Zyklische Zeit – Lineare Zeit

Kleine Geschichte divergierender Zeitordnungen


Seminararbeit, 2012
13 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Entwicklung des zyklischen Zeitempfindens

3) Entwicklung des linearen Zeitempfindens

4) Schlussbemerkung

5) Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich kann morgen früh keinen Kaffee mit dir trinken, ich muss um 10 Uhr bei meinem Betreuungsdozenten sein und ich muss pünktlich sein, denn seine Sprechstunde ist beliebt und sie dauert nur eine Stunde, ich weiß nicht wann ich das nächste Mal einen Termin bei ihm bekomme.“

Solche und ähnliche Unterhaltungen führt man sehr häufig als Student. Die Uhr bestimmt den Lebensalltag.

Die Zeitauffassung dahinter ist linear, sie ist gleich einer gerade Linie, die irgendwann in der Vergangenheit ihren Ursprung hat und über die Gegenwart linear in die Zukunft vorwärts zeigt.

Im Gegensatz zu einem zyklischen Zeitverständnis, ist das Ereignis einmalig und die Zeit schreitet ständig voran.

Der Zyklus dagegen geht von einer rhythmischen Wiederkehr von Ereignissen aus. Ein gängiges Beispiel ist der Wechsel zwischen Tag und Nacht. Im Gegensatz zur linearen Zeit, die man sich als einen geraden Pfeil vorstellen kann, könnte man die zyklische Zeit als einen Kreis oder Kreislauf abbilden. Ausgehend davon, dass die Geschichte sowohl durch zyklische als auch lineare Zeitauffassungen geprägt ist, werde ich deren kulturgeschichtliche Entwicklung verfolgen und ihre jeweilige Berechtigung aufzeigen.

Zu Beginn gehe ich explizit auf die zyklische Zeitordnung ein, deren Herkunft älter ist, als die der linearen. Den Hauptteil nimmt der kulturelle Wandel der linearen Zeit ein. Dort versuche ich die Veränderungen und Modifizierungen, die das lineare Denken im Laufe der Zeit vollzogen hat zu verdeutlichen. Zum Ende versuche ich wieder auf die zyklische Zeit zurückzukommen, um einen Bogen zwischen der historischen Entwicklung der beiden Zeitkonzeptionen zu schlagen. Zudem möchte ich darstellen, dass die beiden Zeitordnungen, erstens nur Modellcharakter haben und zudem nicht ausschließlich alleine für sich existieren, sondern nebeneinander, auf unterschiedliche Weise geschichtlich Abläufe zu verstehen helfen. Das Zeitkonzeptionsmodell habe ich überwiegend von Gerhard Schmieds Werk, Soziale Zeit: Umfang, „Geschwindigkeit“ und Evolution übernommen.

2. Entwicklung des zyklischen Zeitempfindens

Der Kultursoziologe Gerhard Schmied geht davon aus, dass die zyklische Zeit das wohl früheste Modell ist, dass dagegen die lineare Zeitbetrachtung eine relativ späte Entwicklung ist.1

Schmied weist auf die Etymologie des Wortes „Zeit“ hin. „Tide“ und das Wort „time“ besitzen eine gemeinsame Wurzel.2 Ähnlich wie in der deutschen Sprache „Zeit“ und „Gezeiten“, letzteres ein zyklisches Ereignis schlechthin. Zudem sei der Zyklus, die Folge von Tag und Nacht, die wohl grundlegendste Zeiteinteilung überhaupt, der Mensch wie Tier folgen.3 Der Sonnenstand bestimmt den Tag und der Mondzyklus stellt einen der ältesten Gliederungspunkte für längere Zeiträume als den Tag.4 In nicht tropischen Gebieten kommt dazu der Jahreslauf der Sonne, der für die Jahreszeiten mitverantwortlich ist.5

Das zyklische Zeitverständnis wird allgemein als natürlich eingeschätzt, die lineare Zeit dagegen als künstlicher Versuch, die Natur zu bezwingen. Die Zyklen an sich sind „natürlich“, aber der idealtypische Gegensatz der Zeitauffassungen berücksichtigt nicht, dass die Zusammenstellung und Ordnung der Zyklen eine Abstraktionsleistung des Menschen ist.6 Formen von zyklischer Zeit traten vor allem in archaischen Gesellschaften auf. In diesen Kulturen werden Ereignisse und Verhaltensweisen als Wiederholung, der in mythischer Vorzeit von einem Gott oder Held eingeführten Handlung gesehen. Das betrifft nicht ausschließlich rituelle Handlungen, die einen Bezug zu transzendenten haben, sondern auch ganz alltägliche Handlungen wie Nahrungsaufnahme oder das sexuelle Verhalten. In der Konsequenz bedeutet das, dass der „primitive“ Mensch keine eigenen Handlungen kennt, die er nicht selbst aus einer Überlieferung kennengelernt hat. Beispielsweise wird der Sexualakt in manchen Kulturen als verbindendes Element zwischen Himmel und Erde gedeutet.7

Dadurch, dass die ganze Zeitkonzeption auf Wiederholung angelegt ist, werden Verhaltensweisen stabilisiert und einmalige Ereignisse nach und nach zu Vorbildern und Mythen.8

Wiederkehrende Strukturen in einem Kreislauf können z.B. Feste, Jubiläen oder Initiationsriten sein. Eine Theorie dazu entwickelte der französische Ethnologe Arnold van Gennep, die sogenannten „rites des passages“. Er ordnete das Leben eines Menschen durch verschiedene Initiationsriten, in seinem Lebenszyklus, wie z.B. die Taufe, Firmung, Ehe und Beerdigung. Oft waren diese Vorstellungen eng mit der Vorstellung von Tod und Auferstehung verbunden und im Rückbezug zu mystischen Ursprüngen zu sehen.

In Zusammenhang mit Festen oder Jubiläen werden durch gemeinsame Termine zentrale Gewalt und der Zusammenhalt der Gemeinschaft deutlich. Bei christlichen Feiertagen wird u.a. das Heilsgeschehen zyklisch wiederholt.

3. Entwicklung des lineare Zeitempfindens

Voraussetzung für Linearität kann ein fixer Punkt sein, von dem aus die Jahre gezählt werden können. Als frühester Punkt für die Jahreszählung soll die Ära von Nabuchonosor im Jahre 777 (312 v. Chr) gedient haben.9 Ein fester Anfangspunkt für die Linearität ist nicht zwingend notwendig, in China beispielsweise wurden die aufeinanderfolgenden Regierungen gezählt, ohne einen absoluten Fixpunkt anzunehmen.10 Die Entwicklung der Schrift, nimmt Arnold Gehlen an, ist Voraussetzung für die Entwicklung eines Geschichtsbewusstseins und somit auch für die Festsetzung eines Fixpunktes, der über längere Zeit hinweg Gültigkeit behält.11 Schrift ist also ebenso wie die Bestimmung eines Anfangspunkts einer Zeitrechnung eine Leistung abstrahierenden Geistes.

Durch die Entwicklung der linearen Zeit bekam die vertraute zyklische Vorstellung, der ständigen Wiederholung des ewig Gleichen, Konkurrenz. Sie wurde konfrontiert mit der Annahme, dass nichts wiederholbar ist, sondern die Lebensgeschichten einem Strom gleichen, der ständig Neues bringt, der stetig weiter fließt und sich nicht im einzelnen wiederholen kann.

Erstmals im Alten Ägypten (ab 3100 v. Chr.) kann man eine solche Auffassung nachweisen, denn die Könige lassen ihre Leistungen zu Lebzeiten, für die Nachwelt dokumentieren.

Oft zeichnet sich die Linearität nicht nur durch einen festen Anfangspunkt, sondern auch durch einen bestimmten Zielpunkt aus. Vorstellungen von einem Zielpunkt der Geschichte entwickelten sich besonders stark ausgeprägt in der israelitischen Religion, dem Judentum. Die Nachwirkungen der israelitischen Zielvorstellung reichen über das Christentum bis in unsere Tage hinein.12 Zielpunkt des jüdischen Denkens sind die Verheißungen Jahwes.

Die Ansicht, dass Gott wirkt und in Erscheinung tritt, trifft auf viele Religionen zu, aber meist in einer weit entfernten Zeit, die in der Lebenspraxis wenig handlungsmotivierend ist. Im jüdischen Denken ist das anders. Deutlich wird dieser Unterschied bei der jüdischen Vergangenheitsbetrachtung. Die Rettung Israels vor den Ägyptern und die Gesetzgebung Gottes beispielsweise werden an einem bestimmten Ort über eine bestimmte, als historisch angenommene Person vollzogen. Die Ereignisse sind keine Wiederholungen, sondern je einzigartig.13

Die Verheißung Jahwes ist die Rückkehr seines Volkes ins Land Kaanan. Nach der Auffassung biblischer Autoren hat Gott den Lauf der Geschichte auf dieses Ereignis hin gelenkt. Die Erfüllung der Verheißung liegt nach den Schriften der Propheten in der Zukunft.14 Der englische Religionswissenschaftler S.G.F. Brandon meint sogar, dass die Zukunftsausrichtung beim Judentum besonders ausgeprägt ist.15 Diese Zukunftsausrichtung ist ein wesentliches Merkmal einer linearen Zeitauffassung.

Ein weiteres Beispiel für die Linearität des Judentums ist das theologische Konzept der „vier Reiche“ im Buch Daniel (Verfasst um 200 v. Chr). Die Weltgeschichte wird als eine Abfolge von vier Reichen konzipiert.

[...]


1 Schmied, Gerhard: Soziale Zeit: Umfang, „Geschwindigkeit“ und Evolution, Berlin, 1985, S. 144

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Eliade, Mircea: Das Mysterium der ewigen Wiedergeburt, Zürich - Stuttgart, 1961, S. 14

8 Schmied: Soziale Zeit, S. 147

9 Goody, Jack: Time: Social Organisation, in: David L. Sills (Hg.), Encyclopedia of the Social Sciences, Band 16, o.O., 1968, S.30

10 Needham, Joseph: Wissenschaftlicher Universalismus, Frankfurt am Main, 1977, S. S.194

11 Gehlen, Arnold: Urmensch und Spätkultur, Bonn, 1956, S.258

12 Schmied, soziale Zeit, S. 154

13 Ebd.

14 Brandon, S.G.F.: Time and Mankind, London, 1951, S.83

15 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Zyklische Zeit – Lineare Zeit
Untertitel
Kleine Geschichte divergierender Zeitordnungen
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V196162
ISBN (eBook)
9783656220190
ISBN (Buch)
9783656220664
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zyklische, zeit, lineare, kleine, geschichte, zeitordnungen
Arbeit zitieren
Benjamin Heinz (Autor), 2012, Zyklische Zeit – Lineare Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196162

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