Inside Political Parties

Perspektiven der Surveymethodologie in der organisationalen Parteienforschung und die komparative Messung innerparteilicher Demokratie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

34 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stand der Forschung
2.1 Zur Methodologie in der Parteienforschung
2.1.1 Inkohärenz
2.1.2 Gegenstandskomplexität
2.1.3 „Das Elend des Historizismus“
2.1.4 Perspektiven
2.2 Zwei Eingehende Beispiele
2.2.1 Die Schweizer Lokalparteien
2.2.2 Parteiorganisation im Wandel

3. Inside the Parties: Ein konzeptionelles Entwicklungsbeispiel
3.1 Einleitung
3.2 Konzeptspezifikation
3.3 Operationalisierung
3.3.1 Indikatoren
3.4 Forschungsdesign
3.5 Auswahlverfahren
3.6 Datenerhebung
3.7 Fazit

4. Diskussion und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

„ Die Organisation ist die Mutter der Herrschaft der Gewähltenüber die Wähler, Beauftragtenüber die Auftraggeber, Delegiertenüber die Delegierenden “ (Robert Michels)

1. Einleitung

Mehr noch als Ostrogorski’s „Democracy and the Organization of Political Parties “ (1902) markiert Michels’ „ehernes Gesetz der Oligarchie“, bzw. sein inzwischen klassischer Beitrag zur Zentralisierung und zum schrittweisen Abbau basisparteilicher Partizipationschancen in der sozialdemokratischen (Massen-)Partei des spätwilhelminischen Deutschlands, die Geburtsstunde der organisationalen Parteienforschung. Nichtsdestotrotz ist die explizite Auseinandersetzung mit der Verteilung innerparteilicher Einflusschancen seither vor allem eine Randerscheinung speziell deutschsprachiger Forschungsliteratur geblieben und mit wenigen Ausnahmen (z.B. Geser et al. 1994, Rudzio 2006) auch kaum über die theoretische Ebene kritischer Parteiensoziologie hinausgewachsen. Im Kontext der skandalüberschatteten Implementierung der Parteigesetze von 1967 griff diese das Konzept vor allem aus einem plebiszitären Demokratieverständnis auf und entfachte seiner Zeit einen normativen Grundsatzdiskurs 1 über die Legitimität parteilicher Organisation in der BRD entlang der in Art. 21 GG 2 verankerten Richtlinien. Obwohl die Kritische Theorie dabei ganz erheblich auf die sich anschließende Regierbarkeitsdebatte sowie die im weiteren Verlauf daraus aufwachsende Verdrossenheitsforschung (für einen Überblick vgl. auch Arzheimer 2002: 40 ff.) abstrahlen konnte, vollzog sich der „Übergang von der eher historisch philosophischen Betrachtungsweise (...) zu einem empirizistischen Vorgehen“ in der Forschung (Arzheimer 2002: 57) jedoch, ohne dass die normative Parteiensoziologie letztlich substanziell zur Erweiterung des Kenntnisstands hatte beitragen können 3. Während sich jedoch, entlang der klassisch-typologischen Ansätze und Thesen von Duverger (1959) über Kirchheimer (1965), Epstein, (1967), Eldersveld (1982) bis hin zu Katz&Mair (1995), in der erfahrungsorientierten Parteienforschung eine rege Debatte über die Gestalt und den Wandel parteilicher Organisation entwickeln konnte und auf Basis der erheblich verbesserten Datenlage (bspw. Janda 1980, Reif, Cayrol, Niedermayer 1980, Katz&Mair 1992) inzwischen auch ein langsamer Trend zur Sytematisierung des empirischen Forschungsprozesses sichtbar wird (vgl. hierzu auch Poguntke 2002: 16 f.), erfährt die innerparteiliche Einflussverteilung als Untersuchungsgegenstand hingegen eher eine zunehmende Marginalisierung. Dort wo die Organisation innerparteilicher Auswahl- und Entscheidungsprozesse für die Legitimität der politischen Ordnung, wie bspw. in den USA, schon traditionell nur eine untergeordnete Rolle 4 einnimmt scheint dies noch nachvollziehbar, jedoch müssen hinsichtlich der europäischen Parteienwelt zweifellos andere Maßstäbe angelegt werden. Gerade vor dem Hintergrund der spezifischen Wesenszüge europäischer Parteien, der fortschreitenden Erweiterung der EU und der systematischen Differenzen in der innerparteilichen Organisation der Schweizer Lokalparteien entlang ihrer sprachkulturell-regionalen Einbettung (s. Geser et al. 1994) erscheint es zumindest fragwürdig, ob der auf Basis unsystematisch-deskriptiver Einzelfallanalysen inzwischen konstatierte „Bedeutungsverlust“ (Rudzio 2006: 152) eine völlige Ausblendung der Thematik rechtfertigt. Vielmehr lässt das generelle, methodologische Entwicklungsniveau der Parteienforschung bis dato überhaupt nur sehr begrenzt Rückschlüsse über die Wechselwirkungen zwischen der organisationalen Beschaffenheit politischer Parteien und ihrer systemischen Umwelt zu. Ziel dieses Beitrages soll es demnach sein, in weitestem Sinne meta-perspektivisch die methodischen Möglichkeiten und Grenzen eines systematisch-vergleichenden Zugangs zu innerparteilicher Demokratie über Europa hinweg zu evaluieren. Aufbauend auf der interdiziplinären Integration verschiedener, bereits singulär zum Einsatz gekommener Verfahren, soll hierbei der Frage nachgegangen werden, ob und wie ein einheitlich-systematisches Forschungsdesign über die Erhebung vergleichbarer Primärdaten letztlich jener Forderung nach der Synthese qualitativer und quantitativer Verfahren gerecht werden kann, die als modische Floskel inzwischen in keinem Schlussteil einschlägiger Literaturbeiträge mehr fehlen „darf“.

Im ersten Teil der Arbeit wird es folgerichtig darum gehen, zunächst den Stand der Parteienforschung als empirische Sozialwissenschaft in gegebener Kürze methodologisch zu verorten und die zentralen Ursachen der Probleme im gegenständlichen Zugang herauszuarbeiten. Darüber hinaus werden zwei verschiedene Forschungsbeiträge mit Blick auf die systematische Integration ihres methodischen Skeletts analysiert, bevor im Hauptteil die grobe Entwicklung eines exemplarischen Forschungsdesigns zur systematisch- vergleichenden Messung innerparteilicher Demokratie theoretisch und methodisch diskutiert werden soll. Das Schlusskapitel wird sich dann neben einem Fazit über die gewonnenen Erkenntnisse vor allem mit den Chancen und tatsächlichen Grenzen empirischer Politikwissenschaft im Feld innerparteilicher Organisations- und Demokratieforschung auseinandersetzen.

2. Stand der Forschung

2.1 Zur Methodologie in der Parteienforschung

Das zentrale Anliegen dieser Arbeit im Hinblick auf die Evaluation systematisch- komparativer Zugangsmöglichkeiten zur Messung von innerparteilicher Demokratie unter der Prämisse der Inferenz (vgl. auch Landman 2000: 10), setzt ein grundsätzliches Verständnis der methodologischen Kernprobleme des „organizational approach“ vor allem deshalb zwingend voraus, weil die „innerparteiliche Einflussverteilung“ (un-)mittelbares Ergebnis der Parteiorganisation und der Situationslogik ihrer Rollenträger selbst ist und damit letztlich exakt den gleichen Zugangshindernissen und methodischen Defiziten unterworfen bleibt, wie ihr übergeordneter Forschungszweig. Folgerichtig versucht dieser Abschnitt möglichst knapp herauszuarbeiten inwieweit sich Theorie, die Eigenschaften des Gegenstands und methodische Unzulänglichkeiten in der Parteienforschung - wahrscheinlich mehr als in jedem anderen Feld der Politikwissenschaft - bisher wechselseitig in ihrer Entwicklung blockieren konnten und worin die Hauptursache für die vergleichsweise große Lücke zwischen wissenschaftlichem Anspruch und der methodischen Wirklichkeit mancher Beiträge hinsichtlich der Inferenz ihrer Ergebnisse zu suchen ist.

2.1.1 Inkohärenz

Zweifelos gleicht auch die wertfrei ausgerichtete, soziologische Parteientheorie inzwischen einem unüberschaubarem Meer aus „Detailbefunden“ (Helms 2001: 689) denn bereits die Durchsicht vorhandener Überblicksbeiträge vermittelt den Eindruck, „...[dass die Parteienforschung] ohne hochwertiges theoretisches Navigationsintrumentarium in den Fluten ihres ausufernden Wissens zu ertrinken [droht]“ (Wiesendahl 1998: 16). Versucht man den Ursachen für dieses Phänomen auf den Grund zu gehen, fällt zunächst einmal auf, dass nahezu jeder theoretische Ansatz als vereinzeltes Konzept verfochten, und i.d.R. nur dann ein Bezug zu geleisteter Vorarbeit hergestellt wird, wenn sich diese Detailbefunde in die eigene Perspektive und Argumentationsstruktur integrieren lassen und nicht umgekehrt. Dies zieht bereits bei ganz elementaren Fragen einen derartigen Meinungspluralismus nach sich, dass eine vollständige Erfassung und Diskussion leicht den Rahmen einer Dissertation sprengen könnte: So ist bereits umstritten, ob das Feld an theoretischem Mangel oder Überfluss krankt, geschweige denn, dass hier überhaupt von einheitlichen Fragestellungen, Begriffen (Definitionen) oder Gegenstandskonzepten gesprochen werden könnte 5. Begriffe müssen jedoch abstrakt genug formuliert sein um ein Mindestmaß an analytischer Flexibilität aufzuweisen ohne zu sehr an Präzision einzubüßen. Ebenso ist ein Minimum an theoretischen Bezugspunkten erforderlich, um Kohärenz überhaupt erarbeitbar zu machen, ein Problem das die Parteientheorie jedoch offenkundig bis heute nicht erkennbar überwinden konnte.

2.1.2. Gegenstandskomplexität

Die theoretische Inkohärenz ist nicht zuletzt auch ein Resultat der hochkomplexen und multidimensionalen Gestalt politischer Parteien. Als einzigartige, vom Wesen her aufgeschlossene, horizontal und vertikal zergliederte Hybridsysteme, sind sie in aller Regel entlang der territorialen Gliederung eines Staates organisiert 6 und weisen an der Basis die Merkmale einer „Freiwilligenorganisation“ auf, während die sie „dachverbandsartig“ (Schlesinger 1984) überformenden höheren Ebenen durch völlig andere Eigenschaften, Akteure und Rahmenbindungen charakterisiert sind 7: Hier steuern politische „Top- und Middle-Level Eliten“ 8 die Willensbildung und die dazu notwendige Akkumulation „demoskopischen Herrschaftswissens“, die exogen induzierte Interessensaggregation (vgl. hierzu auch Poguntke 2000), fundraising und Ressourcenallokation sowie die Mitglieder- und Elitenrekrutierung 9. Vertikal ist diese Mitgliederorganisation zudem in öffentliche Mandats- und reine Parteiamtsträger gespalten, wobei die jeweiligen Anreize und Handlungsrestriktionen (z.B. Fokus auf Wiederwahl, öffentliches Prestige, exklusiver Zugriff auf personelle Ressourcen) entlang der Legitimitätsbasis (extern vs. intern) systematisch ausdifferenziert werden können (vgl. auch Katz&Mair 1993: 595 f.). An der Schnittstelle zwischen Beschreibung und Erklärung stellt sich in einem RC-theoretischen Modell der „drei Gesichter“ 10 dann jedoch das Problem der Personalunion (Minister, Abgeordneter und Parteivorsitzender in einem), der weiteren Differenzierung der „party in public office“ in Exekutiv- und Legislativpolitiker und der Erklärung der Mitgliederpartizipation an der Basis.

Die enorme Vielfalt formaler Parteistrukturen zeigt sich auch bei einer Durchsicht der Organigramme und Tabellen in Katz&Mairs „Party Organizations“ (1992): Es gibt kaum ein über die Ländergrenzen hinweg vergleichbares Gremium das ähnliche Gestalteigenschaften in puncto Größe, personelle Zusammensetzung, Tagungshäufigkeiten oder Kompetenzen aufweist, während die intraparteilichen Beziehungsmuster, genau wie über die Kollateralorganisationen nach aussen (vgl. auch Poguntke 2000), scheinbar ebenso viele Ausprägungen annehmen können wie es mögliche „Sechs plus Eins-Permutationen“ aus 49 gibt. Daraus folgt jedoch auch die ernüchternde Erkenntnis, wie wenig sich durch diese Vielschichtigkeit letztlich über innerparteiliche Organisation „beyond the functional“ systematisch verallgemeinern lässt bzw. wie notwendig und schwierig es andererseits wird, die relevanten Details am Boden nicht aus den Augen zu verlieren, wenn man bereits auf der obersten Sprosse der Sartori-Leiter balanciert. Diese Komplexität blockiert die feldeigene Theoriebildung allerdings nicht nur direkt, sondern eben auch indirekt über die kaum vorhandenen Möglichkeiten zum Transfer gängiger Organisationstheorien mittlerer Reichweite (als „Motor“ der Grundlagenforschung) aus anderen Forschungszweigen. Völlig abseits der formalen Struktur sind es allerdings auch der Charakter, die Geschwindigkeit und die (In-)Effizienz intraorganisationaler Abläufe/Entscheidungsprozesse, die das Transferproblem noch verschärfen bzw. politische Parteien insgesamt so schwer zugänglich machen (s.a. Wiesendahl 1998). Ganz gleich jedoch, ob man Parteien letztlich als „lose verkoppelte Anarchien“ (Wiesendahl) oder „Stratarchien“ (Eldersveld) begreifen will, auf hoher Abstraktionsebene drei Gesichter identifiziert oder sich ganz darauf zurückzieht, dass es „ohnehin nicht sinnvoll [ist], alle demokratischen Parteien mit einem einzigen Organisationsmodell beschreiben zu wollen“ (Poguntke 2000: 34), die Tatsache, dass sie sich bis heute erfolgreich allen umfassenderen Einordnungsversuchen durch soziologische Ansätze struktur-funktionalistischer oder handlungstheoretischer Couleur 11 entziehen konnten, bleibt Ausdruck ihrer Komplexität sowie Ursache der theoretischen Inkohärenz und der Schwierigkeiten im empirischen Zugang zugleich.

2.1.3 „Das Elend des Historizismus“

Allen Widrigkeiten zum Trotz hat sich, wie zuvor bereits angedeutet, im Feld der Parteienforschung dennoch eine ganze Reihe klassisch-typologischer Beiträge, Thesen und Parteienmodelle angehäuft, deren Methodik allerdings unter den gegebenen Grundvoraussetzungen fast schon zwangsläufig qualitativ 12 angelegt sein musste. Von Webers „Honoratioren“- über die Massenparteien bis zu Duvergers „Ansteckung von links“, von Kirchheimers „catch-all“-Parteien über Epsteins Kritik daran bis zur Sie differenzieren dabei zwischen der party in public office, dem party central office und der party on the ground entlang eines RC-Akteurskonzepts. „Kartellparteienthese“ von Katz&Mair, war es dabei immer auch eine Prämisse parteiorganisationalen Wandel über die Zeit zu erklären. Dies impliziert mit Blick auf das Ziel der Inferenz in der Parteienforschung jedoch

a) das Problem einer (vergleichseweise überproportional) stark steigenden Anzahl an Randbedingungen bzw. Variablen („large V small N-Problem“) und damit
b) die Notwendigkeit, qualitativ entwickelte Hypothesen und Modelle in Längsschnittstudien mit einer ausreichenden Anzahl an Fällen systematisch zu überprüfen („Drittvariablenkontrolle“)
c) einen extrem schmalen „Korridor“, innerhalb dessen das Abstraktionsniveau der gewählten Indikatoren variieren kann. („travelling problem“ vs. „conceptual stretching“)

Analysiert man nun die obengenannten, inzwischen zum „allgemeinen Lehrgut“ der Politikwissenschaft zählbaren, parteitypologischen Klassiker des „organizational approach“, tut sich hier allerdings zwischen Hypothesen, korrespondierenden Forschungsdesigns und den Schlussfolgerungen bzw. Prognosen eine erhebliche Lücke auf. Das zentrale Problem liegt hier vor allem darin, dass noch bis in die 1980er Jahre hinein, die Datengrundlage der überwiegenden Mehrheit dieser Studien vor allem aus zeitgeschichtlichen Quellen, vereinzelten Statistiken oder Sekundärliteraturbeiträgen bestand, die „gefiltert“ durch den Forscher („value bias“) herangezogen wurden, um Parteienorganisation und deren Wandel historizistisch zu beschreiben und post-hoc zu erklären. Solche rein induktiv entwickelten Kausalaussagen (Hypothesen) und Aussagensysteme über die Wirklichkeit (Theorien) bleiben jedoch methodologisch genau solange Alltagswissenschaft, bis sie schließlich auch einer falsifikationistisch-sytematischen Überprüfung zugeführt werden (können) 13. Genau dieses deduktive Element im Forschungsprozess ist es nämlich, welches auch Meyer zur Folge (2006: 23) das wissenschaftslogische Problem der Kontrolle unendlich vieler Randbedingungen letztlich überwindet, wenn man von Poppers Argument fehlender Induktionsprinzipien auf höherer Ebene („infiniter Regress“) einmal absieht (siehe Schnell, Hill, Esser 2005: 59). Mit Blick auf die unter 2.1.2 skizzierte Komplexität ist das unter a) beschriebene Problem jedoch weit mehr als alter Wein in neuen Schläuchen oder ein bloßer „Antagonismus von praktischer Sozialforschung und Wissenschaftstheorie“ (Schnell, Hill, Esser 2005: 108). Es geht auch nicht darum der vergleichenden Politikwissenschaft vorzuhalten ihre Ergebnisse seien unbrauchbar, weil sie nicht in einem experimentellen setting zustandegekommen (und replizierbar) wären oder der organisationalen Parteienforschung insgesamt die Daseinsberechtigung abzusprechen. Vielmehr ist es die Kombination aller diskutierten Umstände, die prinzipiell die Entwicklung einer riesigen Anzahl „plausibler“ Thesen bzw. Prognosen entlang einzelner Fälle begünstigt und deren Untermauerung anhand weiterer gezielt ausgewählter Fälle („selection bias“) nach sich gezogen hat. Dies aber behindert die Erschließung „sicherer Erkenntnis“ mehr als es sie fördert und so zeigen auch andere Bereiche der Politikwissenschaft (wie z.B. die Demokratieforschung), dass nur die Ergänzung qualitativ-induktiver Verfahren durch breit angelegte, quantitative Hypothesentests als quasi-experimentelle Versuchsanordnungen letztlich gesicherte Rückschlüsse auf breiter Basis erlauben. Obgleich Poguntke (2002: 16) inzwischen zurecht darauf hinweist, dass eine ganze Reihe „systematischer Datensammlungen“ aus verschiedenen Untersuchungsanlagen mittlerweile dazu beiträgt, die organisationale Parteienforschung aus dem „Elend des Historizismus“ (Popper 2003) zu führen, so unterschlägt er aber, dass ein ganz erheblicher Teil der nach wie vor „unerquicklichen Situation“ (Wiesendahl 1998: 26) auch ein Resultat mangelnder konzeptioneller Einheitlichkeit stringent-komparativer Forschungsdesigns, zumindest partiell auch die Gewinnung von Primärdaten, vor allem aber der Umstand ist, dass auf zu hohem Abstraktionsniveau viele Forschungsfragen gar nicht mehr untersucht werden können. Letzten Endes lässt sich nicht leugnen, dass die typischen Probleme der politikwissenschaftlichen Methodik in der organisationalen Parteienforschung schärfer durchschlagen und die Weiterentwicklung in größerem Ausmaß lähmen als dies für andere Forschungszweige unter demselben Dach der Fall ist. Somit wird auch besser verständlich, inwiefern Crotty (1970: 268), das gesamte Feld bereits vor rund 40 Jahren als „unwissenschaftlich“ und „methodologisch unterentwickelt“ bezeichnet hat, während Winkler (2006: 235) im Bereich komparativer Ansätze auch heute noch „große Anstrengungen“ für notwendig hält.

2.1.4 Perspektiven

Methodologisch eröffnen sich für die organisationale Parteienforschung inzwischen jedoch vor allem aus interdisziplinärer Perspektive neue Zugangsmöglichkeiten (siehe auch Wiesendahl 1998: 22): Die seit Beginn der 1990er Jahre wachsende Zahl sozialpsychologischer Beiträge unter dem Überbegriff „survey and cognition“ (vgl. hierzu u.a.

[...]


1 Ein zentraler Streitpunkt jener Zeit war bspw. die Frage, inwieweit es unter den Rahmenbedingungen einer sozialen Marktwirtschaft überhaupt möglich sei innerparteiliche Demokratie verfassungskonform zu gewährleisten. Hans See formulierte das Problem seiner Zeit so : “ Innerparteiliche Demokratie l äß t sich unter

2 Dieser besagt, deutsche Parteien müssen in ihrer inneren Ordnung einer demokratischen Grundordnung folgen. Wie diese zu gestalten ist, bzw. ab wann eine Partei in ihrer Struktur nicht mehr „demokratisch“ ist, wird im Parteiengesetz vor allem über die Formulierung von Mindestvorgaben bei Tagungshäufigkeiten, die Festlegung des Parteitages als oberstem Organ sowie die Regulierung des Antragsrechts unterer Ebenen und der Wahlabläufe näher spezifiziert. (Vgl. hierzu auch „Gesetz über die Politischen Parteien“) Darüber hinaus legt Art. 21 Abs. 2 GG fest, dass deutsche Parteien nicht das Ziel verfolgen dürfen die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu zerstören.

3 Die Debatte versandete vor allem deshalb, weil die Kritische Theorie den Legitimitätsbegriff als normatives Konstrukt heranzieht. Dies setzt aber eine „allgemein akzeptierte Moralvorstellung“ darüber voraus, welches der „richtige“ Blickwinkel auf den Untersuchungsgegenstand - in diesem Fall die Parteiorganisation - ist. (vgl. hierzu auch Lauth&Wagner 2006: 31 f.) Wenn die Verfassung, wie in diesem Fall, jedoch einen Interpretationsspielraum lässt, bricht sich letztlich alles auf den urphilosophischen Streit um das Demokratieverständnis insgesamt herunter und zwar genau entlang jener Dimension, an deren perspektivischen Polen sich das klassisch-liberale Delegationsprinzip und der basisdemokratische Partizipationsprimat gegenüberstehen. Michels konstatiert hierzu bissig : “ Die Mehrzahl ist froh, wenn sich Männer finden, welche bereit sind, die Geschäfte für sie zu besorgen. (...) Die Deutschen (...) besitzen ein besonders stark ausgeprägtes Führungsbedürfnis und sind deshalb, psychologisch genommen, fruchtbarste Muttererde zur Entstehung eines gewaltigen Führertums “. Zusammenhänge zwischen Volkszugehörigkeit und bestimmten Persönlichkeits- dispositionen wurden später auch von Vertretern der kritischen Theorie vermutet (siehe u.a. auch Adorno et al 1950), eine solche „Germans-are-different“- Hypothese musste aber spätestens mit den sogenannten „Milgram- Experimenten“ in der Sozialpsychologie wieder verworfen werden.

4 Eine zentrale Ursache liegt vor allem darin, dass die U.S.-amerikanischen Parteien nahezu über keine stabile Mitgliederorganisation an der Basis verfügen und der Austausch zwischen politischen Eliten und der Bevölkerung schon traditionell fast ausschließlich über die Massenmedien erfolgt. (vgl. hierzu Eldersveld 1982)

5 Für eine ausführliche Darstellung der Probleme im Zusammenhang mit der theoretischen Debatte in der Parteienforschung vgl. auch Wiesendahl (1998: 15ff)

6 Eine dezentrale Organisation wie in föderalen Systemen, hat allerdings keineswegs auch automatisch ein geringes Maß an Machtzentralisierung innerhalb der Partei zur Folge (Janda 1980: 108)

7 Hinzu kommt, dass innerhalb politischer Systeme, vor allem die Besetzung öffentlicher Ämter als eine der organisationalen Kernfunktionen, häufig durch Parteien „monopolisiert“ ist. Ausserdem sei auf die Besonderheiten des politischem Wettbewerbs in Abgrenzung bspw. zur ökonomischen Sphäre, die enorme gesellschaftspolitische Reich- und Tragweite ihrer indirekten outputs und das hohe Maß an staatlicher Regulierung verwiesen, die Parteien aus organisatonaler Sicht zu einem einzigartigen Phänomen machen.

8 Der Begriff umschließt hierbei die Zirkel 1 und 2 des „Parteiakteur-Typologie Kreises“ bei Schmitt (1987: 59) und bezeichnet damit nicht die Hauptberuflichkeit von Politikern, sondern die primäre Handlungs-Ausrichtung an Kosten-Nutzen-Kalkülen anstatt an ideologischen Überzeugungen im parteilichen Arbeitskontext. (vgl. auch Reif, Schmitt&Niedermayer 1980: 207)

9 Hinzu zu zählen wäre bspw. noch der mediale Aussenvertretung der Partei

10 Katz und Mair schlagen ein Modell von Parteien als dreiteilige Organisation vor, um einerseits die Überwindung der analytischen Probleme im Zusammenhang mit dichotomen Ansätzen (z.B. Basis-Führung oder Partei in öffentlichen Ämtern - Partei ausserhalb öffentlicher Ämter) zu erreichen und andererseits die innerparteilich-organisationale Wandlungsprozesse präziser analysieren, beschreiben und erklären zu können.

11 So scheitern RC-Ansätze regelmäßig an der Einordnung und Erklärung des partizipativen Verhaltens vor allem einfacher Parteimitglieder an der Basis. Dies gilt auch für die subjektivistischen Wert-Erwartungs-Modelle, die zwar über das Konzept der „bounded rationality“ (Simon) der Kritik am weltfremden Akteursbild des rationalistisch determinierten homo-oeconomicus ausweichen können, nicht aber dem Einwand der Beliebigkeit von Rationalität in diesem Kontext. Im Bereich strukturfunktionalistischer Modelle hingegen werden zwar die Umweltbeziehungen in einem systemisch-funktionalen Zusammenhang beschrieben aber keinerlei Randbedingungen spezifiziert und folglich auch keine kausalen Aussagen getroffen. Darüber hinaus leistet der Strukturfunktionalismus keinen Beitrag zur Erklärung des parteilichen Innenlebens weil Parteien im politischen Systemkontext in aller Regel funktional determinierte „Black Boxes“ bleiben. (Für einen Überblick vgl. auch Wiesendahl 1998: 75 ff.)

12 Entgegen der in der Politikwissenschaft weitverbreiteten Ansicht, das zentrale Merkmal qualitativer Studien sei ihre besondere analytische Tiefe auf geringen Abstraktionsniveau „to show differences in kind“ (Landman 2000: 18), definieren sich diese Verfahren vielmehr über die Methodik des (Induktions-)Schlusses von speziellen auf allgemeine Ereignisse.

13 Zu den Problemen im Zusammenhang mit induktiver Theoriebildung, vgl. auch Schnell, Hill, Esser 2005: 61ff 7

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Details

Titel
Inside Political Parties
Untertitel
Perspektiven der Surveymethodologie in der organisationalen Parteienforschung und die komparative Messung innerparteilicher Demokratie
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Parteien und Parteiensysteme
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
34
Katalognummer
V198836
ISBN (Buch)
9783656255185
Dateigröße
1397 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
inside, political, parties, perspektiven, surveymethodologie, parteienforschung, messung, demokratie
Arbeit zitieren
Nikolai Levenetz (Autor), 2008, Inside Political Parties, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198836

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