Gender und Korruption - Eine vergleichende Analyse


Magisterarbeit, 2012
73 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Fragestellung und Untersuchungsgegenstand

3. Forschungsstand

4. Definition zentraler Begriffe
4.1 Gender versus Geschlecht
4.2 Korruption

5. Ausprägungen und Folgen von Korruption
5.1 Konsequenzen von Korruption
5.2 Korruption im Gesundheitswesen
5.3 Gender und Korruption
5.4 Gender und Korruption im Gesundheitssektor

6. Einfluss von Frauenquoten auf das Korruptionsniveau
6.1 Korruptionsmessung
6.2 Das Problem subjektiver Wahrnehmung
6.3 Hypothesen
6.3.1 Moralische These - Theoretische Herleitung
6.3.2 These der Sozialen Rolle - Theoretische Herleitung
6.4 Quantitative Überprüfung der Moralischen These
6.4.1 Operationalisierung
6.4.2 Durchführung der Untersuchung
6.5 Quantitative Überprüfung der These der Sozialen Rolle
6.5.1 Operationalisierung
6.5.2 Durchführung der Untersuchung

7. Fazit
7.1 Ergebnisse und Schlussfolgerungen
7.2 Ausblick

8. Zusammenfassung/ Abstract

9. Abkürzungsverzeichnis

10. Anhang

11. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

12. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Korruption vermindert die Entwicklung einer Gesellschaft, verstärkt bestehende Ungleichheiten und hat einen evidenten Einfluss auf ärmere Teile der Bevölkerung. Wie kann also Korruption effektiv minimiert werden?

Im besonderen Maße sind Arme und Frauen von Korruption betroffen, wobei Frauen zugleich die Mehrheit unter den Armen stellen. Ein vom United Nations Development Fund for Women (UNIFEM) erstellter Bericht aus dem Jahr 2008 zeigt, dass Frauen von den Auswirkungen von Korruption stärker betroffen sind als Männer. Dies gilt insbesondere für Korruption im Bereich der öffentlichen Dienstleistungen. Da Frauen den größten Anteil der Armen darstellen und darüber hinaus üblicherweise die Hauptverantwortlichen in der Kinderversorgung sind, sind sie auch abhängiger von frei zur Verfügung gestellten öffentlichen Dienstleistungen. Das Resultat ist, dass Korruption im Bereich der öffentlichen Dienstleistungen einen überproportionalen Einfluss auf Frauen hat (UNIFEM 2008).

Durch ihre besondere Exposition gegenüber Korruption sollten Frauen stärker als Männer ein Interesse daran haben, korrupte Strukturen zu durchbrechen. Eine Erhöhung des Frauenanteils in Verwaltung, Justiz oder Gesundheitswesen könnte sich daher positiv auf das Korruptionsniveau in den jeweiligen Sektoren auswirken. Einige Studien[1] legen bereits nahe, dass ein höherer Anteil von Frauen in Parlamenten und in der öffentlichen Verwaltung zu einer Reduzierung von Korruption in einem Land führt. Begründet werden diese Ergebnisse mit einer generell geringeren Korruptionsneigung von Frauen, die zwar nicht geschlechtsimmanent ist, jedoch durch die Sozialisation von Frauen und daraus resultierenden höheren ethischen Standards bedingt sein könnte.

Ein Kritikpunkt an den Studien ist, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass es nur so scheint, als ob Frauen weniger korrupt seien: trotz ihrer Positionen in Politik oder Administration könnten sie nicht über den gleichen Zugang zu korrupten Netzwerken, Macht und Ressourcen verfügen, um im gleichen Maße wie Männer korrupt handeln zu können. Eventuell verfügen sie auch nicht über das notwendige Wissen, wie man korrupte Praktiken richtig anwendet (vgl. Schimmel/ Pech 2004).

Ein weiterer Kritikpunkt an den angesprochenen Studien ist, dass das politische System eines Landes an sich fairer gegenüber der Partizipation von Frauen sein könnte, sprich, dass das Korruptionsniveau den Frauenanteil in Parlamenten und Verwaltung beeinflusst, und nicht umgekehrt (vgl. Bjarnegärd 2008 und Sung 2003).

Die vorliegende Untersuchung hat zum Ziel, die genannten Kritikpunkte auszuräumen, und empirisch das Zusammenspiel von Gender und Korruption zu erforschen. Um dieses Ziel zu erreichen, soll der Einfluss der Frauenrepräsentation auf das Korruptionsausmaß im Gesundheitssektor analysiert werden.

Der Gesundheitssektor ist für eine solche Untersuchung besonders geeignet, da er für Korruption äußerst anfällig ist. Die Opfer von Korruption in diesem Bereich sind häufig Frauen, da sie oft - nicht nur, aber insbesondere in ärmeren Ländern - über eine geringere Ausbildung als Männer verfügen, weniger hinterfragen, ob eine Behandlungsform adäquat ist und oft nicht wissen, ob eine Behandlung oder ein Medikament auch ohne Gegenleistung zu erhalten wäre. Zudem sind Frauen in der Regel - sowohl in Industrienationen als auch in Entwicklungsländern - hauptverantwortlich für Kinder und für im Haus lebende ältere Menschen, gehen mit ihnen zusammen zum Arzt und müssen daher auch für deren Bestechungsleistungen aufkommen.

Wenn Frauen - wie es die weltbankfinanzierten Studien nahelegen - über höhere ethische Standards verfügen und deswegen weniger zu korruptem Handeln neigen, sollte ein erhöhter Anteil weiblicher Ärzte die Ergebnisse für das Korruptionsniveau im Gesundheitsbereich besonders deutlich beeinflussen - insbesondere, da die Folgen korruptionsbedingter falscher Medikation, überhöhter Preise und unzureichender Behandlungsmaßnahmen besonders evident sind. Zudem sollten sich Ärztinnen sozialisationsbedingt[2] eher als Ärzte in ihre Patienten einfühlen können und deren Lage nicht weiter auszunutzen versuchen.

2. Fragestellung und Untersuchungsgegenstand

Die Kernfrage für die vorliegende Arbeit lautet, ob die Frauenrepräsentation im Gesundheitssektor das Korruptionsausmaß in diesem Bereich beeinflusst, und wenn ja, in welcher Weise sie dieses tut.

Für die Untersuchung wird in einem ersten Schritt der Einfluss des Anteils von Ärztinnen in einem Land auf die Anzahl von geforderten oder geleisteten Bestechungszahlungen für medizinische Leistungen empirisch überprüft. Durch diesen Untersuchungsaufbau können die Kritikpunkte, die bei den weltbankfinanzierten Studien entstanden sind, umgangen werden: zum Einen trifft hier das Argument nicht zu, dass Frauen einen ungleichen Zugang zu Netzwerken, Macht und Ressourcen haben und deswegen - selbst wenn sie es wollten - gar nicht so korrupt sein könnten wie Männer. Ärzte und Ärztinnen haben gleichermaßen die Möglichkeit, von ihren Patienten unrechtmäßige Zahlungen zu fordern oder von ihnen entgegen zu nehmen.

Zum Anderen kann auch das Argument der umgekehrten Wirkung von Korruption hier ausgeschlossen werden: im politischen Bereich ist es durchaus denkbar, dass Frauen nicht das Korruptionsniveau beeinflussen, sondern dass das Korruptionsniveau den Zugang von Frauen zu Machtpositionen beeinflusst, sprich, dass ein hohes Korruptionsniveau dazu führt, dass Frauen gar nicht erst von Parteien aufgestellt werden oder ihnen im Falle einer Aufstellung weniger Finanzmittel für den Wahlkampf zu Verfügung stehen. In der vorliegenden Untersuchung kann der Effekt der umgekehrten Kausalität jedoch nicht auftreten, da mehr Bestechungen von Seiten der Patienten nicht zu einem veränderten Zugang für Frauen zum Medizinstudium in einem Land führen.

Sollte die Untersuchung ergeben, dass ein höherer Frauenanteil auch bei veränderten Bedingungen, welche die aufgeführten Kritikpunkte an den weltbankfinanzierten Studien ausräumen, das Korruptionsniveau senken kann, wäre die oftmals geforderte Erhöhung des Frauenanteils zur Korruptionsbekämpfung in den unterschiedlichen Bereichen einer Gesellschaft zu unterstützen. Wenn die Untersuchung jedoch ergeben sollte, dass nach Ausräumen der Kritikpunkte nicht mehr davon ausgegangen werden kann, dass Frauen das Korruptionsniveau nachhaltig senken, sollte ein Umdenken in den vielfältigen nationalen und internationalen Anti­Korruptionsprogrammen stattfinden. Schon jetzt fordern Wissenschaftler, dass Frauenquoten nicht als Allheilmittel für Korruption angesehen werden sollten und dass politische Interventionen zunächst die besonderen Umstände von Frauen, ihre Verbindung zu Korruption und die Barrieren für sie, um reale Entscheidungsmacht ausüben zu können, berücksichtigen sollten (vgl. Transparency International 2010a, Goetz 2003). Diese Arbeit versucht, Kritikpunkte aus vorangegangenen Studien der Gender- und Korruptionsforschung zu eliminieren und empirische Grundlagen zu schaffen, nach denen klarer beurteilt werden kann, ob Frauenquoten zur Bekämpfung von Korruption als wirksames Mittel eingesetzt werden können.

3. Forschungsstand

Es existieren sowohl zu Korruption als auch zu Genderfragen zahlreiche Studien. Studien, die diese Themen verbinden, sind hingegen eher selten. Hervorzuheben sind drei weltbankfinanzierte Studien, die sich explizit mit dem Zusammenhang zwischen Gender und Korruption befassen und als Basis­Literatur für diese spezielle Thematik angesehen werden können: dies sind die Studien von Swamy et al. „Gender and Corruption" (2000), von Dollar et al. „Are Women Really the "Fairer" Sex? Corruption and Women in Government" (1999) sowie „Gender and Corruption in Public Sector" (2004) von Gokcekus/Mukherjee.

Swamy et al. nutzen für ihre Studie die Korruptionsindices, die von Kaufmann et al, Transparency International und Political Risk Services entwickelt wurden. Darüber hinaus verwenden sie Daten des World Values Surveys und eine Weltbankstudie zu Korruption in Georgien, in der 350 Firmen untersucht wurden. Ihre Ergebnisse zeigen, dass Frauen in hypothetischen Situationen Korruption weniger wahrscheinlich gutheißen und in Führungspositionen weniger in Bestechungen involviert sind. Länder mit einer höheren Frauenrepräsentation in der Regierung oder im Arbeitsmarkt weisen zudem niedrigere Korruptionsniveaus auf. Als mögliche Gründe für ihre Ergebnisse nennen sie die spezielle Sozialisation von Frauen, ihren unterschiedlichen Zugang zu Korruptionsnetzwerken und ihr fehlendes Wissen darum, wie man korrupte Praktiken richtig anwendet (Swamy et al. 2000).

Dollar et al. untersuchen in ihrer Studie die Zusammenhänge zwischen der Partizipation von Frauen in gesetzgebenden Parlamenten und dem wahrgenommenen Korruptionsniveau in über 100 Ländern. Um das Korruptionsausmaß zu messen, haben sie die Daten des International Country Risk Guide’s (ICRG) Corruption Index benutzt.[3]

Die Daten zur Frauenpartizipation kamen aus dem Interparliamentary Union 's Survey, Women in Parliaments: 1945-1995, der Zahlen zu dem Anteil der von Frauen besetzen Sitze in der Legislative bereithält. Dollar et al. haben einen starken und statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen dem Frauenanteil in der Legislative eines Landes und dem durch den ICRG Korruptionsindex gemessenen Korruptionsniveau festgestellt. Demnach kommen sie wie Swamy et al. zu dem Ergebnis, dass in Ländern mit einer höheren Partizipationsrate von Frauen auch ein niedrigeres Korruptionsniveau in der Legislative existiert (Dollar et al. 1999).

Gokcekus/Mukherjee befragen für ihre Studie fast 4000 Verwaltungs­angestellte in 90 Institutionen des öffentlichen Sektors in sechs Ländern[4]. Die Angestellten der öffentlichen Organisationen werden u.a. zu dem von ihnen wahrgenommenen Schweregrad an Korruption in ihrer Organisation befragt und nach der Möglichkeit, Korruption melden zu können. Aus diesen Angaben erstellen sie einen Korruptionsindikator für jede öffentliche Organisation und vergleichen anschließend das Korruptionsniveau mit dem Prozentsatz der weiblichen Angestellten. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die Wahrnehmung, ob Korruption in der befragten Institution ein signifikantes Problem darstellt, bei den weiblichen und männlichen Verwaltungs­angestellten etwa gleich ausgeprägt ist. Sie stellen allerdings auch eine signifikante Beziehung zwischen Gender und Korruption im Sektor öffentlicher Organisationen fest. So sinkt das Korruptionsniveau, wenn der Prozentsatz weiblicher Angestellten steigt. Das geschieht jedoch nur, solange Frauen die Minderheit darstellen. Werden sie zur Mehrheit in einer öffentlichen Organisation, steigt auch wieder das Korruptionsniveau. Gokcekus/Mukherjee kommen deshalb zu dem Schluss, dass nur eine Ausgeglichenheit zwischen männlichen und weiblichen Angestellten das Korruptionsniveau minimieren kann. Begründet werden diese Ergebnisse damit, dass Korruption mehr mit Gruppendynamik als mit Gender zu tun haben könnten (Gokcekus/Mukherjee 2004).

Alle drei Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Länder mit einem steigenden Frauenanteil in Parlament und Verwaltung auch ein geringeres Ausmaß an Korruption aufweisen. Als Grund für dieses Ergebnis führen die Autoren u.a. die möglicherweise vorhandenen höheren ethischen Standards bei Frauen und ihr weniger opportunistisches Verhalten an: „ [...] if women are less likely than men to behave opportunistically, then bringing more women into government may have significant benefits for society in general." (Dollar et al. 1999: 6).

Diese Schlussfolgerung wird jedoch in neueren Studien bezweifelt. Zu nennen sind hier vor allem die Werke von Goetz „Political Cleaners: How Women Are The New Anti-Corruption Force. Does The Evidence Wash?" (2003) und „Fairer Sex or Fairer System" (2003) von Sung zu nennen.

Goetz führt aus, dass es möglich wäre, dass Frauen in öffentlichen Ämtern nur deshalb ein weniger korruptes Verhalten an den Tag legen, weil sie in der Regel von der männlich dominierten Patronage und Machtnetzwerken in politischen Parteien und der öffentlichen Verwaltung ausgeschlossen sind. Goetz warnt davor, mehr in den Mythos der unbestechlichen Natur der Frau zu investieren, statt die Gründe für dieses Verhalten zu erforschen (Goetz 2003: 17). Sung kritisiert, dass Frauen in politischen Führungspositionen einen weit weniger signifikanten Einfluss auf Korruption haben als liberale demokratische Institutionen, welche wesentlich mehr Erklärungskraft für niedrigere Korruptionsniveaus hätten (Sung 2003: 705ff).

Auch Bjarnegärd konstatiert in „Gender and Corruption - Reversing the Causal Direction" (2008), dass die von Swamy et al., Dollar et al. und Gokcekus/Mukherjee gemachte Suggestion, Frauen seien weniger korrupt als Männer, relativiert werden muss. Bjarnegärd kommt zu dem Schluss, dass viele Korruptionspraktiken in Parteien, wie Klientelismus und Stimmenkauf, die Möglichkeit verringern, dass Frauen überhaupt Politiker werden. Er stellt seine eigene Hypothese auf, ein korruptes Parteiensystem begünstige Männer und schließe Frauen systematisch aus.

Trotz der kritischen Stimmen werden die Ergebnisse von Swamy et al., zumindest was die genderspezifischen Unterschiede in der Einstellung zu Korruption angeht, durch neuere Studien bestätigt. Neben der Beschäftigung mit Gender und Korruption im politischen und administrativen Bereich untersuchen Swamy et al. nämlich zusätzlich die persönliche Einstellung von Männern und Frauen zu Korruption mit Hilfe des World Values Surveys (WVS). Sie kommen zu dem Schluss, dass Frauen eher als Männer dazu neigen, korruptes Verhalten abzulehnen. Ihre Ergebnisse sind statistisch signifikant und werden auch durch neuere Erhebungen des WVS unterstützt, die erst nach dem Erscheinen der Swamy-Studie veröffentlicht wurden. In der letzten Erhebung des WVS gaben 73,48% der Frauen an, dass in ihren Augen Korruption niemals zu rechtfertigen sei. Der gleichen Auffassung waren jedoch nur 70,77% der Männer (siehe auch „Tabelle 1: Persönliche Einstellung zu Bestechungen aufgeteilt nach Frauen und Männern" auf Seite 24).

4. Definition zentraler Begriffe 4.1 Gender versus Geschlecht

Der Begriff „Gender" ist heutzutage in aller Munde. Er wird nicht nur in der Soziologie und politischen Theorie verwendet, auch die Politik benutzt ihn zunehmend und richtet ihr Augenmerk beispielsweise auf den Bereich des „Gender Mainstreamings".

Der folgende Abschnitt soll veranschaulichen, was genau mit dem Begriff „Gender" gemeint ist. Insbesondere soll er hierbei von dem eng verwandten und oft fälschlicherweise synonym verwendeten Begriff „Geschlecht" abgegrenzt werden.

Das biologische Geschlecht ist angeboren und unveränderbar. Geschlechterrollen werden hingegen individuell erlernt. Sie unterscheiden sich je nach gesellschaftlichem Kontext sowie individuellen Attributen, wie z.B. dem ökonomischen Status, Alter, Religionszugehörigkeit etc., und können sich mit der Zeit verändern. „Diese als „männlich" bzw. „weiblich" geltenden sozialen Verhaltensweisen und Rollen sind ihrerseits mit einem unterschiedlichen gesellschaftlichen Status, einem unterschiedlichen Zugang zu Machtpositionen und Ressourcen sowie ungleichen gesellschaftlichen Chancen verbunden, durch die Frauen in der Regel benachteiligt sind." (Schimmel/Pech 2004: 5).

Die WHO definiert „Geschlecht' als biologisches und physiologisches Charakteristikum, welches Männer und Frauen definiert. „Gender" hingegen bezieht sich auf die sozialen Rollen, das Benehmen, die Aktivitäten und Attribute, welche die Gesellschaft als adäquat für Männer und Frauen auffassen. Die Aspekte von „Geschlecht" variieren zwischen den verschiedenen menschlichen Gesellschaften eher nicht, Aspekte von „Gender" hingegen können beträchtlich variieren. So kann eine Gesellschaft je nach Land, Region, Religion oder Kultur es als adäquat betrachten (oder auch nicht), wenn Frauen rauchen, wenn Frauen wesentlich weniger Geld als Männer für die gleiche Arbeit erhalten, wenn Männer Hausarbeit erledigen oder wenn Frauen kein Auto fahren dürfen (WHO 2012).

„Gender" stellt das soziokulturelle Geschlecht dar. Die Zuschreibungen der Gesellschaft, was als adäquat „männlich" und „weiblich" gilt, gründet sich auch auf den jeweiligen Zeitgeist und befindet sich in stetiger Veränderung. Die Feministin Simone de Beauvoir sagte hierzu bereits 1949: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es." (de Beauvoir 1980: 265).

In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff „Gender" stets im Sinne der eben erfolgten Definition benutzt. Bei der empirischen Analyse ist zu beachten, dass unter anderem auch auf subjektive Daten zurückgegriffen wird, etwa auf das Global Corruption Barometer (GCB) von Transparency International und den World Values Survey. Sowohl das GCB als auch der WVS fragen „Welches Geschlecht haben sie?" bzw. „Bitte geben Sie ihr Geschlecht an." und nicht „Welchem Geschlecht fühlen sie sich zugehörig?".

Es kann demnach davon ausgegangen werden, dass die meisten der Befragten ihr biologisches Geschlecht angegeben haben. Auch bei einer veränderten Fragestellung hätten die befragten Individuen unter Umständen eigene Vorstellungen von den Begriffen „Gender" und „Geschlecht", welche von den Erhebungen jedoch nicht konkret abgefragt werden.

4.2 Korruption

Im folgenden Abschnitt soll zunächst die der vorliegenden Arbeit zu Grunde liegende Definition von Korruption behandelt werden. Anschließend wird geklärt werden, welche Folgen Korruption hat und warum diese zu bekämpfen ist. Zudem werden die grundlegenden Probleme der Messung von Korruption und die Auswirkungen ihrer subjektiven Wahrnehmung dargestellt.

Der Begriff der Korruption ist in der wissenschaftlichen Literatur nicht einheitlich Umrissen. So gibt es je nach kulturellem Hintergrund des Wissenschaftlers oder fachlicher Ausrichtung der herausgebenden Institution Unterschiede in der Betrachtung und Definition von Korruption. Wirtschaftlich ausgerichtete Publikationen beschränken sich häufig auf die Korruption in der freien Wirtschaft, während politikwissenschaftlich ausgerichtete Publikationen Korruption häufig auf den Missbrauch öffentlicher Macht beschränken.

Korruption ist in allen Bereichen der Gesellschaft anzutreffen, sei es Politik, Wirtschaft, Bildung, Gesundheitswesen, Entwicklungszusammenarbeit, Justiz oder in der Administration, um nur einige Beispiele zu nennen. In all diesen Bereichen bildet Korruption verschiedene Dimensionen aus, die sich je nach Kontext unterschiedlich gestalten und eine allgemeingültige Definition von Korruption erschweren. Allein für den Bereich der politischen Dimension von Korruption sind umfangreiche Werke erschienen, welche die vielen Aspekte genauer untersuchen und zu definieren versuchen (vgl. dazu Heidenheimer/ Johnston 2002 und v. Alemann 2005). Eine weitere Schwierigkeit bei der Formulierung einer allgemeingültigen Definition von Korruption aus vielen unterschiedlichen Definitionen ist darüber hinaus die Tatsache, dass einige Arten von Zahlungen in einem Land absolut legal, aber illegal in einem anderen Land sind (Spreide 2006).

Eine der ersten Begriffsbestimmungen von Korruption stammt von Joseph J. Senturia aus dem Jahr 1931, der Korruption als „Missbrauch öffentlicher Macht zu privatem Nutzen" definierte (Senturia 1931: 449, zitiert in v. Alemann 2005: 20). Auch heute noch wird diese Definition als Grundlage vieler Institutionen benutzt, die sich zur Aufgabe gesetzt haben, Korruption zu bekämpfen. Im Folgenden sollen in Kürze die gängigen Definitionen genauer beleuchtet werden, die von führenden Institutionen für die praktische Bekämpfung von Korruption benutzt werden.

Für die Weltbank ist Korruptionsbekämpfung ein wichtiger Bestandteil ihrer Good-Governance-Konzeption. Sie benutzt ihre Strategien zur Korruptionsprävention bei weltbankfinanzierten Projekten, entwickelt Länderstrategien und hilft beim Politikdialog (BMZ 2012b). Die Weltbank benutzt für die Entwicklung ihrer Antikorruptionsstrategien die Definition von Senturia, indem sie Korruption als „abuse of public office for private gain" (World Bank 2007: 3) versteht.

Der Kampf gegen Korruption gehört zu den obersten Prioritäten der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). Ein Ansatz der OECD ist es dabei, Ländern zu helfen Gesetzgebungen zu erarbeiten, die Korruption minimieren können. Die OECD entwickelt außerdem politische Programme und Maßnahmen zur Steigerung des Bewusstseins für Korruption, Anti-Korruptionsstrategien, Aktionsplänen und Anti-Korruptionsmaßnahmen. Auch die OECD beruft sich auf die grundlegende Definition des „Missbrauchs eines öffentlichen oder privaten Amtes zum eigenen Nutzen"[5] (OECD 2008: 22).

Das Council of Europe Convention und die UN Conventions verlangen von ihren Unterzeichnern, dass das Anbieten, Versprechen und Geben von Bestechungsgeschenken kriminalisiert wird. Dies reflektiert die Einstellung der internationalen Gemeinschaft, dass alle drei Typen von Handlungsweisen ein Verhalten repräsentieren, welches verboten und bestraft werden sollte. Darüber hinaus zählen sie konkrete korrupte Handlungsweisen auf, um einer abstrakten Definition von Korruption mehr Substanz zu verleihen. Deren Kriminalisierung ist jedoch nur teilweise obligatorisch. Zu den korrupten Handlungsweisen gehören: Unterschlagung, Veruntreuung oder andere Entwendungen von Eigentum durch einen Amtsträger (UN Convention, Article 17), Amtsmissbrauch (UN Convention, Article 19), rechtswidrige Bereicherung (UN Convention, Article 20), Bestechung im privaten Sektor oder "private-to-private bribery” (Council of Europe Convention, Articles 7 und 8; UN Convention, Article 21), Veruntreuung von Eigentum im privaten Sektor (UN Convention, Article 22), Verschleierung von Eigentum, welches durch Korruption erworben wurde (UN Convention, Article 24) und Behinderung der Justiz (UN Convention, Article 25) (OECD 2008: 30f.).

Die Wahrnehmung und Definition von Korruption kann je nach Land stark differieren. So haben beispielsweise alle Istanbul Action Pian-Länder Bestechungsleistungen kriminalisiert. Viele der Länder sehen jedoch das Anbieten oder Versprechen von Bestechungsleistungen nicht als Straftat an. So urteilen die Gerichte von einigen Ländern, dass ein mündliches Angebot einer Bestechung nicht den Tatbestand einer Bestechung erfüllt. Der Bestechende muss weitere Schritte unternehmen bevor die strafbare Handlung erfüllt ist, zum Beispiel das Bestechungsgeld von der Bank abheben (OECD 2008: 26).

Das United Nations Development Programme (UNDP) ist das globale Netzwerk für Entwicklungshilfe der Vereinten Nationen. Das UNDP versucht, Länder durch Wissen, Erfahrung und Ressourcen zu verändern und miteinander zu verbinden und so den Menschen zu helfen, sich ein besseres Leben aufzubauen. Es ist in 177 Ländern aktiv und erarbeitet für jedes Land individuelle Lösungen, um die globalen und nationalen Entwicklungsherausforderungen zu bewältigen. Korruption ist ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang, da Korruption die Erreichung der UNDP- Ziele erschwert oder sogar verhindert. Insbesondere die wichtigsten Ziele des UNDP, nämlich die Schaffung von demokratischen Regierungsstrukturen, die Reduzierung von Armut und die Gleichstellung von Frauen werden durch korrupte Strukturen und Machenschaften erschwert. Das United Nations Development Programme ist daher sehr an einer Reduzierung von Korruption interessiert, forscht ausgiebig zu diesem Thema und erstellt Richtlinien für Regierungen und andere Verantwortliche, wie man Korruption effektiv minimieren kann. 2004 hat das UNDP eine sehr umfassende Definition von Korruption getroffen und Korruption als: „ [...] Missbrauch öffentlicher Macht, eines Amtes oder Amtsbefugnis zum privaten Nutzen durch Bestechung, Erpressung, Vorteilsgewährung, Vetternwirtschaft, Betrug, heimliche Zuwendungen zur Beschleunigung von Prozessen oder Veruntreuung"[6] (UNDP, 2004: 2) definiert.

Auch das Deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) setzt bei der Korruptionsbekämpfung auf internationale Zusammenarbeit, da Korruption nicht nur nationale, sondern auch grenzüberschreitende Ursachen und Auswirkungen hat (BMZ 2012b). Das BMZ definiert Korruption analog zur wichtigsten globalen Anti­Korruptionsorganisation Transparency International (TI). Diese geht weltweit gegen Korruption vor und stellt verschiedene Indices zur Abbildung von Korruption bereit. Transparency International und BMZ definieren Korruption als „Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil" (BMZ 2012a, Transparency International 2012a).

Auch wenn jetzt vielleicht der Eindruck entstanden sein mag, dass es eine große Übereinstimmung in der Welt gibt, wie Korruption zu definieren sei, muss jede Definition doch immer mit konkretem Inhalt gefüllt werden, also auch die Begrifflichkeiten der Definition müssen definiert werden. Gerade im Bereich des politischen Handelns kann der Begriff des „privaten Nutzens" zu kurz greifen, da der Ausbau oder Erhalt politischer Macht mittels Missbrauch von Ämtern beziehungsweise anvertrauter Macht nicht nur privaten Nutzen haben kann, sondern vielmehr auch politischen Parteien oder höheren Zielen gewidmet sein kann.

Um diesem Kritikpunkt in Bezug auf den Begriff des „privaten Nutzens" im Bereich des politischen Handelns zu begegnen, gibt es Definitionen (z.B. von Rose-Ackerman 2006: 45 oder Fritz 2006), die den privaten um den politischen Nutzen ergänzen. So definiert Rose-Ackerman Korruption als „abuse of public power for private or political gain" (Rose-Ackerman 2006: 45).

Selbst wenn man sich auf internationaler Ebene auf eine allgemeingültige Definition von Korruption einigen könnte, müsste diese Definition - wie bereits ausgeführt - weiter mit konkreten Anweisungen unterfüttert werden. Denn wann genau ist ein Missbrauch gegeben? Dies trifft nicht nur auf formale Regelüberschreitungen zu, da die betroffenen Regelungen selbst bereits durch Korruption beeinflusst sein können (v. Alemann 2005:13ff). Es können daher auch andere, etwa soziale oder moralische Maßstäbe angesetzt werden. Generell muss man für den jeweiligen Länderkontext neu bewerten, was zu Korruption zu zählen ist und was nicht. Je verbreiteter Korruption in einem Land ist und darüber hinaus von der Gesellschaft als normal oder gar als legitim angesehen wird, desto weniger lässt sich von Korruption im eigentlichen Sinne sprechen.

Aber nicht nur die klare Definition von Korruption ist ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Literatur, sondern auch die Verortung von Korruption: Schimmel/Pech haben in ihrer Untersuchung „Korruption und Gender - Wechselwirkungen und Empfehlungen für die EZ - Fokusthema: Korruption und Frauenhandel" 2004 Definitionen entwickelt, die den Gegenstand von Untersuchungen zu Gender und Korruption auf der Makro-, Meso- und Mikroebene definieren. Demnach untersuchen Studien zu Gender und Korruption, die auf der Makroebene angesiedelt sind, den Zusammenhang zwischen dem Korruptionsniveau auf nationaler Ebene und der Repräsentanz von Frauen im öffentlichen und privaten Sektor. Untersuchungen auf der Mesoebene beschäftigen sich vor allem mit dem Zusammenhang zwischen Korruption in öffentlichen und privatwirtschaftlichen Institutionen und dem Anteil der dort beschäftigten Frauen. Studien zu möglichen gender- spezifischen Unterschieden hinsichtlich der individuellen Einstellungen zu Korruption sind auf der Mikroebene anzusiedeln (Schimmel/ Pech 2004:16).

Darüber hinaus kann man Korruption auch aufgrund ihrer Größenordnung differenzieren: Kleinkorruption bezieht sich auf die untere Ebene, d.h. die alltägliche Korruption, mit der normale Bürger Erfahrung machen, wenn sie mit Amtsträger von der niedrigen oder mittleren Ebene interagieren wie etwa in Krankenhäusern, Schulen, Polizeidirektionen und anderen bürokratischen Stellen. Das Ausmaß der involvierten monetären Transaktionen ist gering und betrifft in erster Linie Einzelpersonen - und unverhältnismäßig häufig die Armen (June et al. 2008: 8). Im Gegensatz dazu sind im Falle von Großkorruption beziehungsweise politischer Korruption normalerweise wesentlich größere Summen von Geldern involviert. Großkorruption betrifft das Land oftmals als Ganzes, zusammen mit der nationalen Regierung und der nationalen Elite (June et al. 2008: 6).

Das Fazit all dieser Überlegungen ist, dass das, was Korruption ist, beziehungsweise was zu Korruption dazu zu zählen ist, variiert. Und auch wenn eine international anerkannte Definition und in weiten Teilen deren inhaltliche Ausformung existiert, muss diese in jedem Land eigens umgesetzt werden. Das wirft Probleme auf, die selbst demokratische Staaten unter Zugzwang setzen: Die United Nations Convention Against Corruption (UNCAC)[7] ist eine internationale UN-Konvention zur Bekämpfung von Korruption, die bereits 2003 verabschiedet und mittlerweile von 159 Staaten ratifiziert wurde. Deutschland gehört jedoch nicht zu diesen Ländern, denn trotz wechselnder Regierungen konnte sich das deutsche Parlament bis jetzt nicht dazu entschließen, die UNCAC zu ratifizieren. Das liegt vor allem daran, dass bei einer Ratifizierung nicht nur der Stimmenkauf oder -verkauf für Abstimmungen im Plenum oder in Ausschüssen strafbar wäre, sondern dann auch für Abstimmungen in Fraktionssitzungen oder Arbeitsgruppen, also dort, wo die eigentliche Meinungsbildung erfolgt.[8] Für die Vorbereitung der Fraktionssitzungen und Arbeitsgruppen werden jedoch häufig externe Experten hinzugezogen, um schwierige Sachfragen klären zu können. Deutsche Politiker haben die Befürchtung, dass sie sich fortan für die Einbeziehung von externen Experten und für die Inanspruchnahme legalen Lobbyismus' rechtfertigen und den Generalverdacht des Stimmenverkaufs entkräften müssen. Die Schwierigkeiten der Umsetzung von Antikorruptionsmaßnahmen betreffen demnach nicht nur Transformationsländer, sondern auch demokratisch gefestigte Staaten.

[...]


[1] Swamy et al. 2001; Dollar et al. 1999; Gokcekus/Mukherjee 2002

[2] Nähere Ausführungen zu sozialisationsbedingten Einstellungen gegenüber Korruption folgen u.a. in Abschnitt „6.3.1 Moralische These - Theoretische Herleitung" auf Seite 32.

[3] Konkret haben sie die „CORRUPT"-Variable aus dem ICRG genommen, die abbildet, wie wahrscheinlich es ist, dass hohe Regierungsbeamte nach außerordentliche Zahlungen verlangen und das Ausmaß, in dem illegale Zahlungen von niedrigeren Ebenen der Regierung erwartet werden.

[4] Argentinien, Bolivien, Bulgarien, Guyana, Indonesien und Moldawien.

[5] wörtlich: "[...] abuse of public or private office for personal gain" (OECD 2008: 22).

[6] Wörtlich: "[...] the misuse of public power, office or authority for private benefit through bribery, extortion, influence peddling, nepotism, fraud, speed money or embezzlement" (UNDP, 2004: 2).

[7] http://www.unodc.org/unodc/en/treaties/CAC/

[8] Vgl. dazu: http://www.transparency.de/2011-06-07-UNCAC-Gesetzentwurf.l910.0.html

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Details

Titel
Gender und Korruption - Eine vergleichende Analyse
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft)
Note
2,1
Autor
Jahr
2012
Seiten
73
Katalognummer
V195546
ISBN (eBook)
9783656214915
ISBN (Buch)
9783656216445
Dateigröße
6226 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gender, korruption, eine, analyse
Arbeit zitieren
Kerstin Zuber (Autor), 2012, Gender und Korruption - Eine vergleichende Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/195546

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