Der Einfluss regionaler Besonderheiten auf die Jugendkultur im Spiegel der Zeit

Der Berliner Wirtschaftswunderschlager und Politrock der 70er Jahre im Vergleich


Bachelorarbeit, 2012

81 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Der Begriff des Schlagers
2.1. Schlager - eine lexikalische Begriffsnäherung
2.2. Schlager - Herkunft des Begriffes

3. Schlager - Auszug einer historischen Entwicklung bis 1945
3.1. Friedrich Hollaender
3.2. Gleichschaltung und Verbot von "Lili Marleen"

4. Nachkriegszeit
4.1. Jalta-Konferenz und Potsdamer Abkommen
4.2. Währungsreform 1948 und Tapetenmark
4.3. Nachkriegsjugend - arbeitslos - vaterlos - perspektivlos
4.4. Schlager im Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit

5. Wirtschaftswunder
5.1. Jugend der 50er Jahre - Kosum und Radio
5.2. Ein Schlager wird zur Nationalhymne
5.3. Italophilie und amerikanischer Einfluss

6. Spezieller Focus auf Berlin
6.1. Berlin-Blockade und Luftbrücke
6.2. Bis zum Mauerbau

7. Der Berliner Wirtschaftswunderschlager
7.1. Cornelia Froboess
7.2. Bully Buhlan - „die singende Luftbrücke“
7.3. Marlene Dietrich und weitere Interpreten
7.4. Ein erstes Fazit

8. Weitere Entwicklungen in Berlin
8.1. Der besondere Reiz Berlins
8.2. Vergünstigungen für zuwandernde Arbeitnehmer
8.3. Wehrdienst
8.4. Berlin-Kreuzberg

9. Jugend der 60er Jahre - Protestbewegungen
9.1. Weitere Bewegungen: Kommunen und Haschrebellen
9.2. Musik und Symbole
9.3. Politrock
9.4. Berlin - eine Zustandsbeschreibung aus der Sicht eines Protagonisten

10. Hoffmanns Comic Teater und die Roten Steine in der Tradition des politischen Kabaretts

11. Ton, Steine Scherben
11.1. Die Sprache der Scherben
11.2. Scherben - "Warum geht es mir so dreckig?"
11.3. Scherben - "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!"
11.4. "Musik ist eine Waffe" - ein Manifest mit Folgen
11.5. Scherben- Einfluss und Wirkung: Besetzung
11.6. Scherben - "Keine Macht für Niemand"
11.7. Rauch-Haus-Song
11.8. Mensch Meier und Nulltarif und die Nähe zur RAF
11.9. "Flucht" aus Berlin 1975

12. Zusammenfassung und Vergleich

13. Liedanalysen
13.1. "In den Ruinen von Berlin"
13.2. "Der Rauch-Haus-Song"

14. Fazit: Villains and Heroes

15. Literaturverzeichnis

16. Anhang

„ In den Ruinen von Berlin

fangen die Blumen wieder an zu blühn ein neuer Frühling, der beginnt in den Ruinen von Berlin“ 1

„ Und wir schreien ´ s laut: Ihr kriegt uns hier nicht raus!

Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich

Schmidt2 und Press und Mosch aus Kreuzberg raus.“ 3

1. Einleitung

Die Idee zu der vorgelegte Arbeit entstand aus im Zusammenhang mit dem Gesellschaftspolitisch-institutionellen Vertiefungsgebiet an der Hochschule Niederrhein. In diesem Modul wurden verschiedene Epochen nach den Gesichtspunkten der jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Begebenheiten, der entsprechenden Jugendkulturen und deren Musik betrachtet. Doch - kann man diese vergleichen? Existieren Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten oder Unterschiede?

Um diese Frage zu klären, werden zwei Epochen betrachtet, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein können: Der Schlager der frühen Wirtschaftswunderzeit und der Polit-Rock der 70er Jahre, jeweils vor dem regionalen Aspekt Berlin.

Zunächst wird sich diese Arbeit mit der Begrifflichkeit des Schlagers widmen, und Herkunft und Geschichte desselben beleuchten. Alsdann wird der Focus auf die historischen und auch gesellschaftlichen Begebenheiten im Nachkriegsdeutschland gelenkt. Der diese Arbeit durchweg begleitende historische Aspekt mag zunächst verwirren. Doch ist dieser von immenser Wichtigkeit, um das daraus entstandene Zeitgefühl der Menschen im Kontext zu den Schlagern und seinen Themen zu sehen. Zur Verdeutlichung sei angemerkt, dass das Nennen eines Künstlers wie Bully Buhlan als „singende Luftbrücke“ ohne die Erläuterung der Luftbrücke als geschichtliches Phänomen keinen Sinn macht. Für den Schlager nimmt Friedrich Hollaender, so die Recherche, eine besondere Stellung ein, diese Arbeit wird aufzeigen, warum das so ist.

In ähnlicher Vorgehensweise wird die Phase des Politrocks der 70er Jahre betrachtet, allerdings unter klarem Festmachen an dem Wirken einer Band, „der Ton, Steine Scherben“ in ihrer Berliner Zeit. Auch hier muss zum Erreichen einer Verständlichkeit ein Einblick in die gesellschaftspolitischen Umstände ihrer Zeit gegeben werden. Auch für die Zeit der 70er Jahre, besser: für die Zeit, die „die 70er“ hat entstehen lassen gilt: das Erklären eines „Rauch-Haus-Song“s ohne die Person des Georg von Rauch würde in das Leere laufen.

Im abschließenden Teil wird der Versuch unternommen werden, die beiden Musikstile vor dem Hintergrund ihrer Entstehung zu vergleichen. Zwei Liedtexte, die in einer gewissen Chronologie zueinander stehen, Friedrich Hollanders „In den Ruinen von Berlin“ (1948) und der „Rauch-Haus-Song“ der „Ton, Steine Scherben“ (1972), sollen verglichen werden.

Diese Arbeit wird eine Reise sein, von den Anfängen des Schlagers im 19. Jahrhundert in der k.u.k-Monarchie über die Lichterstadt Berlin, hin zum Kontrast von Not und Elend zur morbiden Faszination der Ruinen und weiter zu den existentiellen Begehrlichkeiten an bezahlbarem Wohnraum der Jugend der 70er Jahre in Berlin und derer jeweiliger Ausdruck in der Musik.

In den vielen Fußnoten verbergen sich erhellende Zitate, Geschichten und Anekdoten, die das Verstehen erleichtern sollen und gar auch zum Schmunzeln anregen dürfen.

2. Der Begriff des Schlagers

2.1. Schlager - eine lexikalische Begriffsnäherung

Was ist ein Schlager - oder vielmehr: was ist damit (eigentlich) gemeint? Das BROCKHAUS-Lexikon aus dem Jahre 1914 führt den Begriff gar nicht auf. Im BECKMANN (hier Bd. II, 1930: S. 2483) ist dazu zu lesen: „Schlager m; -s, -: (übtr.:) sehr wirkungsvolle oder sehr erfolgreiche Sache; das Duett ist der Schlager der Operette; diese Transaktion war ein Schlager (Treffer).“

Im BERTELSMANN (hier Bd. X, 1982: S. 290) hingegen wird der Begriff weiter ausdifferenziert: „Schlager, einprägsame Tanzmusik der Unterhaltungs-, Tanz-, Musical-, Operetten- u. Filmmusik mit anspruchslosem Text, häufig sentimental, die für kurze Zeit >einschlägt< u. die heute über Schallplatte, Rundfunk u. Fernsehen weltweite Verbreitung findet. Oft wird ein S. mit der Person des Interpreten identifiziert. Ein langlebiger S. heißt Evergreen“.

Drei Lexika - drei Epochen - ein Begriff. Diese drei lexikalischen Auszüge (auch ein Nicht-Eintrag verdient Beachtung) - im Spiegel ihrer Zeit - zu vergleichen, beinhaltet bereits interessante Anhaltspunkte für diesen Teil der Arbeit und liefert einen interessanten Ansatz: Folgt man nur diesen Werken, so scheint es so zu sein, als ob der Begriff des Schlagers in der wilheliminschen Zeit unbekannt oder ungewollt war, in der Weimarer Republik bekannt, aber im Zusammenhang mit der Operette gesehen wurde, und in den 80er Jahren mit dem Hang zur Trivialität belegt war.

2.2. Schlager - Herkunft des Begriffes

Die Begrifflichkeit des Schlagers ist in ihrem Entstehen auf das 19. Jh. zurück zu datieren, einhergehend mit der sich herausbildenden Musikindustrie und den darin verankerten Mechanismen der Produktion und Verbreitung. Das eigentliche, aus dem österreichischen Sprachraum stammende Dialektwort bezeichnete in seiner Ursprünglichkeit eine Pointe oder einen Erfolg. (Vgl. WÖLFER 2000: S. 470f.).

3. Schlager - Auszug einer historischen Entwicklung bis 1945

Im Bezug auf die Musik ist der Begriff des Schlagers vermutlich erstmalig am 17. Februar 1867 im Wiener „Neuen Fremdenblatt“ für die Uraufführung des Walzers „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauß (*1825 +1899) verwendet worden. Spätestens aber seit den 1880er Jahren war der Begriff des Schlagers ein fester Bestandteil im allgemeinen Wiener Sprachgebrauch und beschreibt einen durchschlagenden Erfolg im Bereich der Musik und fand Anwendung auf alle Genres. Als selbständige musikalische Gattung der populären Musik, wie wir sie heute kennen, existiert der Schlager seit der kommerziellen Vermarktung und Entstehung und lässt sich in die Zeit der Industrialisierung mit den damit einhergehenden Veränderungen der Lebensweise der Menschen datieren. (Vgl. WICKE et. al. 2007: S. 646ff.).

Der Schlager war nun gleichwohl Musik zum Tanzen und zum Zuhören. Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal des Schlagers aber ist die Funktion als Spiegel des Lebensgefühles seiner Zeit. Der Aufbau ist nun stereotyp. „Mit einer Kombination von Konstanten wie dem formalen Aufbau (Vers-Reim-Schema), einer begrenzten Thematik (Liebe!) [und] verschiedenen Typen des Begleitrhythmus […] ergibt sich ein Baukastensystem […].“(WÖLFER 2000: S. 470f.).

WICKE et al. (2007: S. 646ff.) folgen diesem Gedanken auch und verweisen darüber hinaus auf den Verlust der Ausdruckskraft, der durch die persönliche Ausstrahlung des Interpretierenden ausgeglichen werden musste. Erste Interpreten entstammen dem Bereich des Wiener Liedgutes, als herausragend ist Alexander Girardi (*1850 +1918) zu nennen, der als Komiker, Sänger und Schauspieler mit seiner damaligen Popularität dem Wiener Lied auch international zum Durchbruch verhalf. Die Kompositionen veränderten sich im Zuge dieser Entwicklung gleichwohl: Die Konzeptionen für ein musikalischen Unterhaltungstheater waren nun so angelegt, dass einzelne Stücke als Schlager herauslösbar waren.

Mit dem Ende des ersten Weltkrieges und dem Zerfall der Habsburger Doppelmonarchie verlagerte sich das Zentrum des europäischen Schlagers von Wien nach Berlin, wo sich neben der Operette4 die Revue-Bühnen und Kabaretts etabliert hatten, und einen fruchtbaren Boden für die Herausbildung des Schlagers als eigenständigen Musiktyps bildeten. Als einer der bedeutenden Komponisten ist hier Hugo Hirsch (*1884 +1961) mit den Revuen „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ (1924) oder „Berlin ist Mode“ (1927) zu nennen. Als erster großer Star des deutschen Schlagers ist Fritzi Massary (*1882 +1961) zu nennen. Auch sie entstammte zuvor dem Operetten-Genre. Neben den mitunter fülligen operettenartigen Arrangement etablierte sich im Bereich des Kabaretts ein Liedtyp mit intelligent-witzigem Liedgut, welcher auch durchaus frivole Gedanken transportierte. Auch wurden hier Gesangsrollen nicht mehr besetzt, sondern Titel speziell für einen Interpreten zu geschrieben. Als Beispiel sind hier die „Comedian Harmonists“ zu nennen mit Titeln wie „Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten“ (1928) oder „Mein Papagei frisst keine harten Eier“ (1929). Als Höhepunkt der nun stetig steigenden musikalischen Einflüsse aus den USA sind die kommerziellen Tonfilm-Produktionen „Die drei von der Tankstelle“ (1929) und „Der Kongress tanzt“ (1931) in Anlehnung an die US-amerikanischen Produktionen „The singing fool“ (1928) oder „The Jazz Singer“ (1927). Für die Filmmusiken der beiden deutschen Titel zeichnete Werner Richard Heymann (*1896 +1961) verantwortlich. Als besonders herausragend gilt der aus „Der Kongress tanzt“ entlehnte Titel „Das gibt´s nur einmal“, der auch als englische Vision „It only happens once in a lifetime“ weltweiten Erfolg hatte. (Vgl. WICKE et al. 2007: S. 647ff.).

3.1. Friedrich Hollaender

Wie bereits in der vorliegenden Arbeit erwähnt, müssen bei der Thematik des Schlagers Komponisten häufig von Interpreten differenziert werden. Oft war es so, dass der von einem Komponisten geschriebene Schlager von einer Unzahl von Interpreten zum Vortragen gebracht wurde. Somit ist mitunter nur noch verschwommen erkennbar, wem das jeweilige Lied ursprünglich zuzuschreiben ist. Zur Verdeutlichung: „Ich habe noch einen Koffer in Berlin“ wurde zwar von Bully Buhlan komponiert und auch veröffentlicht. Bekannter hingegen ist die Interpretation von Marlene Dietrich.

Einer der herausragenden Komponisten war der 1896 in London geborene Friedrich Hollaender. Sein Vater war der zu damaliger Zeit berühmte Operettenkomponist Victor Hollaender (z.B.: „Die Kirschen in Nachbars Garten“). Zu Zeiten der entsprechenden Jahrhundertwende siedelte die Familie nach Berlin, woher sie auch ursprünglich stammte. Friedrich Hollaender wuchs in Berlin auf. Vor seinem Studium an der dortigen Musikhochschule avancierte er auf dem Klavier zum Meisterschüler bei Engelbert Humperdinck (*1854 +1921). Es folgte ein Volontariat an der Prager Oper. Nach dem ersten Weltkrieg war er mit Max Reinhardt beruflich verbunden, und schrieb für diverse Kabarett-Shows und Filmmusiken. (Vgl. WÖLFER 2002: S. 244f.). SPERR (1978: Ss. 84-107 u. 173-189) spezifiziert das: Hollaender schrieb mit seinem Onkel Felix Hollaender eine Operette, die „Die fromme Helene“ (UA 1923) und war bei den „Weintraub Syncipators“ als Pianist und Dirigent engagiert. In diese Zeit fällt seine eigene „Hollaender Revue“, die Elemente der Operette, der Theater-Revue und der kabarettistischen Zeitkritik: „Laterna Magica“ (1926), „Das bist Du!“ (1927) oder „Es kommt jeder dran!“ (1928).Sein Einfluss wuchs stetig, 1931 eröffnete er das eigene Tingel-Tangel-Theater. In diese Zeit fallen Kompositionen, die die befreundete Marlene Dietrich zu Welterfolgen intonierte: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt5 “, „Ich bin die fesche Lola“ oder „Nimm dich in Acht vor blonden Frau´n“. Hollaender emigrierte nicht nur wegen seiner jüdischen Abstammung in die USA. Auch seine politische Überzeugung, die fernab der NS- Ideologie ihre Heimat hatte, zwang ihn dazu. In den USA konnte er die Tradition des Kabaretts nicht erfolgreich fort setzen. Für einige seiner Filmmusiken hingegen wurde er für den Oscar nominiert. 1955 kehrte Hollaender nach Deutschland zurück.

3.2. Gleichschaltung und der Verbot von „Lili Marleen“

Zu einer der wichtigsten Komponenten des Propagandaapparates unter dem 1933 gewählten Nationalsozialismus gehörte die Gleichschaltung von Funk und Fernsehen unter der Reichskulturkammer. Und damit auch des deutschen Schlagers. Alle Texte und Kompositionen jüdischer Künstler wurden aus den Tanzkapellen und Unterhaltungshäusern ausgemerzt. Folgt man SPERR (1978: S. 176ff.), so begab man sich in dieser Zeit mit dem weiteren Verbot von französischer und englischer Musik6 in ein kulturelles Vakuum7. WICKE et al. (2007: S. 649f.) bestätigen das mit dem Verweis auf die Emigrationen Marlene Dietrichs8 (*1901 +1992) (1932), Jean Gilberts9 (*1879 +1942) (1933), Victor und Friedrich Hollaenders (*1896 +1976) (1933) sowie der Ausweisung der „Comedian Harmonists“ (1935). Sie verweisen aber gleichwohl auf ein ausgesprochene, aber ideologisch geprägte Konjunktur10 des Schlagers im Zuge des ausgebauten Rundfunknetzes und der Einführung des Volksempfängers. Die deutsche Musikindustrie veröffentlichte nun Titel wie „Ich tanze mit Dir in den Himmel hinein“ (1937), „Lili Marleen“11, „Im Leben geht alles vorüber“ (1940). ROI (1998: S. 31) berichtet, dass die Veröffentlichung des Titels „Wenn unser Berlin verdunkelt ist“ (1942) im zeitlichen Zusammenhang mit einem verheerenden Luftangriff der alliierten Streitkräfte auf die Stadt Köln auf wenig Gegenliebe stieß. Die der für die damalige Zeit typischen Mischung aus Pathos, Schicksalsbereitschaft und Opferbereitschaft zeigte sich auch in dem UFA-Spielfilm „Die große Liebe“, hier speziell in denen von der Schwedin Zarah Leander12 (*1907 +1981) vorgetragenen Liedern „Davon geht die Welt nicht unter“ oder „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“. (Vgl. WICKE et al. 2007: S. 649).

Zu „Lili Marleen“ ist zu notieren: „Das melancholische Abschiedslied beglückte nicht nur die Deutschen. Auch von den englischen und sowjetischen Soldaten wurde es so begeistert aufgenommen, daß die Zeitung SUNDAY EXPRESS es als >Hit of the Allied Armies< rühmte. Im Großdeutschen Reich, wo zuerst die Frankfurter Allgemeine auf den >unheilvollen Charakter< des Gedichtes hingewiesen hatte, wurde >Lili Marleen< nach der Katastrophe von Stalingrad wegen des >makaberen< Untertons in den letzten beiden Strophen von Goebbels verboten.“ (SPERR 1978: S. 189).

will, der schaue auf seine Militärmärsche, und soldatischen Lieder wie Deutsche Meereswacht oder Der Landwehrmann, die schon früher in ernster Zeit Licht und Kraft ins deutsche Herz brachten!<“ (SPERR 1978: S. 176).

Wie beschrieben - der Schlager ist ein - wenn auch mitunter gesteuerter - Spiegel seiner jeweiligen Zeit. Seiner Menschen und derer Gefühle, Ängste und Sehnsüchte. Um allerdings den ersten Teil dieser Arbeit intensiver zu beleuchten, nämlich den Wirtschaftswunderschlager, ist es nötig, die historischen Begebenheiten zwischen 1945 und 1960, speziell in Berlin und der dortigen regionalen Besonderheiten genauer zu beleuchten:

4. Nachkriegszeit

4.1. Jalta-Konferenz und Potsdamer Abkommen

Bereits vor dem offiziellen Ende des zweiten Weltkrieges trafen im Februar 1945 in Jalta, an der Südküste der Krim, Winston Churchill (*1874 + 1965) für das Vereinigte Königreich, Franklin Delano Roosevelt (*1882 +1945) für die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und Jossif Wissarionowitsch Stalin (*1879 +1953) für die Union der sozialistischen Sowjet-Republiken (UdSSR) zusammen. Inhalt und Ziel der Konferenz sollte unter anderem die Aufteilung des Deutschen Reiches, die Machtverteilung innerhalb Europas sowie die Strategie gegen das Kaiserreich Japan sein. Stalin hingegen verstieß gegen die Ergebnisse der Jalta-Konferenz, indem er beispielsweise eigenmächtig deutsche Gebiete jenseits der Oder-Neisse-Linie Polen zuschlug. (Vgl. SCHWAN und STEININGER 1979: S. 180).

Deutschland wurde in zunächst drei, später dann in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Die Dreiteilung des Deutschen Reiches, aus der die späteren Staaten Bundesrepublik Deutschland, die Deutsche Demokratische Republik sowie die unter polnischer Verwaltung stehenden Gebiete entstanden, erfolgte allerdings erst als Ergebnis des Zusammentreffens in Potsdam im Juli 1945 durch die ungeklärte Frage der Reparationszahlungen, die das Nachkriegs-Deutschland leisten sollte. So war die UdSSR im 2. Weltkrieg weitaus stärker durch Beschädigungen in Mitleidenschaft gezogen worden als die übrigen Siegermächte. Während letztere erst nach einem Wiederaufbau und der dadurch erstarkenden wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands Zahlungen einfordern wollten, so bestand die UdSSR auf sofortige Leistungen. Die Teilung Deutschlands war damit quasi vollzogen, da sich die Alliierten einigten, in den von ihnen besetzten Bereichen nach eigenen Vorstellungen mit etwaigen Zahlungen oder anderen Reparationsleistungen umzugehen. In den drei westlichen Besatzungszonen wurde die freie Marktwirtschaft eingeführt, im Osten eine sozialistische Wirtschafts- und Verwaltungsform. (Vgl. SCHWAN und STEINIGER (1979: S. 234ff.).

Der Status der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin war zu diesem Zeitpunkt ungeklärt. Auch Berlin war in vier Sektoren aufgeteilt, wie der restliche Teil Deutschlands.

4.2. Währungsreform 1948 und „Tapetemark“

In den Jahren bis 1948 stand man in den drei westlichen Besatzungszonen vor der Problematik einer rasanten Geldentwertung. Die bis zur Währungsreform 1948 geltende Reichsmark hatte ihren Stellenwert als Zahlungsmittel eingebüsst, an ihre Stelle traten Tauschwerte jedweder Form („Zigarettenwährung“). Jedoch waren bereits im November 1947 mit dem Frachter „American Farmer“ 4800 Kisten frisch gedruckten Geldes aus den USA in Frankfurt gelandet. Für die Westzonen wurde die Umstellung der Währung nebst neuen Wechselkursen und Umrechnungstabellen für den 21. Juni 1948 wirksam. Das wertlos gewordene Geld floss nun in die östliche Besatzungszone ab, und führte wegen des nun noch verschärften Überhanges von minderwertigem Geld zu erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Dort wurde ebenfalls eine Währungsreform durchgeführt, allerdings mit überklebten alten Reichsmark-Noten, den sog. „Tapetenmark“. In den Westzonen wurden im Rahmen der Währungsreform je Bürger in einer ersten Welle 40 DM, einen Monat später abermals 20 DM ausgezahlt13. Eine simultane Einführung der D-Mark im Westen Berlins war wegen des besonderen Status der Stadt nicht möglich. Nach Differenzen zwischen den westlichen und der östlichen Zonenkommandaturen wurde eine mit dem Buchstaben „B“ gestempelte Ausgabe der D-Mark am 24. Juni 1948 in den Westsektoren Berlins ausgehändigt. Allerdings wurde die D-Mark erst 1949 alleiniges Zahlungsmittel im Westen Berlins. (Vgl. NIGGL 1982: S.47ff).

4.3. Nachkriegsjugend - arbeitslos - vaterlos - perspektivlos

Auch bei den Kindern und Jugendlichen hatte der Krieg durch Vertreibung14, Verlust, Zusammenbruch des politischen Systems und der aufoktroyierten Neuordnung Spuren hinterlassen. Nach FOITZIK (1992: S. 11) gaben bei einer Befragung in Bremen die Schüler an, dass 10% der Väter gefallen, 6% in Gefangenschaft waren, und 4% als vermisst galten. SPEITKAMP (1998: S. 254) konkretisiert diese Zahlen auf Gesamtdeutschland: 1,25 Mio. Kinder und Jugendliche lebten vaterlos, eine Viertelmillionen gar als Vollwaisen und verweist auf die hohe Arbeitslosenquote um 1950 von 700.000 unter den arbeitsfähigen Jugendlichen. Für diese Generation etablierte sich der Begriff der „Kriegskinder“ oder auch „Kellerkinder“, da eben diese Keller oftmals der einzige Unterschlupf in einer zerbombten Umwelt darstellten.

Doch auch für die Kinder und Jugendlichen, deren Väter aus der Gefangenschaft heimkehrten, besserte sich die Lage nicht zwingend. Sie waren eine Mutterzentrierte Erziehung gewohnt, hatten ihre Väter mitunter seit Jahren nicht gesehen. Die „eindringenden“ Väter hingegen konnten ihre gewohnte Rolle als Familienoberhaupt aus Ermangelung einer materiellen Grundlage nicht ausfüllen. (Vgl. SPEITKAMP 1998: S. 252). Auch war eine Auseinandersetzung mit und über die jüngste Vergangenheit erschwert15. Teile der Jugend nannte man später auch „Schlüssel- kinder16 “. Damit waren Teile der Jugendlichen gemeint, deren Mütter zwangsläufig durch den Verlust des Vaters berufstätig waren. KURME (2006: S. 96) weist darauf hin, vor allem die Kinder und Jugendlichen, die um 1930 geboren worden sind, die eine Zeit ohne die Prädikate erlebten, wie wir sie heute kennen. Erst erlebten sie den Krieg, dann die Nachkriegszeit. MANNHEIM (1964: S. 504ff.) folgend, sind die „skeptische Generation“ der 20er Jahre, die noch im 2.Weltkrieg Fronteinsätze erfahren mussten, die „Flakhelfergeneration“ der frühen 30er Jahre und die „Kriegskindergeneration“ der späten 30er und frühen 40er Jahre voneinander zu unterscheiden.

Während sich die letzten beiden aus der eigenen Begrifflichkeit erklären, so verdient die „skeptische Generation“ eine weitere Erläuterung: SPEITKAMP (1998: S. 262ff.) erläutert, dass sich der Begriff auf den Soziologen Helmut Schelsky (1912-1984) zurückführen lässt. Diese Generation sei aller Sozialisationserfahrungen aus der NS- Zeit beraubt und stünde der Politik ausgesprochen skeptisch und zurückhaltend gegenüber.

4.4. Der Schlager im Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit

„Trümmerfrauen“ werden zum Symbol des Wiederaufbaus im zerstörten Deutschland. Mehr als die Hälfte der Wohnungen waren zerstört, ebenso Strassen und Brücken. Hinzu kam, dass bis 1946 die vier Besatzungszonen 10 Millionen Menschen aus den abgetrennten Ostgebieten aufnehmen mussten. Lediglich die französisch besetzte Zone verweigerte sich dieser Aufgabe, so dass dort nur 50.000 Menschen eine neue Heimat fanden. Dennoch reichte das Maß an bestehenden und geretteten Rohstoffen aus, um bis 1946 ein gewisses Existenzminimum zu erreichen. Das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe zeigte sich erst im strengen Winter 1946/717, als die drei von einander in unmittelbarer Abhängigkeit stehenden Komponenten Ernährung, Energieversorgung und Verkehr beinahe vollständig zusammenbrachen. (Vgl. SCHWAN und STEINIGER 1979: S.170 ff.).

In diesen Kontext fallen drei prägnante Schlager. Zum einen ist hier „Wer soll das bezahlen“ (1949) von Jupp Schmitz (*1901 +1991) zu nennen. Auf humoreske Art werden die wirtschaftlichen Nöte der deutschen Bevölkerung thematisiert18. Auch Bully Buhlans19 (*1924 +1982) „Wunschballade“ („Würstchen mit Salat“) (1947) nimmt sich der Thematik an. Aber auch die politischen Verhältnisse, hier die Teilung Deutschlands wurde von Karl Berbuer (*1900 +1977) textlich in „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ (1948) behandelt. (Vgl. HERRWERTH 1998: S. 9ff.). Speziell auf den letzt genannten Titel wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch dezidierter eingegangen werden.

5. Das Wirtschaftswunder

Der Begriff des Wirtschaftswunders bezeichnet gemeinhin die Epoche des unerwartet schnellen wirtschaftlichen Aufschwungs im Westen Deutschland zwischen der Einführung der D-Mark im Jahre 1948 und der Gründung der EWG mit der Unterzeichnung der römischen Verträge 1957/8. Es gibt aber auch die Meinung, dass die Episode des Wirtschaftswunders erst mit der Rezession 1967/8 beendet wurde (vgl. MANDEL 1969: S. 23ff.). Als Rahmenbedingungen gelten neben der D-Mark auch die Einführung der so genannten sozialen Marktwirtschaft durch Ludwig Erhardt (*1897 +1977) und Alfred Müller-Armack (*1901 +1978) wie aber auch der Umstand, dass große Teile der Wirtschaftsbetriebe weitestgehend intakt waren, und „nur“ auf Friedensproduktion zurück gestellt werden mussten.

Daneben wird in der Literatur darauf hingewiesen, dass erhöhte Wachstumsraten nach Kriegen ein globales Phänomen seien. Länder, die erhebliche Beschädigungen nach dem zweiten Weltkrieg zu verzeichnen hatten und unter harten Besatzungsbedingungen zu leiden hatten, konnten generell ein rasches Erstarken der Wirtschaft verzeichnen. So erlebten neben Deutschland auch Italien, Österreich oder Frankreich Wachstumsraten bis zu 9%, wohingegen im Krieg neutrale Länder nur auf bis zu 4% kamen. (Vgl. SPOERER 2007: S. 34).

Vor dem Hintergrund, dass das Volkseinkommen in den Jahren 1950 (75 Mio. DM) bis 1961 (230 Mio. DM) beinahe vervierfachte, konnte sich die deutsche Bevölkerung als Wohlstandsgesellschaft bezeichnen und hatte den US-Standard erreicht. Während Experten annahmen, dass Deutschland für das Erreichen dieses Standards wenigstens 40 Jahre brauchen würde, so geschah das innerhalb eines Jahrzehnts. (Vgl. SPOERER 2007: S. 23ff.).

5.1. Die Jugend der 50er Jahre

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung waren die Jugendlichen, die nicht mehr zur Schule gingen oder studierten, in ihrer beruflichen Tätigkeit gebunden. KURME (2006: S. 97) berichtet, dass die jugendlichen Arbeitnehmer zwischen 14 und 18 Jahren einer 48-Stunden-Woche nachgingen, in der Landwirtschaft gar bis zu 60 Stunden. 80% der Kinder, die Arbeiterfamilien entstammten wurden selber Arbeiter und Teile von ihnen gründeten eine eigene Jugendkultur, die man die „Halbstarken“ nannte. SPEITKAMP (1998: S. 256) gibt zu bedenken, dass arbeitenden Jugendlichen mit Fug und Recht von sich behaupten konnten, finanziell gut da gestanden zu haben. Eine Teilhabe am Konsum war ihnen nicht verwehrt.

Eine wichtige Freizeitaktivität der nicht-berufstätigen Jugendlichen war das RadioHören. Dort spielten die Stationen in den früher 50er Jahren Schlager, Tanzmusik und Jazz, wobei der Schlager eindeutig die von den Jugendlichen präferierte Musikrichtung war. (Vgl. KURME 2006: S. 97).

Der Rock´n´Roll betrat Deutschland erst in der Mitte der 50er Jahre. Bis zum Rock´n´Roll war alle Musik, auch wenn moderne Rhythmen aus Übersee jeweils von der jeweiligen Musikavantgarde in den europäischen Großstädten aufgenommen und verbreitet wurde, eine Musik von Erwachsenen für Erwachsene gewesen. Der Rock´n´Roll dagegen wandte sich ausdrücklich und ausschließlich an junge Leute. Es war ein völliges Novum in der Geschichte der kommerziellen Tanzmusik. Es war der Anfang einer Jugendkultur, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht nur auf musikalischem Gebiet tonangebend werden sollte. Teile der Elterngeneration waren entsetzt. Erst Mitte der 60er Jahre begannen Einsichtige zu verstehen, dass es sich hier um mehr handelte, als um einen simplen Generationenkonflikt20. Mit dem Rock´n´Roll begann eine komplette Abkehr einer Generation von den Wertevorstellungen und Autoritätsprinzipien ihrer Väter und Vorväter. (Vg. SPERR 1978: S. 231f.).

Dazu gewannen die Medien immer größeren Einfluss. Zu Radio und den ersten Fernsehern kamen auch Massenprintmedien auf den Markt, die BILD-Zeitung (1952) und auch die BRAVO21 (1956).

5.2. Ein Schlager wird zur „Nationalhymne“

In der Zeit, in der die westlichen Besatzungszonen, wie kurze Zeit später auch die junge Bundesrepublik keine eigene Nationalhymne besaßen, wurden bei offiziellen Anlässen wie Staatsbesuchen aus der Verlegenheit heraus oft Lieder gespielt, die dem Anspruch an eine Hymne nach heutigen wie damaligen Ansprüchen nicht gerecht wurden22.

„Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien23 “, Karl Berbuer (1948):

„ Mein lieber Freund, mein lieber Freund, / die alten Zeiten sind vorbei, / ob man da lacht, ob man da weint, / die Welt geht weiter, eins, zwei, drei. / Ein kleines Häuflein Diplomaten / macht heut die große Politik, / sie schaffen Zonen,ändern Staaten. / Und was ist hier mit uns im Augenblick? /

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, / Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela- tschimmela-bumm! / Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien, / Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm! / Wir sind zwar keine Menschenfresser, / doch wir küssen um so besser. / Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, / Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!“ (Auszug, vgl. Anhang).

LIMBACH (2004) führt in seinem Artikel im KÖLNER STADTANZEIGER aus, dass gerade dieses Lied, welches die Herzen der deutschen Bevölkerung im Sturm eroberte, sogar der britischen Zeitung THE TIMES eine Schlagzeile wert gewesen ist: „Die Deutschen werden wieder frech!“, so soll es sinngemäß geheißen haben. Doch schon bald, so LIMBACH (ebd.) weiter, erfuhr der Titel eine gewisse Anerkennung. Bei einem internationalen Radrennen in Köln wurde er neben den Hymnen Belgiens und der Schweiz wie selbstverständlich gespielt. Auch im Ausland wurde das Trizonesien-Lied „anerkannt“: In einem britischen Kriegsgefangenenlager spielte das Fanfarenchor vor einem Fußballspiel zwischen Gefangenen und Einheimischen nach dem „God save the Queen“ Berbuers Lied. Und alle salutierten!

5.3. Italophilie und der amerikanische Einfluss

Im Kontext des Wirtschaftswunders ist der mit dem einhergehenden Wohlstand auch eine größere Wahlmöglichkeit, diese geschaffenen pekuniären Werte auch anzuwenden, zu beleuchten. Nach Jahren der Entbehrung, Trauer und Verlust war man - wenn auch bescheiden - wieder in der Lage zu konsumieren. Und die Sehnsucht wuchs nach einem Urlaub am Mittelmeer, welches von Deutschland aus am leichtesten in Italien erreichbar ist. Diese Sehnsucht ist natürlich kein solitäres Phänomen der Wirtschaftswunderzeit. Bereits in der Zeit des Nationalsozialismus war Italien ein gerne und häufig besungenes Land, wohl auch wegen der damals bestehenden „Achsenmacht“-Konstellation Deutschland-Italien: Das Lied „Capri- Fischer“ ist hier zu nennen. Es wird Gerhard Winkler (*1906 +1977) zugeschrieben und entstand 1943. Infolge der Landung US-amerikanischer Truppen auf der Insel Capri in eben diesem Jahr allerdings wurde es für den Rundfunk verboten, so auch anderes Liedgut mit italienischem Bezug. (Vgl. PORT 1998: S. 34).

Rudi Schuricke24 (*1913 + 1973) interpretierte das Lied nach dem Krieg. Er wurde mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Aber auch anderes von Schuricke interpretierte Liedgut handelte von Italien, so auch „Oh mia Bella Napoli“, „Florentinische Nächte“ oder „Frühling in Sorrent“. Die Texte entsprachen häufig keinen realen Begebenheiten. Speziell René Carols25 (*1920 +1978) „Im Hafen von Adano“ (1951) ist hier zu nennen - Adano gibt es nicht!26 Das tat dem Erfolg und dem Empfinden der Zeit aber keinen Abbruch - man wollte sich aus der Realität in Südseephantasien flüchten.

Die italophilen Schlager gelten heute als Gegenbewegung zu den Bestrebungen anderer Schlager in den westlichen Besatzungszonen, mit der Amerikanisierungswelle27 28 zu diffundieren. Folgt man WICKE et al. (2007: S. 650) weiter, so orientierten sich Teile des deutsche Schlager in den ersten Jahren der Nachkriegszeit musikalisch zunächst an Rumba und Samba, später in den 50er Jahren an Calypso, Mambo, Cha-Cha-Cha und Twist. In den 60er Jahren schließlich an Twist und Bossa Nova. Der amerikanische Einfluss war bald hörbar, intonierte Theo Lingen (*1903 +1978) doch „Der Theodor im Fussballtor“ (1951) zum Beispiel im Boogie-Woogie. Andere bekannte Schlager der Nachkriegszeit waren u.a. Evelyn Künnekes (*1921 +2001) „Mäcki-Boogie“ (1952), Caterina Valentes (*1931) „Ganz Paris träumt von der Liebe“ (1955), René Kollos29 „Hello Mary Lou“ (1961) oder Bully Buhlans „Ich habe noch einen Koffer in Berlin“ (1951). Allerdings geriet die Schlagerindustrie durch den Siegeszug der Rock- und später der Beatmusik zunehmend unter Druck.

Ab Ende der 50er Jahre, so SPERR (1978: S. 234) wurde der Plattenmarkt mit so genannten Teenagerschlagern überschwemmt, „deren musikalische und textliche Dürftigkeit bald kaum noch zu unterbieten waren: „Schwarze Rose, Rosemarie / keine Rose blüht so wie sie. / Wo der Missouri raucht / singt die Prärie / Rosemarie“ (aus: „Schwarze Rose Rosemarie“, Kurt Feltz, 1961). In einem Interview mit DIE ZEIT am 20.10.2011 sagte Götz Alsmann: „Der Schlager ist die einzige Kunstform, die sich selbst entmannt hat.“

6. Spezieller Focus auf Berlin

Während sich in den westlichen drei Besatzungszonen und später in der jungen Bundesrepublik die Verhältnisse zumindest ähnlich entwickelten, so erfuhr Berlin hier deutliche Verzögerungen. Daher wird nun der Focus speziell auf die Entwicklungen in Berlin gelegt.30

6.1. Berlin-Blockade und Luftbrücke

In den Westsektoren Berlins erlebte man nun das folgende Phänomen: „Mangelware sollte nur noch gegen Westmark abgegeben werden, womit auch ein fantastischer Umtauschkurs gerechtfertigt wurde, und dafür konnte man dann einiges, besonders Grundnahrungsmittel, über die [noch] offene Grenze in und um Berlin für künstlich abgewertetes Ostgeld aus der Ostzone herausholen.“ (NIGGL 1982: S. 48). Als Reaktion hierauf riegelte die sowjetische Besatzungsmacht alle Zufahrten für den Güterverkehr zu Wasser und zur Strasse zwischen dem Westen Deutschlands und dem Westteil Berlins ab31.

Entgegen der verbreiteten Vorstellung32 handelte es sich hierbei aber nicht um eine wirkliche Hungerblockade, sondern um den Versuch der sowjetischen Zonenkommandantur, die Bevölkerung des westlichen Berlins an sich zu binden. Es war, folgt man NIGGL (1982: S. 48f.) weiter, aber auch eine politisch motivierte und mit dem Wunsch nach Freiheit beseelte Selbstblockade, da Westberliner durchaus im Ostteil der Stadt Brenn- und Heizstoffe wie auch Lebensmittel erwerben konnten.

Ob nun die Berlin-Blockade als eine defensive Reaktion auf die Währungsreform der Westalliierten oder den offensiven Versuch diese aus der Stadt zu drängen zu sehen ist, bleibt offen (vgl. BUCKOW 2003: S.547).

Die Britische Royal Airforce hatte bereits unmittelbar nach Beginn der Blockade damit begonnen, die britischen Truppen aus der Luft zu versorgen. Amerikaner und Briten flogen ab dem 26. Juni 1948 nach einem mehrfach modifizierten Plan Güter in das eingeschlossene Berlin. Die Maschinen landeten zu Hochzeiten im Drei-Minuten- Takt auf dem Flughafen Tempelhof. „Im Propagandakrieg gegen die sowjetische Seite waren die Rekorde der Luftbrücke eindrucksvolle Waffen. Am 15. April 1949 wurden in der „Osterparade“ in 24 Stunden mit 1.398 Flügen 12.940 Tonnen Lebensmittel und Material in die belagerte Stadt geflogen.“ (BENZ/SCHOLZ 1999: S. 182). Allerdings wurden in den ersten Wochen lediglich wenige hundert Tonnen geflogen, und auch die zuvor genannte Rekordzahl der Osterparade deckte gerade das Bedarfsminimum der 2,1 Mio. Berliner. Der damalige kommissarische Bürgermeister Friedensberg bezifferte den Bedarf West-Berlins nach früheren Verkehrsziffern gar auf 25.000 Tonnen täglich.

[...]


1 Auszug aus : „In den Ruinen von Berlin“, interpretiert von Marlene Dietrich. Das Lied schrieb Friedrich Hollaender, es erschien in dem Film „A foreign affair“ (1948) von Billy Wilder.

2 Heinz Schmidt, Günther Press und Heinz Mosch stehen symbolisch für die Haus- und Bodenspekulanten in Berlin-Kreuzberg. (Vgl. SEIDEL 2005: S. 45ff.).

3 Auszug aus: Ton Steine Scherben, „Rauch-Haus-Song“ (veröffentlicht 1972 bei David Volksmusik Produktion).

4 „Die Zeit ungestörter Operettenlust war im Grunde schon mit dem 1.Weltkrieg, in den 20er Jahren dann endgültig vorbei. Dass dies […] allein an der musikalischen wie inhaltlichen Rückständigkeit der Operette lag, bewiesen zwei Außenseiter: Kurt Weill und Berthold Brecht. Sie allerdings ließen sich mit ihrer >Dreigroschenoper< auf alle bestehende Normen der Unterhaltungsindustrie […] gar nicht erst ein. […] Sie wagten kompromisslos das Neue, das ganz und gar Unerhörte: den Sprung ins 20. Jahrhundert. […] Den beiden Spitzbuben im treudeutschen Unterhaltungsgeschäft kam´s nämlich beileibe nicht auf das >schöne< Singen an, dafür auf den milieugetreuen, ehrlichen Ausdruck.“ (SPERR 1978: S. 100f.).

5 Nach WÖLFER (2002: S. 245) soll das Lied ursprünglich für Hollaenders Frau Blandine Ebinger geschrieben worden sein.

6 „Was pflichtbewußte musikalische Ordnungshüter von der ganzen schrecklichen amerikanischen >Unkultur< hielten - von 1940 an war dann mit der englischen und französischen so ziemlich alle ausländische Musik verboten - ist u.a. in Siegfried Schefflers >Deutsche Unterhaltungsmusik< , erschienen 1941, nachzulesen: >Wir brauchen die schwüle Atmosphäre gedämpfter Bläser, die überhitzten Rhythmen , die Schlagzeugorgien nicht, die als Selbstzweck unerträglich sind. Wir lehnen fremde Einflüsse ab, weil wir stark genug geworden sind, unserer eigenen Kraft zu vertrauen<“ (SPERR 1978: S. 183).

7 „Da waren die neuen Machthaber natürlich froh, wenigstens ihren Paul Lincke noch zu haben. Nachdem von den vier alten Meistern der Berliner Operette (Lincke, Victor Hollaender, Jean Gilbert und Kollo) nur Paule beides, nämlich arisch und noch am Leben war, kam der alte Herr zu ganz neuen, zu ebenso hohen wie gefährlichen Ehren. […] >Wer Meister Lincke als bekennenden Patrioten sehen

8 Bürgerlich: Marie Magdalene Dietrich (Anm. d. Verf.).

9 Bürgerlich: Max Winterfeld (Anm. d. Verf.).

10 „Trotzdem ging die Produktion von Schlagern als Folge der Emigrantenwelle nach 1933 nicht etwa zurück, sondern erreichte einen sogar beträchtlichen quantitativen Aufschwung, […]. […] Sie wurde mit der Goebbelsschen >Anordnung zur Neugestaltung des Rundfunkprogramms< aus dem Jahr 1942 sogar für >kriegswichtig< erklärt.“ (WICKE et al. 2007: S. 650).

11 Folgt man PETERS (2006: S. 12ff.), so hat die deutsche Wehmacht nach der Eroberung Belgrads dessen Mittelwellensender Radio Belgrad aufgrund dessen Sendeleistung in ganz Europa und Nordafrika genutzt. Das Lied soll täglich um 21:55 gespielt worden sein und gilt als einer der ersten Millionenseller.

12 Bürgerlich: Sara Stina Hedberg (Anm. d. Verf.). 10

13 Der SPIEGEL-Bericht „Vermögensverteilung, Paradies und die Reichen“ aus dem Jahre 1968 sieht das kritisch: „Aktionäre, Grundbesitzer und Unternehmer retteten aus der Liquidation des Dritten Reiches ein Vermögen, das nach Schätzungen Professor Gleitzes heute rund 600 Milliarden Mark wert ist. Allein den Anteilseignern der Kapitalgesellschaften verblieben Aktien im Nennwert von 13 Milliarden Mark, die im Verhältnis 1:1 auf Deutsche Mark umgestellt wurden. Diese Wertpapiere repräsentieren derzeit mehr als ein Viertel des Industrie-Vermögens aller Aktiengesellschaften. Inhaber des geretteten Reichtums sind vor allem die großen Familien Flick, Thyssen, Siemens, Bosch, Quandt und Oetker. Mit ihrer Kopfquote von 40 Mark hatten mindestens vier Fünftel der Bundesbürger den Wettlauf in die Wohlstandsgesellschaft bereits verloren“

14 „Die deutsche Bevölkerung teilte sich in neue Klassen: Einheimische, Ausgebombte und Flüchtlinge. Am besten waren die Einheimischen, vor allem die Bauern dran. Für ein paar Eier, einen Zipfel Wurst oder Speck bekamen sie, was immer sie wollten: Teppiche, Wanduhren, Schmuck. Die meisten Bauern verhielten sich ihren vertriebenen Landsleuten gegenüber alles andere als solidarisch oder auch nur freundlich. Sie hätten >das ganze Flüchtlingsgesindel< das sich in ihren Scheunen oder Ställen einnistete, am liebsten in den Osten zurück geschickt, oder >dorthin, wo der Pfeffer wächst<.“ (SPERR 1978: S. 228).

15 „In den Schulbüchern der Adenauer-Ära wurde die Nazi-Zeit zum rätselhaften Spuk. Fazit aller Gespenstergeschichten und Ammenmärchen, soweit die jüngste Geschichte in Schulen und Familien überhaupt zur Sprache kam: Der Schurke hieß Hitler. Alle anderen hatten in NS-Staat nur brav ihre Pflicht und damit nichts Böses getan Die deutschen Richter hatten nach geltendem Nazi-Recht brav Recht gesprochen, die deutschen Beamten die befohlenen Massendeportationen brav durchgeführt.“ (SPERR 1978: S. 228).

16 FOITZIK (1992: S. 73) verweist auf eine widerlegte Studie von Georg Reimann aus dieser Zeit, wonach Schlüsselkinder dafür prädestiniert wären, um in der Schule zu versagen. Spätere Erhebungen belegen das genaue Gegenteil.

17 Während des Krieges stand der Diebstahl von Kohle unter Strafe. Der damalige Kölner Erzbischof Kardinal Joseph Frings zeigte in dieser Zeit eine erfreuliche Lebensnähe: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andre Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann“. (MÜLLER: 1997: S. 23).

18 Das humoreske Verarbeiten der Begebenheiten scheint kein solitäres Privileg des Schlagers gewesen zu sein. ZENTNER (1984: S. 104) schreibt - leider ohne Quellenangabe - dass auch das in der NS-Zeit für wichtig erachtete „Horst-Wessel-Lied“ gerne umgedichtet wurde: „ Die Preise hoch! Die Zonen fest geschlossen! / Die Kalorien sinken Schritt für Schritt! / Es hungern stets dieselben Volksgenossen, / Die anderen hungern nur im Geiste mit! “ (Auszug).

19 Bürgerlich: Hans Joachim Buhlan (Anm. d. Verf.).

20 „Mit Elvis in den Ohren und James Dean im Herzen probten die Nachgeborenen den Aufstand. Dieser Aufstand war kein Angriff, es war Notwehr. War der Versuch, sich einer straff durchorganisierten Ordnung, eingeklemmt zwischen monotoner Fabrikarbeit und kleinbürgerlichem Familienleben ein Stückchen Freiheit, Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein zu ertrotzen“ (SPERR 1978: S. 232f.)

21 „Haben ihre Produkte genügend junge Käufer? Unsere 14-24jährigen sind reich, aber ihre Einkaufsgewohnheiten bilden sich erst. In >BRAVO< informieren sich jede Woche Millionen junge Käufer mit Milliarden Taschengeld“ (SPERR 1978: S. 234)

22 ISMAR (2009) schrieb hierzu in der FRANKFURTER RUNDSCHAU: „Berlin. Konrad Adenauer grollt. >Heidewitzka, Herr Kapitän< tönt es ihm bei einem Besuch in Chicago entgegen. Eine Verlegenheitslösung der amerikanischen Gastgeber, Westdeutschland hat nun mal nach dem Krieg noch keine offizielle Hymne. Den Bundeskanzler nervt es gehörig, bei offiziellen Empfängen Schunkelschlager und Verballhornungen wie >Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien< […] zu hören.“

23 Marsch-Fox. (Anm. d. Verf.).

24 Bürgerlich: Erhard Rudolph Hand Schuricke (Anm. d. Verf.).

25 Bürgerlich: Gerhard Tschierschnitz (Anm. d. Verf.).

26 Kurt Feltz (*1910 + 1982) als Textschreiber des Liedes „Im Hafen von Adano“ bemerkte zu de mfiktiven Ortsnamen, dass es nur wichtig gewesen wäre, einen exotisch klingenden Namen zu benutzen. (Vgl. PORT 1998: S. 37).

27 „Viel stärker als nach dem 1. beeinflusste der große Bruder Amerika das zerrüttete Europa nach dem 2. Weltkrieg. Nirgendwo war dieser Einfluss gründlicher und tiefgreifender als in Westdeutschland. Nachdem der erste Schock der Niederlage überwunden war, die amerikanische Besatzungsmacht außerdem Schutz vor der bösen bolschewistischen Gefahr aus dem Osten versprach, wurde der >american way of life< für die Bundesbürger zum leuchtenden Vorbild.“ (SPERR 1978: S. 230).

28 „38 Soldatensender überschwemmten das Land mit einer Musik, die die Deutschen bis dahin noch nie gehört hatten. Die deutsche Jugend, lange in autoritäre Ketten gelegt, und von jedem Mitspracherecht in Familie, Schule und Staat ausgeschlossen, fiel von einem hektischen Tanzfieber ins nächste: Jitterburg und Boogie-Woogie waren Freude, Lebenslust und Klamauk.“ (SPERR 1978: S. 230).

29 Bürgerlich: René Kollodzieyski. (Anm. d. Verf.).

30 „Über die zerfetzte, ehemalige Lichterstadt Berlin sagte Truman-Berater Harry Hopkins: >Das ist ein zweites Karthago<.“ (SPERR 1978: S. 227).

31 Bei KRUSE (1984: S. 20) ist hierzu auch zu lesen: „Infolge einer technischen Störung an der Eisenbahnstrecke war die Transportverwaltung der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland gezwungen, in der Nacht zum 24. Juni sowohl den Passagier- als auch den Güterverkehr auf der Strecke Berlin-Helmstedt in beiden Richtungen einzustellen. Als Referenz wird eine Meldung des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) vom 23. Juni 1948 angegeben.

32 KRUSE (1984: S. 21) führt hingegen hierzu aus, dass sich während der Blockade, einer Zeit größter Einschränkungen, auch für die Zivilbevölkerung, der Freiheitswille der Berliner erst recht ausformte.

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss regionaler Besonderheiten auf die Jugendkultur im Spiegel der Zeit
Untertitel
Der Berliner Wirtschaftswunderschlager und Politrock der 70er Jahre im Vergleich
Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
81
Katalognummer
V198267
ISBN (eBook)
9783656248194
Dateigröße
7054 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendkultur, Jugend, Musik, Ton Steine Scherben, Friedrich Hollaender, Berlin
Arbeit zitieren
Carsten Bullert (Autor), 2012, Der Einfluss regionaler Besonderheiten auf die Jugendkultur im Spiegel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198267

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