Moskaus langer Arm - Stalin und der Kommunismus in Polen


Bachelorarbeit, 2010

33 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

„Sowjetisierung oder „Nationaler Weg zum Sozialismus“? Einige einleitende Bemerkungen

Anmerkungen zum Begriff der Sowjetisierung

Einordnung in den Forschungsstand

Heimatkommunisten oder Moskowiter? Die Frage nach der politischen Vorherrschaft innerhalb der PPR/PZPR
a) Die Anfänge der PPR und die schwierige Führungsfrage
b) Die Aufteilung Europas in Interessensphären
c) Die Ausschaltung der Londoner Exilregierung und der Opposition um Mikołajczyk
d) Der Kampf gegen Gomułka vor dem Hintergrund der Entwicklung in Jugoslawien
e) Gomułkas politische Positionen und deren Abweichung von der Linie Bieruts/Stalins
f) Die Ausschaltung Gomułkas

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

„Sowjetisierung“ oder „Nationaler Weg zum Sozialismus“? Einige einleitende Bemerkungen

„Wir wollen und werden alle Hindernisse beseitigen, die uns im Weg stehen!“[1]. Dieses Zitat von Władysław Gomułka aus dem Jahre 1945 sollte für ihn selbst bald zur bitteren Wahrheit werden. Als am 21.10.1956 in Warschau das neue Politbüro der PZPR (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza[2] ) mit dem ersten Sekretär Władysław Gomułka an der Spitze gewählt wurde, markierte dies einen radikalen Bruch mit der Epoche des Stalinismus. Gomułka, der wenige Tage später begeistert von der Warschauer Bevölkerung empfangen wurde[3], stand nun am Ende eines langjährigen Kampfes an der Spitze der PZPR, nachdem er 1948 das Amt des Sekretärs des Zentralkomitees der PPR (Polska Partia Robotnicza[4] ), der Vorgängerpartei der PZPR, an seinen größten Widersacher Bolesłav Bierut, der später als der „Stalin von Polen“[5] bezeichnet wurde, -verloren hatte. Die Niederlage Gomułkas markierte den letzten Schritt einer Entwicklung in Polen, die häufig als „Sowjetisierung” Polens bezeichnet wird und auch in anderen Ländern Osteuropas ablief.

Die Entwicklung Polens nach dem zweiten Weltkrieg war, wie auch die Entwicklung in anderen Staaten Osteuropas, stark verbunden mit dem Schicksal der Sowjetunion. In vielen Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in den sowjetischen Einflussbereich fielen, kam es zu Konflikten innerhalb der kommunistischen Parteien. Diese Konflikte entstanden, da sich zwei Gruppen bekämpften. Die eine Gruppe suchte eine enge Anbindung an Moskau, während ihre Gegner einen „Nationalen Weg zum Sozialismus“ verfolgen wollten. Polen bildete bei dieser Entwicklung keine Ausnahme. Dennoch waren die Voraussetzungen in Polen besondere; der Gegensatz zwischen „Moskowitern“ und „Heimatkommunisten“ stand unter anderen Bedingungen als im restlichen Osteuropa. Mit „Moskowitern“ sind diejenigen Kommunisten gemeint, die ihre parteiliche Ausbildung in Moskau genossen hatten, im Gegensatz zu den „Heimatkommunisten“, welche sich während des Zweiten Weltkrieges in Polen aufhielten.

Ziel der Arbeit ist es zu klären, ob es in Polen zu einem „Nationalen Weg zum Sozialismus“ und somit zu einem Sieg der Gruppe um Gomułka über seinen Widersacher Bierut hätte kommen können, oder ob ein solcher Sonderweg Polens aufgrund der geopolitischen Voraussetzungen und der politischen Entwicklung der 1940er Jahre undenkbar gewesen wäre. Die Frage ist deshalb interessant, da die Voraussetzungen in Polen andere waren als in den Nachbarstaaten und sich daher die Frage stellt, ob Polen nicht ein anderes Schicksal hätte ereilen können. Um diese Frage zu klären ist die Arbeit in mehrere Abschnitte unterteilt, welche schrittweise zu einer Lösung der Fragestellung führen sollen. Beginnen möchte ich meine Ausführungen mit einigen Anmerkungen zur Begrifflichkeit der Sowjetisierung, da der Begriff in der Literatur häufig unterschiedlich gebraucht wird und Aspekte umfasst, die für die Beantwortung der Fragestellung dieser Arbeit irrelevant sind. Der folgende Abschnitt gibt den Forschungsstand der Sowjetisierungsdebatte wieder, vor deren Hintergrund auch die Fragestellung dieser Arbeit beantwortet werden soll. Nach diesen einführenden Bemerkungen folgt die Arbeit einem chronologischen Aufbau, um die Ereignisse in Polen schrittweise untersuchen zu können. Einzige Ausnahme bildet hier der Abschnitt „Gomułkas politische Positionen und deren Abweichung von der Linie Bieruts/Stalins“. Dieser Abschnitt wurde bewusst ans Ende der Entwicklung gestellt, da die Ideen der Heimatkommunisten erst im Laufe der historischen Entwicklung Konturen annahmen. Das letzte Kapitel beschreibt die Ausschaltung Gomułkas und deren Ablauf. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse, die durch diese Arbeit erzielt wurden, sowie eine Abwägung von Argumenten, die für oder wider die These sprechen, es hätte in Polen einen „Sonderweg“ geben können.

Zur Klärung der Frage wurde in der vorliegenden Arbeit auf verschiedenste Literatur zurückgegriffen. Eine große Hilfe bei der Bearbeitung der Fragestellung waren hierbei die in den letzten Jahren in Westeuropa erschienenen Beiträge zur Sowjetisierungsdebatte. Aber auch auf polnische Literatur wurde zurückgegriffen, da hier besonders in den letzten Jahren detaillierte Ausarbeitungen zur Ausschaltung der Heimatkommunisten erschienen sind, auch wenn es hier häufig an einer internationalen Perspektive mangelt. Leider konnte ich beim Bearbeiten der Fragestellung nicht auf Biographien der zwei auf polnischer Seite wichtigsten Männer Bierut und Gomułka zurückgreifen, da es an neuen wissenschaftlichen Biographien fehlt und ältere Biographien aus heutiger Sicht nicht mehr den tatsächlichen Verlauf der Geschichte widerspiegeln[6].

Anmerkungen zum Begriff der „Sowjetisierung“

Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich mich kurz mit dem Begriff der Sowjetisierung auseinandersetzen, da der Begriff nicht nur viele Facetten aufweist, sondern häufig auch sehr unterschiedlich verwendet wird. Ursprünglich bezeichnete er die Idee sowjetischer Kommunisten, die Revolution nach Außen zu tragen und auf der ganzen Welt Räterepubliken[7] zu errichten[8]. Der Begriff Sowjetisierung veränderte seine Bedeutung nach dem Zweiten Weltkrieg und diente im amerikanisch-britischen Einflussgebiet der Abgrenzung zu den Geschehnissen in Osteuropa[9]. Man verstand ihn als ein „Sinnbild der Abhängigkeit ostmittel- und südosteuropäischer Länder (…) von der Sowjetunion und der damit verbundenen Einführung einer sowjetähnlichen politischen und gesellschaftlichen Ordnung in diesen Ländern“[10]. Heute gibt es keine einheitliche Definition von Sowjetisierung, auch wenn in den letzten Jahren einige Arbeiten zu diesem Thema erschienen sind[11]. Für den Gebrauch des Begriffes in dieser Arbeit beschränke ich mich auf den politischen Aspekt der Sowjetisierung und verstehe sie als eine Einbeziehung eines Landes in den sowjetischen Macht- und Einflussbereich, die mit einer Umwälzung bzw. Neuorientierung vieler Bereiche des politischen und ökonomischen Lebens und einer starken Kontrolle von wichtigen politischen Entscheidungsprozessen durch Moskau einhergeht. Der Begriff birgt meiner Meinung nach aber noch eine andere Komponente in sich, und zwar die Ausschaltung jeglicher innerparteilicher Opposition. Hierbei ist besonders die Nähe zu Stalin wichtig und, damit einhergehend, die völlige Unterwerfung unter Stalins Willen. Diese Begriffsdefinition ist deshalb wichtig, da im Folgenden genau geprüft werden muss, wie stark die Entwicklungen in Osteuropa, und besonders in Polen, von Moskaus Gnaden abhängig waren. Der Begriff Sowjetisierung wird in meiner Arbeit hauptsächlich auf seine politische Komponente beschränkt bleiben, da für die Beantwortung der Fragestellung andere Felder wie beispielsweise Kultur oder Sprache nicht von Bedeutung sind[12].

Einordnung in den Forschungsstand

Die Sowjetisierungsdebatte ist in Westeuropa keinesfalls neu, vielmehr beschäftigen sich Wissenschaftler seit Ausbruch des Kalten Krieges mit der Frage, wie und warum es Stalin gelingen konnte, große Teile Osteuropas seinem mittelbaren oder unmittelbaren Einfluss zu unterwerfen. Neue Möglichkeiten ergaben sich für die Forschung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Öffnung der Archive, denn nun konnten die Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg detaillierter und auch aufgrund breiterer Quellengrundlage betrachtet werden. In den letzten Jahren nimmt auch immer mehr die internationale Perspektive Konturen an. Wurde in den 1980er-Jahren die Entwicklung in den einzelnen Staaten häufig noch gesondert betrachtet[13], so haben gerade jüngste Veröffentlichungen zu einer Erweiterung der Betrachtungsperspektive geführt, die nun immer auch die Ereignisse in ganz Osteuropa im Blick hat[14]. Diese erfreuliche Entwicklung in der Forschung hat sich bisher hauptsächlich in Westeuropa und in der amerikanischen Forschung durchgesetzt. Seit der Jahrtausendwende befindet sich die Sowjetisierungsdiskussion auch in Polen in einer Konjunkturphase, und es sind zahlreiche Publikationen erschienen, die sich sehr detailliert mit der Einbeziehung Polens in den sowjetischen Machtbereich befassen. In diesen Veröffentlichungen wird meist großer Wert auf eine Darstellung der Ereignisse in Polen gelegt. Weniger spielen hier internationale Entwicklungen oder wichtige Ereignisse der Sowjetisierung in anderen Ländern, welche ein ähnliches Schicksal wie Polen ereilte, eine Rolle. In der Zukunft können sowohl die polnische als auch die westeuropäisch-amerikanische Forschung nur von einander profitieren. Die polnische Forschung könnte ihre Erkenntnisse noch stärker vor dem Hintergrund der internationalen Entwicklung betrachten, während die westliche Forschung auf die detaillierten polnischen Ergebnisse zurückgreifen kann, um ihrerseits die Sowjetisierungsdiskussion voranzutreiben.

Heimatkommunisten oder Moskowiter? Die Frage nach der politischen Vorherrschaft innerhalb der PPR/PZPR

So unterschiedlich sich der Ablauf der kommunistischen Machterlangung in den Staaten des Einflussgebiets der Sowjetunion vollzog, so kann man dennoch von einem gewissen Grundmuster bzw. einem groben Schema ausgehen, nach welchem sich die Machterlangung der kommunistischen Parteien in Osteuropa vollzog[15]. Am Ende dieses Prozesses waren Anfang der 1950er Jahre in Rumänien, Bulgarien, Albanien, Ungarn, der Tschechoslowakei, der DDR und in Polen Einparteienherrschaften errichtet worden, die praktisch über keine Opposition verfügten. Jugoslawien stellt in dieser Entwicklung in mehrerlei Hinsicht einen Sonderfall dar, welcher im Verlauf dieser Arbeit auch in Bezug auf die Ausschaltung der Heimatkommunisten um Gomulka noch von Bedeutung sein wird.

Im nächsten Abschnitt Soll die Entwicklung der PPR/PZPR in Polen genauer betrachtet werden, stets in Bezug auf den Konflikt zwischen den Heimatkommunisten und den Moskowitern.

a) Die Anfänge der PPR und die schwierige Führungsfrage

Betrachtet man die Entstehung der PPR, so ist es nicht unwichtig, sich vor Augen zu führen, dass es bereits in der Zwischenkriegszeit eine in Polen aktive und von Moskau abhängige und kontrollierte[16] kommunistische Partei, die KPP (Komunistyczna Partia Polski)[17], gab. Diese Partei wurde 1938 von der Komintern offiziell aufgelöst[18].

Da Stalin sich der kompletten Führungsschicht der kommunistischen Partei entledigt hatte[19], musste er nun eine neue Generation von polnischen Kommunisten ausbilden, wenn er ernsthaft daran interessiert war, im Nachkriegspolen eine Regierung zu schaffen, die seinem Willen gehorchte. Zu diesem Zweck entschied sich Stalin 1942, die PPR aus der Taufe zu heben. Stalin konnte sich dabei der Unterstützung einiger polnischer Kommunisten sicher sein, die der Säuberungswelle entgangen waren, weil sie entweder zum Zeitpunkt der Auflösung der KPP keine hohen Positionen innerhalb der Partei innehatten oder weil sie, wie im Falle Gomułkas, zum Zeitpunkt ihrer Auflösung in Polen inhaftiert waren. Unter den Kommunisten, die sich nach dem Überfall des Deutschen Reiches und der Sowjetunion in den sowjetisch besetzten Teil Polens begaben, befanden sich auch „Wiesław“, so der Nom du guerre Gomułkas, und Bierut[20]. Stalin konnte nun auf einen erfahrenen Personenkreis zurückgreifen, welcher die Situation in Polen genau kannte und, so die Annahme Stalins, der Sowjetunion treu ergeben war[21]. Der Name der neu geschaffenen Partei sollte bewusst nicht das Wort „kommunistisch“ enthalten, um später möglichst viele Teile der polnischen Bevölkerung zu gewinnen und sie nicht durch den Namen zu verschrecken[22]. Die PPR sollte von anfang an dem Willen Stalins gehorchen. Stalin rief eine Initiativgruppe ins Leben, die im Dezember 1941 nach Polen geschleust wurde, um dort kommunistische Propaganda zu betreiben, aber auch um mittels ihres militärischen Arms, der Gl (Gwardia Ludowa[23] ) bzw. später der AL (Armia Ludowa[24] ) die deutschen Besatzer zu bekämpfen. Die Bemühungen der PPR, die polnische Bevölkerung von ihrer Sache zu überzeugen, muss im Nachhinein als äußerst unglücklich bezeichnet werden. Von 1942 bis 1943 verlor die PPR viele Mitglieder ihres Führungszirkels, darunter Marceli Nowotko, der eine „independent political line“[25] verfolgte und deshalb unter bis heute unbekannten Umständen am 28.11.1942 auf offener Straße erschossen wurde. Sein Nachfolger, Bolesław Mołojec, dem die unmittelbare Schuld an der Ermordung Nowotkos gegeben wurde[26], wurde einen Monat später auf Befehl Moskaus erschossen. Moskau bemühte sich rasch einen Nachfolger für Nowotko bzw. Mołojec zu finden und schleuste zu diesem Zweck Witold Kolski[27] nach Polen ein. Dessen Flugzeug wurde aber im Mai 1943, noch vor der Ankunft in Warschau, von der Wehrmacht abgeschossen und Kolski starb. Der Umstand, dass weder Dimitrov[28] noch Stalin es nicht für nötig hielten, die PPR über die Entsendung eines neuen Parteisekretärs zu informieren, weist deutlich darauf hin, welche Rolle ihr im Nachkriegspolen zuteil werden sollte. Keinesfalls sollte die PPR selbstständig über ihren Parteichef bestimmen sollen, vielmehr war es eine Entscheidung Moskaus, wer an der Spitze der PPR stehen sollte[29]. Diese Entwicklung ist typisch für das Vorgehen Stalins in Osteuropa. Auch in anderen Ländern waren die kommunistischen Parteien angehalten worden, nicht selbst über ihre Führungskader zu bestimmen. Kolskis (bzw. Mołojecs) Nachfolger Paweł Finder[30] wurde im November 1943 kurz nach seiner, von Moskau abgesegneten, Bestimmung zum Parteisekretär gemeinsam mit Bieruts Ehefrau Fornalska von der Gestapo verhaftet und wenig später hingerichtet[31]. Die PPR sah sich nun vor das Problem gestellt, dass keines der von Stalin ins besetzte Polen geschleusten Mitglieder der „Trójka Kierownicza“[32] mehr am Leben war, bzw. nicht von der Gestapo festgenommen worden war. Laut Stalins Befehl hatte es innerhalb der PPR eine klare Hierarchie gegeben. An erster Stelle stand Nowotko, gefolgt von Mołojec und Finder. Die übriggebliebenen Mitglieder des Zentralkomitees der PPR entschieden sich daraufhin, auch weil der Funkkontakt zu Moskau nicht sichergestellt werden konnte, zur Eigeninitiative und wählten ihren Sekretär selbst. Bei dieser Wahl unterlag Bierut im ersten Wahlgang und die Wahl fiel auf Gomułka[33]. Dieser Schritt, nämlich die selbstständige Wahl eines Parteisekretärs, stellte einen klaren Bruch mit der Moskauer Linie dar, denn es war den PPR-Angehörigen eindeutig verboten worden, selbstständig ihre Führungskräfte zu wählen[34]. In Moskau erfuhr man erst wenige Tage später von der Wahl Gomułkas zum Parteisekretär. Stalin sanktionierte die Abweichung von der Moskauer Linie zwar nicht, aber er stand Gomułka von Anfang an skeptisch gegenüber, auch weil dieser die Kriegsjahre nicht in der Sowjetunion verbracht hatte und lediglich von 1934-1936 die Leninschule besucht hatte[35]. Gomułka sollte den Posten des Parteisekretärs nun bis zu seiner, zunächst nur politischen, Ausschaltung im Jahre 1948 innehaben. Die Nähe zu Stalin spielte bei der Besetzung von Spitzenpositionen innerhalb der kommunistischen Parteien Osteuropas stets eine große Rolle[36]. Warum Stalin Gomułkas Wahl zum Parteisekretär zunächst hinnahm, wird erst im weiteren Verlauf der Darstellung deutlich. Dieses Vorgehen unterscheidet Polen von seinen Nachbarstaaten.

b) Die Aufteilung Europas in Interessenssphären

Nach dem Vorrücken der Roten Armee und der schrittweisen Eroberung der von der Wehrmacht besetzen Gebiete stellte sich den Alliierten schon bald die Frage nach der Nachkriegsordnung Europas. Prinzipiell standen der Sowjetunion in Bezug auf die nun von der Roten Armee besetzten Gebiete zwei Optionen offen: Zum Einen konnte man die Gebiete direkt annektieren und somit dem unmittelbaren Machtbereich einverleiben. Die andere Option sah vor, den Gebieten eine staatliche Souveränität zu gewähren und sie über einen längeren Zeitraum politisch und ökonomisch an sich zu binden. Die erste Option wurde im Falle von Nord-Ostpreußen, der Karpato-Ukraine, sowie der sich bereits vor Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Krieges in sowjetischer Hand befindlichen Gebiete Karelien, Bessarabien, der Bukowina, der baltischen Staaten und der von Polen eroberten Ostgebiete gezogen[37]. In denjenigen Gebieten, die sich schon zu Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in sowjetischer Hand befanden, kann man ab 1940 von einer Politik der Sowjetisierung sprechen[38]. In den anderen Gebieten Ostmittel- und Südosteuropas gestaltete sich die Einbeziehung in die eigene Einflusssphäre wesentlich schwieriger, da man auf eine Zusammenarbeit mit den übrigen Alliierten angewiesen war.

Diese Phase der Zusammenarbeit mit den westlichen Alliierten nennt O´Sullivan die Phase des „vorsichtigen Opportunismus“[39] und Creuzberger/Görtemaker bezeichnen diesen Zeitraum als Zeitraum der „begrenzte[n] Handlungsspielräume“[40]. Stalin wollte die Staaten Osteuropas an sich binden, sie aber nicht auflösen oder sie offen ihrer Souveränität berauben, um nicht den Argwohn der Alliierten zu wecken und somit einen Krieg zu riskieren. Eine Sowjetisierung kam für ihn in dieser Phase noch nicht in Frage[41]. Als Zugeständnis an die Westalliierten wurde bereits 1943 die Komintern aufgelöst, um nicht den Eindruck zu erwecken, die Sowjetunion plane einen „Export“ der Russischen Revolution. Die Komintern bestand allerdings als „Abteilung für Internationale Information“ fort und wurde vom alten Komintern-Chef Dimitrow geleitet[42]. Diese Tatsache ist nicht unbedeutend, wenn wir uns später mit der Kominform und seiner Rolle in Polen beschäftigen wollen. Wichtige Etappen der Einteilung Europas in Interessensphären bildeten das Moskauer Abkommen von Oktober 1944, bei dem Churchill mit Stalin vereinbarte, dass Griechenland dem britischen Einflussgebiet zufallen sollte, während die Sowjetunion Rumänien, Bulgarien und Ungarn unter ihre Kontrolle bringen sollte. Jugoslawien sollte eine Art neutralen Status erhalten. Weiterhin war die Konferenz von Jalta (Februar 1945) ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Ausdehnung der sowjetischen Einflusssphäre, da hier die polnische Ostgrenze festgelegt und Deutschland in Besatzungszonen eingeteilt wurde. Die letzte große Konferenz, die für die Geschichte Polens von Bedeutung war, war die Konferenz von Potsdam, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa von Juli bis August 1945 im besiegten Deutschland abgehalten wurde. Diese Konferenz hatte die faktische Festlegung der polnischen Westgrenze und die Vertreibung von Millionen von Deutschen zur Folge[43]. Die politische Karte Europas nahm nun langsam die Gestalt an, die sie für beinahe 50 Jahre lang prägen sollte. Im nächsten Abschnitt widmen wir uns den einzelnen Phasen der Sowjetisierung in Polen.

c) Die Ausschaltung der Londoner Exilregierung und der Opposition um Mikołajczyk

Polen war, als Ergebnis der Konferenzen und Abkommen, die zwischen den Alliieren getroffen worden waren, unmittelbar in den Einflussbereich der Sowjetunion gefallen, mit der es eine gemeinsame Grenze bildete. Nicht jeder Staat, in welchem theoretisch ein sowjetfreundliches Regime errichtet werden konnte, erweckte bei Stalin das gleiche Interesse. In Finnland und Österreich beispielsweise sah man in Moskau recht bald von einer Sowjetisierungspolitik ab. Diese geopolitischen Voraussetzungen, die in Europa vorlagen, waren in Polen andere als in Österreich/Finnland. Für Stalin war es äußerst wichtig, eine „Ost-West-Magistrale“[44] zu schaffen, um machtpolitisch möglichst tief nach Mitteleuropa vordringen zu können. Hierfür war für ihn die Achse Moskau-Warschau-Berlin von herausragender Bedeutung[45]. Finnland und Österreich spielten aus taktischen, aber auch aus finanziellen Gründen[46] keine größere Rolle in Stalins Nachkriegsplanung, zumal eine Sowjetisierungspolitik in Österreich aufgrund des Viermächtestatus nur schwer hätte durchgesetzt werden können. Die Begründung von Creuzberger/Görtemaker, Stalin wäre bei der Sowjetisierung Osteuropas nach dem aus dem Zweiten Weltkrieg verbliebenen Freund/Feind-Schema[47] vorgegangen, kann ich an dieser Stelle nicht teilen, da Stalin zwar Reparationen von ehemals mit NS-Deutschland verbündeten Staaten verlangte, aber auch die mit der Sowjetunion verbündeten Staaten nicht von einer sowjetischen Truppenstationierung verschont blieben und das Ergebnis seines Vorgehens in Osteuropa am Ende überall ein recht ähnliches Ergebnis aufwies, nämlich die vollständige Unterwerfung unter seinen Willen. Die unterschiedlichen Voraussetzungen, die in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg vorlagen, sind auch in Bezug auf die Frage nach einem möglichen polnischen Sonderweg wichtig. Polen hatte für Stalin von Anfang an eine größere Bedeutung als andere Länder Osteuropas. Vergleichbar ist Polens Rolle in diesem Zusammenhang nur mit der SBZ und teilweise mit der Tschechoslowakei, die Stalin dazu dienen sollten, den sowjetischen Einflussbereich bis weit nach Ostmitteleuropa ausdehnen zu können. Inwiefern hierbei Polen, die SBZ und die Tschechoslowakei nur der Beginn einer geplanten weiteren Sowjetisierung sein sollten, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Die „Stalin-Note“ von 1952 lässt zumindest ein taktisches Manöver Stalins vermuten, nach der geplanten Neutralisierung Gesamtdeutschlands dieses seinem Einflussbereich einzuverleiben.

Polen sollte zuerst wirtschaftlich, dann ökonomisch an das sowjetische System angeglichen werden. Die politische Unterwerfung vollzog sich in mehreren Phasen, die im Folgenden genauer beschrieben werden sollen.

[...]


[1] Original: „Chcemy łamać i bedziemy lamać wszystkie przeszkody, jakie staną [nam] na drodze“, Interview mit Władysław Gomułka vom 7.12.1945 in der „Głos Ludu”, zitiert nach: Spałek, Robert: Kierownictwo PZPR i MBP w poszukiwaniu „Wroga wewnętrynego”. Wokół drogi do procesu Mariana Spychalskiego w latach 1948-1956, in: Krajewski, Kazimierz: Zwyczajny Resort:studia o aparacie bezpieczeństwa 1944-1956, Warschau 2005, S. 482.

[2] Dt. Polnische Vereinigte Arbeiterpartei.

[3] Lukowski, Jerzy; Zawadzki, Hubert: A Concise History of Poland, Cambridge 2006, S. 296.

[4] Dt. Polnische Arbeiterpartei.

[5] Hoensch, Jörg K.: Geschichte Polens, Stuttgart 1998, S. 335.

[6] Dieser Ansicht ist auch Eisler, der bedauert, dass die einzige umfassende Biographie Gomułkas vom diesem selbst verfasst wurde und daher nicht unbedingt in jedem Punkt der Wahrheit entspricht, siehe: Eisler, Jerzy: Najważniejszy więzień. Sprawa Władysława Gomułki, in: Rokicki, Konrad: Departament X MBP: Wzorce-Strukture-Działanie, Warschau 2007, S. 149.

[7] Abgeleitet vom russischen Wort „sovjet“, was soviel wie „Rat“ bedeutet.

[8] Siehe: Reiman, Michal: „Sowjetisierung“ und nationale Eigenart in Ostmittel- und Südosteuropa. Zu Problem und Forschungsstand, in: Lemberg, Hans (Hrsg.): Sowjetisches Modell und nationale Prägung, Kontinuität und Wandel in Ostmitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg, Marburg/Lahn 1991, S. 3.

[9] Auf der anderen Seite sprach man hier von einer „Amerikanisierung“, aber auch dieser Begriff ist nicht unproblematisch, da auch er „belastet“ ist, Siehe: Jarausch, Konrad; Siegrist, Hannes: Amerikanisierung und Sowjetisierung in Deutschland 1945-1970, Frankfurt/Main, New York 1997, S. 21.

[10] Reiman, Michal: „Sowjetisierung“ und nationale Eigenart in Ostmittel- und Südosteuropa, S. 3.

[11] So finden sich weder in den seit der Öffnung der Archive der Sowjetunion erschienenen Sammelbänden von Creuzberger/Görtemaker noch bei Naimark/Gibianski Versuche, den Begriff genauer zu bestimmen. Siehe: Creuzberger, Stefan; Görtemaker, Manfred: Gleichschaltung unter Stalin? Die Entwicklung der Parteien im östlichen Europa 1944-1949, Paderborn 2002. Und: Naimark, Norman; Gibianski, Leonid: The Establishment of Communist Regimes in Eastern Europe, 1944-1949, Boulder 1997.

[12] Es sei an dieser Stelle erneut auf Jarausch/Siegrist verwiesen, denn in diesem Sammelband finden sich viele Artikel, die sich auch mit nicht-politischen Aspekten der Sowjetisierung (bzw. Amerikanisierung) befassen.

[13] Hier sei auf zwei Sammelbänder der älteren Forschung verwiesen: Hacker, Jens: Der Ostblock: Entstehung, Entwicklung und Struktur 1939-1980, Baden-Baden 1983. Und: Lemberg, Hans (Hrsg.): Sowjetisches Modell und nationale Prägung, Kontinuität und Wandel in Ostmitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg, Marburg/Lahn 1991.

[14] Hier sei auf Creuzberger/Görtemaker sowie auf Naimark/Gibianski verwiesen, die maßgeblich zu einer „widening perspective“ beigetragen haben.

[15] Creuzberger/Görtemaker verweisen darauf, dass die Sowjetisierung nicht „schollenhaft” erfolgte, wie noch in der älteren westeuropäischen Forschung angenommen, siehe: Creuzberger, Stefan; Görtemaker, Manfred: Das Problem der Gleichschaltung osteuropäischer Parteien im Vergleich: Eine Synthese, in: Creuzberger/ Görtemaker, S. 421f.

[16] „KPP, która jesycye w drugiej połowie lat 20-tych przekształciła się w sprawny aparat kierowany przez wschodniego sąsiada Polski” (gemeint ist die Sowjetunion), Gontarczyk, Piotr: Polska Partia Robotnicza, Droga do władzy 1941-1944, Warschau 2003, S. 36.

[17] Dt. Kommunistische Partei Polens.

[18] Siehe hierzu: Firsov, Fridrikh I.: Dimitrov, the Comintern and Stalinist Repression, in: McLoughlin, Barry; McDermott, Kevin: Stalin´s Terror: High politics and mass repression in the Sovjet Union, Basingstoke 2003, S. 73

[19] Krzemiński, Adam: Polen im 20. Jahrhundert: Ein historischer Essay, München 1993, S. 100.

[20] Gontarczyk, Piotr: PPR, S. 60f.

[21] Die Gruppe umfasste keineswegs nur Gomułka und Bierut, sondern auch viele andere Kommunisten, die in der PPR/PZPR in den folgenden Jahren noch wichtige Positionen bekleiden sollten, wie zum Beispiel Marceli Nowotko und Małgorzata Fornalska, Ebd., S.60f.

[22] G. Dimitrow: Tagebücher, Notiz vom 27.08.1941, zitiert nach: Gontarczyk, Piotr: PPR, S. 71ff.

[23] Dt. Volksgarde.

[24] Dt. Volksarmee.

[25] Jazhboroskaia, Inessa: The Gomułka Alternative: The Untravelled Road, in: Naimark, Norman; Gibianski, Leonid: The Establishment of Communist Regimes in Eastern Europe, 1944-1949, Boulder 1997, S. 124.

[26] Gontarczyk, Piotr: PPR, S. 155f.

[27] Eigentlich Baruch Cukier

[28] Damals Chef der sich in Auflösung befindenden Komintern.

[29] Gontarczyk, Piotr: PPR, S. 163-166.

[30] Seinen eigentlichen Vornamen „Pinkus“ änderte er aufgrund seiner jüdischen Herkunft.

[31] Jazhborovskaia, Inessa: The Gomułka Alternative, S. 125.

[32] Dt. „Führungstrio”

[33] Gontarczyk, Piotr: PPR, S. 310f.

[34] Jazhborovskaia, Inessa: The Gomułka Alternative, S. 125.

[35] Ebd., S. 126.

[36] So berichtet Józef Swiatło, ehemals Leiter des MBP nach seiner Flucht in den Westen: Błażyński, Zbigniew: Mówi Józef Swiatło: Za kulisami bezbieki i partii 1940-1955, Warschau 2003, S. 18.

[37] Legitimation hierfür waren die 1947 geschlossenen Pariser Friedensverträge.

[38] Feest, David: Neo-korenizacija in den baltischen Sowjetrepubliken? Die kommunistische Partei Estlands nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Baberowski, Jörg (Hrsg.) : Stalinismus und Imperium, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Nr. 3/2006, Berlin 2006, S. 265.

[39] O´Sullivan, Donal: „Wer immer ein Gebiet besetzt…“ Sowjetische Osteuropapolitik 1943-1947/48, in: Creuzberger/Görtemaker, S. 47.

[40] Ebd., S. 420.

[41] Creuzberger, Stefan; Görtemaker, Manfred: Das Problem der Gleichschaltung osteuropäischer Parteien im Vergleich, in: Creuzberger/Görtemaker, S. 421.

[42] Siehe hierzu die recht ausführliche Darstellung dieses Vorganges in: Büttner, Ruth: Sowjetisierung oder Selbstständigkeit? Die sowjetische Finnlandpolitik 1943-1948 und hier besonders Abschnitt A: Die sowjetische Europaplanung während des Krieges, Hamburg 2001, S. 33-51.

[43] Hier sei angemerkt, dass sich ein Großteil der Deutschen in den nun polnischen Gebieten bereits nicht mehr in Polen befand, sondern schon mit Vorrücken der Roten Armee die Flucht angetreten hatte.

[44] Wettig, Gerhard: Stalins Deutschland-Politik 1945-1949 vor dem Hintergrund seines Vorgehens im Osten Europas, in: Creuzberger/Görtemaker, S.17.

[45] Diese Achse sollte im Süden von der Tschechoslowakei flankiert werden, der aber nicht die gleiche Bedeutung zuteil wurde, Siehe: Wettig, Gerhard: Stalins Deutschlandpolitik, S.17. Die besondere Bedeutung Polens für Stalins Europapläne wird sowohl in der älteren, als auch in der jüngeren Forschung bejaht, Siehe: Hacker, Jens: Der Ostblock: Entstehung, Entwicklung und Struktur 1939-1980, Baden-Baden 1983, S. 50 und: Creuzberger, Stefan; Görtemaker, Manfred: Das Problem der Gleichschaltung osteuropäischer Parteien im Vergleich, in: Creuzberger/Görtemaker, S. 428.

[46] Siehe: Larmola, Heikki: Sowjetisierung oder Neutralität? Warum Finnland nicht den Weg der Tschechoslowakei ging, in: Wilke, Manfred (hrsg.): Die Anatomie der Parteizentrale: Die KPD/SED auf dem Weg zur Macht, Berlin 1998, S. 502f.

[47] Die beiden Autoren führen diese Idee recht ausführlich in ihrem Sammelband aus, Siehe Creuzberger/Görtemaker, S. 427- 433.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Moskaus langer Arm - Stalin und der Kommunismus in Polen
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft, Abteilung Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Stalinismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
33
Katalognummer
V194535
ISBN (eBook)
9783656196839
ISBN (Buch)
9783656200321
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sowjetisierung, Stalin, Boleslaw Bierut, Wladyslaw Gomulka, PPR, PZPR, Stalinismus, Polen, Sozialismus, Nachkriegszeit
Arbeit zitieren
Markus Bingel (Autor), 2010, Moskaus langer Arm - Stalin und der Kommunismus in Polen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/194535

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