Das deutsche Schulsystem in der parteipolitischen Diskussion

Was kann gegen soziale Ungleichheit getan werden?


Hausarbeit, 2012

37 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das deutsche Schulsystem
2.1. Funktionen der Institution Schule

3. Bildungsstandards
3.1. Wie kam es zu Bildungsstandards?
3.2. Aktuelles Geschehen

4. Soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem
4.1. Bildungsarmut und ihre Folgen

5. Der Arbeitsmarkt der Wissensgesellschaft

6. Positionen der politischen Parteien zur Bildungspolitik
6.1. CDU
6.2. SPD
6.3. FDP
6.4. Bündnis 90 / Die Grünen

7. Fazit

8. Anhang

9. Abbildungsverzeichnis

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Ausarbeitung wird das deutsche Schulsystem im parteipolitischen Kontext mit Schwerpunkt soziale Ungleichheit diskutiert.

Einleitend wir das deutsche Schulsystem beschrieben. Es wird auf die Grundschule und die weiterführenden Schulformen eingegangen. Auch die allgemeinbildenden Abschlüsse werden thematisiert. Es folgt ein Kapitel zu den Funktionen der Schule.

Das anschließende Kapitel behandelt Bildungsstandards - was sind Bildungsstandards, wie kam es zu dazu und welche Ausprägungen weisen aktuelle Entwicklungen auf?

Nachfolgend werden soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem sowie Bildungsarmut und ihre Folgen erläutert.

Dann wird auf den Arbeitsmarkt eingegangen. Die Entwicklung von einer vorindustriellen Gesellschaft zur heutigen Wissens-, beziehungsweise Informationsgesellschaft wird beschrieben. Aktuelle Daten geben einen Überblick über die gegenwärtige Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Im Anschluss daran werden die Positionen der politischen Parteien im Bezug auf die Schulpolitik dargestellt.

Abschließend werden die wichtigsten Thesen und Ergebnisse zusammengefasst. Ferner erfolgt ein Ausblick über die Herausforderungen für die deutsche Bildungspolitik.

2. Das deutsche Schulsystem

„Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates“, lautet Artikel 7, Absatz 1 des Grundgesetzes.1 Aufgrund der Kulturhoheit der Länder ist das Schulsystem jedoch in den Landesverfassungen der einzelnen Bundesländer geregelt, somit gibt es zum Teil gravierende Unterschiede.

Bei dem deutschen Schulsystem handelt es sich um ein gegliedertes Schulsystem. Nach dem Kindergarten beginnt die Schulpflicht. Diese ist nicht im Grundgesetz geregelt, sondern in den einzelnen Landesverfassungen. Die Regelungen zum Beginn der Schulpflicht, beziehungsweise der Vollzeitschulpflicht der Bundesländer ähneln sich jedoch sehr. Um ein Beispiel zu nennen, wird Paragraph 35 des Schulgesetzes Nordrhein-Westfalens angeführt:

§ 35 Beginn der Schulpflicht2

(1) Die Schulpflicht beginnt für Kinder, die bis zum Beginn des 30. September das sechste Lebensjahr vollendet haben, am 1. August desselben Kalenderjahres.
(2) Kinder, die nach dem in Absatz 1 genannten Zeitpunkt das sechste Lebensjahr vollenden, können auf Antrag der Eltern zu Beginn des Schuljahres in die Schule aufgenommen werden, wenn sie die für den Schulbesuch erforderlichen körperlichen und geistigen Voraussetzungen besitzen und in ihrem sozialen Verhalten ausreichend entwickelt sind (Schulfähigkeit); sie werden mit der Aufnahme schulpflichtig. Die Entscheidung trifft die Schulleiterin oder der Schulleiter unter Berücksichtigung des schulärztlichen Gutachtens.
(3) Schulpflichtige Kinder können aus erheblichen gesundheitlichen Gründen für ein Jahr zurückgestellt werden. Die Entscheidung trifft die Schulleiterin oder der Schulleiter auf der Grundlage des schulärztlichen Gutachtens. Die Eltern sind anzuhören. Die Prüfung kann auch auf Antrag der Eltern erfolgen. Die Zeit der Zurückstellung wird in der Regel auf die Dauer der Schulpflicht nicht angerechnet. Das Schulamt kann in Ausnahmefällen auf Antrag der Eltern die Zeit der Zurückstellung auf die Dauer der Schulpflicht anrechnen.

In Deutschland umfasst der Besuch der Grundschule in der Regel vier Schuljahre. Berlin und Brandenburg bilden eine Ausnahme; dort beträgt die Dauer der Primarstufe sechs Schuljahre. Somit sind Grundschülerinnen und - schüler etwa sechs bis zehn, beziehungsweise zwölf Jahre alt. Für gewöhnlich werden Kinder ab der dritten Grundschulkasse benotet.

Nach der Grundschule gelangen die Schülerinnen und Schüler in die Sekundarstufe I und wechseln entweder auf die Hauptschule, Realschule, Gesamtschule oder das Gymnasium. In vielen Bundesländern wurden Hauptund Realschulen bereits zu neuen Schulformen zusammengefasst. Gesamtschulen existieren in einigen wenigen Bundesländern nicht. Die nachfolgende Tabelle veranschaulicht die strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der deutschen Bundesländer:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Weiterführende Schulformen der deutschen Bundesländer (eigene Darstellung)

Der Übergang zu weiterführenden Schulen erfolgt in den meisten Bundesländern durch sogenannte Übergangsempfehlungen3 der Grundschule. Übergangsempfehlungen werden anhand schulischer Leistungen der Kinder ausgesprochen. Die Eltern können die ausgesprochene Empfehlung entweder akzeptieren oder an einem Beratungsgespräch der Grundschule teilnehmen. Nach der Beratung können die Eltern ihr Kind jedoch unabhängig an der von ihnen gewünschten Schulform anmelden.

In einigen Bundesländern wird die Orientierungs-, beziehungsweise Erprobungsstufe nicht angeboten, obwohl sie sich für Schülerinnen und Schüler als hilfreich und nützlich erweisen kann. Die Orientierungsphase umfasst in der Regel die fünfte und sechste Klasse einer weiterführenden Schule. In dieser Zeit werden die Kinder verstärkt beobachtet, um anschließend beurteilen zu können, ob die gewählte Schulform tatsächlich die richtige ist. Wechsel innerhalb der verschiedenen Schulformen sind in der Orientierungsstufe vereinfacht, sie können jedoch nur zum Ende eines Schulhalbjahres erfolgen. Nach der Orientierungsphase sind Schulwechsel von einer zur anderen Schulform schwieriger. Wohnortwechsel bilden bei Schulwechseln aller Art die Ausnahme.

Zudem gestalten sich Wechsel von einer niedrigeren zu einer höheren Schulform generell schwieriger als von einer höheren zu einer niedrigeren Schulform.

Die Vollzeitschulpflicht endet in der Regel nach dem vollendeten zehnten Vollzeitschuljahr, wenn die Schülerinnen und Schüler einen der vorgesehenen Abschlüsse erreicht haben.4 In Deutschland gibt es vier allgemeinbildende Abschlüsse, welche im Folgenden knapp beschrieben werden;5 Der Hauptschulabschluss:

Auf Hauptschulen erwirbt man nach neun bis zehn Schuljahren den Hauptschulabschluss. Dieser Abschluss gilt als Mindestvoraussetzung für eine berufliche Ausbildung. Auf Gymnasien, Gesamt- und Realschulen wird der Hauptschulabschluss mit dem Versetzungszeugnis von der neunten zur zehnten Klasse vergeben.

Der Realschulabschluss (Mittlere Reife):

Nach der zehnten Klasse der Realschule erhält man den Realschulabschluss. Der Realschulabschluss, oder auch Mittlere Reife, wird an Gymnasien und Gesamtschulen auch mit der Versetzung in die elfte Klasse erreicht.

Die Fachhochschulreife:

Die Fachhochschulreife, auch Fachabitur genannt, erlangt man durch das Bestehen zweier Abschnitte; einem schulischen und einem berufsspezifischen Teil. Den schulischen Teil hat man in der Regel nach zwölf Schuljahren absolviert. Anschließend folgt der berufsspezifische Teil, welcher unterschiedlich gestaltet sein kann. Die Fachhochschulreife wird in der Regel über den Besuch von beruflichen Schulen erzielt. Im Anschluss ist man dazu berechtigt, eine Fachhochschule zu besuchen oder ein Studium mit ähnlichen Anforderungen zu beginnen.

Die Allgemeine Hochschulreife (Abitur):

Dieser Abschluss ist der höchste allgemeinbildende Abschluss, welchen man an Schulen - also an Gymnasien oder Gesamtschulen - erwerben kann. Mit dem erfolgreichen Absolvieren der dreizehnten Klasse erhält man das Abitur. In vielen Bundesländern wurde die Anzahl der zu absolvierenden Schuljahre bis zur Erlangung des Abiturs von dreizehn auf zwölf Jahre reduziert.

Alle Schulabschlüsse ermöglichen den Jugendlichen eine Berufsausbildung zu beginnen, allerdings ist der Einstieg in viele Berufsfelder nur mit der Mittleren Reife möglich. Ohne die Fachhochschulreife oder die Allgemeine Hochschulreife besteht keine Aussicht ein Hochschulstudium an ihre Schullaufbahn anzuschließen. Allen Schülern steht es unter bestimmten Voraussetzungen offen, den jeweils höheren Schulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg zu erwerben.

Im Anhang befindet sich eine Grafik (Grafik 2, Seite 31), welche die Anteile der Schulentlassenen nach Art des Abschlusses der Jahre 1999 und 2009 abbildet.6 Im Jahre 2009 verließen 6,5 % der Jugendlichen die Schule ohne einen allgemeinbildenden Abschluss, 21,5 % errangen den Hauptschulabschluss, 40 % den Realschulabschluss und rund 32 % das Abitur oder die Fachhochschulreife.

Vergleicht man diese Daten mit dem Jahr 1999, zeigt sich deutlich die Tendenz zu höheren Bildungsabschlüssen; 1999 beendeten noch 9 % der Schüler ihre Schullaufbahn ohne Abschluss, 26 % erzielten einen Hauptschulabschluss und 40 % der Schulentlassenen erwarben den Realschulabschluss. Lediglich ein Viertel der Schüler erzielte die Fachhochschulreife oder die Allgemeine Hochschulreife.

Desweiteren befindet sich im Anhang der Ausarbeitung eine ausführliche grafische Darstellung des deutschen Bildungssystems (Grafik 1, Seite 30).

2.1. Funktionen der Institution Schule

Die Hauptanliegen der Schule, einem Ort der Bildung und Erziehung, sind die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten sowie der Normen und Werte der jeweiligen Gesellschaft. Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht und den Schulen ist daran gelegen, Schülerinnen und Schülern Chancengleichheit zu gewähren. Dies beinhaltet auch das Verbot von Diskriminierung. Zu basalem Wissen gehören das Erlernen des Lesens, des Schreibens und die Aneignung mathematischer Fähigkeiten. Die Schule als Institution hat neben der Sozialisationsfunktion noch weitere Funktionen7 zu erfüllen. Diese sind die Integrations-, Qualifikations-, Selektions- und Legitimationsfunktion.

Die primäre Sozialisation erfolgt innerhalb des engsten Familienkreises; die Heranwachsenden werden dort auf ein Leben in der Gesellschaft vorbereitet. Den Kindern wird fundamentales Wissen vermittelt, was für ein Zurechtfinden in ihrer Gesellschaft, in ihrer sozialen Umgebung wichtig ist. Durch das Nachahmen der Eltern lernen die Kinder das Sprechen und auch wie sie sich zu verhalten haben. Durch die elterliche Erziehung lernen sie gewisse Regeln und Grenzen kennen - auch die Vermittlung von Normen und Werten erfolgt. Der primären Sozialisation schließt die sekundäre Sozialisation an, welche im Kindergarten und der Schule erfolgt. Den Kindern sollen Normen und Werte der Gesellschaft vermittelt werden. Bei dem Sozialisationsprozess in der Schule wird Kindern einerseits vermittelt, sich an einer vorherrschenden Ordnung zu orientieren, sich regelkonform und sozial zu verhalten und gleichzeitig Leistungsfähigkeit zu erbringen. Allerdings soll den Kindern auch der Freiraum zur Entwicklung der eigenen individuellen Persönlichkeit gegeben werden. Desweiteren soll Kindern die Möglichkeit eingeräumt werden ihre sozialen Netzwerke aufzubauen. Letzteres wird auch als heimlicher Lehrplan bezeichnet. Neben der Familie und den Peer Groups sieht Parsons8 die Schule - im Zeitraum von der Einschulung bis zum Abschluss - als zentrale Instanz der Sozialisation an. Zudem sollen die Schülerinnen und Schüler in das soziale System der Schulklasse integriert werden.

Definition von Peer Groups9:

Eine Peer Group (auch Clique oder Freundeskreis) ist eine informelle soziale Gruppe von gleichaltrigen Jugendlichen, die einem Mitglied als Bezugsgruppe dient. Peer Groups sind durch eigene Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen gekennzeichnet, welche sich von den Werten und Erwartungen der Erwachsenen unterscheiden. Innerhalb der Gruppe gibt es einen Anf ü hrer, welcher von allen anderen akzeptiert wird. Die Zugehörigkeit zu bestimmten Peer Groups bestimmt deren Konsumverhalten.

Mit der Qualifikationsfunktion ist gemeint, dass die Heranwachsenden auf die späteren Lebensanforderungen, wie die Berufswelt, vorbereitet werden. Die Selektion in der Schule erfolgt durch die Benotung der erbrachten Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Am Schluss eines jeden Halbjahres werden die Zeugnisse ausgehändigt - in den meisten Bundesländern erfolgt eine Benotung durch Zensuren ab der dritten Grundschulklasse. Am Ende der Grundschulzeit werden Übergangsempfehlungen ausgesprochen, an welcher weiterführenden Schule die Eltern ihre Kinder anmelden sollten. Auch an den weiterführenden Schulen erhalten die Heranwachsenden an jedem Halbjahresende Zeugnisse. Die Zensuren sind ausschlaggebend für die Versetzung in das nächste Schuljahr und dienen den Schülerinnen und Schülern zur Messung und Bewertung ihrer eigenen Fähigkeiten. Untereinander vergleichen sie ihre Zensuren, was zu einer Art Wettbewerb führt; man möchte schließlich gute Zensuren erzielen.

Unter der Legitimationsfunktion versteht man die Vermittlung gesellschaftlicher Normen und Werte zur Sicherung der Loyalität; sichergestellt werden soll, dass das bestehende politische und gesellschaftliche System von der heranwachsenden Generation akzeptiert wird und weiterhin funktionsfähig bleibt. In demokratischen Systemen ist die Vermittlung und Ausbildung eines Demokratiebewusstseins eine Hauptaufgabe und zentrale Funktion des Bildungssystems.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Schule die Sozialstruktur einer Gesellschaft sowie ihre normativen Grundlagen reproduziert. Das Schulsystem erfüllt die Funktion der Stabilisierung der Gesellschaft und weist den Schulentlassenen, je nach Art ihres Abschlusses, eine vorläufige soziale Position im gesellschaftlichen Gesamtgefüge zu.

[...]


1 BUNDESMINISTERIUM DER JUSTIZ, 2010

2 MINISTERIUM FÜR INNERES UND KOMMUNALES NORDRHEIN-WESTFALEN, 2005, § 35, S. 8

3 MAAZ / BAUMERT et al., 2010, S. 399 ff.

4 MINISTERIUM FÜR INNERES UND KOMMUNALES NORDRHEIN-WESTFALEN, 2005, § 37, S. 8

5 BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG, 2011, S. 50

6 BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG, 2011, S. 53

7 FEND, 1980, S. 19 ff.

8 PARSONS, 1959, S. 154 ff.

9 KIRCHGEORG, o.J.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Das deutsche Schulsystem in der parteipolitischen Diskussion
Untertitel
Was kann gegen soziale Ungleichheit getan werden?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Sozialwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Interessenvermittlung und gesellschaftliche Komplexität
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
37
Katalognummer
V193744
ISBN (eBook)
9783656194125
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schulsystem, Bildungssystem, Deutschland, soziale Ungleichheit, Bildung, Bildungsarmut, Benachteiligung, Benachteiligte
Arbeit zitieren
Christiane Böhm (Autor), 2012, Das deutsche Schulsystem in der parteipolitischen Diskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193744

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