Sprache im Religionsunterricht - Das Wort als Erkenntnis


Seminararbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. LehrerInnen-Sach-Analyse

III. SchülerInnen-Sach-Analyse
a) Vorwissen & Erfahrungsbezüge
b) Entwicklungspsychologische Einsichten
c) Widerstände

IV. Didaktische Reflexion
a) Lebensrelevanz
b) Das Mögliche
c) Kompetenzen
d) Religiöse Kompetenzen
e) Unterrichtskonzeption

V. Methodische Überlegungen

VI. Unterrichtsverlaufsplan

VII. Quellen und Literatur

I. Einleitung

„ Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen." 1

Als Polonius Hamlet fragte was er denn so lese, gab Hamlet eine schlichte und doch sehr tiefe Antwort. Ich lese "Worte, Worte, Worte", nicht mehr und auch nicht weniger!2 Was antworten wohl SuS Tag ein Tag aus Ihren Eltern auf dieselbe Frage? Bei der Antwort der SuS kann man zwei Beobachtungen sich vergegenwärtigen. Die eine ist das bloße Aufzählen, das herunter Rattern von „neuem Stoff“, welchen die SuS lernten und bald auch wieder vergessen. Das andere, was auch vorkommt, ist das Ergriffen sein der SuS, sie beginnen zu schwärmen, sie bauen einen direkten Lebensbezug vom „Stoff“ zu sich selbst auf, bestenfalls sehen sie sich selbst, ihr Leben in einem neuen Licht und leben offen ihre neuen „Erkenntnisse“. Mit dieser Hausarbeit wollen wir mit Johannes gesprochen die SuS durch die Beschäftigung mit der Sprache des Evangeliums auf das Licht der Welt hinweisen: „ Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. “ (Joh 8,12)

Fernando Pessoa, der Schriftsteller und Dichter Portugals des 20. Jahrhunderts, schrieb über die Sprache einst folgendes: "Ich glaube eine Sache in Worte fassen hei ß t ihr die Kraft bewahren und den Schrecken nehmen. Felder sind gr ü ner in der Beschreibung als in ihrem Gr ü n. Beschreibt man Blumen mit S ä tzen, die sie im Bereich des Imagin ä ren definieren, sind ihre Farben von einer Dauer, die ihr zellul ä res Leben nicht hergibt."3

Auf was möchte uns Pessoa mit diesen zwei Sätzen aufmerksam machen? Sprache ist zunächst könnte man sagen, als ein Instrument des Menschen zu sehen, mit diesem Instrument erkundet der Mensch die / seine Welt. Er gibt Dingen, Phänomenen und Menschen einen Namen, indem er sie beschreibt, indem er sie mit Sprache, mit Worten füllt. Durch Sprache können Vorurteile abgebaut werden, dadurch erscheinen Dinge und Menschen in ihrem "rechten" Licht, bestenfalls in ihrer "Kraft" und gänzlich ohne "Schrecken". Doch ist die Sprache weit mehr als nur ein Instrument des Menschen. In Ernst Fuchs Hermeneutik findet man den schönen Satz:

"Denn es ist nicht wahr, da ß der Mensch die Sprache erfunden hat. Nicht der Mensch hat die Sprache geboren, sondern der Mensch ist aus der Sprache geboren."4 Diese Worte erinnern an Heidegger und seinen Existenzialismus, welchen Bultmann dahin gehend deutete, dass bei ihm das Verstehen eines biblischen Textes als Existenzial ausgelegt wird.5

Pessoa schrieb von "Schrecken", Heidegger schrieb von der menschlichen "Sorge", nach ihm treten wir nicht neutral an Neues heran, wir deuten Dinge stets in Interdependenz von unserer Sorge für unser Dasein.6 Das Evangelium gibt uns hierzu als Antwort seinen Zuspruch in Form der „ Gewi ß heit, da ß Leben letztlich gelingt.7

Körtner hat darauf aufmerksam gemacht, dass das Andere nicht direkt das Fremde sein muss. Durch Sprache, durch Verstehen ist eine Möglichkeit gegeben um das Andere anzuerkennen und wiederum bestenfalls seine Angst oder Vorurteile zu überwinden.8 Die Worte von Pessoa, dass Felder grüner in der Beschreibung als in ihrem Grün sind, fassen eindrucksvoll Heideggers Existenzialismus in wenigen Worten zusammen und erinnern auch verstärkt an Gadamers Aussagen über die Sprache. Für Gadamer ist das Sein oder schlicht unsere Existenz, unlösbar verbunden mit der Sprache: „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache“ und Sprache ist „eine Mitte, in der sich Ich und Welt zusammenschließen oder besser: in ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit darstellen.“9

Doch sind der Sprache, auf Grund unserer menschlichen Existenz Grenzen gesetzt. An diesem „Problem“ setzt Pessoa mit seinem zweiten Satz an und trifft damit den Kern des Sprachstiles des Neuen Testaments, indem er sagt, dass man Blumen oder schlicht das Leben am Besten mit der Poesie beschreiben soll. Auch die Sprache des Neuen Testaments ist poetisch und kann ihre Evidenz zeigen in Form von Gleichnissen und Metaphern.10 Nach was zielt schließlich unser Reden, unser Sprechen. Nach was zielten Jesus Reich Gottes Gleichnisse. Wir wollen mit Ernst Fuchs antworten: „Sein, das ist also für den Menschen selbst das, was er als er selbst beantwortet und mit sich selbst verantwortet, der Grund seiner Existenz, der in der Liebe ins Wort übergeht, für das er dankt, weil er nun froh und getrost sagen kann wovon er lebt.“11 „Wovon er lebt“, dieses wovon soll mit den SuS erkundet werden. Natürlich darf man hier da zwei Stunden angesetzt sind, nicht über das Ziel hinaus schießen. Diese Doppelstunde ist als eine Einleitungsstunde für die Unterrichtseinheit Jesus Christus gedacht. Am Ende der kompletten Einheit (Der thematische Zusammenhang) können die SuS vielleicht ansatzweise verstehen was Körtner so trefflich ausformulierte: „ Der Glaube als ausgezeichnete Weise des Selbstverst ä ndnisses begreift sich aber passivisch als ein von Gott Erkannt- und Verstandenwerden.“ Auf ein letztes Offenbarwerden des eigenen Selbst richtet sich die eschatologische Hoffnung des Paulus in I Kor 13,12: „Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt worden bin.“12 Unser Vorhaben klingt zu Beginn etwas paradox, wir wollen den SuS etwas beibringen, dass sie von sich aus nicht konkretisieren können. Rainer Lachmann formulierte diesen Aspekt folgendermaßen: „Unterrichtsplanung und -vorbereitung dürfen dem Lehrer niemals die Offenheit für situativ verlangte Improvisationen, für das Unplanbare im Unterrichtsgeschehen stellen.

Das gilt wie für jeden Unterricht auch für den evangelischen RU, gewinnt allerdings von der „Sache“ her, die dieser vertritt, noch insofern an zusätzlicher Bedeutung, als in ihm die pädagogischen Unverfügbarkeiten von Unterricht konvergieren mit der theologischen Unverf ü gbarkeit des Glaubens.“13 Wir fassen noch einmal zusammen, das „Sein“, nach dem wir fragen, entzieht sich dem aktiven Bemühen des Menschen. Der Mensch gibt wie wir sahen und wir mit dem Punkt „LehrerInnen-Sach-Analyse“ verdeutlichen werden nur Antworten, Antworten auf den Ruf Gottes, welcher wie wir herausstellen werden ein Ruf in die Liebe ist. Am Ende der Unterrichtsstunde soll jeder Schüler in Worte, in Sprache fassen können, worauf er mit Luther gesprochen sein „Herz hängt“, wofür er mit Fuchs gesprochen „dankt“ und „wovon er lebt“, schlicht wo in seinem Leben die Liebe herrscht und nicht zu vergessen wo nicht.

II. LehrerInnen-Sach-Analyse

Den Beginn machen Fernando Pessoas Worte über die Sprache, welche wir uns schon in der Einleitung vergegenwärtigten: und daraus könnten die Sus folgende Erkenntnisse herausarbeiten:

Sprache schafft Wirklichkeit und Wahrheit. Durch Sprache, durch „eine Sache in Worte fassen“

werden Personen, wie auch Ereignisse aus ihrer Ferne und „Verschwommenheit“ in eine gewisse Klarheit herausgerissen. Als Konsequenz baut man durch Sprache Vorurteile ab und macht sich die Welt ein Stück untertan, Sprache wird als eine Art Instrument des Menschen gesehen, mit welchen man sich mit der Umwelt zu verbinden weiß.

Der letzte Satz schafft für uns die Überleitung ins theologische Gebiet. Hier muss der Lehrer höllisch aufpassen, es ist ein sehr gefährlicher Satz. Zunächst sagt er aus, dass Worte unsterblich sind. Imperien und Menschen können vergehen, bzw. sterben, Worte jedoch nicht. Und nun wird es brenzlig. In Pessoas Satz steckt die Gefahr, dass man den Wert der Wirklichkeit relativiert für ein Leben in seiner eigenen Imagination. Wenn ein Schüler dies erkennt, gilt ihm großes Lob von Seiten des Lehrers. Hierbei muss man ansetzen und fragen, was sind dann unsterbliche Worte? Worin zeigt sich die Wahrheit? Der Lehrer könnte die Bibel in die Hand nehmen und klipp und klar die SuS fragen „Wo ist in diesem Buch Wahrheit zu finden.“

Was auch immer die Schüler nun sagen, soll der Lehrer auf eine Tafelseite unbedingt aufschreiben. Man könnte ein kurzes, sehr spontanes Brainstorming veranstalten und am Ende der Stunde die Ergebnisse vergleichen und die SuS dazu Stellung nehmen lassen. Zurück zu unserem Pessoazitat, wir waren angelangt an der Frage, was denn nun einen wahren Satz, von einer Lüge unterscheidet. Hierbei kann man zwei weitere Pessoazitate bringen:

Auf Spazierg ä ngen formuliere ich so manch vollkommenen Satz, an den ich mich, kaum wieder zu Hause, nicht mehr erinnern kann. Ich wei ß nicht, ob die unsagbare Poesie dieser S ä tze g ä nzlich auf dem beruht, was sie waren, oder auf dem, was sie nicht waren.14

Dieser Satz müsste die SuS verunsichern und verwirren. Das ist auch gut so! Wie oft waren sie in ihren Leben und wie oft werden sie noch in ihrem Leben von etwas oder jemandem überzeugt sein, was sich letztlich als Schein entpuppte. Sei es die leidenschaftliche Hingabe beim Trainieren eines Instrumentes oder einer Sportart, wo man dann eines Tages aufwacht und denkt „wofür mach ich das eigentlich“. Sei es das Enttäuschtwerden von einer geliebten Person. Sei das Akzeptieren das geliebte Personen auch ohne uns zu enttäuschen irgendwann von uns gehen müssen, von uns weggerissen werden durch den Tod. Auch diese Aspekte sollte der Lehrer durch ein Lehrer-Schüler- Gespräch nach kurzer Partnerarbeit per Tafelaufschrieb festhalten. Mit seinem dritten Zitat beantwortet Fernando Pessoa die Frage selbst, wohin ihn seine Imagination und die Abkehr von den Menschen geführt hat:

Tr ä umen, wozu?

Was habe ich aus mir gemacht?

Nichts. Sich in Nacht vergeistigen, sich […]

Innere Statue ohne Konturen, äußerer Traum ohne Traumstoff.15

[...]


1 Mk 10, 31.

2 William Shakespeare: Hamlet, in: Shakespeare´s dramatische Werke, Band 6, Berlin 1987, S. 114.

3 Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, Zürich 2006, S. 35.

4 Ernst Fuchs: Hermeneutik, Tübingen 41970, S. 63.

5 Vgl. Martin Heidegger: Sein und Zeit, 1927.

Zu Bultmann, siehe: Ulrich H. J. Körtner: Einführung in die theologische Hermeneutik, Darmstadt 2006, S. 52:

6 Ernst Fuchs: Hermeneutik, S. 9: „Und die Offenbarung ist nach Barth die Bestimmung des Menschen, aber nicht wie bei Heidegger, der „nur den Menschen kennt in einsamer Nichtigkeit, übergeben der Sorge und darum ausgeliefert der Angst,“ sondern als „der objektive Durchbruch der einfachen Lebenswahrheit: Du Mensch, jeder Mensch, alle Menschen dürfen sich von diesem Gott her ausrichten auf ihn hin. Indem er in Jesus Christus gehandelt hat, hat er für den Menschen gehandelt und nun darf der Mensch leben“, leben in der „Bestimmung“ zur Freiheit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung.“

7 Dietrich Korsch: Dogmatik im Grundriß. Eine Einführung in die christliche Deutung menschlichen Lebens mit Gott, Tübingen 2000, S. 18f.

8Körtner, Hermeneutik, S. 45: „Der oder das Andere ist nicht notwendigerweise das mir Fremde. Es ist zunächst das Andere meiner selbst und kann als solches als dialektisch zu mir gehörig begriffen werden. Sofern es nicht auf solche Weise vereinnahmt und letztlich in seiner Eigenständigkeit negiert werden soll, existieren das Eigene wie das Andere aufgrund eines wechselseitigen Anerkennungsverhältnisses. Insofern aber das Andere oder der Andere anerkannt wird, wird er auch verstanden. Verstehen aber ist die Voraussetzung für die Überwindung von Angst.“

9 Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Darmstadt ²2001, S. 478.

10 In Anlehnung an Fuchs führt Körtner aus: Körtner, Hermeneutik, S. 64: „Gottes Zur-Sprache-Kommen enthält also auch Elemente des Poetischen, Metaphorischen und Narrativen, gibt’s es doch „Wahrheitsfindung durch Erzählung.““

11 Ernst Fuchs: Marburger Hermeneutik, Tübingen 1968, S. 202.

12 Körtner, Hermeneutik, S. 27. Ebd., S. 9: „Glaube, Liebe und Hoffnung, diese große Bestimmung des Menschen von Gottes Offenbarung her, sind nicht Elemente der menschlichen Existenz, über die der Mensch verfügen könnte“, sondern ein allein in Christus wahr gewordenes „ich kann“, darum „ich darf“, darum „ich soll.“

13 Rainer Lachmann: Wege der Unterrichtsvorbereitung, in: Gottfried Adam und Rainer Lachmann (Hg.), Religionspädagogisches Kompendium, Göttingen ²1986, S. 143.

14 Pessoa, Unruhe, S. 380.

15 Pessoa, Unruhe, S. 223.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Sprache im Religionsunterricht - Das Wort als Erkenntnis
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Praktisch-Theologisches Seminar)
Note
1,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V198732
ISBN (eBook)
9783656250753
ISBN (Buch)
9783656252054
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprache, religionsunterricht, wort, erkenntnis
Arbeit zitieren
LA Ulas Incedal (Autor), 2011, Sprache im Religionsunterricht - Das Wort als Erkenntnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198732

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