Für kaum eine andere Stadt der Antike hat die Nachwelt ein so großes Interesse gezeigt wie
für Sparta. Die Faszination für Sparta, oder auch Lakedaimon (womit dann nicht nur die
Stadt, sondern auch die umliegenden, zum Staat gehörigen, Gebiete miteinbezogen wären)
erklärt sich dabei sowohl durch die einzigartigen Sitten, Gebräuche und Ideale seiner Bewohner,
als auch durch das gesellschaftliche System dieses antiken Reiches.
Neben Athen, als Geburtsort der Demokratie, und dem Alten Rom, als Hauptstadt einer vergangenen
Weltmacht, gehört Sparta zu jenen Städten des Altertums, bei deren Nennung auch
dem geschichtlich weniger Interessierten sofort ein paar Assoziationen und Schlagworte einfallen.
Schon allein die Bezeichnung „spartanisch“ hat sich hierzulande als Redewendung für
einen kargen und abhärtenden Lebensstil eingebürgert.
Eine Beschäftigung mit den Quellen verschiedenster Epochen zeigt jedoch, dass es kein festes
Bild Spartas gibt, das seit der Antike unverändert weitertransportiert wurde, sondern dass sich
dieses Bild mit den Jahrhunderten mehrfach geändert hat, und dass sich zum Teil sogar zeitgleich
lebende Gelehrte uneins waren, wenn es um die Beurteilung dieser Stadt ging.
Mit eben diesem sich verändernden Bild - der Beurteilung des antiken Spartas in späteren
Zeiten - wird sich diese Hausarbeit befassen. Thema wird ebenfalls sein, inwieweit Sparta instrumentalisiert
wurde, um mit dem scheinbar vorhandenen Vorbild politische und philosophische
Denkmodelle der Neuzeit zu rechtfertigen. Ob die unterschiedlichen Spartabilder tatsächlich
dem historischen Sparta entsprachen, oder inwieweit eine Verklärung und Mythologisierung
spartanischer Kultur stattfand, ist eine weitere Frage, die im Rahmen dieser Arbeit
beantwortet werden soll.
Da es in solch begrenzten Rahmen einer Proseminarsarbeit unmöglich ist, die Entwicklung
des Spartabildes seit der Antike bis zur Gegenwart in ausreichender Form darzustellen, werde
ich mich ausschließlich auf die Zeit von 1500 bis Anfang des 19 Jahrhunderts beziehen. Die
Ausgrenzung des Mittelalters erklärt sich schon allein dadurch, dass die Zahl der mittelalterlicher
Quellen über Sparta überaus gering ist. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Der „Mythos Sparta“
III. Das Bild Spartas im Zeitalter der Renaissance und des Absolutismus
IV. Das Bild Spartas zur Zeit der Aufklärung und französischen Revolution
V. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und Funktionalisierung des „Mythos Sparta“ in der frühen Neuzeit (1500 bis Anfang des 19. Jahrhunderts), wobei analysiert wird, inwieweit Sparta als ideologisches Vorbild für politische und pädagogische Modelle instrumentalisiert wurde und wie sich diese Wahrnehmung vom historischen Sparta unterscheidet.
- Historische Herleitung und Definition des Begriffs „Mythos“ im Kontext Spartas
- Analyse der Spartarezeption in Renaissance, Humanismus und Absolutismus
- Sparta als Gegenentwurf und moralisches Erziehungsideal während der Aufklärung
- Die Rolle der französischen Revolution und des Heroenkultes für das Spartabild
- Kritische Reflexion der Quellenlage und der Gefahr der Mythologisierung in der Geschichtsschreibung
Auszug aus dem Buch
II. Der „Mythos Sparta“
Bereits der erste Satz dieser Arbeit wies auf die Faszination hin, welche die Stadt Sparta selbst noch Jahrhunderte nach ihrer Eingliederung in das römische Reich hervorrief, fern ihrer längst vergangenen Blütezeit.
Das große Interesse, das dieser Stadt bis in die heutige Zeit entgegengebracht wird, begründet sich in ihrer Einzigartigkeit. Seit der Antike bis zur Gegenwart gab es keine Polis und keinen Staat mit einer ähnlichen Verfassung, Gesellschaft oder Kultur. Einige Aspekte, welche die Einzigartigkeit Spartas ausmachten, waren unter anderem: - Die Verfassung Lykurgs, die eine Mischung aus demokratischen, monarchischen und oligarchischen Elementen darstellte, und sich lange Zeit als sehr stabil herausstellte. - Die spartanische Erziehung, die allein auf das Wohl des Staates ausgerichtet war und die damit verbundene Opferbereitschaft (z. B. die Schlacht an den Thermophylen) - Die Gleichheitsidee unter den Spartiaten - Beschränkung der Wirtschaft auf das Notwendigste - Der Stellenwert des Sports im Leben, und die damit verbundene körperliche Schönheit - Die Einrichtung von „Sklavenstaaten“
Wenn man jedes dieser Merkmale berücksichtigt und in seinem geschichtlichen Zusammenhang sieht, dann hat man ein außergewöhnliches aber dennoch wirklichkeitsnahes Bild des antiken Spartas gewonnen. Jedoch haben sich sowohl unter Pädagogen als auch Philosophen und Politikern viele zu allen Zeiten auf die spartanische Kultur berufen, um eigene Thesen und Vorstellungen zu untermauern; und häufig wurde bei einer solchen Betrachtung nicht der historische Kontext berücksichtigt, sondern bestimmte Phänomene aus dem Gesamtzusammenhang gerissen, um dann – entweder idealisiert oder ideologisiert – zur eigenen Rechtfertigung zu dienen. Im Verlauf der Geschichte fand so eine zunehmende Enthistorisierung des Spartabildes statt, so dass Sparta schließlich zu einem Mythos wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung erläutert die anhaltende Faszination für Sparta und definiert den zeitlichen Rahmen der Untersuchung (1500 bis Anfang des 19. Jahrhunderts), wobei die Forschungsfrage nach der Instrumentalisierung Spartas im Vordergrund steht.
II. Der „Mythos Sparta“: Dieses Kapitel erörtert die Einzigartigkeit Spartas sowie die Entstehung und Definition des Begriffs „Mythos“, um zu erklären, wie und warum das historische Sparta im Laufe der Zeit verzerrt und idealisiert wurde.
III. Das Bild Spartas im Zeitalter der Renaissance und des Absolutismus: Hier wird analysiert, wie Denker der Renaissance und des Absolutismus Sparta als Legitimation für ihre staatsphilosophischen Ideen und zur Kritik an herrschenden Zuständen nutzten.
IV. Das Bild Spartas zur Zeit der Aufklärung und französischen Revolution: Dieses Kapitel beleuchtet die teils glorifizierende, teils kritische Spartarezeption im 18. Jahrhundert, geprägt durch Denker wie Rousseau und die Entwicklungen während der Französischen Revolution.
V. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz über die Entwicklung des Spartabildes und warnt vor einer unkritischen Übernahme antiker Quellen, die zur Verstetigung von Mythen beitragen können.
Schlüsselwörter
Sparta, Mythos Sparta, Antike, Frühe Neuzeit, Idealisierung, Geschichtsrezeption, Staatsphilosophie, Erziehungsideal, Lykurg, Platon, Aufklärung, Mythologisierung, Historizität, Politische Instrumentalisierung, Doriertum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Bild der antiken Stadt Sparta in der frühen Neuzeit wahrgenommen, interpretiert und für zeitgenössische politische und pädagogische Zwecke instrumentalisiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die Idealisierung der spartanischen Verfassung, die Nutzung des Spartabildes als moralisches Erziehungsideal sowie die Enthistorisierung und Mythologisierung der spartanischen Kultur in verschiedenen Epochen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu ergründen, inwieweit die damalige Vorstellung Spartas dem historischen Sparta entsprach und inwieweit das „Vorbild“ Sparta genutzt wurde, um gesellschaftliche Denkmodelle der Neuzeit zu rechtfertigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Verfasser nutzt eine quellenorientierte Herangehensweise, indem er Schriften der Philosophie, Pädagogik und Historik aus dem Zeitraum von 1500 bis 1850 analysiert und mit antiken Quellen sowie moderner Forschungsliteratur vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Entwicklungen in der Renaissance, im Zeitalter des Absolutismus, der Aufklärung und der Französischen Revolution detailliert dargestellt und der Wandel der Sparta-Rezeption nachgezeichnet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie „Mythos Sparta“, „Idealisierung“, „Geschichtsrezeption“, „Staatsphilosophie“ und „Instrumentalisierung“ charakterisiert.
Wie bewertet der Autor den Einfluss von Thomas More auf das Spartabild?
Der Autor stellt fest, dass Thomas More durch sein Werk „Utopia“ maßgeblich zur Festigung eines Bildes von „besitzlosen“ Spartanern beigetragen hat, auch wenn dieses Bild die historische Realität des Privateigentums in Sparta verkürzt darstellt.
Welche Rolle spielten die „Ephoren“ für Denker des 16. und 17. Jahrhunderts?
Die Ephoren dienten vielen Theoretikern, wie beispielsweise Johannes Althusius, als antikes Vorbild für eine Institution, die die Macht eines Herrschers überwachen und damit den Machtmissbrauch verhindern konnte.
Warum ist die „Glaubwürdigkeit der frühen spartanischen Geschichte“ laut Chester G. Starr problematisch?
Starr weist darauf hin, dass bereits in der Antike, etwa durch Plutarch, eine Idealisierung stattfand, was es für moderne Historiker schwierig macht, den Kern der historischen Wirklichkeit von späteren Konstruktionen zu trennen.
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- Marcel Egbers (Author), 2003, Der Mythos Sparta in der frühen Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19378