Goethes Gedicht "Wiederfinden" - eine Interpretation


Seminararbeit, 2001

17 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Gliederung

Wiederfinden

Einleitung

Unerwartetes Wiedersehen - 1.Strophe

Der erste Schöpfungsakt, das Wort - 2.Strophe

Wilde, rasende Expansion - 3.Strophe

Der zweite Schöpfungsakt, die Morgenröte - 4.Strophe

Eiliges Zueinanderstreben, das Lieben - 5.Strophe

Erkennen und Musterhaftigkeit - 6.Strophe

Zum Anlaß des Gedichts...

Literaturverzeichnis

Wiederfinden

Ist es möglich! Stern der Sterne,

Drück’ ich wieder dich ans Herz!

Ach, was ist die Nacht der Ferne

Für ein Abgrund, für ein Schmerz!

Ja, du bist es! Meiner Freuden

Süßer, lieber Widerpart;

Schaudr’ ich vor der Gegenwart

Als die Welt im tiefsten Grunde

Lag an Gottes ew’ger Brust,

Ordnet’ er die erste Stunde

Mit erhabner Schöpfungslust,

Und er sprach das Wort: ,Es werde!’

Da erklang ein schmerzlich Ach!

Als das All mit Machtgebärde

In die Wirklichkeiten brach.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kolorierte Fassung des als Silberstift-zeichnung ausgeführten Goethe-Bildnisses von Karl August Schwerdgeburt. Quelle: Goethe I. Die großen Klassiker. Literatur der Welt in Bildern, Texten, Daten (S.161)

Auf tat sich das Licht! So trennte

Scheu sich Finsternis von ihm,

Und sogleich die Elemente

Scheidend auseinander fliehn.

Rasch, in wilden, wüsten Träumen

Jedes nach der Weite rang,

Starr, in ungemeßnen Räumen,

Ohne Sehnsucht, ohne Klang.

Stumm war alles, still und öde,

Einsam Gott zum erstenmal!

Da erschuf er Morgenröte,

Die erbarmte sich der Qual;

Sie entwickelte dem Trüben

Ein erklingend Farbenspiel,

Und nun konnte wieder lieben

Was erst auseinanderfiel.

Und mit eiligem Bestreben

Sucht sich, was sich angehört,

Und zu ungemeßnem Leben

Ist Gefühl und Blick gekehrt.

Sei’s Ergreifen, sei es Raffen,

Wenn es nur sich faßt und hält!

Allah braucht nicht mehr zu schaffen,

Wir erschaffen seine Welt.

So, mit morgenroten Flügeln,

Riß es mich an deinen Mund,

Und die Nacht mit tausend Siegeln

Kräftigt sternenhell den Bund.

Beide sind wir auf der Erde

Musterhaft in Freud’ und Qual,

Und ein zweites Wort: Es werde!

Trennt uns nicht zum zweitenmal.

(HA, Bd. 2, S.83)

Einleitung

Goethes Gedicht „Wiederfinden“ wird in der Fachliteratur oft als eines der Bedeutendsten des West-östlichen Divans angesehen. „Das Gedicht ist eines der meistinterpretierten und emphatisch gepriesenen unter den Gedichten des West-östlichen Divan.“ (Böhler, S.422), „glänzendstes Beispiel der Liebesphysik und –metaphysik“. (Staiger, Bd. 3, S.52) Dafür spricht auch, daß „Wiederfinden“ in der Musik gleich mehrfach vertont wurde. (Böhler, S.423)

Goethe entwickelt in seinem Gedicht „Wiederfinden“ in lyrisch-knapper Form einen eigenen Schöpfungsmythos, der einer konkreten umrahmenden Liebessituation als Sinn, Erklärung und letztlich auch als Trost gebend verstanden werden kann.

Was zunächst nur das Wiedersehen zweier Liebender zu bedeuten scheint, wird später tiefer verständlich als „Vereinigung alles im Kosmos polar Getrenntem“.(HA, Bd.2, S.643) Dem makrokosmischen Geschehen nach der Weltschöpfung steht der Mikrokosmos einer persönlichen und individuellen Liebe „musterhaft“ gleich.

„Die Verbindung von Liebe, religiösen Bildern und Naturschau gibt dem Gedicht die Tiefe und Weite.“ (Ebd.)

Für die Interpretation bietet es sich an, die einzelnen Strophen in chronologischer Reihenfolge zu behandeln, da das Gedicht nicht eine Momentaufnahme ist, sondern von einer Grundsituation ausgehend einen komplexen Verlauf darstellt, dessen Entwicklungsstufen schon vom Dichter in Form der Strophen genau unterteilt wurden. Deswegen möchte ich mit der ersten Strophe beginnen:

Unerwartetes Wiedersehen - 1.Strophe

Die erste Strophe beginnt mit dem Ausruf „Ist es möglich!“ und der darauf folgenden Anrede „Stern der Sterne“.

Diese Anrede drückt nicht bloß Leidenschaft durch den Intensitäts-genitiv aus. Der Begriff „Stern“ entstammt einem Wortfeld, welches schon eindeutig auf die Kosmogonie der nächsten Strophe hinführt. Dadurch wird der sonst etwas unmittelbar wirkende Sprung aus der Situation der Liebenden zum dargestellten Schöpfungsmythos der zweiten Strophe abgeschwächt.

Der Ausruf „Ist es möglich!“ hebt den Ausdruck der Überraschung stark an. Der Satzbau entspricht dem einer Frage, wodurch sich zeigt, wie unfaßbar die Wirklichkeit ist. Die Frankfurter Ausgabe zitiert in ihrem Kommentar das neunte Kapitel von Aristoteles Poetik: „Nun glauben wir von dem, was nicht wirklich geschehen ist, nicht ohne weiteres, daß es möglich sei, während im Falle des wirklichen Geschehenen offenkundig ist, daß es möglich ist – es wäre ja nicht geschehen, wenn es unmöglich wäre.“ (FA I, 3.2, S.1280) Daß der Dichter hier die Realität hinterfragt und ihre Möglichkeit anzweifelt, verstärkt also die Intensität des Erstaunens, zumal die Unerreichbarkeit eines Wiedersehens „nach des Schicksals hartem Lose“ in dem im Buch Suleika kurz vorher platzierten Gedicht „Hochbild“ verneint wird. Als Gegenargument hierzu könnte man allerdings zwei Verse des Suleika-gedichts unmittelbar vor „Wiederfinden“ anführen: „Ach, für Leid müßt’ ich vergehen, / Hofft’ ich nicht zu sehn ihn wieder.“ Eine Hoffnung beinhaltet immer zumindest die Möglichkeit. In jedem Fall bleibt die zentrale Empfindung aber die durch das „Wiederfinden“ ausgelöste tiefe Ergriffenheit.

Daß die nächsten zwei Verse wie die ersten beiden im Präsenz verfaßt sind, wird in der Fachliteratur teilweise so gedeutet, daß sich Trennung und Wiederfinden gleichzeitig vollziehen. Ihekweazu schreibt: „der Stern der Sterne erscheint in der Nacht der Ferne. Der Schmerz der Trennung ist zugleich vorhanden mit dem Glück der Vereinigung. Das Wiederfinden ereignet sich nicht nach, sondern in der Trennung.“ (Ihekweazu, S.306). Auch Felix Tebbe ist der Ansicht,

daß das Wiederfinden der Liebenden in der ersten Strophe „durch eine bewußte Gleichzeitigkeit von Leiden und Freuden im gegenwärtigen Augenblick“ (Tebbe, S.195) charakterisiert sei. Ich selbst möchte mich dem aber nicht anschließen. Ich denke, daß es sich bei dem Präsenz lediglich um eine Form handelt, die dem Ausspruch Allgemeingültigkeit verleihen soll, so wie auch Sprüche und Lebensweisheiten meist im Präsens geschrieben stehen. (Beispiel: Ein Indianer kennt keinen Schmerz!)

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Goethes Gedicht "Wiederfinden" - eine Interpretation
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Goethes West - Östlicher Diwan
Note
2+
Autor
Jahr
2001
Seiten
17
Katalognummer
V19332
ISBN (eBook)
9783638234795
ISBN (Buch)
9783638758895
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ausführliche Interpretation des Gedichtes "Wiederfinden"
Schlagworte
Goethes, Gedicht, Wiederfinden, Interpretation, Goethes, West, Diwan
Arbeit zitieren
Tobias Lingen (Autor), 2001, Goethes Gedicht "Wiederfinden" - eine Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19332

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