Der Mythos Sparta in der frühen Neuzeit


Seminararbeit, 2003

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der „Mythos Sparta“

III. Das Bild Spartas im Zeitalter der Renaissance und des Absolutismus

IV. Das Bild Spartas zur Zeit der Aufklärung und französischen Revolution

V. Schlussbetrachtung

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

I. Einleitung:

Für kaum eine andere Stadt der Antike hat die Nachwelt ein so großes Interesse gezeigt wie für Sparta. Die Faszination für Sparta, oder auch Lakedaimon (womit dann nicht nur die Stadt, sondern auch die umliegenden, zum Staat gehörigen, Gebiete miteinbezogen wären) erklärt sich dabei sowohl durch die einzigartigen Sitten, Gebräuche und Ideale seiner Bewoh-ner, als auch durch das gesellschaftliche System dieses antiken Reiches.

Neben Athen, als Geburtsort der Demokratie, und dem Alten Rom, als Hauptstadt einer ver-gangenen Weltmacht, gehört Sparta zu jenen Städten des Altertums, bei deren Nennung auch dem geschichtlich weniger Interessierten sofort ein paar Assoziationen und Schlagworte ein-fallen. Schon allein die Bezeichnung „spartanisch“ hat sich hierzulande als Redewendung für einen kargen und abhärtenden Lebensstil eingebürgert.

Eine Beschäftigung mit den Quellen verschiedenster Epochen zeigt jedoch, dass es kein festes Bild Spartas gibt, das seit der Antike unverändert weitertransportiert wurde, sondern dass sich dieses Bild mit den Jahrhunderten mehrfach geändert hat, und dass sich zum Teil sogar zeit-gleich lebende Gelehrte uneins waren, wenn es um die Beurteilung dieser Stadt ging.

Mit eben diesem sich verändernden Bild - der Beurteilung des antiken Spartas in späteren Zeiten - wird sich diese Hausarbeit befassen. Thema wird ebenfalls sein, inwieweit Sparta in-strumentalisiert wurde, um mit dem scheinbar vorhandenen Vorbild politische und philoso-phische Denkmodelle der Neuzeit zu rechtfertigen. Ob die unterschiedlichen Spartabilder tat-sächlich dem historischen Sparta entsprachen, oder inwieweit eine Verklärung und Mytholo-gisierung spartanischer Kultur stattfand, ist eine weitere Frage, die im Rahmen dieser Arbeit beantwortet werden soll.

Da es in solch begrenzten Rahmen einer Proseminarsarbeit unmöglich ist, die Entwicklung des Spartabildes seit der Antike bis zur Gegenwart in ausreichender Form darzustellen, werde ich mich ausschließlich auf die Zeit von 1500 bis Anfang des 19 Jahrhunderts beziehen. Die Ausgrenzung des Mittelalters erklärt sich schon allein dadurch, dass die Zahl der mittelalter-licher Quellen über Sparta überaus gering ist. Ein Grund dafür ist, dass die Kirche „für viele dieser Jahrhunderte die einzige schriftkundige und literarische Bildungsschicht stellt; denn die in der Antike selbstverständliche gehobene Laienbildung [...] verkümmert im Übergang zum abendländischen Mittelalter.“[1] Im Gegensatz zur vorangegangenen Antike und auch der ihr nachfolgenden Renaissance ist im Mittelalter die Zahl der schriftstellerisch Tätigen sehr

spärlich, und allein deshalb wurde kaum neue Literatur über Sparta verfasst. Aber neben der Tatsache, dass die schriftstellerische Produktion im Ganzen abnahm, liegt ein weiterer Grund für den Quellenmangel einfach darin, dass das Interesse an Sparta im Mittelalter insgesamt recht gering war. Zwar wurden in den Klöstern die Schriften einzelner antiker Philosophen auch weiterhin kopiert, doch befasste sich die NEUE Literatur bis auf wenige Ausnahmen vor allem mit Fragen des christlichen Glaubens, oder der Lebensbeschreibung heroischer Gestalten und eben nicht mit lakedaimonischer Kultur.[2]

Die Zeit ab dem 16. Jahrhundert hingegen bietet uns deutlich mehr verwertbares Material, da nun nicht nur Schriftkultur- und Produktion in weit größerem Maß verbreitet waren, sondern auch, weil im Zuge des Humanismus die Berücksichtigung der Antike wieder einen hohen Stellenwert genoss, und sich somit viele Schriftsteller eben auch auf die spartanische Verfassung bezogen.

Das sowohl Antike als auch die neuste Geschichte in dieser Arbeit nicht berücksichtigt wer-den, hat hingegen sehr schlichte Gründe: Sowohl die Antike, in der die Macht Sparta noch direkt am wirken war, als auch die Zeit nach 1850, mit ihrer gewaltigen Fülle an Speziallitera-tur zur griechischen Altertumsgeschichte, bieten bereits für sich allein genommen genügend Stoff für mehrere eigene Aufsätze. Statt also einen oberflächlichen Blick über mehr als 2500 Jahre Geschichtsrezeption streifen zu lassen (und eine solange Zeitspanne in nur 20 Seiten abzuhandeln, kann nur in einer oberflächlichen Betrachtung enden), wird sich diese Arbeit hauptsächlich aber dafür detailliert mit dem „Mythos Sparta“ in der frühen Neuzeit befassen.

Als Quellen werden daher vorwiegend Schriftstücke eben dieser Zeit genutzt; nur wenn es um die Frage geht, inwieweit die damalige Vorstellung dem historischen Sparta entsprach, werden vereinzelt Vergleiche mit Antiken Quellen oder moderner Forschungsliteratur gezo-gen.

Nach dieser ersten einleitenden Erklärung wird sich das nun anschließende Kapitel direkt mit dem „Mythos Sparta“ auseinandersetzen, seiner Entstehung und der Definition des Wortes „Mythos“. Anhand ausgewählter Textbeispiele wird in den nachfolgenden Kapiteln dann das Weiterleben dieses Mythos und seine Funktion in der frühen Neuzeit analysiert.

II. Der „Mythos Sparta“

Bereits der erste Satz dieser Arbeit wies auf die Faszination hin, welche die Stadt Sparta selbst noch Jahrhunderte nach ihrer Eingliederung in das römische Reich hervorrief, fern ihrer längst vergangenen Blütezeit.

Das große Interesse, das dieser Stadt bis in die heutige Zeit entgegengebracht wird, begründet sich in ihrer Einzigartigkeit. Seit der Antike bis zur Gegenwart gab es keine Polis und keinen Staat mit einer ähnlichen Verfassung, Gesellschaft oder Kultur. Einige Aspekte, welche die Einzigartigkeit Spartas ausmachten, waren unter anderem:

- Die Verfassung Lykurgs, die eine Mischung aus demokratischen, monarchischen und oligarchischen Elementen darstellte, und sich lange Zeit als sehr stabil herausstellte.
- Die spartanische Erziehung, die allein auf das Wohl des Staates ausgerichtet war und die damit verbundene Opferbereitschaft (z. B. die Schlacht an den Thermophylen)
- Die Gleichheitsidee unter den Spartiaten
- Beschränkung der Wirtschaft auf das Notwendigste
- Der Stellenwert des Sports im Leben, und die damit verbundene körperliche Schönheit
- Die Einrichtung von „Sklavenstaaten“

Wenn man jedes dieser Merkmale berücksichtigt und in seinem geschichtlichen Zusammen-hang sieht, dann hat man ein außergewöhnliches aber dennoch wirklichkeitsnahes Bild des antiken Spartas gewonnen. Jedoch haben sich sowohl unter Pädagogen als auch Philosophen und Politikern viele zu allen Zeiten auf die spartanische Kultur berufen, um eigene Thesen und Vorstellungen zu untermauern; und häufig wurde bei einer solchen Betrachtung nicht der historische Kontext berücksichtigt, sondern bestimmte Phänomene aus dem Gesamtzusam-menhang gerissen, um dann – entweder idealisiert oder ideologisiert – zur eigenen Rechtfertigung zu dienen. Im Verlauf der Geschichte fand so eine zunehmende Enthistorisierung des Spartabildes statt, so dass Sparta schließlich zu einem Mythos wurde.

Bevor wir uns allerdings mit dem „Mythos Sparta“ beschäftigen, sollte man sich klar werden, was mit dem Wort Mythos überhaupt gemeint ist.

Platon hat den Begriff „Mythos“ um 400 v. Chr. geprägt, und gebrauchte ihn immer dann, wenn er einen Sachverhalt nicht durch Rationalität („logos“), sondern durch das Erzählen einer Geschichte verständlich machen wollte. Der Auszug einer modernen Lexikondefinition erklärt den Begriff folgendermaßen:

„Mythen sind überlieferte Geschichten, die eine gewisse Bedeutung oder einen bleibenden Wert besitzen. Liegen solch allgemeingültigen Geschichten große historische oder angeblich historische Ereignisse (die Belagerung Trojas, die Heimkehr der Kinder Herakles) zugrunde, bezeichnet man sie oft als Heldensagen . Handelt es sich dagegen um kurze Erzählungen fiktiver Natur, doch mit einer realen Person verknüpft oder einem realen Ort und in einem ziemlich realistischen Rahmen spielend, heißen sie Legenden . Das Wissen der Griechen von ihrer früheren Geschichte bestand einzig aus Mythen dieser beiden Typen; sie waren in allen Formen des griech. Lebens gegenwärtig.“[3]

Diese Definition zeigt bereits, wie die Spartaner selbst ihre eigene Geschichte mit einem Mythos verknüpft haben, denn sie führten ihre Herkunft auf die, in obiger Definition erwähn-ten, Nachfahren des Herakles zurück, die nach vorangegangener Vertreibung schließlich zusammen mit den Doriern in ihre alte Heimat zurückgekehrt waren. So waren laut dem spartanischen Dichter Tyrtaios die dorischen Vorfahren der Spartaner nicht gewalttätig in das Land eingedrungen, sondern „Zeus selbst ... gab diese Stadt [eben Sparta] den Herakliden, mit denen wir das windige Erineos verließen und zur weiten Peloponnes kamen“[4]

Hier wird bereits deutlich, wie ein Mythos zur Legitimation eigenen Handelns genutzt wird, denn durch das Aufgreifen der Heraklidensage standen die Spartaner nicht als Nachfahren aggressiver Invasoren dar, sondern als die rechtmäßige Erben der peloponnesischen Gebiete.

Wenn jemand nun einzelne, ihn gelegen kommende, Merkmale der spartanischen Gesellschaft herausgreift, diese übersteigert darstellt und den Rest unerwähnt lässt, so macht er Sparta da-mit zum Mythos, denn seine Geschichte wird wenig mit der historischen Wirklichkeit gemein haben, sondern ist eben nur eine erfundene Geschichte, doch mit einer realen Person ver-knüpft oder einem realen Ort und in einem ziemlich realistischen Rahmen spielend.

Die Mythologisierung Spartas lässt sich also dadurch erklären, dass in der Vergangenheit oft nur einzelne Elemente der spartanischen Ordnung beleuchtet wurden, um an deren Beispiel philosophische oder pädagogische Themen zu diskutieren. Da bei dieser Herangehensweise die historische Erforschung nicht im Vordergrund stand, wurden die speziellen Eigenarten der spartanischen Gesellschaft meist durch Verklärung oder Ablehnung interpretiert, verändert und so schließlich immer mehr zu einem Mythos, durch den andere Sachverhalte als die historischen erklärt werden sollten. Interessanterweise hat Platon, der ja den Begriff „Mythos“

geprägt hat, selbst einiges zur Mythologisierung Spartas beigetragen, da sein Modell eines idealen Staates in der „Politeia" eigentlich nur eine idealisierende Überhöhung spartanischer Verhältnisse als Antwort auf die Krise der Polis war. Während die demokratische Verfassung Athens scheinbar den Niedergang der Polis und das Aufkommen der Tyrannei bewirkt hatte (Platon selbst erlebte dort das Ausbluten der Stadt im Peloponnesischen Krieg, die Herrschaft der dreißig Tyrannen und die Hinrichtung seines eigenen Lehrmeisters Sokrates), schien die Verfassung Spartas Sicherheit und Stabilität zu gewährleisten. Daher nutzte Platon Sparta als Vorbild bei dem Entwurf eines idealen Staates - was an vielen Stellen deutlich wird, obwohl er den Namen „Sparta“ selbst nie nennt. So beurteilt er den Einzelnen nur nach seinem Wert für den Staat („Der, der nicht zu leben vermag, braucht nicht gepflegt zu werden, da er weder sich noch dem Staat nützt.“[5]) und schlägt desweiteren eine strenge Klasseneinteilung vor, sowie den Verzicht auf Privateigentum und eine schnelle Ausgliederung der Kinder aus ihren familiären Umfeld, damit sie von allen gemeinsam im Sinne des Staates erzogen werden. Dass sind alles Merkmale, die man in ähnlicher Form auch bei Sparta findet. Daher ist es voll-kommen verständlich, wenn J. T. Hooker in seinem Werk „ The ancient Spartans“ zu dem Schluss kommt, dass Platon mit der Beschreibung eines Idealstaates, aus dem noch so sehr das reale Vorbild hervorschimmert, entscheidend zur Schaffung des „Mythos Sparta“ beige-tragen hat: „ In promulgating [...] a society which has so many points of contact with Sparta, Plato did a great deal to perpetuate the spartan legend.“[6]

Wenn jedoch schon die Zeitgenossen des antiken Spartas einzelne Aspekte dieser Stadt ange-führt haben, um ihre eigene Überzeugung zu untermauern (im Falle Platons, grob gesagt, die Überzeugung, dass ein totalitäres Gesellschaftssystem den demokratischen überlegen ist), in-wieweit haben dann erst Autoren der Neuzeit diesen Mythos genutzt, wo doch für den Leser der direkte Vergleich mit der realen Stadt gar nicht mehr möglich war?

Diese Frage beantworten die nächsten Kapiteln, in denen auf Werke aus der Zeit von 1500 bis 1850 eingegangen wird. Dabei handelt es sich vor allem um Schriften der Philosophie, Päda-gogik und Historik, aber auch die sogenannte schöngeistige Literatur wird berücksichtigt. Da die Leserschaft dieser Werke größtenteils aus gelehrteren Kreisen stammte, gilt jedoch bei allen weiteren Ausführungen zu berücksichtigen, dass allgemeines Geschichtsbild und wissenschaftliche Erkenntnis keineswegs identisch sein müssen. Als bestes Beispiel hierfür

mag unsere eigene Gegenwart dienen, in der es zahlreiche hervorragende Fachbücher über

Sparta gibt, aber außerhalb des universitären Bereiches die spartanische Kultur meist auf jene Schlagworte reduziert wird, die allgemein mit dem Begriff „spartanisch“ verbunden werden: körperliche Entbehrungen und Verzicht auf Luxus.

Da gesellschaftliche Impulse die Forschung und Literatur allerdings häufig beinflußt haben, ist es wahrscheinlich, dass die behandelten Quellen uns nicht nur einen Einblick zur Haltung einzelner Denker bieten, sondern auch repräsentativ für einen Teil der Bevölkerung sind, was das Bild Spartas in der frühen Neuzeit betrifft.

[...]


[1] Hans-Dietrich Kahl: ‚Was bedeutet „Mittelalter“?’, in: Saeculum 40 (1989). S. 28

[2] Die wenigen Gelehrten des Mittelalters, die sich auf die Antike bezogen und dennoch neue eigene Ideen ent-wickelten, wie Johannes Scotus Eriugena mit seinem Werk „De divisione naturae“, aber auch später Albertus Magnus und Thomas von Aquin, nahmen vor allem Stellung zu den erkenntnistheoretischen und naturwissen-schaftlichen Ansätzen antiker Philosophen; staatsphilosophische Schriften, die sich auf Vorbilder wie Sparta be-zogen, gab es jedoch kaum. Was die mhd. Heldenlieder und Sagen betraf, so handelten nur wenige von antiken Figuren. Zu nennen wäre hier das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht und die „Eneide“ des Heinrich von Veldeke. In ihnen tauchten zwar griechische jedoch keine spartanischen Helden auf.

[3] Reclams Lexikon der Antike / hrsg. von M. C. Howatson Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH 1996. S. 431

[4] Tyrtaios: Fragment 1a (zit. Nach Baltrusch, Ernst: „Sparta: Geschichte, Gesellschaft, Kultur“. München: Verlag C. H. Beck 1998. (Beck’sche Reihe; 2083: C. H. Beck Wissen). S. 16

[5] Platon: Pol. III. 407

[6] 6 Hooker, J. T. : „The ancient Spartans. 1. Sparta – Civilisation“. London; Guildford; Worcester: Billing & Sons Ltd. 1980. S. 233

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Mythos Sparta in der frühen Neuzeit
Hochschule
Universität Osnabrück  (Universität Osnabrück)
Veranstaltung
Proseminar: 'Geschichte Spartas von den Anfängen bis zum Hellenismus'
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V19378
ISBN (eBook)
9783638235204
Dateigröße
825 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Seminararbeit beschäftigt sich mit dem Bild des antiken Spartas in der Nachwelt. Dabei werden unter anderem die tatsächlichen Eigenarten der spartanischen Verfassung, Kultur und der gesellschaftlichen Ordnung mit der Vorstellung verglichen, die nichtantike Schriftsteller von Sparta hatten. Der Schwerpunkt der Arbeit beschäftigt sich dann mit der Mythologisierung Spartas vom 15. bis zum 19. Jahrhundert.
Schlagworte
Mythos, Sparta, Neuzeit, Proseminar, Spartas, Anfängen, Hellenismus“
Arbeit zitieren
Marcel Egbers (Autor), 2003, Der Mythos Sparta in der frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19378

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