Emotionalrhetorische Textanalyse zu: Ulrich Parzany "Kraft und Mut statt Angst und Wut"


Hausarbeit, 2011
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Produktionsstadien der Rede (officia oratoris)3
II.1. Die Ordnung des Stoffes (dispositio)
II.2. Der sprachliche Ausdruck (elocutio)

III. Die Redeteile (partes orationis)…
III.1. Die Einleitung (exordium)
III.2. Die Erzählung (narratio)
III.3. Die Beweisführung (argumentatio)
III.4. Der Redeschluss (peroratio)

IV. Ernst Lerle: Kontaktstark verkündigen

V. Fazit

VI. Literaturangabe

Anhang: Predigt „Kraft und Mut statt Angst und Wut“ von Ulrich Parzany

I. Einleitung

Die Predigtlehre ist seit der Spätantike ein Teil der Rhetoriktheorie und spielt spätestens seit dem Mittelalter eine wichtige Rolle. Sie bildet ihren eigenen Zweig und wirft einen neuen Blick auf verschiedene Themen der Antike. So auch auf das Thema der Emotion bzw. Affekterregung. Ein wichtiger Vertreter der christlichen Beredsamkeit ist Aurelius Augusti- nus (*354, ‚430) mit seinem Werk „De doctrina Christiana“ - „Die christli- che Bildung“. Er stellt hier die Beredsamkeit (Rhetorik) und den Nutzen für die Christen gegenüber. Seiner Meinung nach ist die Rhetorik nicht Priori- tät für die Verkündung des Wortes Gottes: „[…] so schätzen wir die Rede- kunst nicht so hoch ein […].“ (Augustinus, VI,7.) Im Bezug auf die Affekte vertritt er die Ansicht, dass die Bibel verschiedene Stilmittel gebraucht, aber einen bestimmten Stil hat, der nur für die Bibel passend ist, „nicht durch rhetorische Aufgeblähtheit, sondern durch die Festigkeit ihrer inhalt- lichen Substanz“. (Ebd., IV,9.26.) Er fordert „insoweit es angemessen ge- schehen kann, muß eine Rede durch alle Stilarten variiert werden“ um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu fesseln. (Ebd., IV,51.134.) Die Affekte sol- len der christlichen Belehrung (docere) dienen und den Zuhörer gehorsam machen. (Vgl. ebd., VI,56ff.) Sie spielen aber nur eine untergeordnete Rol- le, denn „der Lebensstil des Redners [hat] ein größeres Gewicht als eine wie auch immer bedeutende Erhabenheit des Redestils.“ (Ebd., VI,59.151.) Diese kritische Meinung über die Affekte in der Rhetorik wirft die Frage auf, wie Prediger im 21. Jahrhundert damit umgehen. Ulrich Parzany, geboren 1941 in Essen, ist seit 1993 der Hauptredner und Leiter der evangelistischen Projektarbeit „ProChrist“.1 In der Bibel im Buch Johannes, im Kapitel 16 Vers 33 sagt Jesus: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“2 Dieser emotionale Bi- belvers ist die Grundlage für die Predigt von Ulrich Parzany mit dem Titel: „Kraft und Mut statt Angst und Wut“. Er hielt sie am 22. Oktober 2006 in Berlin im „Gottesdienst als Entdeckungsreise“. Bibeltreu mit Jesu Worten als Mittelpunkt vermittelt er, warum man als Christ seine Angst und Wut loslassen kann und stattdessen Kraft und Mut schöpfen darf. Schon der emotionale Titel wirft die Frage auf, wie Parzany in seiner Predigt Emotio- nen aus rhetorischer Sicht einsetzt und ob dies angemessen, also dem aptum einer Predigt entsprechend, ist. Anhand der Produktionsstadien der Rede (officia oratoris) und den Redeteilen (partes orationis) wird der Pre- digttext emotionalrhetorisch Analysiert. Auch wird ein kurzer Blick auf eine moderne Ansicht der Emotionen in der Predigtlehre von Ernst Lerle ge- worfen.

II. Die Produktionsstadien der Rede (officia oratoris)

Für die emotionalrhetorische Textanalyse der Predigt von Ulrich Parzany, wird die Predigt in den Zusammenhang der Produktionsstadien einer Re- de gesetzt. Hier wird untersucht, wie Parzany in seiner Predigt seine Auf- gaben als Redner erfüllt hat. Für eine Textanalyse mit dem Schwerpunkt der Affekte, werden hier nicht alle Schritte der Produktion einer Rede dis- kutiert, sondern die für Emotionen wichtigsten Produktionsstadien heraus- genommen: Die Ordnung des Stoffes (dispositio) und der sprachliche Ausdruck (elocutio). Die Schritte des Finden und Erfinden des Stoffes (inventio), des Einprägens der Rede ins Gedächtnis (memoria) und des Vortrags (actio) werden außen vor gelassen.

II.1. Die Ordnung des Stoffes (dispositio)

Die Ordnung des Stoffes soll die einzelnen Gedanken und Argumente in einen logischen Zusammenhang bringen. Hierbei soll sich der Redner „sowohl rationaler als auch emotionaler Überzeugungsmittel bedienen“3 und diese sinnvoll in der Rede einbringen. Der Anfang und das Ende der Rede sollten stärker von „affektischen Mittel“ eingenommen werden, als die anderen Redeteile.4 Gerade am Anfang muss der Zuhörer auf die Par- teisache vorbereitet werden, am Ende soll diese schließlich vollends durchgesetzt werden. In den anderen Redeteilen sollen sich rationale und emotionale Argumente ausgleichen. Die Kraft der Beweise ist abhängig von ihrer Anordnung und ihrer Ausformulierung.5 Die Ordnung des Stoffes wird in die ordo naturalis und die ordo arficialis geteilt, also in das natürli- che und das künstliche Ordnungsprinzip. Das natürliche Ordnungsprinzip nimmt an, dass es eine „natürliche, erkennbare Ordnung der Dinge“6 gibt, zum Beispiel die Anordnung der Redeteile. Diese Ordnung muss der Redner „erforschen und nutzbar“ machen.7 Das künstliche Ordnungsprinzip ist eine Abweichung von der natürlichen Ordnung, zum Beispiel die Vertauschung oder Auslassung von Redeteilen.8

Ulrich Parzany ordnet seine Predigt nach dem ordo naturalis: Nach einem persönlichen Erlebnis und einer einleitenden Geschichte in das Thema der Predigt (Parzany, S.1.), folgt seine Argumentation die sich am Bibeltext ausrichtet (Ebd., S.1.). Der gewählte Bibelvers lässt sich in drei Teile auf- teilen: 1. „In der Welt habt ihr Angst“, 2. „aber seid getrost“ und 3. „Ich ha- be die Welt überwunden.“ Parzany verwendet erst Teil 1, dann Teil 3 und letztlich Teil 2 als Argumentation. Trotz diesem Vertausch ist es eine - inhaltlich - natürliche und sinnvolle Ordnung der Argumentation. Die Pre- digt wird mit einem Aufruf zur Bekehrung abgeschlossen (peroratio).(Ebd., S. 4.) Die ganze Predigt ist von Emotionen durchtränkt, jedoch ist grob erkennbar, dass am Anfang der Predigt die Affekterregung überwiegt, in den anderen Teilen sind rationale und emotionale Überzeugungsmittel meistens ausgeglichen. Am Ende, in der auch affektive Mittel überwiegend angebracht sind, wählt Parzany stattdessen ein Appell zum Gebet zur Be- kehrung.

II.2. Der sprachliche Ausdruck (elocutio)

Das Ziel des sprachlichen Ausdrucks ist „die genaue Entsprechung von Wort und Sache“, eine „Einheit von Denken und Sprechen“ soll hergestellt werden.9 Es geht also nicht nur um einen schönen Klang der Worte, son- dern auch um ihren Sinn und ihrer Entsprechung bezüglich des Inhalts. Das, was gedacht wird, soll möglichst treffend ausgedrückt werden.

Die Rhetorikdefinition „ars bene dicendi“ - die Kunst gut zu reden - ist auch die Tugend der elocutio: Das richtige und das gute Sprechen.10 Auch sind die Sprachrichtigkeit (latinitas), die Klarheit (perspicuitas), die Angemessenheit (aptum) und der Redeschmuck (ornatus) als Tugenden der elocutio zu sehen.11

Die Angemessenheit, das aptum, ist für die sprachliche Ausformulierung von Argumenten oder Gedanken grundlegend. Aristoteles sagt hierzu: „Angemessenheit wird der Stil haben, wenn er Pathos und Ethos vermit- teln kann, und das analog dem zugrundeliegenden Sachverhalt“12. Das aptum kann zwischen dem inneren und dem äußeren aptum unterschie- denen werden.

Das innere aptum richtet sich nach dem Redegegenstand aus und be- schreibt die Angemessenheit der Rede in sich selber, das heißt zwischen den einzelnen Redeteilen und Argumenten.13 Auch soll die Rede ange- messen vorgetragen werden: „Artikulation, Intonation, Gestik ect.“ sollen angemessen dem Inhalt der Rede angewandt werden.14 Das äußere aptum richtet sich an der Redesituation aus und verlang eine Angemessenheit zwischen der Rede und den äußeren Umständen.15 Die äußeren Umstände sind in erster Linie das Publikum, aber auch der Re- deort (locus), der Redezeitpunkt (tempus), die Redeperson und der Rede- gegenstand.16 Das Befolgen des aptums ist entscheidend, denn „wirken kann die Rede nur, wenn sie den außer ihr liegenden Gegebenheiten an- gemessen ist“17.

Der Ausdruck von Emotion kann in verschiedenen Stilen erfolgen. Aus der Stillehre der Antike sind uns drei Stilgattungen bekannt: Die schlichte Stilart (genus subtile), die mittlere Stilart (genus medium) und die großarti- ge Stilart (genus grande).18 Das genus subtile hat den „belehrenden Zweck“ und ist analog dem „alltäglichen Sprachgebrauch“.19 Die Affekte dürfen hier nicht in den Vordergrund treten, da sie andernfalls „Misstrauen erwecken“ könnten.20 Um einen Zuhörer zu unterhalten oder zu gewinnen (in der narratio) wird am besten das genus medium gebraucht, in dem mehr Redefiguren verwendet werden, aber von zu starker Affekterregung absieht.21 Das genus grande, die pathetisch-erhabene Stilart, „soll eine starke Affekterregung hervorrufen“ und mittels Tropen und Figuren als „emotionale Bekräftigung“ dienen.22

Parzanys Predigt ist angemessen, sie befolgt das innere aptum, da sein Text dem Redegegenstand angemessen formuliert ist. Der Redegegen- stand ist ein emotionaler Bibelvers, also ist eine emotionsgeladene Predigt dem angemessen. Im Teil der Beweisführung lässt die Emotionalität nach und ist somit der Argumentation angemessen. Das äußere aptum ist schwer Beurteilbar, wenn nur der Text vorliegt, jedoch kann von einer „Normalsituation“ ausgegangen werden. Das heißt, dass diese Predigt für einen Gottesdienst mit gemischtem Publikum ausgelegt ist. Wenn man von dieser „Normalsituation“ ausgeht, befolgt Parzany das äußere aptum nur im gewissen Rahmen. Denn obwohl er persönlich, „face-to-face“, vor seinem Publikum steht, spricht er die Adressaten wenig direkt an. Auch am Ende, bei der begründeten Aufforderung, spricht er von „die Christen“ und „eure Gemeinden und Kirchen“ und nicht von den Christen und der Kirche die in dieser Situation anwesend sind. (Parzany, S.4.) Parzany wechselt innerhalb seiner Predigt die verschiedenen Stilgattun- gen ab, meistens wechselt er zwischen dem genus subtile (z.B. „Bei Angst und Wut macht man eine Faust in der Tasche.“ (Ebd., S.2.)) und dem ge- nus grande (z.B. „[…] dass es offensichtlich einen Sieger über die Zerstö- rungsmächte gibt.“(Ebd., S.4.)).

[...]


1 ProChrist. Biographie Ulrich Parzany: <http://tinyurl.com/3tk6oz7> Letzter Zugriff: 08.09.2011

2 Die Bibel. Lutherübersetzung 1984.

3 Ueding/Steinbrink, S. 215.

4 Ebd., S. 215.

5 Ebd., S. 215.

6 Ebd., S. 216.

7 Ebd., S. 217.

8 Ebd., S.217.

9 Ebd., S. 219.

10 Ebd., S. 220.

11 Ebd., S. 221.

12 Aristoteles, III,7,1.

13 Ueding/Steinbrink, S. 223

14 Ebd., S. 224.

15 Ebd., S. 224.

16 Ebd., S. 226.

17 Ebd., S. 226.

18 Vgl. ebd., S. 232.

19 Ebd., S. 232.

20 Ebd., S. 233.

21 Ebd., S. 233.

22 Ebd., S. 234.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Emotionalrhetorische Textanalyse zu: Ulrich Parzany "Kraft und Mut statt Angst und Wut"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Allgemeine Rhetorik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V194053
ISBN (eBook)
9783656217138
ISBN (Buch)
9783656216810
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emotion, Affekte, Textanalyse, Produktionsstadien der Rede, officia oratoris, Redeteile, partes orationis
Arbeit zitieren
Julia Esau (Autor), 2011, Emotionalrhetorische Textanalyse zu: Ulrich Parzany "Kraft und Mut statt Angst und Wut", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194053

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