Goethe kritisiert in seinen 'Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten' Kants Moralphilosophie. In dieser Seminararbeit wird der ethische Diskurs zwischen Goethe und Kant dargestellt und bewertet, an dem sich auch Schiller beteiligt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.1. Kants Moralphilosophie
2.2. Konsequenzen und Probleme der Moralphilosophie
3.1. Goethes Unterhaltungen
3.2. Schillers Beteiligung
3.3. Fazit aus dem Diskurs
4. Ist die Kritik berechtigt?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den ethischen Diskurs zwischen Immanuel Kant, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller, wobei der Fokus auf der moralischen Bewertung von Handlungen aus Pflicht gegenüber solchen aus Neigung liegt. Das Ziel ist es, einen Überblick über die philosophischen Positionen zu geben und die Kritik Goethes und Schillers an der strengen Pflichtethik Kants anhand von Goethes Novelle "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" zu analysieren.
- Grundlagen der kantischen Moralphilosophie und des kategorischen Imperativs
- Analyse der Pflichtethik und ihrer problematischen Konsequenzen
- Untersuchung von Goethes literarischer Kritik in den "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten"
- Schillers Position zur Ästhetik und zur "Neigung zur Pflicht"
- Kritische Diskussion über die Berechtigung der Vorwürfe gegen Kant
Auszug aus dem Buch
3.1. Goethes Unterhaltungen
Goethes ‚Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten’ spielen vor dem Hintergrund der französischen Revolution von 1789 und der darauf folgenden Koalitionskriege. Im Mittelpunkt der Rahmenhandlung steht eine Gesellschaft, die auf der Flucht vor der französischen Eroberung in einem Anwesen zusammenkommt und verschiedene Kurzgeschichten diskutiert. Diese Erzählungen werden von den Anwesenden vorgetragen und bilden die Binnenhandlung. Im Zusammenhang zum ethischen Diskurs werde ich die Erzählung „Der Prokurator“ und die Rahmenhandlung, in der die Gruppe diese Erzählung diskutiert behandeln. Die wesentlichen Personen der Gesellschaft, die in der Rahmenhandlung diskutieren sind die Baronesse, der das Anwesen gehört, Luise, einer jungen Frau, die durch ihre oft bissigen Kommentare auffällt und einem Geistlichen, der in den Unterhaltungen meist mit ‚der Alte’ gekennzeichnet wird. Beide Erzählungen werden von dem Geistlichen vorgetragen. Die Erzählung und die Diskussion sind im weitesten Sinne dadurch gekennzeichnet, dass sie den Kontrast zwischen Rationalität und Irrationalität diskutieren. Vernunft und Gefühl treffen aufeinander und scheinen, ebenso wie es aus der Grundlegung Kants hervorgeht, nicht miteinander zu harmonieren.
Das Ziel ist es, den Hintersinn aus der Erzählung ‚Der Prokurator’ und der anschließenden Diskussion zu erschließen. Goethe spricht nicht direkt davon, sich an dem ethischen Diskurs zu beteiligen. Allerdings ist das, was die Personen in seiner Unterhaltung sagen besonders markant. Und schließlich sagt schon Jean Grondin in seiner Einführung zur universellen Hermeneutik nach Schleiermacher: „… so ist es doch ganz offensichtlich, dass Menschen bei Verwendung derselben Worte nicht immer dasselbe denken…“ Die Bedeutung der Unterhaltungen geht also über die Summe der Worte an sich hinaus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die ethische Fragestellung zwischen Gesinnungsethik und konsequentialistischer Ethik ein und definiert das methodische Vorgehen mittels Hermeneutik.
2.1. Kants Moralphilosophie: Das Kapitel erläutert die Grundzüge der kantischen Ethik, insbesondere den kategorischen Imperativ, den guten Willen und die strikte Trennung von Pflicht und Neigung.
2.2. Konsequenzen und Probleme der Moralphilosophie: Hier werden die problematischen Aspekte der kantischen Ethik diskutiert, insbesondere die Schwierigkeit, Gesinnung zu prüfen und die als "terroristisch" wahrgenommene Ablehnung von Neigungen.
3.1. Goethes Unterhaltungen: Dieses Kapitel analysiert anhand der Erzählung "Der Prokurator", wie Goethe Kants Pflichtethik literarisch reflektiert und in Frage stellt.
3.2. Schillers Beteiligung: Schiller wird als Kritiker Kants eingeführt, der die Ästhetik in den Vordergrund rückt und die "Neigung zur Pflicht" als zentrales Element menschlicher Tugend fordert.
3.3. Fazit aus dem Diskurs: Das Kapitel fasst die Positionen Kants und Schillers zusammen und resümiert Goethes eher indirekte, aber deutliche Kritik an der kantischen Radikalität.
4. Ist die Kritik berechtigt?: Abschließend wird diskutiert, ob die Vorwürfe von Goethe und Schiller gegen Kant durch eine neuere, meta-ethische Lesart der kantischen Texte, wie sie etwa Otfried Höffe vertritt, entkräftet werden können.
Schlüsselwörter
Ethik, Immanuel Kant, Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Gesinnungsethik, kategorischer Imperativ, Pflicht, Neigung, Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, Hermeneutik, Moralphilosophie, Vernunft, Tugend, Konsequentialismus, Autonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Auseinandersetzung zwischen der kantischen Pflichtethik und der kritischen Perspektive von Goethe und Schiller hinsichtlich des Verhältnisses von Vernunft und Neigung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind der kategorische Imperativ, das Konzept der Pflicht, die Rolle der Ästhetik sowie die ethische Bedeutung persönlicher Neigungen bei der moralischen Bewertung einer Handlung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den ethischen Diskurs zu strukturieren und kritisch zu hinterfragen, ob Kants strikte Trennung von Pflicht und Neigung literarisch und philosophisch gerechtfertigt oder kritisierbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die hermeneutische Methode angewandt, um neben dem buchstäblichen Sinn der Texte auch den "Hintersinn" in Goethes Erzählungen zu erschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der kantischen Philosophie, deren Kritik durch Goethe und Schiller sowie eine abschließende Diskursanalyse unter Einbeziehung zeitgenössischer Verteidiger Kants.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Moral, Pflicht, Neigung, kategorischer Imperativ und das Spannungsfeld zwischen Rationalität und Gefühl.
Wie führt Goethe den kantischen Pflichtbegriff in seinem Werk "Der Prokurator" ad absurdum?
Goethe konstruiert Situationen, in denen die Unterdrückung natürlicher Neigungen durch den Verstand ins Absurde oder Unmenschliche führt, und macht so die rigorose Natur der kantischen Forderungen erfahrbar.
Warum hält Schiller die "Neigung zur Pflicht" für entscheidend für die Moral?
Schiller argumentiert, dass eine Handlung erst dann als wahrhaft tugendhaft gilt, wenn der Mensch sie nicht widerstrebend aus Pflicht, sondern mit einer moralischen Neigung ausführt.
Wie verteidigt Otfried Höffe Kant gegen die Kritik, seine Ethik sei "terroristisch"?
Höffe schlägt vor, die Begriffe der kantischen Philosophie nicht nur normativ, sondern meta-ethisch zu verstehen, wodurch die moralische Sollensfunktion gewahrt bleibt, ohne dabei die menschliche Neigung kategorisch auszuschließen.
- Arbeit zitieren
- Daniel Santosi (Autor:in), 2012, Ethikdiskurs zwischen Goethe, Kant, Schiller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198627