Die Therapie psychischer Störungen wird häufig definiert als ein „geplanter, zielorientierter Prozess, um problematische, die Lebensführung beeinträchtigende Erlebens- und Verhaltensweisen eines Patienten zu verändern“ (Fehm & Helbig, 2008, S.7). Umfassende Veränderungen, wie sie hier angestrebt werden, lassen sich nicht ausschließlich innerhalb der zeitlich stark begrenzten Therapiesitzungen erreichen, weshalb auch die Zeit außerhalb der Sitzungen zunehmende Beachtung findet. Ein wesentliches Therapieelement, um die Zeit zwischen den einzelnen Sitzungen nutzbar zu machen und einen Transfer des Gelernten in den Alltag zu erreichen, ist der Einsatz therapeutischer Hausaufgaben (Helbig & Fehm, 2005).
Heute sind Hausaufgaben ein wesentlicher Bestandteil zahlreicher Therapiemanuale für eine Reihe psychischer Störungen wie z.B. Depressionen, Panikstörungen, Bulimie, Schlafstörungen u.v.m. (Fehm & Fehm-Wolfsdorf, 2001) und ihre Wirksamkeit wurde in einer Reihe von Studien und in einigen Metaanalysen untersucht (vgl. Kazantzis, Deane & Ronan, 2000; Kazantzis, Whittington & Dattilio, 2010; Mausbach, Moore, Roesch, Cardenas & Patterson, 2010). Allerdings liegen außerhalb kontrollierter Therapiestudien kaum Daten zur Nutzung von Hausaufgaben vor (Fehm & Fehm-Wolfsdorf, 2001). So existieren nur wenige Studien, die sich mit der Rolle therapeutischer Hausaufgaben in der klinischen Praxis befassen und näher untersuchen, ob Hausaufgaben tatsächlich systematisch genutzt werden und welchen Einfluss ein unsystematischer Einsatz auf das Therapieergebnis hat (vgl. Fehm & Kazantzis, 2004; Kazantzis, Busch, Ronan & Merrick, 2007; Kazantzis & Ronan, 2006). Die Nützlichkeit weiterer Forschungsvorhaben auf diesem Gebiet betonen auch Kazantzis und Dattilio (2010, S.760): „An improved understanding of the day-to-day use of homework assignments in clinical practice would seem like a useful step in advancing the evidence base.”
Die vorliegende Arbeit versucht einen Beitrag zu diesem Themengebiet zu leisten, indem anhand von Stundenprotokollen einer psychotherapeutischen Ambulanz die tatsächliche Nutzung von Hausaufgaben in der klinischen Praxis näher untersucht wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Warum Hausaufgaben in der Psychotherapie?
2.2 Hausaufgaben: Definitionen und Ziele
2.2.1 Begriffsdefinition: Hausaufgaben
2.2.2 Begriffsdefinition: Compliance und Adhärenz
2.2.3 Arten von Hausaufgaben
2.2.4 Ziele und Wirkmechanismen von Hausaufgaben
2.3 Empirische Befunde zur Wirksamkeit von Hausaufgaben
2.3.1 Der Einsatz von Hausaufgaben und das Therapieergebnis
2.3.2 Der Einsatz von Hausaufgaben und die Therapiedauer
2.3.3 Hausaufgabenadhärenz und Therapieerfolg
2.3.4 Methodische Limitationen der Hausaufgabenstudien
2.3.5 Der Einsatz von Metaanalysen
2.4 Der Einsatz von Hausaufgaben in der klinischen Praxis
2.4.1 In welchen Bereichen werden Hausaufgaben in der Praxis eingesetzt?
2.4.2 Die Einstellung zu und der Einsatz von Hausaufgaben in der klinischen Praxis
2.4.3 Hausaufgabenadhärenz in der klinischen Praxis
2.4.4 Mögliche Einflussfaktoren auf die Hausaufgabenadhärenz
2.5 Fazit und Ausblick auf die Studie
3 Fragestellungen & Hypothesen
3.1 Explorative Fragestellungen
3.2 Zusammenhänge zu klinischen und Prozessvariablen
3.2.1 Hausaufgabenvergabe
3.2.2 Hausaufgabenadhärenz
4 Methoden
4.1 Vorgehen bei der Datenerhebung
4.2 Stichprobe
4.3 Operationalisierung
4.3.1 Hausaufgabenvariablen
4.3.2 Schwere der Störung
4.3.3 Therapieerfolg
4.4 Vorbereitung der Datenauswertung
4.5 Statistische Datenauswertung
5 Ergebnisse
5.1 Explorative Fragestellungen
5.2 Zusammenhänge zu klinischen und Prozessvariablen
5.2.1 Hausaufgabenvergabe
5.2.2 Hausaufgabenadhärenz
6 Diskussion
6.1 Hausaufgabenvergabe
6.2 Hausaufgabenadhärenz
6.3 Zusammenhänge zu Therapiedauer und Therapieerfolg
6.4 Diskussion des Studiendesigns und Generalisierbarkeit der Befunde
6.5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die tatsächliche Nutzung und Wirksamkeit von Hausaufgaben in einer psychotherapeutischen Ambulanz, um die Diskrepanz zwischen theoretischen Empfehlungen und der klinischen Praxis zu analysieren. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich dabei mit der Häufigkeit der Vergabe, der Art der Hausaufgaben sowie dem Zusammenhang zwischen Hausaufgabenadhärenz und dem Therapieerfolg unter Berücksichtigung klinischer Prozessvariablen.
- Analyse der Häufigkeit und Systematik der Hausaufgabenvergabe in der klinischen Routine.
- Untersuchung der Art der vergebenen Aufgaben (kognitiv vs. behavioral) bei verschiedenen Störungsbildern.
- Erfassung der Patientenadhärenz bei der Erledigung der Hausaufgaben.
- Evaluation von Zusammenhängen zwischen Hausaufgabenparametern und dem therapeutischen Outcome.
- Diskussion von Moderatorvariablen wie der Diagnose und dem Therapieverlauf.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Begriffsdefinition: Hausaufgaben
Eine verbindliche Definition therapeutischer Hausaufgaben gibt es derzeit nicht, was sich auch in der Vielzahl unterschiedlicher Begriffe widerspiegelt, die in der wissenschaftlichen Literatur zur Beschreibung von Hausaufgaben gebraucht werden (Kazantzis, 2005). Darunter fallen in englischsprachigen Publikationen beispielsweise die Begriffe extratherapy assignment (Kornblith, Rehm, O’Hara & Lamparski, 1983), self-help assignments (Burns, 1989), show that I can tasks (Hudson & Kendall, 2002), home practice activities (Blanchard et al., 1991), post-session behavior (Mahrer, Nordin & Miller, 1995) oder experiment (Dattilio, 2002). Auch im deutschen Sprachraum werden gelegentlich andere Begriffe verwendet, wie z.B. Verhaltensübung, Therapieaufgabe, Übungs- oder Trainingsaufgabe, Vereinbarung oder Alltagstest (Borgart & Kemmler, 1989; Fehm & Helbig, 2008). Dies ist zum Teil nicht nur auf das Fehlen einer verbindlichen Definition zurückzuführen, sondern auch auf die Tatsache, dass einige Autoren befürchten, der Begriff Hausaufgabe könnte durch die Schulzeit negative Erinnerungen hervorrufen und deshalb in der Therapie unangebracht sein (vgl. Kazantzis & L’Abate, 2007; Wendlandt, 2002). Diesen Bedenken stehen jedoch Studien gegenüber, die eine breite Akzeptanz des Begriffs Hausaufgabe auf Seiten der Patienten zeigen konnten (z.B. Fehm & Mrose, 2008) und auch Therapeuten nutzen diese Bezeichnung im Alltag häufig, was indirekt ebenfalls auf eine Akzeptanz des Begriffes schließen lässt (Breil, 2010).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit definiert Hausaufgaben als essenzielles Element der Psychotherapie zur Förderung des Transfers therapeutischer Inhalte in den Alltag und begründet die Relevanz der Untersuchung ihrer tatsächlichen Anwendung.
2 Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel liefert einen Überblick über Definitionen, Arten und Ziele von Hausaufgaben sowie den aktuellen empirischen Forschungsstand zur Wirksamkeit und Adhärenz in verschiedenen Störungsbereichen.
3 Fragestellungen & Hypothesen: Aufbauend auf dem Theorieteil werden explorative Fragen und spezifische Hypothesen zu Einsatz, Adhärenz und den Zusammenhängen zwischen Hausaufgaben und Therapieerfolg formuliert.
4 Methoden: Es wird die Datenerhebung anhand von Stundenprotokollen in einer psychotherapeutischen Ambulanz, die Charakteristik der Stichprobe und die statistischen Auswertungsverfahren beschrieben.
5 Ergebnisse: Die statistische Auswertung präsentiert Befunde zur Häufigkeit, Systematik und Art der Hausaufgabenvergabe sowie zur Adhärenz der Patienten und deren Korrelation mit klinischen Variablen.
6 Diskussion: Die Ergebnisse werden kritisch reflektiert, in den Kontext der bestehenden Forschung eingeordnet, methodische Limitationen aufgezeigt und ein Fazit für die zukünftige Praxis gezogen.
Schlüsselwörter
Hausaufgaben, Psychotherapie, Adhärenz, Compliance, Verhaltenstherapie, Hausaufgabenvergabe, Therapieerfolg, klinische Praxis, Symptombelastung, GSI, SCL-90-R, kognitive Aufgaben, behaviorale Aufgaben, Prozessvariablen, Ambulanzforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den tatsächlichen Einsatz von therapeutischen Hausaufgaben in einer psychotherapeutischen Ambulanz und analysiert deren Zusammenhang mit klinischen Prozessvariablen und dem Behandlungserfolg.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die Definition und Systematisierung von Hausaufgaben, die empirische Wirksamkeitsforschung und die Analyse der in der klinischen Praxis tatsächlich vergebenen und erledigten Aufgaben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen idealisierten Vorgaben aus Therapiemanualen und der tatsächlichen klinischen Handhabung von Hausaufgaben zu explorieren und zu prüfen, ob sich ein positiver Zusammenhang mit dem Therapieoutcome nachweisen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine empirische Studie, die auf der quantitativen Auswertung von Stundenprotokollen und klinischen Diagnosedaten von 79 Patienten einer Forschungsambulanz basiert.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte theoretische Aufarbeitung des Forschungsstands, die detaillierte Beschreibung der methodischen Vorgehensweise und die Darstellung sowie Diskussion umfangreicher statistischer Ergebnisse zur Adhärenz und den Korrelationen mit dem Therapieerfolg.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Hausaufgabenadhärenz, Therapieerfolg, psychotherapeutische Ambulanz, kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen und der Vergleich von Patienten mit verschiedenen psychischen Störungen.
Gibt es Unterschiede in der Hausaufgabenpraxis bei verschiedenen Diagnosen?
Die Ergebnisse zeigen, dass bei depressiven Störungen signifikant häufiger kognitive Hausaufgaben eingesetzt werden, während bei Angst- und Zwangsstörungen eher behaviorale Aufgaben dominieren.
Hat sich ein positiver Zusammenhang zwischen Hausaufgabenadhärenz und Therapieerfolg bestätigt?
Die Arbeit konnte in der untersuchten Stichprobe keinen statistisch signifikanten Dosis-Wirkungs-Zusammenhang zwischen der Quantität der Hausaufgabenerledigung und dem Therapieerfolg (gemessen am GSI) nachweisen.
- Quote paper
- Daniela Hagestedt (Author), 2012, Hausaufgaben in der Therapie psychischer Störungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194160