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Magische Orte – Zur Lyrik von Johannes Bobrowski

Titel: Magische Orte – Zur Lyrik von Johannes Bobrowski

Magisterarbeit , 2009 , 90 Seiten , Note: 1,3

Autor:in: Tobias Sandkuhl (Autor:in)

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
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Zusammenfassung Leseprobe Details

„Ich [...] hab ein ungebrochenes Vertrauen zur Wirksamkeit des Gedichts, - vielleicht nicht ‚des Gedichts’, sondern des VERSES, der wahrscheinlich wieder mehr Zauberspruch, Beschwörungsformel wird werden müssen.“ Diesen Satz schreibt Johannes Bobrowski am 04.03.1959 an Peter Jokostra. Dieser Bezug von Autor, Text und Magie findet sich beispielsweise auch bei Marianne Krüll: „<<Zauberer>> wurde Thomas Mann von seinen Kindern genannt.“ So beginnt sie ihre Biografie der Familie Mann. Sie lässt diese Begebenheit zwar unkommentiert, erwähnt aber direkt vorher, dass die Manns eine ungeheure Faszination auf sie ausüben und impliziert somit einen Zusammenhang zwischen dem Schriftsteller Thomas Mann, seiner Rolle als ‚Zauberer’ und ihrer persönlichen Faszination von der Familie Mann.
Dies ist nicht die einzige literaturwissenschaftliche Arbeit, die zumindest auf sprachlicher Ebene eine Verknüpfung zwischen Autoren und Magiern bzw. Zauberern schafft. Viele dieser Arbeiten verzichten allerdings darauf, sich weiterführend mit der titelgebenden ‚magischen’ Materie auseinanderzusetzen. Es bleibt der Eindruck beim Leser, es geht gar nicht darum Autoren bzw. Literatur und Magier bzw. Magie zu betrachten, sondern die Bezeichnung ‚Magier’ oder ‚magisch’ für das entsprechende Werk wird nur gewählt, weil so am besten etwas bezeichnet werden kann, für das es kein anderes, besseres oder präziseres Wort gibt. So kommt auch im Titel dieser Arbeit der Begriff ‚magisch’ vor, benutzt in dem Wissen, dass dieser Begriff nicht unproblematisch ist und daher definiert und erklärt werden muss.
Zusätzlich zu den Definitionen der Begriffe Magie und Ort, soll die Frage geklärt werden, was diese mit Bobrowski und seiner Lyrik zu tun haben. Dazu werden Gedichte aus den Gedichtbänden ‚Sarmatische Zeit’, ‚Schattenland Ströme’ und ‚Wetterzeichen’ analysiert. Zur Einordnung und Klärung der Bedeutung des magischen Ortes wird aber auch auf nicht zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte des Autors eingegangen, da sie für die Entwicklung des Themas von Bobrowski durchaus von Bedeutung sind.
Bobrowski hat nicht nur Natur- bzw. Landschaftsgedichte geschrieben, sondern auch einige Personengedichte. In diesen spielt die Landschaft zum Teil auch eine Rolle, sie werden in dieser Arbeit allerdings weniger berücksichtigt. Es geht nicht um das Erfassen der gesamten Lyrik von Johannes Bobrowski, sondern um die besondere bzw. ‚magische’ Bedeutung der Natur und Landschaft, zusammengefasst im Begriff des...

Leseprobe


Inhalt

Einleitung

1. Johannes Bobrowski

1.1 Das Werk (zu Lebzeiten und posthum)

1.2 Biografisches zu Johannes Bobrowski

2. Begriffsdefinition: ‚Magischer Ort’

2.1 Die Bedeutung des Begriffs ‚magisch’

2.1.1 Zusammenfassung von Kapitel 2.1

2.2 Welche Bedeutung hat der Ort für Johannes Bobrowski?

2.2.1 Der reale Ort

2.2.2 Der irreale Ort

2.2.3 Der magische Ort

2.2.3.1 Aura als Bestandteil des magischen Ortes

2.2.3.2 Mythisches als Bestandteil des magischen Ortes

2.2.3.3 Die naturmagische Schule

3. Der magische Ort in der Kindheit und im Nachlass

3.1 Heimatlieder – Erinnerungen an die Kindheit

3.2 Gedicht aus dem Nachlass: Die Taufe des Perun. Kiew 988.

4. Feuchtgebiete – Die Magie des Stroms

4.1 Die Beziehung von Mensch und Natur

4.2 Das Holzhaus über der Wilia

4.3 Die Jura

4.3.1 Der Götterberg Rombinus

4.4 Landschaft als Erinnerungsträger – Die Fusion von Raum und Zeit

5. Schrecken der Erinnerung – Der magische Ort im Krieg

5.1 Kaunas 1941

5.1.1 Tiersymbolik und Märchenbezug

5.2 Kathedrale 1941

6. Wetterzeichen – Der historische und mythische magische Ort

6.1 Die Wolgastädte

6.2 Schattenland

7. Das ist nicht alles ernst: Die humorvolle Seite von Johannes Bobrowski

7.1 Anthropomorphe Landschaft – Der magische Ort lebt

7.1.1 Der Widerspenstigen Zähmung

7.1.2 Distinguierte Distichen

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit untersucht das dichterische Programm von Johannes Bobrowski, welches darauf abzielt, den vergangenen Raum und die vergangene Zeit einer spezifischen Region durch die Lyrik im Bewusstsein des Lesers wieder zum Leben zu erwecken. Dabei steht die Untersuchung des „magischen Ortes“ im Zentrum, um zu klären, wie Bobrowski durch Sprache, Mythen und Erinnerungen Landschaften als Erinnerungsräume konstruiert und durch diese ästhetische Form die Aufarbeitung von Geschichte und persönlicher sowie kollektiver Schuld verhandelt.

  • Die literaturwissenschaftliche Definition und Bedeutung des Begriffs „magischer Ort“ in Bobrowskis Lyrik.
  • Die Wechselwirkung von realen geografischen Orten, historischen Ereignissen und fiktiven, mythologischen Zudichtungen.
  • Die Analyse der „sarmatischen Landschaft“ als Erinnerungsraum und allegorischer Spiegel.
  • Die Verbindung von Sprache und Magie sowie die Rolle der Naturdarstellung im Werk.
  • Der Umgang mit dem Holocaust und der Kriegsschuld als Teil der gedenkenden Lyrik.

Auszug aus dem Buch

2.1 Die Bedeutung des Begriffs ‚magisch’

Wenn man den Begriff ‚Magie’ in Wörterbüchern oder Lexika nachschlägt, finden sich Definitionen wie z.B. „schwarze Kunst“21 und „geheimnisvoll wirkende Kraft“22. Das Wort selbst taucht schon im Altpersischen (magu) und im Griechischen (mageia) auf und bedeutet ‚Macht’. Im Verbalstamm mgh stecken die Bedeutungen: „können, vermögen und helfen“.23 Die historische Bedeutung von Magie kann man zusammenfassen als die Kunst, sich „außerordentliche Kräfte und Macht anzueignen“.24 So wurden im Mittelalter die magischen Künste als Wissenschaft den anderen Bildungsbereichen, z.B. den sieben freien Künsten (Artes liberales: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik)25, nebengeordnet. Die freien Künste galten als die erste Artes-Reihe, die zweite waren die ‚artes mechanicae’ (z.B. Kriegskunst, Handwerk etc) und die dritte die ‚artes magicae’ (die magischen Künste, wie z.B. Nigromantie). Wilhelm von Conches nennt gegen Ende des 12. Jahrhunderts diese drei Artes-Reihen nebeneinander.26 Magie war zu dieser Zeit also als real existierende Wissenschaft in der Gesellschaft und der Literatur präsent, wenn sie auch von der Kirche bekämpft wurde und als verbotene Kunst bzw. Wissenschaft galt.27 Goldammer spricht in diesem Zusammenhang von einer „Grenzwissenschaft“.28

Besondere Bedeutung hatte als vermittelndes und tragendes Medium dabei die Sprache in Form des Zauberspruchs. Für die Analyse von Lyrik ist dabei das Phänomen der Klang-Magie interessant. Moderne Gedichte und auch die Lyrik von Bobrowski werden von der Forschung mit Begriffen wie ‚sprachmagisch’ oder ‚klangmagisch’ beschrieben.29 Dieses Phänomen findet sich auch in vielen überlieferten Zaubersprüchen. Der Gedanke dahinter ist, dass nicht das Wort oder der Ausspruch selbst magische Wirkung entfaltet, sondern der Klang diese Wirkung hervorruft. So reduziert sich das magische Wort unter Umständen ausschließlich auf den Klang, wobei dann das ausgesprochene Wort selbst keine nachweisbare semantische Bedeutung mehr hat. So lautet eine Formel, um Blutungen zu stillen: „Socnon socnon“.30 Diese Formel musste siebenmal wiederholt werden und dazu der medizinische Finger – Ringfinger – auf die Wunde gedrückt werden, um diese zu heilen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Johannes Bobrowski: Betrachtung der Biografie und des Werks von Bobrowski, um das Verständnis seiner Texte für den Leser zu ermöglichen.

2. Begriffsdefinition: ‚Magischer Ort’: Theoretische Erörterung der Begriffe Magie, Aura und Mythos sowie deren Anwendung auf das Konzept des magischen Ortes in der Literatur.

3. Der magische Ort in der Kindheit und im Nachlass: Analyse der frühen, in der Kriegsgefangenschaft entstandenen Lyrik sowie der Verarbeitung klassischer Mythen am Beispiel des Gedichts ‚Heimatlied’.

4. Feuchtgebiete – Die Magie des Stroms: Untersuchung der Bedeutung der „sarmatischen Landschaft“ sowie der zentralen Rolle von Flüssen als verbindende Elemente von Natur und Geschichte.

5. Schrecken der Erinnerung – Der magische Ort im Krieg: Analyse der Lyrik im Kontext der Kriegserfahrungen in Kaunas und Nowgorod sowie die kritische Reflexion des Holocaust.

6. Wetterzeichen – Der historische und mythische magische Ort: Besprechung der späten Lyrik, die sich zwischen historischer Dokumentation und mythischer Deutung bewegt.

7. Das ist nicht alles ernst: Die humorvolle Seite von Johannes Bobrowski: Vorstellung der satirischen und humorvollen Aspekte des Autors am Beispiel anthropomorpher Landschaften und der Xenien.

Schlüsselwörter

Johannes Bobrowski, Sarmatien, Magischer Ort, Lyrik, Erinnerung, Gedenken, Mythos, Aura, Naturlyrik, Zweiter Weltkrieg, Landschaft, Sprache, Sprachmagie, Zeit, Geschichte

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die Lyrik von Johannes Bobrowski mit einem Fokus auf das Konzept des „magischen Ortes“. Sie untersucht, wie der Dichter durch Sprache und Erinnerungsarbeit seine persönliche und sarmatische Heimat im Gedicht evoziert.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind die Beziehung zwischen Mensch und Natur, die Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Zweiten Weltkrieg, die Verarbeitung von Schuld sowie das Wechselspiel zwischen Erinnerung, Mythos und realer Landschaft.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Bobrowski mittels spezifischer lyrischer Mittel den „magischen Ort“ als Erinnerungsraum konstruiert, um das „vakante Sarmatien“ medial wieder auferstehen zu lassen und gleichzeitig Gedenken und Mahnung zu artikulieren.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Gedichte aus verschiedenen Schaffensphasen Bobrowskis interpretiert, theoretische Begriffsdefinitionen (Magie, Aura, Mythos) einbezieht und diese auf die spezifische poetische Praxis des Autors anwendet.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung, die Analyse von Kindheitserinnerungen, die Bedeutung der sarmatischen Flusslandschaften, die Verarbeitung von Kriegstraumata und schließlich die Untersuchung der humorvollen/satirischen Facetten Bobrowskis.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sarmatien, Erinnerungskultur, Sprachmagie, Mythos, Landschaftslyrik, Gedenken, Trauma und Intertextualität charakterisiert.

Wie unterscheidet sich Bobrowskis Naturbegriff von anderen Lyrikern seiner Zeit?

Bobrowski lehnt das „reine Naturgedicht“ ab; für ihn ist Natur untrennbar mit dem Menschen als historischem und moralischem Wesen verbunden, wobei die Sprache eher „beschwörend“ als rein deskriptiv fungiert.

Welche Rolle spielen Tiere in seiner Lyrik?

Tiere wie Wölfe, Vögel (z.B. Käuzchen, Habicht) oder Fische werden häufig als Symbole für den Tod, das Böse oder als Boten von Verbrechen eingesetzt, oft in Anlehnung an märchenhafte oder mythische Kontexte.

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Details

Titel
Magische Orte – Zur Lyrik von Johannes Bobrowski
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Tobias Sandkuhl (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2009
Seiten
90
Katalognummer
V195297
ISBN (eBook)
9783656211488
ISBN (Buch)
9783656212560
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Johannes Bobrowski Lyrik Lyrikanalyse Poesie Moderne Poesie Gedichtanalyse Xenien Magischer Ort Magie Sarmatische Zeit Schattenland Ströme Wetterzeichen Naturgedichte Landschaftsgedichte Naturmagische Schule Tiersymbolik Günther Grass Oskar Loerke Wilhelm Lehmann Günther Bruno Fuchs Christa Johannsen Christa Reinig Ingeborg Bachmann Gruppe 47 Vergänglichkeit Osteuropa Sarmatien Sarmatischer Divan Mythos Tilsit Memel Kaunas Litauen Rombinus Ragana Friedrichshagen Mensch Natur 2. Weltkrieg Krieg Juden Pogrom Heimatlied Die Taufe des Perun Das Holzhaus über der Wilia Die Jura Kaunas 1941 Kathedrale 1941 Die Wolgastädte Schattenland Anthropomorphe Landschaft
Produktsicherheit
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Arbeit zitieren
Tobias Sandkuhl (Autor:in), 2009, Magische Orte – Zur Lyrik von Johannes Bobrowski, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195297
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