I. Einleitung
Beleidigungen sind nicht nur in non-formalen, alltäglichen kommunikativen Verfahren vorzufinden, die emotional und aus dem Affekt erfolgen, sondern auch in der Rhetorik kann eine Beleidigung als strategisch überlegte Handlung eingesetzt werden.
Eine Beleidigung kann lautsprachlich und gebärdensprachlich ausgedrückt werden. Eine sehr präsente, allgemein verständliche Geste der Beleidigung ist das Zeigen des Mittel-fingers, auch umgangssprachlich als „Stinkefinger“ bezeichnet.
Bevor weiter in der Thema des „Stinkefingers“ eingegangen wird, sollte der Begriff der „Geste“ geklärt werden. In dieser Arbeit wird die Definition der „Geste“ aus dem Lexi-kon ETYMOLOGISCHES WÖRTERBUCH DES DEUTSCHEN übernommen:
„`Gebärde, Körperbewegung beim Sprechen` wird im 15. Jh. in der Wendung gesten machen `ausdrucksvolle Körperbewegungen machen` (von Gauklern und Spaßmachern) aus lat. gestus `Bewegung der Hände, Gebärde der Schauspieler oder Redner`, zu lat. gestere (gestum) `tragen, (aus)führen, (refl.) sich verhalten`, ins Dt. entlehnt. Daneben begegnet vielfach die lat. Form Gestus (auch mit lat. Flexion); erst im 18. Jh. Wird der Plur. Gesten, dann auch der Sing. Geste üblich.“
Somit kann man hier festlegen, dass der „Stinkefinger“ eine Geste ist, die die Eigen-schaft der Zeichenhaftigkeit besitzt. Das heißt, durch eine Geste soll etwas Bestimmtes ausgedrückt werden. Interessant bei der Geste des „Stinkefingers“ ist, dass diese nicht zwingend etwas Gesprochenes unterstreicht, sondern dass der „Stinkefinger“ als allein-stehende, „schweigende“ Geste für sich selbst spricht.
Die Geste des „Stinkefingers“ ist durchaus negativ belegt und wird als Beleidigung, Schmähung und Kränkung gedeutet. Doch nicht alle Beleidigungen, die als solche ge-sehen werden, sind in der Rhetorik erfolgreiche Strategien, die das Ziel der Beleidigung in einem kommunikativen Verfahren erreichen. Wann ist eine Beleidigung für Rhetori-ker erfolgreich und kann man den „Stinkefinger“ in einer Rede einsetzten, um zu belei-digen? Um dies zu beantworten muss die Bedeutung der Gestik für die Rhetorik unter-sucht werden und erläutert werden, wann eine Beleidigung rhetorisch erfolgreich ange-wandt werden kann.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Gestik und die Rolle des Mittelfingers
II.1. Quintilian
II.2. Kalverkämper
III. Warum der Mittelfinger „stinkt“
IV. Die Beleidigung als erfolgreiche rhetorische Strategie
V. Erfolg oder Misserfolg durch die Verwendung des „Stinkefingers“
VI. Beispiel: Frank Bsirske
VII. Fazit
VIII. Literaturangabe
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die rhetorische Wirksamkeit der Geste des „Stinkefingers“ und analysiert, ob diese im Kontext einer professionellen Rede als strategisches Mittel zur Beleidigung eingesetzt werden kann oder ob sie im rhetorischen Sinne als Fehlgriff zu bewerten ist.
- Analyse der Bedeutung von Gestik in der antiken und modernen Rhetorik
- Untersuchung der Gelingensbedingungen für eine erfolgreiche rhetorische Beleidigung
- Kritische Auseinandersetzung mit der Wirkung non-verbaler Beleidigungen
- Diskussion der „Dreiecksbeziehung“ zwischen Beleidiger, Beleidigtem und Publikum
- Evaluierung eines aktuellen Praxisbeispiels (Frank Bsirske)
Auszug aus dem Buch
IV. Die Beleidigung als erfolgreiche rhetorische Strategie
„Rhetorisch erfolgreiche Beleidigungen sind mithin gerade kein Zeichen rhetorischer Schwäche, sondern setzen im Gegenteil in hohem Maße persuasive Macht voraus und sind nur unter ganz bestimmten rhetorischen Bedingungen erfolgreich; sie müssen daher strategisch besonders sorgsam kalkuliert werden.“
In diesem Zitat aus Alexander Baurs Manuskript zum Thema Beleidigung wird die Beleidigung als rhetorisches Stilmittel gesehen und kann nicht unüberlegt, emotional geäußert werden um wirksam zu sein. Es gibt bestimmte Konditionen, die eine Beleidigung einhalten muss, denn sonst kann sie „rhetorisch-strategische Nachteile“ nach sich bringen. Doch wann ist eine Beleidigung rhetorisch erfolgreich?
Eine Beleidigung ist unter anderem dann erfolgreich, wenn ihre „Inhalte […] empirischen Wahrheitsbeweisen nicht unmittelbar zugänglich sind“, sich also auf subjektive Werturteile und nicht objektive Urteile berufen. Dies ist eine Stärke der Beleidigung als rhetorische Strategie: es herrscht keine Beweislast. Dem Beleidigten bleiben kaum Möglichkeiten auf so ein subjektives Werturteil zu reagieren, ohne dass sein ethos noch mehr verletzt wird. Nach einer Beleidigung kann er diese bestenfalls lächelnd kaschieren, doch kein Gegenargument könnte auf eine subjektive Wahrnehmung logisch folgen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung definiert den „Stinkefinger“ als Geste und stellt die Forschungsfrage nach seiner rhetorischen Tauglichkeit als Beleidigung.
II. Gestik und die Rolle des Mittelfingers: Hier wird der historische Kontext durch Quintilian sowie moderne Ansätze durch Kalverkämper hinsichtlich der Bedeutung von Gestik und Körpersprache analysiert.
III. Warum der Mittelfinger „stinkt“: Dieses Kapitel diskutiert verschiedene Theorien zur etymologischen und symbolischen Herkunft der abwertenden Geste.
IV. Die Beleidigung als erfolgreiche rhetorische Strategie: Es werden die notwendigen Bedingungen wie Öffentlichkeit und Machtungleichgewicht definiert, die eine Beleidigung rhetorisch wirksam machen.
V. Erfolg oder Misserfolg durch die Verwendung des „Stinkefingers“: Dieses Kapitel untersucht, warum die Geste im professionellen rhetorischen Kontext in der Regel keinen strategischen Vorteil bietet, sondern eher schadet.
VI. Beispiel: Frank Bsirske: Anhand einer Protestkundgebung wird das Scheitern dieser Geste als rhetorisches Mittel beispielhaft illustriert.
VII. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass der „Stinkefinger“ als Strategie in der Rhetorik ungeeignet ist und den Empfehlungen der klassischen Rhetorik widerspricht.
VIII. Literaturangabe: Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Stinkefinger, Rhetorik, Beleidigung, Gestik, Körpersprache, Persuasion, ethos, Kommunikation, Machtungleichgewicht, rhetorische Strategie, Frank Bsirske, Quintilian, Kalverkämper, Geste, öffentliche Rede.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Verwendung des „Stinkefingers“ als Geste innerhalb des rhetorischen Kontextes und bewertet deren Tauglichkeit als strategisches Kommunikationsmittel.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische und moderne Bedeutung von Gestik, die Bedingungen erfolgreicher rhetorischer Beleidigungen sowie die non-verbale Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob der Einsatz des „Stinkefingers“ in einer rhetorischen Rede als erfolgreich bewertet werden kann oder ob er dem Redner eher schadet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Analyse unter Einbeziehung rhetorischer Fachliteratur sowie die Anwendung dieser Theorie auf ein aktuelles Fallbeispiel.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Gelingensbedingungen von Beleidigungen, der Bedeutung von Gestik bei Quintilian und Kalverkämper sowie der kritischen Analyse des Falls Frank Bsirske.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie rhetorische Strategie, Gelingensbedingungen, ethos, non-verbale Kommunikation und den spezifischen Untersuchungsgegenstand „Stinkefinger“ beschreiben.
Warum gilt der „Stinkefinger“ in der Rhetorik als Misserfolg?
Weil er bei der Zielgruppe (dem Publikum) nicht die persuasive Wirkung einer Beleidigung entfaltet, sondern stattdessen das ethos des Redners durch den Eindruck von Inkompetenz und Hilflosigkeit schwächt.
Wie bewerten Quintilian und Kalverkämper die Geste?
Beide Rhetorik-Experten bieten keinen Raum für den „Stinkefinger“ als rhetorische Strategie; für Quintilian ist er unschön und für Kalverkämper bedarf Körpersprache der Einbettung in verbale Kommunikation, um Bedeutung zu erlangen.
- Arbeit zitieren
- Julia Esau (Autor:in), 2011, Die Geste des „Stinkefingers“ als erfolgreiche Beleidigung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194057