen Konventionen und deren Gegenbewegungen.

So ist der Leser immer wieder auf sich, seine Wahrnehmungsfähigkeit und Sprachsensibilität und seine Auseinandersetzung mit dem Text zurückgeworfen.5

2.2. Definition “Metrik”

Die Verslehre oder Metrik (gr./ lat. metrica) ist die Lehre vom Versmaß oder Metrum (gr./ lat.) in der Literatur.6

Als Hauptunterschiede zwischen Verssprache und Prosa kann man die bewusste Segmentierung und optische Repräsentation des Verstextes im Gegensatz zur fortlaufenden Struktur des Fließtextes der Prosa hervorheben. Gleichzeitig mit der regelmäßigen und damit vorhersagbaren Wiederkehr von sprachlichen Elementen - einem gewissen Rhythmus von sprachlichen Hebungen und Senkungen.

Versifikation leitet sich von lat. versum facere “Verse machen” her. Dabei ist im Rückgriff auf lat. versus “Umwenden (des Pfluges), Furche, Reihe, Linie” von einer segmentär-optischen Konzeption auszugehen. Verse sind kurze, klar voneinander abgegrenzte und untereinander korrespondierende Abschnitte, die den gesamten […] Text gliedern […]. Dabei muss keine entsprechende schriftliche Fassung vorliegen; entscheidend ist allein der Umstand, dass ein Text eindeutige Vorgaben für seine Gliederung in Verse enthält.7

2.3. Biographie und Sprache der Ästhetik

Walther von der Vogelweide (~1170 - 1230) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern des Mittelalters. Von ihm sind etwa 500 Strophen überliefert und das ist mehr als von jedem anderen mittelalterlichen Lyriker. Schon im 13. Jahrhundert gehörte er zu den allerersten Vorbildern und war berühmt.

Aus Walthers Gedichten schließt man8, dass er in Österreich aufwuchs und bis zum Tod des Babenbergers Herzog Friedrich I. von Österreich († 1198) an dessen Hof in Wien wirkte.

Mittelalterliche Dichter schienen sich an Gattungskonventionen gehalten zu haben und wenn eine neue Gattung geschaffen werden sollte, so wurde der Vorgang bewusst vorgenommen und von den Zeitgenossen auch als solcher wahrgenommen.9 Wenn man nun zusätzlich die Grundlagen der mittelalterlichen Ästhetik und die Tatsache, dass Dichter zu dieser Zeit immer in einem finanziellen Abhängigkeitsverhältnis mit einem Gönner stehen mussten, einbezieht, so zeichnet sich ein Bild der individuellen Produktionsprozesse, das es erlaubt, ein wenig Einblick und Verständnis für die Sprachform der Zeit zu gewinnen. Was teilweise museal anmutet, bekommt durch den Kontext des Kanons in den das Werk eingefügt ist, neue Faszination. Ästhetik im Mittelalter in Europa hatte einen stark christlichen Bezug und war somit sowohl jenseitsgerichtet als auch schöpfungsorientiert. Jede Form von “Schönheit” wird daher nicht vom Künstler geschaffen, sondern wurde quasi als etwas Göttliches gesehen, das der Künstler hervorzuheben vermag und wird mit den Kategorien des Wahren und Guten gleichgesetzt.10 Neben dieser Vorstellung hatte das Kunstwerk eine didaktische Funktion. Es rechtfertigt Darstellungen, die dem Publikum die Weltordnung - also den Platz aller Dinge und der Menschen darin - sowie die gewünschten Verhaltensweisen erklären.

Ernst Jandl (1925 - 2000, Wien) ist unter anderem als Dichter und Schriftsteller für seine experimentelle Lyrik und seine humoristische Sprachkunst bekannt geworden. Er wurde Ende des Zweiten Weltkrieges in englische Kriegsgefangenschaft genommen und studierte nach seiner Freilassung Germanistik und Anglistik. Bis 1979 war er zusätzlich zu seiner künstlerischen Tätigkeit als Lehrer an verschiedenen Gymnasien tätig. In seiner Sprachkunst wandte er sich unter dem Einfluss der konkreten Poesie und des Dadaismus der experimentellen Dichtung zu.11 Und seine Kunst bestand nicht nur im Verfassen, sondern auch im Vortrag seiner Gedichte. Er legte dabei großen Wert darauf, seine Texte selbst vorzutragen.

Das Konzept der Ästhetik im 20. Jahrhundert war zunehmend auf die gesellschaftliche Funktion konzentriert. Es ging hier nicht mehr um die ursprüngliche Frage nach der Schönheit, sondern um die soziale Rolle und um das revolutionäre Potential von künstlerischem Ausdruck. Ästhetik wurde auch zum Gegenstand empirischer Forschungen, die etwa von der Semiotik motiviert waren und sich mit der Frage beschäftigten, ob bestimmte Arten von Beziehungen zwischen Zeichen und Bezeichnetem bestünden, die zu ästhetischen Erlebnissen führten oder im Rahmen der Neuroästhetik. Dort wurden Studien durchgeführt, die die verschiedenen Hirnareale bestimmen sollten, die am Schönheitsempfinden beteiligt wären.12

[...]


1 http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84sthetik”, 06.01.2011.

2 Hauseis Eduard; Klotz Peter: “Ästhetik der Sprache - Sprache der Ästhetik”. In: OBST - Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, Heft 76, Duisburg, 2009, S. 5-11.

3 http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84sthetik”, 06.01.2011.

4 Hauseis Eduard; Klotz Peter: “Ästhetik der Sprache - Sprache der Ästhetik”. In: OBST - Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, Heft 76, Duisburg, 2009, S. 5-11.

5 Hauseis Eduard; Klotz Peter: “Ästhetik der Sprache - Sprache der Ästhetik”. In: OBST - Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie, Heft 76, Duisburg, 2009, S. 5-11.

6 http://de.wikipedia.org/wiki/verslehre, 06.01.2011.

7 Donat, Sebastian: Deskriptive Metrik. Innsbruck, Wien, Bozen: Studien Verlag, 2010 (Comparanda, 15), S. 22.

8 http://de.wikipedia.org/wiki/walther_von_der_vogelweide, 06.01.2011.

9 http://de.wikipedia.org/wiki/walther_von_der_vogelweide, 06.01.2011.

10 http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84sthetik”, 06.01.2011.

11 http://de.wikipedia.org/wiki/ernst_jandl, 09.01.2011.

12 http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84sthetik”, 06.01.2011.

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Details

Titel
Sprachästhetik und Metrik im Vergleich
Untertitel
An den Beispielen Walther von der Vogelweide "ich saz uf eime steine" und Ernst Jandl "wien:heldenplatz"
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V192589
ISBN (eBook)
9783656175278
ISBN (Buch)
9783656175681
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachästhetik, metrik, vergleich, beispielen, walther, vogelweide, ernst, jandl
Arbeit zitieren
Gunda Hanke (Autor), 2011, Sprachästhetik und Metrik im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/192589

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